Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 30. Juli 2012

Arseh Sevom, 30. Juli 2012 - Themen dieser Ausgabe: “Red Ribbon Award” für den Kampf gegen HIV | Kampagne gegen Zwangsverschleierung erreicht Irans Straßen | Ich und meine freie Kleiderwahl | Umweltaktivisten starten Müllsammelaktion in Isfahan | Mitglieder einer Dating-Webseite verhaftet |Identitätskrise in iranischen Schulbüchern | Wirtschaftssanktionen treffen Frauen | “Wir sind nicht für Hühnchen auf die Straße gegangen” | Neues Studienfach: “Gefängniswärter” | Bitte keine Familienplanung mehr! | Was Mississippi von Iran lernen kann

Red Ribbon Award” für den Kampf gegen HIV
Im Kampf gegen die Ausbreitung von AIDS machten diese Woche iranische Organisationen und Einzelpersonen in den Medien von sich reden. Der Verein Afraye Sabz aus der Provinz Kermanshah wurde mit dem diesjährigen Red Ribbon Award der UNAIDS ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich für außergewöhnliche Initiativen im Bereich der AIDS-Prävention verliehen. Afraye Sabz wurde für seine HIV-Aufklärungsarbeit, seine Bildungsprogramme und seine Unterstützung für AIDS-Kranke und ihre Familien ausgezeichnet.

Der Geschäftsführer von UNAIDS überreicht den Red Ribbon Award in der Kategorie ‘Prävention von und für Drogenkonsumenten’ an Vertreter des Vereins Afraye Sabz. Mit freundlicher Genehmigung von UNAIDS/C. Kleponis

Außerdem erhielten die Brüder [und Ärzte] Arash und Kamiar Alaei, die wegen Sicherheitsanklagen mehrere Jahre in Iran inhaftiert waren, den “Elizabeth Taylor Award” für ihre Arbeit auf dem Gebiet HIV-Prävention und Menschenrechte im Zusammenhang mit AIDS.

Kampagne gegen Zwangsverschleierung erreicht Irans Straßen
Die Kampagne “Unveil the Right to Unveil“[wörtlich: "Entschleiert das Recht auf Entschleierung"] geht weiter. Immer mehr Menschen schließen sich der Kampagne an und schicken ihre Fotos ein. Die Kampagne hat mittlerweile auch die Straßen Irans erreicht. Vor Kurzem wurde auf der offiziellen Seite der Kampagne ein Foto mit einem Graffito veröffentlicht, das aus der Stadt Bojnourd in Nordwestiran stammen und vom Eingang zu einer weiterführenden Schule für Mädchen aufgenommen worden sein soll.

“Free Hijab, Iranian Women’s Right” (zu Deutsch etwa: Freie Schleierwahl – ein Recht der iranischen Frauen”).

Quelle: Facebook-Seite der Kampagne Unveil the Right to Unveil

In einem Interview mit Arseh Sevom (auf Persisch) diskutieren die Journalistin Masih Alinejad und Kampagnen-Gründerin Sahar Rezazadeh über die Kampagne und ihren Einfluss innerhalb und außerhalb Irans. Sie ermutigen Frauen dazu, ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten der Zwangsverschleierung mitzuteilen. Alinejad: “Es ist ein sehr wichtiger Teil unserer Geschichte.”

Ich und meine freie Kleiderwahl
Auf Anregung von Masih Alinejad, nicht nur Fotos zu schicken, sondern auch persönliche Erfahrungen mit der Zwangsverschleierung in Iran zu schildern, bat die Kampagne female = male / زن = مرد ihre ca. 137 000 Fans um Erfahrungsberichte. Viele Frauen kamen der Anregung nach und beschrieben,  wie sie täglich von Seiten der Befürworter und Vollstrecker des Schleierzwangs beeinträchtigt und gedemütigt wurden. Die im Exil lebende Authorin Ahoo Shokraie z. B. erinnert sich:

“Meine Mutter hat mir und meiner Schwester bis zum letzten Tag (dem Einsetzen der Pubertät, an dem der Schleier obligatorisch wird) nicht erlaubt, ein Kopftuch zu tragen. Ich fürchtete die Moralpolizei, deren Hauptquartier sich in der Vozara-Straße befindet, aber auch die verstohlenen Blicke der Männer, die sogar meine Mutter zu der Bemerkung veranlassten, dass “dieses Kleid zu eng” sei. Mein Vater sagte: “Das ist zu kurz”, meine Schwester: “Heute ist ein religiöser Feiertag, zieh das nicht an.” Es dauerte nicht lange, bis der Tag kam, als mein eigener Sohn – der Enkel der Frau, die uns kein einziges Mal ein Kopftuch nähte – neben mir herging und mir sagte, was ich anzuziehen habe und wie viel von meinem Haar mein Kopftuch freilassen darf.”

Umweltaktivisten starten Müllsammelaktion in Isfahan
Am 28. Juli organisierte eine iranische Umweltgruppe namens “Roftegaraan-e Tabi’at” (“Nature Sweepers”) eine Müllsammelaktion in einem Park in Isfahan. Fotos davon gibt es hier.

Mit freundlicher Genehmigung der Facebook-Gruppe ‘Nature Sweepers’

Mitglieder einer Dating-Webseite verhaftet
Wie die staatliche Nachrichtenagentur IRNA berichtet, wurden sieben Mitglieder einer – so IRNA – “unkonventionellen Dating-Webseite” verhaftet. Die iranische Cyber-Polizei teilte IRNA mit, dass “vier der Verhafteten unter 20 Jahre alt” seien. “Das neue Phänomen des Online-Datings breitet sich in Iran aus”, warnt die Cyber-Polizei iranische Familien. Die Familien sollten “genau verfolgen, was ihre Kinder tun.”

Identitätskrise in iranischen Schulbüchern
Die Nachrichtenagentur Mehr News zitiert einen Bildungsexperten, der die Entfremdung iranischer Schüler von ihrer Geschichte und ihrem kulturellen Erbe befürchtet. Morteza Nazari: “In den Schulbüchern gibt es nicht die geringste Referenz auf die glorreichen Aspekte der iranischen Zivilisation und den unstrittigen Beitrag der Iraner für die Menschheit. Entgegen allem, was vom Bildungsministerium gesagt wurde, kommt den Familien für das Vertrautwerden der Kinder mit Irans Geschichte, Kultur und Zivilisation eine größere Bedeutung zu als dem nationalen Bildungssystem, und die Familien werden hier selbst aktiv werden müssen.”

Im September 2009 hatte das Bildungsministerium angekündigt, dass “Könige aus den Geschichtsbüchern der Schulen nach und nach verschwinden” sollten.

Wirtschaftssanktionen treffen Frauen
ICAN [vermutlich "International Campaign to Abolish Nuclear Weapons", d. Übers.] hat einen Bericht über die Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen auf die Frauen in Iran veröffentlicht. Frauen leiden demnach auf vielfältige Weise unter den Sanktionen, die ihre Bildungschancen schmälern, Iraner von der internationalen Gemeinschaft isolieren, infolge der hohen Arbeitslosigkeit unter Männern zu einem Anstieg der Gewalt gegen Frauen führen und auch afghanische Flüchtlinge und ihre Kinder gefährden, heißt es in dem Bericht (als pdf hier)

“Wir sind nicht für Hühnchen auf die Straße gegangen”
Während man in Iran vor Geschäften, die Hühnerfleisch verkaufen, immer öfter lange Schlagen beobachten kann, ist die Bevölkerung der Stadt Neyshabour aus Protest auf die Straße gegangen. (hier gibt es ein Video davon).
Der Staatsanwalt des allgemeinen Gerichts und Revolutionsgerichts Neyshabour soll daraufhin erklärt haben: “Es ist unter der Würde der Menschen von Neyshabour, wegen ein oder zwei Hühnern auf der Straße Parolen zu rufen… Wir haben (1979) nicht für Brot und Wasser revoltiert, und wir ertragen jetzt nicht alle Härten, wenn etwas passiert, wenn die die Situation sich verschlechtert ["we are not bearing all the hardship now if anything happens, if things worsen."]

Neuer Studienabschluss: “Gefängniswärter”
An iranischen Unversitäten wird ein neuer Studiengang mit dem Titel “Prison Guarding” angeboten [zu Deutsch etwa "Gefängniswärtertum", d. Übers.]

Bitte keine Familienplanung mehr!
Entgegen der traditionell progressiven iranischen Haltung zum Thema Familienplanung hat der oberste Führer der Islamischen Republik Ayatollah Khamenei nun die Abschaffung der Familienplanungsgesetze gefordert: “Unser Land kann das Doppelte der jetzigen Bevölkerung unterbringen”.

Die Zeitung Shargh veröffentlichte daraufhin einen Bericht, demzufolge das Budget für Familienplanung in Teheran auf Null gesetzt wurde. Die oppositionelle Webseite Neda-ye Sabz-e Azadi (Green Voice of Freedom) brachte die Meldung über ein “soziales Marketing-Projekt von Müttern”, das in Teheran als Pilotprojekt für die Förderung des Bevölkerungswachstums gegründet wurde.

Was Mississippi von Iran lernen kann
In einem in der New York Times unter dem Titel What Can Mississippi Learn From Iran? (“Was kann Mississippi von Iran lernen?”) erschienenen Artikel über die gemeinsamen Probleme in der Gesundheitsversorgung armer ländlicher Familien in Iran und in Mississippi wird über den Versuch des in Mississippi lebenden Arztes Aaron Shirley berichtet, von dem iranischen Modell der Präventivversorgung in ländlichen Gebieten zu lernen. Mit dem Modell sei es gelungen, die lückenhafte Versorgung der ländlichen und urbanisierten Bevölkerung zu verbessern.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Arseh Sevom

3 Antworten zu “Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 30. Juli 2012

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