Interview mit Morsi offenbart Risse durch die iranische Presse

Der gewählte Präsident Muhammad Morsi bei seiner ersten Ansprache an das (Kairo, 24. Juni)

RFE/RL, 25. Juni 2012 – Einen Tag, nachdem Mohammad Morsi zum sieger der Präsidentschaftswahl in Ägypten erklärt worden war, veröffentlichte die iranische Nachrichtenagentur Fars News ein angebliches Interview mit ihm. Darin äußerte Morsi Interesse an einer Verstärkung der Verbindungen zu Teheran.

Das umstrittene Stück, in dem Morsi auch mit den Worten zitiert wurde, er wolle den Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel neu überdenken, wurde kurz darauf von wichtigen Nachrichtenagenturen wie Reuters, dem Christian Science Monitor und der israelischen Tageszeitung Haaretz aufgegriffen.

Für die halbamtliche Nachrichtenagentur, die behauptet, wenige Stunden vor der Ausrufung Morsis zum Wahlsieger mit ihm gesprochen zu haben, war dies ein beachtlicher Quotenerfolg. Doch die Freude darüber hielt nicht lange an. Mehrere Nachrichtenorganisationen, darunter BBC Arabic und Al-Arabiyah, zweifelten die Authentizität des Interviews an. Al-Arabiyah zitierte einen Sprecher Morsis, der erklärte, dieser habe nicht mit Fars gesprochen. Auch die offizielle ägyptische Nachrichtenagentur MENA ließ später verlautbaren, dass das Interview gefälscht sei.

Screenshot von dem bei Fars veröffentlichten angeblichen Interview mit Morsi

Noch wichtiger ist vielleicht, dass sogar die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA eilig Zweifel an dem Interview anmeldete. Der Fall macht noch einmal deutlich, wie sehr der anhaltende Machtkampf innerhalb des iranischen Establishments offenbar die Ahmadinejad-treue IRNA gegen die den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) nahestehende Agentur Fars aufgebracht.

Ebenso wie BBC Arabic und Al-Arabiyah berichtete IRNA, Morsis Sprecher habe in einem Statement erklärt, dass der gewählte Präsident weder vor noch nach seinem Wahlsieg ein Interview mit Fars News geführt habe. IRNA behauptete außerdem, in dem bei Fars News online veröffentlichte Audio-Mittschnitt des angeblichen Interviews sei nicht Morsis Stimme zu hören.

Fars jedoch gab nicht klein bei, sondern setzte auf ihrer Webseite Links zu den zahlreichen Berichten über die Story in regionalen und internationalen Medien.

IRNA warf die erzkonservative Nachrichtenagentur vor, mit “revolutionsfeindlichen”Medien verbandelt zu sein und deshalb das Interview und die dort enthaltenen “wichtigen und wertvollen Aussagen” zu denunzieren.

Fars hat in den letzten Monaten immer wieder in Artikeln den in der iranischen Politik oft als “Abweichlerströumung” bezeichneten inneren Kreis um Ahmadinejad angegriffen.

Um nicht zurückzustehen, veröffentlichte IRNA letzte Woche eine Liste der “wiederholten Ausrutscher von Fars“, die IRNA zufolge zu “sicherheitsgefährdenden Missverständnissen” innerhalb der Islamischen Republik führen könnten.

Aufgelistet sind u. a. ein Bericht von Fars über eine große gemeinsame Militärübung Irans, Chinas, Russlands und Syriens, an der angeblich 90 000 Soldaten und hunderte Schiffe, Panzer und Kriegsflugzeuge beteiligt gewesen sein sollen. Syrien und China dementierten den Bericht später.

IRNA wirft Fars außerdem vor, 2011 ein Interview mit dem früheren Chef der Internationalen Atombehörde Muhammad El Baradei gefälscht zu haben. Dessen Büro hatte das Interview ebenfalls dementiert.

Im Februar fälschte Fars News in einem Bericht über die Verleihung des Oscars an den iranischen Filmregisseur Asghar Farhadi Aussagen zum iranischen Atomprogramm, die dieser in seiner Dankesrede angeblich gemacht haben soll.

Viele Iraner nennen die Nachrichtenagentur gern auch “False News” oder “Farce News”.

Ein Reporter in den Vereinigten Staaten fragte unterdessen die Sprecherin des Außenministeriums Victoria Nuland nach ihrer Reaktion auf das angebliche Interview. Washington beobachtet den Einfluss Irans im Nahen Osten mit Wachsamkeit und will sicherstellen, dass der ägyptisch-israelische Friedensvertrag die politischen Veränderungen in Kairo überlebt.

“Nun, wir freuen uns natürlich darauf, mit dem neu gewählten Präsidenten Morsi und seiner Regierung über die Entwicklung der Beziehungen Ägyptens zu seinen Nachbarländern und die Einhaltung aller internationalen Verpflichtungen Ägyptens auch gegenüber Iran zu sprechen”, erwiderte Nuland. “Aber abgesehen davon würde ich nicht alles glauben, was man bei Fars lesen kann.”

Zwischen IRNA und der US-Regierung herrscht in dieser Hinsicht offenbar eine eher selten vokommende Einigkeit.

Golnaz Esfandiari

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Radio Free Europe/Radio Liberty

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2 Antworten zu “Interview mit Morsi offenbart Risse durch die iranische Presse

  1. Wer hätte vor 3 Jahren gedacht, dass IRGC eins gegen Ahmadinedjad sein wird.

  2. Pingback: Interview mit Morsi offenbart Risse durch die iranische Presse « free Saeed Malekpour

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