Interview mit Hossein Ronaghi Malekis Vater (25. Mai 2012)

Hossein Ronaghi Maleki

Daneshjoo News, 25. Mai 2012 - Daneshjoo News hat ein Interview mit dem Vater des inhaftierten studentischen Aktivisten Hossein Ronaghi Maleki geführt, dessen eine Niere infolge der Verweigerung von Hafturlaub versagt hat und der aus Protest in einen Hungerstreik getreten ist.  [...]

Das vollständige Interview lautet wie folgt:

Herr Ronaghi, was ist Ihr letzter Stand bezüglich der körperlichen Verfassung Ihres Sohnes?

Sicherlich wissen Sie, dass Hossein wegen seiner Nierenerkrankung vier Mal operiert worden ist. Seine linke Niere hatte 80% ihrer Funktionsfähigkeit verloren, seine rechte Niere 20%. Nach jeder Operation wurde Hossein wieder ins Gefängnis gebracht, obwohl die Ärzte ausdrücklich darauf hinwiesen, dass die Operation keinen Erfolg haben werde, wenn Hossein nicht zu Hause die erforderliche postoperative Pflege erhält.

Bei jeder dieser 4 Operationen blieben unsere Bemühungen um einen medizinischen Hafturlaub vergebens. Die Verhörbeamten der Revolutionsgarden stellten sich dagegen, dass wir Hossein nach Hause holen und pflegen. Hosseins letzte Einlieferung ins Krankenhaus erfolgte auf Anweisung des ehrenwerten Staatsanwalts, der unserer Bitte stattgab, nachdem wir Hossein im Gefängnis besucht uns gesehen hatten, in was für einem schlechten körperlichen Zustand er war.

Im Krankenhaus wurde ein CT gemacht. Wir bemerkten, dass die Heilung nicht erfolgreich verlief und dass eine Niere entzündet war. Deshalb wurde Hossein noch einmal operiert. Wieder schrieben mehrere Ärzte an den Staatsanwalt und drängten auf die Entsendung einer Ärztegruppe aus der Teheraner Rechtsmedizinischen Organisation, die Hosseins Zustand beurteilen sollte.  Die Ärztegruppe kam ins Krankenhaus, untersuchten Hossein und schickten ihren Bericht an die landesweite Rechtsmedizinische Organisation. Sie teilten der Staatsanwaltschaft außerdem mit, dass Hosseins körperlicher Zustand sehr kritisch sei.

Trotz alledem stellten sich die Verhörbeamten und IRGC-Mitglieder weiterhin gegen einen Hafturlaub für Hossein. Der Staatsanwalt schrieb sogar an Richter Pir Abbasi, aber der gab nicht nach. Ich möchte hier nur erwähnen, dass das Urteil, das Richter Pir Abbasi gegen Hossein verhängt hat, ungesetzlich ist. Er hat in den offiziellen Gerichtsakten vermerkt, dass Hossein ein Student aus Karaj ist. Das ist aber nicht wahr – Hossein ist nicht von dort, er ist (von der Freien Universität) Arak.  Dieses Urteil ist nicht gerecht. Sie haben Hossein furchtbar unter Druck gesetzt. Seine Mutter, sein Anwalt und ich sollten bei seinem Gerichtsprozess eigentlich anwesend sein, aber sie haben uns nicht gelassen. Sie haben Hossein unter Druck gesetzt und heftig gefoltert, damit er das Fehlurteil unterschreibt.

Was haben Sie unternommen, und was haben Sie erreichen können?

Bezüglich seiner Erkrankung habe ich alles versucht, um zu erreichen, dass Hossein nach seiner Rückverlegung ins Gefängnis Hafturlaub erhält, aber sie verweigerten dies. Mehrere medizinische Experten haben ihren Bericht weitergegeben, in dem steht, dass Hossein dringend operiert werden muss. Ich habe seine Krankenakte ins Imam-Khomeini-Krankenhaus mitgenommen, und sie haben ihn aufgenommen und mir die Formulare gegeben. Ich schrieb Briefe an den Staatsanwalt und den Generalstaatsanwalt am Revolutionsgericht. Am Shahid-Moghadasi-Gericht darf man keine Nachfragen zu Briefen stellen, die man geschickt hat. Wenn man hingeht und um Antwort auf einen Brief bittet, sagen sie, dass Nachfragen nicht erlaubt sind. Wenn man dort bleibt und auf einer Antwort besteht, wird man beschimpft und mit Verhaftung bedroht.

Herr Ronaghi, was ist der Grund für Hosseins Hungerstreik?

Ich habe Hosseins vollständige Krankenakte einschließlich der Feststellungen der 10 ärztlichen Spezialisten an die Staatsanwaltschaft, den stellvertretenden Direktor des Revolutionsgerichts, die Gefängnisleitung von Evin, die Vollstreckungsstelle, den stellvertretenden beaufsichtigenden Staatsanwalt des Gefängnisses und die Krankenstation des Gefängnisses weitergegeben. Ich habe darum gebeten, dass die Staatsanwaltschaft Hossein medizinischen Hafturlaub gewährt, damit er die erforderliche Notoperation wahrnehmen kann. Der Staatsanwalt war kooperativ und hat sogar einen Brief an das Gefängnis geschrieben. In der Antwort wurde bestätigt, dass Hossein sehr schnell operiert werden muss. Leider aber haben mehrere Mitglieder des IRGC und Hosseins Verhörbeamte dies verhindert und sich geweigert, ihm Hafturlaub zu gewähren.

Jetzt ist Hosseins Situation sehr verzweifelt. Er sollte am 7. Mai operiert werden. Seine Mutter und ich blieben bis zur Nacht im Krankenhaus und warteten darauf, dass Hossein wie geplant eingeliefert wird, aber sie kamen nicht, und wir mussten nach Hause gehen.

In meinem Brief an den Staatsanwalt fragte ich, warum die Tatsache, dass die Niere meines Sohnes vollständig versagt hat und dass er Hafturlaub benötigt, um sich operieren zu lassen, ignoriert wird. Die Staatsanwaltschaft hatte in einem Schreiben an das Gefängnis gefordert, Hossein sofort in ein Krankenhaus zu bringen. Ich nahm zu den Gefängnisbeamten Kontakt auf, die mir sagten, dass  Hossein sofort nach seiner Operation wieder ins Gefängnis zurückgebracht werden würde. Die Ärzte hatten aber gewarnt, dass die Genesung zwei Monate dauern würde und dass es während dieser Zeit unerlässlich sei, dass Hossein von ihnen beobachtet wird. Wir  wussten, dass Hossein noch gefährlichere Probleme bekommen würde, wenn er wieder operiert würde und danach sofort wieder ins Gefängnis zurück müsste, wie es schon vorher der Fall gewesen war.

Für einen Patienten, der von dieser Art Nierenerkrankung genesen muss, ist es sehr gefährlich, wenn er nicht von geeigneten Ärzten behandelt wird und unter Umständen leben muss, in denen es weder heißes Wasser, noch Komfort, noch anständiges Essen oder frische Luft gibt. Wenn wir das zulassen, wäre das das sechste Mal, und dieses Mal wird Hossein im Gefängnis sterben.

Deshalb haben Hossein und ich beschlossen, dass der einzige Ausweg für ihn in einem Hungerstreik besteht. Auf welche Weise Hossein auch stirbt – für uns ist das Ergebnis dasselbe.

Herr Ronaghi, wer ist für diese Situation verantwortlich?

Verantwortlich sind die, die keinen Respekt vor dem Gesetz haben. Sie lassen nicht zu, dass mein Sohn die benötigte medizinische Behandlung bekommt. Sie lassen nicht zu, dass er das Gefängnis vorübergehend verlassen kann, um sich unter sicheren Umständen operieren zu lassen.

Wenn mein Sohn stirbt, sind die Revolutionsgarden für seinen Tod verantwortlich. Seine Verhörbeamten sind für seinen Tod verantwortlich.

Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass die Gesetze des Landes jedem Bürger Rechte zugestehen. Und diejenigen, die das Sagen haben, haben Verantwortungen. Diese Menschen benutzen ihre Macht, um für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen. Ist es nicht ungerecht, wie das Gesetz ignoriert wird? Sie haben meinen Sohn 12 Monate in Einzelhaft gehalten, unter Umständen, die zu seiner Nierenerkrankung führten. Sie haben ihm unerlaubt schädliche Injektionen gegeben. Sie wussten, dass seine Nieren zerstört werden würden.

Sie brachten meinen Sohn ins Krankenhaus, aber nichts geschah. Später fand ich heraus, dass er überhaupt nicht behandelt worden war. Als er ins Shahid-Moghades-Krankenhaus kam, bekam er wieder nicht die benötigten medizinische Versorgung. Diese Menschen ließen es zu, dass der Zustand der Nieren meines Sohnes sich immer mehr verschlechterte und sie ihre Funktionsfähigkeit verlieren. Sie wollen Hossein töten, und sie töten ihn.

Gestern, als sie Hossein mit Gewalt ins Krankenhaus bringen wollten, sagte ich, dass sie meinen Sohn nicht hinbringen dürfen. Ich sagte ihnen, dass sie wollen, dass er stirbt, sie wollen meinen Sohn umbringen. Ich habe gute Gründe [für diese Annahme]. Wenn sie wollten, dass er am Leben bleibt, warum haben sie dann nicht zugelassen, dass Hossein nach den letzten 5 Operationen von Ärzten überwacht wird? Warum haben sie ihm nicht gegeben, was er für eine Genesung im Gefängnis braucht? Sie denken, dass sie Hossein foltern können, ihn dann unter verabscheuungswürdigen Umständen operieren lassen können, um sicher zu gehen, dass er unendlich leiden muss, und ihn dann ins Gefängnis bringen können, wo er sich Infektionen zuziehen wird, damit sie behaupten können, er sei einfach so gestorben?

Was ist der Grund für all diesen Druck auf Hossein?

Zunächst einmal behaupten sie, dass Hossein fliehen wird. Zweitens gibt es Probleme mit fünf Mitgliedern des IRGC, über die ich jetzt nicht sprechen möchte. Wenn sich die Dinge nicht ändern, werde ich darüber sprechen. Das ist der Grund. Diese fünf Leute geben die Anweisungen, und sie sorgen sogar dafür, dass der Staatsanwalt keinen Hafturlaub bewilligt.

Fünf Mitglieder der Revolutionsgarden wollen also, dass Hossein nicht ärztlich behandelt wird?

Ja. Sie sind aus Malekan. Der erste ist Mehdi Sattari, der Bruder des Büroleiters von Richter Pir Abbasi. Der zweite ist Parviz Sohrabi, ein Geheimdienstler aus Qom und einer der Befrager Hosseins. Die anderen drei sind aus Malekan, es sind Sejad Lotfi, Siavash Jedi und ein weiterer. Es gibt Beweise, die zeigen, dass diese Leute dafür gesorgt haben, dass Hossein keinen medizinischen Hafturlaub bekommt, und weil sie dafür keine akzeptablen Gründe haben, behaupten sie, dass Hossein fliehen würde, wenn sie ihm Hafturlaub gewähren. Aber Hossein wird niemals aus Iran fliehen. Wir werden immer in Iran leben, Iran ist unser Land, und wir lieben unsere Landsleute.

Was muss in Anbetracht von Hosseins schlechtem Zustand und dem Status seiner Gerichtsakte passieren, damit er gerettet wird?

Ich möchte an dieser Stelle eine Bitte an die Führung, an den Justizchef Herrn Larijani, an seine Exzellenz, den Staatsanwalt und an alle Behörden der Islamischen Republik richten, sich bitte um die qualvollen Leiden unserer jungen Leute zu kümmern, die in diesem Land hinter Gittern sitzen, und zu sehen, wie die Verhörbeamten und einige Revolutionsgardisten unsere Bürger misshandeln. Sind diese Menschen keine Bürger Irans? Zahlt der Fiskus unseres Landes nicht für sie? Habe ich kein Recht darauf, in diesem Land zu leben? Was hat mein Sohn gesagt? Nichts. Unsere Verfassung garantiert das Recht auf freie Rede. Es heißt, sie ist legal. Ich werde jetzt sprechen und für die Menschenrechte meines Sohnes eintreten. Ich werde weiterhin seine Rechte schützen. Ich werde weiterhin darüber sprechen, wie sie die Menschenrechte meines Sohnes missbraucht haben. Sie wussten, was mit seinen Nieren passieren würde, warum haben sie also die Behandlung verhindert? Ich protestiere gegen das Verhalten dieser Täter. Ich habe bei den Behörden eine Beschwerde eingereicht und eine Untersuchung gefordert. Ich habe sie aufgefordert, der Frage nachzugehen, warum ein Jugendlicher 12 Monate lang in Einzelhaft gehalten wird. Als sie meinen Sohn eingesperrt haben, war er ein gesunder junger Mann.  Warum haben seine Nieren versagt? Haben sie nicht beabsichtigt, Hossein zu töten? Ich habe viele Briefe an die Justizbehörden geschrieben und keine einzige Antwort bekomen. Sie haben auf keinen meiner Briefe geantwortet.

Herr Ronaghi, die Behörden wissen sehr genau um Hosseins Situation und die Briefe, die Sie geschrieben haben. Was muss geschehen, damit Hossein gerettet werden kann?
Hossein hat seine Entscheidung getroffen und ist in den Hungerstreik getreten. Es ist sein letztes Mittel. Entweder lassen sie zu, dass er medizinisch so versorgt wird, dass er am Leben bleibt, oder nicht. Dann wird Hossein sterben. Wenn er sterben muss, gibt es zwei Möglichkeiten dafür, und Hossein hat seinen Weg gewählt. Sie wollen Hossein töten, indem sie ihn nach einer weiteren Operation wieder ins Gefängnis bringen. Wir haben unsere Entscheidung gefällt. Für uns macht es keinen Unterschied, ob er nach seiner Operation im Gefängnis stirbt oder ob er durch seinen Hungerstreik stirbt. In beiden Fällen ist das Ergebnis für uns dasselbe. Ich hoffe, dass die Behörden Gott sehen und sich der Gerechtigkeit entsinnen werden. Ich hoffe, dass sie sich daran erinnern, dass ein Gott existiert. Ich hoffe, sie können Menschlichkeit walten lassen und Hossein Hafturlaub gewähren, damit sein Leben gerettet wird.

Herr Ronaghi, haben Sie damit gerechnet, dass die Revolution und dieses Regime die Jugend so behandeln würde wie Ihren Sohn?

Vor 30 Jahren habe ich als Montageunternehmer gearbeitet. Damals habe ich 70 Millionen für die Revolution gegeben. Ich habe meine Arbeit aufgegeben. Nachts habe ich Reis und Brennstoff ausgegeben. Die Führer dieses Regimes waren damals selbst im Gefängnis. Sie können darüber nachdenken, ob damals ein junger Bürger mit ihnen im Gefängnis saß, der schließlich Nierenversagen erlitt? Haben sie jemals mitangesehen, wie jemand so geplagt wird und keine medizinische Versorgung bekommt?

Der Grund, warum wir protestiert haben und eine Revolution hatten, war, dass wir faire Gesetze, Gerechtigkeit und Fairness in diesem Land haben wollten. Wie kann es sein, dass ein Mensch über Nacht Millionen verdienen und das Land verlassen kann, ohne dass die Revolutionsgarden etwas dagegen tun? Man geht abends schlafen und wacht morgens auf und sieht einen Menschen, der zum Millionär geworden ist. Gibt es niemanden, der fragen kann, woher all das Geld gekommen ist? Aber so ist es für uns, die all unser Vermögen und Wohlergehen der Revolution gegeben haben. Wie hätten nie damit gerechnet, dass das Ergebnis der Revolution so aussieht.

Aber selbst wenn sie mich für das, was ich gesagt habe, töten werden – ich werde weiter für die Menschenrechte meines Sohnes eintreten.

Was möchten Sie den Menschen sagen?

Ich habe keine Erwartungen an die Menschen, denn die Menschen können nichts tun. Was können sie tun? Wenn sie ein Wort sagen, werden sie gebrandmarkt, verhört und ins Gefängnis gebracht. Was können die Leute tun? Ein Land muss Gesetze haben, denen sowohl die Bürger als auch die Regierung verpflichtet sind. Ein Land, dass den Gesetzen nicht folgt, wird niemals Erfolg haben. Die Gesetze und deren Einhaltung bewahren ein Land. Ich habe keine Erwartungen an die guten Menschen dieses Landes.

Ihr letztes Wort?

Ich möchte lediglich sagen, dass wenn – was Gott verhüten möge – Hossein etwas zustößt und er stirbt, dies unbestreitbar das Ergebnis eines vorsätzlichen Mordes wäre.

Die Fragen stellte Hossein Torkashvand

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Laleh Irani
Persisch: Daneshjoo News

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