Folter und Vergewaltigung in der Islamischen Republik nach der Präsidentschaftswahl – ein Opfer berichtet

“Wir sind viele. Es sind Menschen, die wegen ihres Rufs, wegen ihres Lebens, nicht reden. Menschen, die da draußen sind. Menschen wie ich. Glauben Sie mir, sie sind da draußen. Sie brauchen euch. Sie brauchen euch alle.”

Übersetzung:
Ich war eine ganz normale Person und eine Studentin, die grundlos verhaftet wurde.
An diesem Tag habe ich an keiner Demonstration teilgenommen. Ich war auf dem Heimweg von der Uni.
Sie schikanierten mich, misshandelten mich, folterten mich.
Im Fernsehen bestreiten sie ständig, dass es Folterungen gegeben hat, aber genau das haben sie mit mir gemacht.
Ich will der ganzen Welt sagen, dass sie das nicht nur mit mir gemacht haben, sondern auch mit vielen anderen Leuten.
Als sie mich verhaftet und in einen Transporter gebracht hatten, haben sie uns die ganze Fahrt über mit Schlagstöcken geschlagen, schikaniert und beschimpft.

Es waren Polizisten in Uniformen, groß, mit Kapuzen, die ihre Gesichter verbargen. Man konnte nur ihre Augen und Münder sehen. Sie hatten die Namensschilder von ihren Uniformen entfernt. Sie hatten alle die gleichen Uniformen, Schlagstöcke, Schilde und Ausrüstung. In dem Transporter war es wie in denen der Moralpolizei, sie schlugen und beleidigten uns.

Einer von ihnen war ein Junge, der noch nicht einmal Bartwuchs hatte. Er war kein Mann. Er betatschte uns alle lüstern, griff uns an die Brüste, berührte alles, was er wollte. Niemand wagte es, ihn zurechtzuweisen. Wenn eine Frau protestierte, drehte er sich um und schlug ihr ins Gesicht. Daraufhin wurden wir alle still.

Ein Typ filmte uns die ganze Zeit von allen Seiten mit einer Handy-Kamera.

Sie brachten uns an einen Ort, der wie eine Lagerhalle aussah. Ich habe nicht viel davon gesehen, nur, dass das Gebäude hohe Wände und eine hohe Decke hatte, wie ein Lagerhaus. Sie haben kein einziges Wort miteinander gewechselt. Sie sind solche Feiglinge, dass sie vor jemandem wie mir – einem Niemand…

Erst jetzt habe ich die Kraft. Warum habe ich vorher nicht darüber gesprochen? Ich konnte nicht. Ich bin eine einfache Frau, die beschlossen hat, mehr als ein Jahr nach dem, was mir widerfahren ist, darüber zu sprechen. Finden Sie jemanden wie mich, der/die bereit ist, ein Interview zu führen. Es gibt sie nicht. Sie haben nicht die Kraft, weil sie Angst haben, dass sie wieder gefoltert werden und neue Probleme bekommen. Niemand würde über diese Dinge sprechen wollen. Wenn unsere Peiniger keine Angst hätten, hätten sie uns nicht in dieses Unglück gestürzt.

Ich bin nicht besonders gläubig, aber ich glaube an etwas. Sie haben meine Seele so zerstört, dass ich sage „Verdammter Gott“, denn was habe ich getan? Was habe ich getan, um so etwas verdient zu haben? Alles, was ich getan habe, war meine Stimme für Moussavi abzugeben – eine Stimme, die nie gezählt wurde. Nie!

Sie zerrten uns über den Boden, sagten uns nicht einmal, dass wir aufstehen und gehen sollen. Wie Kartoffelsäcke schleiften sie uns in diese Gänge aus Vorhängen. Sie legten uns diese getippten Seiten mit dem bürokratischen Standard-Schriftbild vor. Und was stand dort? Dass ich Dinge verbrochen hätte, die ich absolut niemals getan habe. Von diesen Seiten musste ich abschreiben, dass ich eine Unruhestifterin bin und die nationale Sicherheit in Gefahr gebracht habe. Dass ich dieses und jenes getan hätte UND dass ich eine Terroristin bin. Ich hatte in meiner Handtasche nicht mal eine Nagelschere, nichts, das rechtfertigen würde, dass sie behaupten können, ich hätte irgendwelche scharfen oder gefährlichen Gegenstände dabei gehabt. Ich hatte nur meine Bücher und Stifte dabei, als ich aus der Uni kam.

Sie unterteilten uns in Fünfergruppen – fünf hier, fünf dort. Derselbe Junge, der uns im Auto betatscht hatte, nahm diese Unterteilung vor. Er sagte zum Beispiel, dass ich eine der Hübscheren sei und deshalb auf die eine Seite gehen müsste.

Sie schoren uns die Köpfe. Ich hatte früher langes Haar. Er griff so in meine Haare [gestikuliert] – ein Mann! Ein Mann rasierte mir den Kopf, ein Mann führte die Leibesvisitation bei mir durch, ein Mann berührte mich überall. Es gab keine Frauen dort.

Als er meinen Kopf schor, hat er mich absichtlich verletzt, damit ich Narben behalte. Währenddessen berührte er mich überall. Ich saß nicht auf einem Stuhl. Er hielt mich so [gestikuliert] und griff meinen Kopf, während seine Beine mich berührten.

Fünf von uns wurden in eine Zelle gebracht. Es war eine sehr kleine Zelle. Dort waren schon einige, die vorher verhaftet worden waren. Ich war sehr müde, hatte Schrammen und Quetschungen überall, Schrammen im Gesicht, war völlig fertig. Sie behielten uns dort, bis sie anscheinend unseren Status geklärt hatten. 18 Stunden lang waren wir in diesem winzigen Raum. Ich musste furchtbar dringend auf die Toilette. Der Druck war wirklich schmerzhaft, ich dachte, meine Blase würde platzen.

Mir war schlecht, ich hatte Durst. So viele andere Probleme.

In Menschenrechtsbüchern hatte ich gelesen, dass Gefangene gewisse Rechte haben. Aber ich durfte noch nicht einmal zur Toilette gehen oder Wasser trinken. Ich durfte keinen Anwalt anrufen und meinen Eltern nicht sagen, wo ich bin und dass sie sich keine Sorgen machen sollen.

Ich hatte keinen Appetit auf Essen, aber ich wünschte mir, dass ich meinen Vater anrufen und ihm sagen könnte, dass er sich keine Sorgen machen soll. Das war mir viel wichtiger. Meinem Vater zu sagen, lieber Vater, ich bin hier und ich brauche jemanden, der kommt und mir hilft.

Wir waren drei Tage lang dort, und in diesen drei Tagen haben sie uns nicht ein einziges Mal gesagt, was sie von uns wollten. Es war nicht so, dass sie uns sagten, dass wir dieses oder jenes gestehen sollen, und uns dann freiließen. Sie wollten uns so lange in diesem ungewissen Zustand lassen, bis uns alles egal war, bis wir bereit waren, alles zu tun, um da rauszukommen.

Nach diesen drei Tagen, die wir mit gefesselten Händen, verbundenen Augen und Kapuzen über unseren Köpfen verbrachten, verlegten sie uns in eine Haftanstalt.

Ich konnte nicht sagen, wo ich war. Nicht nur ich – keine von uns hatte eine Ahnung, wo wir uns befanden.

Was mir am meisten zu schaffen machte, war das ständige Betatschtwerden. Das war schlimmer als die Beleidigungen. Diese Tatschereien waren Folter. Während sie an uns herumfummelten, riefen sie die Heilige Zahra an. Können Sie sich das vorstellen? Würde die Heilige Zahra so etwas glauben können?

Sie begrapschten uns im Namen der Heiligen Fatima, der Heiligen Zahra, und sie sagten sogar, dass sie es im Namen Gottes täten. Sie sagten „Oh Gott, nimm uns an!“ – als wäre es unsere Hochzeitsnacht und es wären seine Rituale zur Vorbereitung auf das Ehebett.

Ich verachte diesen Ausdruck „Kräfte der Selbstjustiz“, den die Regierung immer benutzt. Wie können diese Leute Selbstjustiz verüben, wenn sie so viel soliden Rückhalt und Schutz genießen? Nein, das waren keine Kräfte der Selbstjustiz. All ihre Formulare und Papiere hatten das Siegel der Justiz und des Geheimdienstministeriums. Wenn das wirklich Kräfte der Selbstjustiz waren, dann sei Khamenei verdammt. Denken die, dass ich ein kleines Kind bin und glaube, dass diese Leute irgendwas mit Selbstjustiz zu tun haben könnten? Ich bin kein Kind! Ich habe alles gesehen… Leute werden umgebracht, und sie behaupten, das sei Selbstjustiz!

2. Verlegung in eine zweites Haftanstalt: Folter und Vergewaltigung

Sie brachten uns in eine andere Haftanstalt. Dort war es eher wie in einem richtigen Gefängnis, nicht wie in einer Lagerhalle.

Dieses Mal kam ich in eine Einzelzelle. Ich fand heraus, dass sie einen vor und nach den Verhören in Einzelhaft nehmen, damit man seine Erfahrungen hinterher nicht an andere weitergeben kann. Nach etwa 20 Minuten brachten sie mich in den Verhörraum. Die Hände waren mir auf dem Rücken zusammengebunden, ich war geknebelt und meine Augen waren verbunden. Den Geräuschen nach zu urteilen gab es eine Tür. In dem Raum war es dunkel, und die Tür ging auf. Ich hörte Schritte. Jemand setzte sich mir gegenüber.

„Du bist also eine Aufständische! Du arbeitest also gegen den Staat!“
„Was glaubst du, wer du bist? Welcher Gruppe gehörst du an?“
Ich war geknebelt. Er sagte: „Warum redest du nicht?“ Mir kamen die Tränen [? „I teared up“].
Ich sagte, dass ich zu keiner Gruppe gehöre. Er fuhr mich an: „Halt den Mund, rede nur, wenn ich es dir sage.“
Ich zitterte am ganzen Körper und fühlte, wie sich mein Körper verspannte. Ich war so schutzlos. „Du redest nur, wenn ich dir eine Frage stelle!“

Dann fragte er wieder: „Zu welcher Gruppe gehörst du? Willst du den Staat sürzen?“ Ich sagte: „Wie das? Ich kann das gar nicht!“ Und er: „Ach ja? Ziehst du hier eine Show ab? Glaubst du, ich höre dir so zu wie die anderen?“ Ich schwieg. Nächste Frage: „Was machst du?“ Ich: „Ich bin Studentin.“ Er: „Nein, bist du nicht. Sag von jetzt an nie wieder, dass du Studentin bist.“

Plötzlich spürte ich, dass er auf meinen Beinen saß. Sein Gewicht nahm mir den Atem. Ich konnte seinen Atem auf meinem Geischt spüren. Ich verstummte vor Angst.

Zuerst leckte er mein Gesicht. Ich hatte das Gefühl, dass mich alles Leben verließ. Mein ganzes Wesen fühlte ich durch meinen Mund entweichen. [ringt mit den Tränen]
Er begann, mir die Kleider vom Leib zu reißen. Meine Hände waren gefesselt, meine Augen verbunden. Ich begann zu weinen. [weint]. Er schrie: „Halt den Mund, Hure!“

Dann fing er an… er öffnete meinen BH und zog mich aus. [weint]
Er schlug und streichelte mich gleichzeitig. Er sagte: „Ich werde dir etwas antun, was du nie vergisst. Ich werde dafür sorgen, dass du dein Haus nie wieder verlässt und dass du zitterst, wenn du nur meinen Namen hörst. Ich werde dich in den Wahnsinn treiben“
Und das tat er. Er vergewaltigte mich. Mich, die bis zu diesem Tag nie einen Freund hatte, die nie ihren Bedürfnissen nachgegeben hatte. Er vergewaltigte mich. Nicht mit einem Schlagstock. Es war dieses schmutzige Ding… dieses hässliche männliche Werkzeug. Er vergewaltigte mich. Danach… urinierte er auf mich. Von dem Gestank wurde mir schlecht. Nach einiger Zeit ging er, und ich blieb mit meinem Schmerz allein. Was war passiert? Seit meiner Kindheit wurde mir eingeschärft, sie [die Jungfräulichkeit] zu beschützen, und jetzt war sie weg. Was war passiert? Ich war in einem Schockzustand. Und einige Zeit später kam jemand, und ich hatte mir in der Zwischenzeit in die Hose gemacht. Als er kam, schlug er mich ins Gesicht und sagte: „Du dreckiger Abschaum, wegen dir stinkt hier alles!“ Dann rief er jemanden, um den Boden zu wischen.

Dann ging er hinaus, und als er wiederkam, schleifte er etwas hinter sich her. Dann setzte er sich vor mir hin. Ich hörte etwa knistern. Er begann, etwas auszuwickeln, ich weiß nicht, was es war. Er riss die Plastikverpackung auf. Als sein Feuerzeug klickte, wusste ich, dass er rauchen wollte. Er hatte bis dahin nichts gesagt. Ich saß da mit meinen auf dem Rücken verbundenen Händen und geschlossenen Augen. Ich hörte, wie er sich die Zigarette zwischen die Lippen steckte und sie anzündete. Er sagte: „Du redest nicht? Bist du stumm? Ich werde dich zum Reden bringen – was glaubst du, wer du bist?“

Dann band er meine Hände los und begann, mich zu streicheln, als würde er Liebe machen wollen. Ich fühlte nichts. Ich war von den Schlägen taub geworden. Dann spürte ich ein Brennen. Ich schrie. Er hatte seine Zigarette auf meiner linken Hand ausgedrückt. Ich schrie. Es tat weh. Es tat sehr weh. Der Schmerz drang bis auf meine Knochen. Ein Loch in meiner Hand. Es brannte, als ob ich damit gegen einen heißen Topf gekommen wäre. Aber er war noch nicht fertig. Er rollte meine Hosenbeine hoch und drückte eine weitere Zigarette auf meinem Knie aus.

Die Schmerzen überwältigten mich. Da drückte er noch eine Zigarette aus, dieses Mal auf meiner Brust.

Ich habe das alles nur gespürt, nicht gesehen. Ich benutze immer das Wort „sehen“, aber ich habe gar nichts sehen können. Ich habe alles gefühlt.

Eine Zigarette nach der anderen drückte er auf meinem Körper aus. Ich brannte. Das Leben in meinen Adern verließ mich nach und nach. [weint]. Warum ich? Wie viel kann ich aushalten? Wie viel soll ich noch leiden?

Ich wurde still. Ich weinte. Es war Nacht. Noch jemand betrat den Raum, ich konnte die Schritte hören. [ringt um Fassung] Er ging auf das Bett zu. Er sagte etwas, das ich nicht verarbeiten konnte. Ich war eine Stunde zuvor vergewaltigt worden, und er sagte: „Ich habe gehört, dass du keine Jungfrau mehr bist. Hast du es mit deinem Freund getan? Mit wievielen Kerlen warst du denn zusammen?“ In meinem Kopf schrie es: „DU hast mich gerade vergewaltigt! DU hast meine Unschuld genommen, und jetzt interessiert es dich, mit wie vielen Jungs ich zusammen war? Ich war bis vorhin noch ein Mädchen! DU hast mir das angetan!“ Es ging über mein Begriffsvermögen, dass sie so etwas zu mir sagten. Mir, einem Mädchen, das in dieser verrotteten Gesellschaft lebt. Ich war jemand gewesen, die einem Mann Bescheid sagte, wenn er sich in einem Taxi neben mir zu wohl fühlte! Und jetzt fragte dieser Mensch mich, ob ich mit meinem Freund Spaß gehabt hätte?

„Als sie dich herbrachten, war dein Jungfernhäutchen nicht mehr intakt. Von welchem Hurenhaus kommst du?“ „Bist du eine Prostituierte?“

Ich konnte nicht sprechen. Ich wollte sagen „Es waren DEINE Freunde, die mich vergewaltigt haben. DU warst es, IHR ALLE habt mich vergewaltigt. Vorher war ich ein Mädchen!“

Ich weiß nicht, wie lange ich dort war. Ich schlief ein. Plötzlich wurde ich von einem Tritt in den Magen geweckt. Es fühlte sich an, als ob alles in meinem Innern, mein ganzer Magen, sich mit Blut füllte. Ich schmeckte Blut in meinem Mund. Sie fluchten und zerrten mich aus der Zelle, ich bekam keine Luft. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging. Ich war benommen, ich konnte nicht gehen. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich aufwachte, dachte ich zuerst, dass ich in einem Krankenhaus sei, aber das stimmte nicht. Die Wände waren schmutzig. Sie wollten mir einen intravenösen Zugang legen, aber ich ließ sie nicht. Ich hatte Angst, mich mit AIDS zu infizieren. Sie verbanden nur die Wunden von den Zigaretten.

Ich roch den Geruch von Blut. Ich war immer noch benommen. Ich fühlte mich nicht gut. Sie brachten mich zurück in die Zelle. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging – eine Woche, zwei Wochen. Alle paar Tage ging es von vorn los. Sie brachten mich in das Zimmer, schlugen mich, vergewaltigten mich, ließen ihr Sperma und ihre Exkremente auf mich niederregnen, und angeblich wollten sie mich mit einem Eimer Wasser waschen. Zigaretten drückten sie nicht mehr auf mir aus, vielleicht dachten sie, dass das Narben hinterlassen würde. Meistens schlugen sie mich.

Wegen der wiederholten Vergewaltigungen habe ich eine Infektion bekommen. Ich habe eine Gebärmutterentzündung bekommen, es stank, ich hatte hässliche kleine Blasen. Ich dachte, es sei Syphilis. Ich wurde behandelt, aber ich kam nie ins Krankenhaus. Als ich wieder zu Hause war, pflegten meine Eltern mich zu Hause.

Während dieser Tage habe ich viel gelitten, und später wurde ich durch die bleibenden Schmerzen noch weiter gefoltert. Meine Gebärmutter war vergiftet und krank, mein Geist war gebrochen. Ich war vorher ein aktiver Mensch gewesen. Jetzt hatte ich Angst vor Menschenmengen. Ich weiß nicht, wie oft sie mich vergewaltigt haben. Ich hatte keine Uhr, um es zu messen. Es hat vielleicht 10 Minuten gedauert, aber für jemanden, der unter solchem Stress steht, sind 10 Minuten ein ganzes Leben. Ich weiß nur, dass es sehr viele Vergewaltigungen waren, und es war nicht immer derselbe Mann.

Sie haben meine Sachen meinem Vater ausgehändigt. Sie riefen ihn von meinem Mobiltelefon aus an und sagten ihm, dass sie mich verhaftet hätten. Sie erzählten ihm, dass ich eine von den Demonstranten war. Sie zeigten ihm die Akte, die sie handschriftlich angelegt hatten, und mein Vater ging dem Fall nach. Sie ließen uns so lange im Ungewissen, dass wir irgendwann nicht mehr fragten, wann sie mich freilassen würden. Dieses Mal befahl ich mir selbst, stark und ruhig zu bleiben. Das Schlimmste, was passieren kann, ist der Tod. In einem Augenblick wird alles vorbei sein. Der Tod war mein Wunsch. Ich wollte, dass alles vorbei ist. Ich wollte im Schlaf sterben. Ich wollte Frieden. Ich betete, dass ich nicht länger existiere. Ich wollte sterben. [weint]
In meinen Träumen gab es nur den Wunsch nach dem Tod. In meinen Träumen lief ich in einem weißen Kleid über ein Feld. Das Feld war so schön. Es erinnerte mich an einen Ausflug mit meiner Familie. Eine schöne Erinnerung.

Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich eines Tages in der Lage sein könnte, hier zu sitzen und zu erzählen, was geschehen ist. Was mir, was anderen widerfahren ist. Wir sind nicht Nasrin Sotoudeh, unsere Stimme wird nicht gehört, niemand kennt meinen Namen… [weint]

Niemand weiß, wo ich bin. Niemand, niemand kam, um nach mir zu sehen. [weint verzweifelt] Meine Eltern waren da, aber…

Als Neda starb, hörte ganz Iran, die ganze Welt davon. Aber als sie mich vergewaltigten, wusste niemand davon… Als sie mich mit Zigaretten verbrannten. Niemand wusste davon.

Nach dieser Zeit habe ich mich endlich entschlossen, eines Tages darüber zu sprechen, damit die ganze Welt davon erfährt. Ich sürde sprechen. Das habe ich mir versprochen. Ich habe mit Blut unterschrieben, ein Versprechen das stärker ist als das Versprechen der Ehe. Es kann nicht gebrochen werden. Ich habe mir selbst versprochen, es zu tun, und ich habe es getan.

Vielleicht habe ich nicht alles bis in die letzte Einzelheit erzählt, denn es sind schlechte Menschen. Sie zwingen sich Allem auf. Sie sind überall in unserem Leben. Ich denke an Leute wie mich. Wir sind viele. Es sind Menschen, die wegen ihres Rufs, wegen ihres Lebens, nicht reden. Menschen, die da draußen sind. Menschen wie ich. Glauben Sie mir, sie sind da draußen. Sie brauchen euch. Sie brauchen euch alle. Lasst Menschen wie mich nicht leiden. Mir ist es schon passiert. Ich bin erst 22, aber ich fühle mich alt, ich fühle mich dem Tode nah. [weint]

Haltet sie auf… bitte haltet sie auf. [weint]

Wie habt ihr anderen geholfen? Helft bitte auch uns. Uns, die wir um unserern Ruf fürchten, und die Angst, was sie mir antun werden, wenn sie dieses Video sehen.

Aber ich bin hier, ich spreche, weil ich MUSS. Alle, die dies hören und die in einer Situation sind wie ich – ihr MÜSST sprechen. [weint]

Sie müssen verstehen. Die ganze Welt muss verstehen, dass es uns gibt, uns Unsichtbare.

Veröffentlicht bei International Campaign for Human Rights in Iran am 10. Juni 2011
Quelle (Englisch): http://www.iranhumanrights.org/2011/06/rape-and-torture-video-testimony/

Anmerkung: Es entwickelt sich gerade eine Diskussion um die Glaubwürdigkeit des Videos.  In der Tat ist es schwierig, die Glaubwürdigkeit einzuschätzen. Die Leser mögen sich ihre eigenen Meinung dazu bilden und im Hinterkopf behalten, dass bei allen als Erlebnis- oder Augenzeugenberichten deklarierten Nachrichten immer eine gewisse Portion Vorsicht angebracht ist.

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8 Antworten zu “Folter und Vergewaltigung in der Islamischen Republik nach der Präsidentschaftswahl – ein Opfer berichtet

  1. Danke, liebe Julia für ‘s Übersetzen .. keine Worte, nur Wut

  2. Na ja – ich finde die Frau eigentlich auch eher glaubwürdig, aber zugegebenermaßen gab es leider immer wieder auch solche Vergewaltigungsgeschichten, die sich hinterher als nicht echt herausgestellt haben.
    Ein Kritikpunkt in der Diskussion ist die journalistische Seite des Ganzen – dass keinerlei Belege angeführt werden, dass die Brandmale nicht gezeigt werden, dass keine dritten Personen die Geschichte bestätigen, etc. pp. Solche Kritik ist auch gut und berechtigt. Es geht letztlich immer auch um die Gefahr der Beschädigung der Glaubwürdigkeit an sich. Das Dilemma, dass man einerseits solche Vorkommnisse (die es sicher wirklich gibt) nicht verschweigen möchte, andererseits aber auch nie sicher sein kann, ob es nicht doch eine große Propaganda-Ente ist, richtet wirklich großen Schaden an.

    Ich bin bei dieser Geschichte durchaus zwiegespalten, gebe ich zu.

    • Gerade die fehlenden Belege machen es für mich glaubwürdiger. In ihrem Fehlen spiegelt sich ein großes Sicherheitsbedürfnis wider, denn selbst an ihren Händen und an der Position der Brandmale kann eine Person identifiziert werden. Auch die Bestätigung einer anderen Person macht den Kreis enger.
      Bestätigung der Brandmale gibt es übrigens von denen, die das Interview geführt haben. Diese hatten auch den Vorteil, dass sie in einem stundenlangem Interview die Mimik beobachten konnten. Ihre Überzeugung zeigt sich in ihrer Entscheidung, allein die Worte wirken zu lassen, selbst mit einer entstellten Stimme.

      • Rein theoretisch wäre es auch denkbar, dass dieser Bericht – vorausgesetzt, er ist NICHT authentisch und wurde inszeniert – bewusst pünktlich zum Jahrestag der Präsidentschaftswahl lanciert wurde, um potenziellen Demonstranten Angst zu machen.
        Darum ist Vorsicht und Skepsis berechtigt, und der Kritikpunkt, dass der Bericht journalistisch nicht einwandfrei aufbereitet ist, hat in Anbetracht dieser Möglichkeit umso mehr Gewicht. Da gebe ich den Kritikern schon Recht.

  3. Ich war nicht dabei und ich bin auch kein Hellseher. Aber mir ist schleierhaft, wo manche hier Unglaubwürdigkeit sehen.
    Ich habe bereits mehrere Zeugnisse von Frauen gesehen, gehört und gelesen.
    Unverwechselbar zeigt sich in diesem Video die Reaktion einer missbrauchten Frau, die in der Erzählung ihre Vergewaltigung noch einmal erlebt. Das kann der beste Schauspieler nicht kopieren.

  4. Pingback: News vom 12. Juni 2011 – 22. Khordad 1390 « Arshama3's Blog

  5. Pingback: Iranian Woman’s Testimony of Rape & Torture | Persian2English

  6. Pingback: Vergewaltigung und Folter: Vermächtnisse der Repression nach der Präsidentschaftswahl | Julias Blog

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