Mir Hossein Moussavi über die Ereignisse im Nahen Osten

Payvand 29. Januar 2011 – Mir Hossein Moussavi hat in einem Statement zu den aktuellen Ereignissen im Nahen Osten Stellung genommen und dabei die rechtmäßige Erhebung der Bevölkerung einiger arabischer Länder in der Region als Teil eines Kampfes dieser Länder zur Befreiung von den dort herrschenden repressiven Regimes bezeichnet. Die Menschen hätten ein Recht darauf, ihr eigenes Geschick zu bestimmen. Moussavi lobt im Namen der Iraner die klugen und mutigen Menschen in Ägypten, Tunesien, Jordanien und Yemen und wünscht ihnen Erfolg.

Die vollständige Übersetzung von Mir Hossein Moussavis Statement zu den Ereignissen im Nahen Osten:

“Der Nahe Osten ist kurz davor, entscheidende und schwerwiegende Momente zu definieren, die den Lauf des Schicksals dieser Region und der Welt verändern können. Was hier Gestalt annimmt, ist definitiv der Sturz einer despotischen und tyrannischen Herrschaft, ein Trend, der das Geschick vieler Nationen der Region überwältigt hat.

Der Ausgangspunkt dessen, was wir jetzt in den Straßen von Tunis, Sanaa, Kairo, Alexandria und Suez erleben, kann ohne Zweifel bis zu den Tagen des 15., 18, und 20. Juni 2009 zurückverfolgt werden, als die Menschen in Teheran zu Millionen auf die Straßen gingen, friedlich ihre vorenthaltenen Rechte zurückforderten und fragten: “Wo ist meine Stimme?”

Heute hat die Parole des iranischen Volkes – “Wo ist meine Stimme?” – Ägypten erreicht und sich in die Forderung “Das Volk will den Sturz des Regimes” verwandelt.

Um die Geheimnisse dieser Verbindungen und Ähnlichkeiten zu sehen, muss man nicht sehr lange suchen. Man muss nur die letzten Wahlen in Ägypten mit unseren eigenen Wahlen und mit dem Vorsitzenden unseres Wächterrats vergleichen, der explizit gesagt hat, es bestehe kein Bedarf an Millionen Stimmen “grüner” Bürger.

Wenn wir die zusammenbrechenden politischen Regimes in der arabischen Welt und im Nahen Osten genau betrachten, können wir ein ähnliches Muster erkennen. Soziale Netzwerke, Presse und Internet wurden infiltriert und geschlossen. In einem erstaunlich ähnlichem Vorgehen haben sie alle Mobilfunk- und Internetverbindungen blockiert, sämtliche Schriftsteller verboten und Regimekritiker ins Gefängnis geworfen.

Leider erlauben es die Interessen der [in Iran] herrschenden Ideologie nicht, die Realitäten so darzustellen, wie sie sind. Die Prediger der gehorsamen öffentlichen Medienquellen schenken den korrupten und despotischen Methoden des heutigen ägyptischen Pharaos keine Beachtung, der in seinem Land mit Verhaftungen, erzwungenen Geständnissen, Verleumdungen, Plünderung der Nationen durch Banden und organisierte Gruppen aus seinem Umkreis eine explosive Situation geschaffen hat.

Sie berufen sich auf den “Zorn des Volkes” in Ägypten, erwähnten aber mit keinem Wort, dass dieser Tag des Zorns eine Folge von Ineffizienz und Korruptions auf höchster staatlicher Ebene ist, eine Folge von Extravaganz und Verschwendung des Volkseigentums, von Repression, Hinrichtungen  und Galgen, um das Volk einzuschüchtern. Sie erwähnten mit keinem Wort, dass es nicht dazu gekommen wäre, dass die liebe ägyptische Nation heute den “Sturz des Regimes” fordert, wenn das herrschende System in Ägypten das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung geachtet und in den Wahlen nicht die Stimmen des Volkes manipuliert hätte.

Vielleicht verstehen sie nicht, dass eine fortgesetzte Einschüchterungspolitik sich letztendlich gegen sich selbst wenden wird, und dass ein “Tag des Zorns” und Tage nationalen Zorns unausweichlich sind.  Pharaohs hören die Stimme des Volkes für gewöhnlich erst, wenn es zu spät ist.

Unsere Nation hat tiefen Respekt vor dem glorreichen Aufstand der mutigen Tunesier, Ägypter und Yemeniten, die ihre Rechte einfordern wollen. Wir loben die mutigen, bewussten und starken Menschen in Ägypten, Tunis, Jordanien und Yemen, und wir beten zu Gott dass sie im Kampf für ihre Rechte Erfolg haben und siegreich sein werden.”

Veröffentlicht bei Payvand News am 29. Januar 2011
Quelle (Englisch): http://www.payvand.com/news/11/jan/1288.html

Anm. d. Übers.:
Moussavi äußert sich nicht direkt zu den Einschätzungen, die es in den letzten Tagen von regimetreuer Seite gegeben hat. So hat der erzkonservative Geistliche Ahmad Khatami z. B. in seiner letzten Freitagspredigt behauptet, die Forderungen der Proteste in der arabischen Welt drehten sich in erster Linie um religiöse Themen, es sei ein Aufstand der islamischen Werte und der Beginn der Entstehung einer “religiösen Demokratie” – ein Szenario, das so oder schlimmer angesichts der starken fundamentalistischen Muslimbruderschaft in Ägypten leider nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Moussavis Meinung dazu hätte mich persönlich sehr interessiert. Eine Islamische Republik Ägypten ist ein denkbar abschreckender Zukunftsentwurf, von dem man sich nur wünschen kann, dass die Ägypter die Finger davon lassen. Von einem erfahrenen Mitgestalter der Islamischen Republik Iran, der sich heute als – freiwillige oder unfreiwillige – Führungsfigur der iranischen Opposition für Menschenrechte und Selbstbestimmung stark macht, wäre eine Stellungnahme zu diesem Punkt von Interesse gewesen.

Wie in Iran die offizielle Einschätzung der Ereignisse in Ägypten aussieht, kann man z. B. hier nachlesen:

Mehmanparast ruft Ägypten zu Respektierung der Rechte des Volkes auf

Wie werden die Proteste in Ägypten/die Revolution in Tunesien in Iran wahrgenommen?

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3 Antworten zu “Mir Hossein Moussavi über die Ereignisse im Nahen Osten

  1. Günter Haberland

    Andere scheinen da ähnliche Befürchtungen zu haben:

    http://www.iranian.com/main/2011/jan/learn-our-mistakes

  2. Günter Haberland

    Na hoffen wir mal, daß Tunesien und Ägypten die leidvolle Erfahrung der 79er Revolution im Iran erspart bleibt. Besonders gut organisiert sehen die Oppositionskräfte auch in diesen beiden Ländern nicht aus. Die bessere Organisation gab im Iran damals den Ausschlag dafür, daß sich die Mullahs an die Spitze der Revolution setzen konnten – und genau das steht auch in Nordafrika zu befürchten.

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