Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 16. Juli 2012

Arseh Sevom, 16. Juli 2012 – Themen dieser Ausgabe: Aktivisten in Paris protestieren gegen Inhaftierung iranischer Journalisten | 12jährige bedroht die nationale Sicherheit | Geistlicher erklärt den Schleierzwang | “Nein zum Schleierzwang” | Selbstkritischer Brief eines ehemaligen IRGC-Generals aufgetaucht | Mehr als 300 Arbeiter streiken in Südiran | Polizeichef: Fernsehen soll kein Hühnerfleisch mehr zeigen | Die Aubergine, das Hühnchen der Armen | Phase 2 der geplanten Subventionsreform verschoben | Immer mehr Obdachlose in Iran | Neues von der Entwestifizierungsfront

Aktivisten in Paris protestieren gegen Inhaftierung iranischer Journalisten
Viel Aufmerksamkeit erregte eine von Aktivisten der Organisation “Reporter ohne Grenzen” organisierte Demonstration vor dem Büro der Iran Air auf der Champs Élysées in Paris, die die Situation der inhaftierten Journalisten in Iran beleuchtete.

Mit aufgemalten Foltermalen und Handschellen zeigten die Aktivisten in Paris ihre Solidarität mit ihren in Iran inhaftierten iranischen Kollegen.

Die Werkzeuge des Verbrechens
Die im Exil lebende iranische Journalistin Masih Alinejad lobt den Protest auf ihrer Facebook-Seite und schreibt:

“Dieses Foto ist die Versinnbildlichung des Leidens iranischer Journalisten. Ein großes Lob für die Kameradschaft der Aktivisten.”

“Auf diesem Foto sind alle Werkzeuge des Verbrechens vertreten: Computer, Kamera, Stift, Zeitung usw.”

12jährige bedroht die nationale Sicherheit
Mehraveh Khandan, die 12jährige Tochter der inhaftierten Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, ist offiziell über ein gegen sie verhängtes Ausreiseverbot in Kenntnis gesetzt worden. Erst vergangene Woche hatten wir von einem ähnlichen Verdikt gegen den 95jährigen politischen Aktivisten Ahmad Sadr Haj Seyed Javadi berichtet.
Beide reagierten überrascht auf das Ausreiseverbot und gaben bekannt, keine Absicht zu haben, Iran zu  verlassen.

Geistlicher erklärt den Schleierzwang
Die Webseite Khabaronline hat eine Antwort des iranischen schiitischen Geistlichen Ayatollah Safi Golpayegani auf den Brief einer 21jährigen Frau veröffentlicht. Die junge Frau hatte ihre Zweifel am Schleierzwang formuliert. Sie schreibt:

Ich heiße Fatima. Ich bin 21. Ich habe Sie oft in Mashhad gesehen und betrachte Sie als einen spirituellen Vater. Mein Herr, ich bin ein “schlecht verschleiertes Mädchen”. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was Hijab [Verhüllung nach islamischer Vorschrift, d. Übers.] ist. Warum ist Verschleierung für uns Pflicht? Warum wird sie als Wert betrachtet? Ist der Schleier ein heiliges Stück eines wertvollen Tuchs? Was weiß eine Neunjährige über den Schleier? Warum ist der Schleier nur in unserer Religion vorgeschrieben? Meinen Sie, dass andere Propheten davon nichts wussten? Bedeutet die Verhüllung, dass ich aufhöre, in der Gesellschaft zu existieren? Wie kann ich meiner Gesellschaft so dienen?

Der führende Geistliche bezeichnete den Schleier in seiner Antwort als eine Tugend und fordert die Verfasserin des Briefes auf, sich vor Augen zu führen, wie furchtbar es “im Westen” ist, wo “man unfähig geworden ist, des durch die unterbleibende Verschleierung entstandenen Unheils Herr zu werden” und wo “48 Prozent aller Neugeborenen keinen Vatersnamen in ihrer Geburtsurkunde stehen haben.”

“Nein zum Schleierzwang”
Gleichzeitig wurde auf Facebook eine Online-Kampagne namens “Na be Hejabe-Ejbari” (“Nein zum Schleierzwang” gestartet. Viele beteiligen sich, in dem sie ihre Fotos online stellen. Beispiele gibt es hier.

Selbstkritischer Brief eines ehemaligen IRGC-Generals aufgetaucht
Der ehemals regimetreue und nach der Präsidentschaftswahl von 2009 zum Dissidenten gewordene Journalist Mohammad Nourizad macht wieder von sich reden.

Nourizad, dessen offene Briefe an den obersten Führer der Islamischen Republik Ayatollah Khamenei zu einer Briefkampagne inspirierten, hat den Brief eines ehemaligen Generals der Islamischen Revolutionsgarden veröffentlicht, der ihm während einer öffentlichen Veranstaltung zugespielt wurde. Der Brief enthält ein Geständnis und seltene Einblicke in das Denken einiger Mitglieder eines der zuverlässigsten Arme des Regimes.

Auszüge aus dem Brief, der auf Nourizads Website veröffentlicht ist, lauten:

Ich und mehrere weitere Kollegen wurden im Lauf der letzten 2-3 Jahre [also nach der “Grünen Bewegung”] entlassen.

Ich möchte Ihnen erzählen, welche Gehirnwäsche wir durchliefen, so dass wir lange Jahre glaubten, unser Verrat sei reiner Dienst [an der Nation]

Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich, dass das Urteil der normalen Leute auf der Straße vernünftiger war als unseres.

Ich begreife jetzt, dass es nicht weniger als eine Gräueltat war, in den 1980er Jahren eine Lkw-Ladung mit den Leichen 18- und 19jähriger aus dem Evin Gefängnis zu bringen. Damals habe ich so etwas selbst gesehen, es aber als eine revolutionäre Pflicht angesehen. Damals war ich blind. Meine Augen vermochten die Wahrheit nicht zu sehen. Ich rechtfertigte die Gräuel als Notwendigkeit, und jetzt habe ich das Gefühl, meinen Fuß in das Blut der Kinder der Menschen zu setzen.

Bei den Revolutionsgarden gibt es viele reine Menschen, die weder wünschen noch zulassen werden, dass sich ihre Hände mit Blut beflecken.

Mehr dazu bei The Guardian.

Mehr als 300 Arbeiter streiken in Südiran
Mehr als 300 Arbeiter des unter US-Sanktionen stehenden iranischen Marineunternehmens Makindarya sind aus Protest gegen seit über vier Monaten ausstehende Lohnzahlungen in den Streik getreten.

Polizeichef: Fernsehen soll kein Hühnerfleisch mehr zeigen
Der Chef der iranischen Polizei NAJA, Esmail Ahmadi Moghadam, ist bekannt für seine umstrittenen Äußerungen. Vergangene Woche forderte Moghadam die Islamische Rundfunkanstalt IRIB auf, in Filmen und Fernsehsendungen keine Bilder mehr von Menschen zu zeigen, die Hühnerfleisch essen. Das staatliche Fernsehen “soll nicht als Schaufenster dienen, in dem alle unerreichbaren Waren ausgestellt werden”, so Ahmadi Moghadam, der seine Vorschrift durch eine Gesellschaftsanalyse untermauerte und erklärte, “viele könnten sich (die im Fernsehen gezeigten Dinge) nicht leisten und könnten angesichts dieser Klassenkluft zwischen Arm und Reich zum Messer greifen und sich bei den Reichen ihre Rechte selbst holen.”

Fast alle Seiten und Zeitungen, die über diese Ansprache des NAJA-Chefs berichteten, nutzten die iranische Nachrichtenagentur Mehr News als Quelle. Der Bericht ist mittlerweile redigiert, Moghadams Forderung, kein Hühnerfleisch im Fernsehen zu zeigen, ist verschwunden.

Die Aubergine, das Hühnchen der Armen
Der Anti-Hühnchen-Rhetorik des Polizeichefs vorausgeganen war ein sprunghafter Anstieg der Preise für Hühnerfleisch. Die in Teheran erscheinende Zeitung Hamshahri bezeichnet die Situation als “außer Kontrolle”; “normale Menschen, Offizielle und Staatsmänner” würden sich durchweg beschweren.

Euronews berichtet, dass viele Menschen in Iran unfreiwillig zu Vegetariern werden:

Ein pensionierter Lehrer in einer Kleinstadt berichtet, dass er seit drei Monaten kein Fleisch mehr gekauft hat. “Früher habe ich 92.000 Rial (ca. 4 Euro) für ein Kilo Hühnerfleisch bezahlt. Jetzt kostet es 140.000 Rial (ca. 6 Euro). Dasselbe gilt für rotes Fleisch. Wir essen jetzt Auberginen, das Hühnchen der Armen”, witzelt er.

Die oppositionelle Webseite Kalemeh hat eine Übersicht über die Teuerung für Hühnerfleisch in Iran veröffentlicht.

Phase 2 der geplanten Subventionsreform verschoben
Unterdessen hat die iranische Regierung Pläne zur Inangriffnahme der zweiten Phase der Subventionsreform verschoben. Dies sei eine “rationale Entscheidung angesichts des Ausmaßes der Inflation.”

Die zweite Phase der Subventionsreform soll nun zu Beginn des neuen persischen Jahres (21. März 2013) in Angriff genommen werden.

Immer mehr Obdachlose in Iran
Die eigentlich auf das iranische Atomprogramm abzielenden Wirtschaftssanktionen verursachen in Kombination mit schlechter Wirtschaftspolitik immer mehr Leid. Handels- und Produktionsunternehmen stehen schlimmstenfalls vor dem Bankrott, bestenfalls vor Massenentlassungen. Es gibt immer mehr Arbeitslose. Berichten aus Iran zufolge sind immer mehr Familien gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Eine bei Mehr News veröffentlichte Fotoreportage fängt Eindrücke aus dem Leben einer Familie ein, die die hohen Preise auf die Straße gezwungen haben.

Neues von der Entwestifizierungsfront
Die Webseite Entekhab berichtet von neuen Maßnahmen der Regierung im anhaltenden Kampf gegen die gefährlichen westlichen Einflüsse des Satellitenfernsehens. In einer Moschee in der Hauptstadt Teheran forderten Offizielle zur “freiwilligen” Aushändigung von Satellitenschüsseln und Receivern auf. Offiziellen Angaben zufolge wurden 175 Satellitensets eingesammelt.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Arseh Sevom

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