Augenzeuge beschreibt schreckliche Zustände im Karoun-Gefängnis in Ahvaz

Justizminister Bakhtiari bei seinem letzten Besuch in Karoun

ICHRI, 13. Mai 2011 – Payman Roshanzamir, ein politischer Gefangener, der einen Monat seiner sechsmonatigen Haftstrafe auf der Station 6 des Karoun-Gefängnisses in Ahvaz verbrachte, hat in einem Interview mit der Internationalen Kampagne für Menschenrechte im Iran (ICHRI) die Zustände in diesem Gefängnis beschrieben. Laut Roshanzamir übersteigt die Zahl der Häftlinge die Kapazität des Gefängnisses bei weitem. Auch seien die hygienischen Standards mangelhaft, und politische Gefangene würden gemeinsam mit Mördern, Drogenkriminellen und anderen Straftätern untergebracht, so dass die Haftbedingungen sehr schwer zu ertragen seien.

“Auf der Station 6, die eigentlich politischen Gefangenen vorbehalten ist, befanden sich unter 360 Insassen nur 52 politische Gefangene (bevor man sie glücklicherweise an einen anderen Ort gebracht hat). Alle anderen hatten Straftaten wie Diebstahl oder Drogenhandel begangen. Selbst wenn alle aufrecht gestanden hätten, wäre auf der Station nicht genug Platz für alle Gefangenen gewesen.

Das Karoun-Gefängnis in Ahvaz hat 10 Stationen, von denen jede mit mehr Gefangenen belegt ist, als Platz vorhanden ist. Auf der Station 6, wo ich festgehalten wurde, gab es mindestens 150 sogenannte Hofschläfer. Die Gefängnisverwaltung weist lediglich jeden Gefangenen einer Station zu; einen Platz für sich muss er dort selbst finden. Wenn ein neuer politischer Gefangener ankam, versuchten die anderen, ihm Platz zu verschaffen, soweit es nur ging. Aber andere Neuankömmlinge benötigten Geld, um sich Platz zu kaufen, oder – wenn sie schon früher im Gefängnis inhaftiert waren – sie brauchten Freunde, die ihnen halfen. Diejenigen, die zum ersten Mal inhaftiert waren und kein Geld hatten, mussten auf dem Hof schlafen. Auf den Stationen war einfach nicht genügend Platz vorhanden”,  sagte Roshanzamir gegenüber ICHRI.

Der Vorsitzende der Gefängnisverwaltung (Prisons Organization) der Provinz Khuzestan erklärte gegenüber der Iranischen Studentischen Nachrichtenagentur (ISNA) am 23. April, dass die Zahl der neu aufgenommenen Gefangenen in den Haftanstalten von Khuzestan um 38% gegenüber dem Vorjahr angestiegen sei. “Dieser Zustrom an Gefangenen macht unsere Arbeit schwierig und erhöht unsere Arbeitsbelastung. Im Moment kommen jeden Tag 4500 Familien zu den Gefängnissen der Provinz, weil sie Angehörige besuchen wollen oder andere Anliegen haben.”

Payman Roshanzamir, der den Blog Os Peyman betreibt (http://ospeyman.org/) und der Chefherausgeber von “Talar-e Haft-e Tir” ist, wurde vorläufig auf Kaution aus dem Gefängnis entlassen. Sein nächster Gerichtsprozess findet am 14. Juni an der dritten Abteilung des Revolutionsgerichts von Ahvaz unter dem Vorsitz von Richter Barani statt. Die Anklagepunkte, die gegen ihn vorgebracht wurden – “Propaganda gegen das System” und “Beleidigung des Führers” – will der politische Aktivist nicht hinnehmen. Roshanzamir wurde am 20. Januar in seiner Wohnung verhaftet und nach Haft in einer Einrichtung des Geheimdienstes sowie im Karoun-Gefängnis am 29. Februar entlassen.

Nachdem kürzlich ein Brief von Zia Nabavi an den Vorsitzenden des Menschenrechtsrates der iranischen Justiz, Mohammad Larijani, veröffentlicht wurde, in dem Nabavi die schlechten Haftbedingungen im Karoun-Gefängnis beschreibt, hat man alle 52 politischen Gefangenen des Gefängnisses in eine andere Haftanstalt (bekannt als “treatment clinic”) etwa 20 Kilometer außerhalb von Ahvaz verlegt. In Telefongesprächen mit ihren Familien versicherten die Gefangenen, dass die Haftbedingungen dort deutlich besser seien als im Karoun-Gefängnis. Dennoch sind weiterhin etwa 4500 Gefangene den erschreckenden und unzureichenden Bedingungen des Karoun-Gefängnisses ausgesetzt. Zia Nabavi ist ein Student, der zu 10 Jahren Haft im Exil im Karoun-Gefängnis verurteilt worden ist [und der jetzt verlegt wurde]. Payman Roshanzamir ist mit ihm befreundet und hat einen Monat seiner kürzlich abgelaufenen Haftstrafe in seiner Nähe verbracht.

Vor kurzem war der iranische Justizminister Morteza Bakhtiari zu Besuch im Karoun-Gefängnis. In den Berichten über diese Visite wurden jedoch die entsetzlichen Bedingungen, in denen die Gefangenen gehalten werden, mit keinem Wort erwähnt – weder die schlechten hygienischen und gesundheitlichen Verhältnisse, noch, dass man nicht in der Lage ist, die Gefangenen nach ihren Delikten und Anklagen zu trennen. Dies ist aber eine gesetzliche Anforderung. “Die Entwicklung der Gefängnisse von Khuzestan im Vergleich zu den Vorjahren ist enorm, umfassend und in jeder Hinsicht und in allen Bereichen einzigartig.” [so der Minister?]

“Das erschreckendste an diesem Gefängnis waren die Bedingungen für die ‘Hofschläfer’ – so etwas habe ich selbst in Filmen noch nie gesehen. Sie müssen sich das vorstellen: ein Obdachloser kann sich bei Schnee oder Regen irgendwo ein Dach suchen, aber die Hofschläfer des Karoun-Gefängnisses finden nirgendwo Zuflucht. Sie müssen bei jedem Wetter draußen campieren, und in Ahvaz regnet es oft. Manchmal müssen die Hofschläfer einen oder zwei Tage lang draußen bleiben. Gelegentlich funktioniert auch die Kanalisation nicht, und dann füllt sich der ganze Hof mit Abwasser. Die Hofschläfer bringen dann ihre Decken und Habseligkeiten weg und versuchen, das Wasser zum Abfließen zu bringen, aber später legen sie ihre Sachen wieder genau dorthin, wo vorher das schmutzige Abwasser war,” sagte Roshanzamir der Kampagne.

Er fügte hinzu, dass die Gefangenen der Station 6 des Karoun-Gefängnisses nicht nach der Art der begangenen Straftaten getrennt untergebracht waren. “Zum Glück behandelten die anderen Insassen die politischen Gefangenen mit Respekt – vielleicht deshalb, weil die politischen Gefangenen finanziell besser gestellt waren und den Hofschläfern oft mit Lebensmitteln aushalfen oder sie anderweitig unterstützten. Die meisten Gefangenen waren drogenabhängig und hatten kaum Kraft, sich zu bewegen. Die gesündesten Insassen, die ich gesehen habe, waren die politischen Gefangenen. Aber es gab oft grundlose Angriffe: vor allem, wenn Gefangene Crystal Meth rauchten, attackierten sie sich gegenseitig mit Messern oder mit kochend heißem Wasser.”

“Die Insassen des Karoun-Gefängnisses benutzen ungefiltertes Wasser, das ernsthaft verschmutzt ist. Das Wasser in Ahvaz ist ungesund, schmeckt schlecht und kann Nierensteine verursachen. Ich habe viele Gefangene gesehen, die Nierensteine hatten. Es gibt auch Probleme mit der Essensversorgung. Die Gefangenen bekommen kein Obst und Gemüse. Im Gefängnisladen werden Obst und Gemüse nur zweimal im Monat angeboten, so dass die Gefangenen froh sein müssen, wenn sie im Monat ein Kilo davon bekommen können. Rindfleisch und Geflügel stehen nicht auf dem Speiseplan. Einmal in der Woche gibt es im Gefängnisladen Fleisch zu kaufen, aber das können sich nur wenige Gefangene leisten. Diejenigen, die im Gefängnis mit Drogen handeln, sind finanziell meistens gut gestellt. Auf dem Weg zu meiner Gerichtsverhandlung sprach ich im Auto mit einem Häftling, der mir erzählte, dass einige Gefangene zwischen Sechs- und Siebentausend US-Dollar im Monat mit dem Verkauf von Drogen innerhalb des Gefängnisses verdienen”, fügte Roshanzamir hinzu.

Übersetzung aus dem Englischen: Elli Mee
Veröffentlicht bei International Campaign for Human Rights in Iran am 13. Mai 2011
Quelle (Englisch): http://www.iranhumanrights.org/2011/05/horrific-conditions-karoon-prison/

About these ads

Eine Antwort zu “Augenzeuge beschreibt schreckliche Zustände im Karoun-Gefängnis in Ahvaz

  1. Pingback: Inhaftierter Student fordert bessere Haftbedingungen | Julias Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s