Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 7. August 2012

Arseh Sevom, 7. August 2012 – Themen dieser Ausgabe: Medikamentenmangel bedroht das Leben von an Hämophilie erkrankten Kindern in Iran | Universitäten: Zutritt nur für Männer | “Nationales Internet” soll in drei Phasen eingeführt werden | Khamenei jetzt auch auf Instagram | Polygamisches Familienglück im staatlichen Fernsehen | Politische Gefangene fragen Staatschefs: “Erinnern Sie sich noch an mich?” | Leila Hatami von der französischen Botschaft Teheran geehrt | Weitere Mitglieder der Baha’i-Gemeinde inhaftiert | Kampf gegen Feinstaub, Luftverschmutzung und die Austrockung des Urmia-Sees | TEDx in Teheran

Medikamentenmangel bedroht das Leben von an Hämophilie erkrankten Kindern in Iran
In einem offenen Brief an den Direktor der “Global Hemophilia Federation” warnt der Leiter des iranischen Zentrums für Hämophilie [Bluter-Krankheit, d. Übers.], infolge der wegen des iranischen Atomprogramms gegen Iran verhängten Wirtschaftssanktionen des Westens werde die Versorgung von Bluterpatienten mit Medikamenten erschwert. Das Leben der Patienten sei deshalb in Gefahr. Das größte Problem bestehe in der Blockade des iranischen Bankensystems, mit der die Bezahlung von Medikamenten nahezu unmöglich geworden sei.
Das Iranische Zentrum für Hämophilie ist seit 45 Jahren als Nichtregierungsorganisation ohne politischen Hintergrund tätig.

Universitäten: Zutritt nur für Männer
Bei Olympia dürfen Frauen Iran bei einigen Veranstaltungen repräsentieren. An iranischen Universitäten ist die Lage nach Berichten der Nachrichtenagentur Mehr News jedoch anders: Nach einem neuen Erlass dürfen weibliche Studenten an landesweit 36 Hochschulen insgesamt 77 Hauptfächer nicht mehr studieren. Zu den betroffenen Fächern gehören Rechnungswesen, Erziehungswissenschaften, Denkmalrestaurierung und Chemie. Die meisten für Frauen verbotenen Fächer liegen im Fachbereich Ingenieurwesen, angefangen beim Fach Bauingenieurwesen an der Universität Isfahan bis zum Fach Ressourcen-Engineering an der Teheraner Shahid Raja’ie-Universität.

“Nationales Internet” soll in drei Phasen eingeführt werden
Der iranische Minister für Telekommunikation Reza Taghipour hat über die Nachrichtenagentur Fars News die Einführung des “nationalen Internets” in drei Phasen angekündigt. Die erste Phase soll demzufolge im September umgesetzt werden. Internetnutzer in privaten Haushalten sollen Taghipour zufolge vom ISP mit “Verbindungen gemäß den Vorschriften” ausgestattet werden. Es gebe “Dinge, die in unserem Netzwerk nicht definiert sind, wie z. B. das Ansehen von Videoclips.”

Khamenei jetzt auch auf Instagram
Der oberste iranische Führer Ayatollah Khomeini geht mit der Zeit – er ist jetzt auch auf Instagram vertreten. Seine ersten Fotos präsentieren ihn mit schwarzem Turban und Umhang.

Polygamisches Familienglück im staatlichen Fernsehen
Nachdem Ayatollah Khamenei kürzlich beschlossen hatte, die Familienplanung in Iran einzustellen und entsprechende Budget-Kürzungen durchzuführen (s. Bericht der letzten Woche), strahlt ein staatlich geführter Lokalsender in Qom jetzt eine Sendung über eine “glückliche bigame Familie” aus, in der beide Frauen sich selbstverständlich wunderbar miteinander verstehen.

Ein Kommentator unter einem Bericht auf der Webseite Bahar News schreibt zum Thema:

“Der Islam schreibt vor, dass es in der Gesellschaft keine alleinstehenden Frauen oder Männer geben soll. Aber die Vielehe wurde in der Vergangenheit mit Stirnrunzeln betrachtet.”

Ein anderer Kommentator antwortet:

“Dies ist eine Beleidigung des Status von Frauen und reduziert sie auf die Ebene eines sexuellen Gebrauchsgegenstandes. Seit so vielen Jahren bewegen wir uns rückwärts.”

Politische Gefangene fragen Staatschefs: “Erinnern Sie sich noch an mich?”
Kurz vor dem Gipfel der Bewegung der Blockfreien Staaten, der in Teheran stattfinden wird, hat eine Gruppe iranischer politischer Gefangener – vornehmlich inhaftierte Journalisten – die Staatschefs der Mitgliedsländer in einem Brief symbolisch zu einem Besuch in iranischen Gefängnissen eingeladen. Der Brief beginnt mit der Frage “Erinnern Sie sich an mich?”, und weiter heißt es: “Ich bin der Journalist, der bei den Vereinten Nationen oder bei einem internationalen oder lokalen Ereignis ein Foto für die Nachrichten von Ihnen gemacht hat… Jetzt sitze ich in einem der schrecklichen iranischen Gefängnisse, weil ich für Demokratie und Menschenrechte eingetreten bin und gefragt habe: ‘Wo ist meine Stimme?’. Wenn es Ihnen nicht schwerfällt, denken Sie doch bitte daran, mich im Teheraner Evin-Gefängnis, im Gefängnis Rajai Shahr in Karaj, im Gefängnis Karoun in Ahvaz und anderen Gefängnissen Irans zu besuchen.”

Leila Hatami

Leila Hatami von der französischen Botschaft Teheran geehrt
Frankreich hat die gefeierte französische Schauspielerin Leila Hatami mit einer Medaille des “Ordre des Arts et des Lettres” geehrt. Dies berichtet die Tehran Times. Wenige Wochen zuvor hatte ein hochrangiger Polizeibefehlshaber die Schauspielerin für die Wahl ihrer Garderobe bei internationalen Anlässen kritisiert.

Das französische Ministerium für Kultur und Kommunikation verleiht den 1957 ins Leben gerufenen Orden an bedeutende Künstler, Schriftsteller und Gelehrte, die sich um die Wahrnehmung und Bereicherung des französischen Kulturerbes in der Welt verdient gemacht haben.

Weitere Mitglieder der Baha’i-Gemeinde inhaftiert
Aus Iran erreichten uns letzte Woche Berichte, die die Verhaftung von mehr als 10 Mitgliedern der Baha’i-Gemeinde in den Städten Isfahan, Shahin Shahr, Vila Shahr, Yazd und Arak bestätigen.

Kampf gegen Feinstaub, Luftverschmutzung und die Austrockung des Urmia-Sees
Die Iranische Umweltorganisation ist dabei, einen Vorschlag für das Parlament zur Bekämpfung des immer dringlicher werdenden Feinstaub- und Luftverschmutzungsproblems auszuarbeiten. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO befinden sich vier der zehn am stärksten von Luftverschmutzung betroffenen Städte der Welt in Iran. In Regionen wie [der Provinz] Khuzestan sind Sandstürme aus Irak und Saudi-Arabien eine häufige Ursache für die Staubpartikel in der Luft.

Radio Zamaneh berichtet unterdessen von Versuchen Irans, Armenien für die Rettung des akut von Austrocknung bedrohten Urmia-Sees zu gewinnen. Beide Länder unterzeichneten vor Kurzem ein Kooperationsabkommen für Umweltprojekte.

TEDx in Teheran
Wird TEDx in Teheran ein Erfolg? TED-Kommunikation ist bekannt für bestechende Qualität und große Ideen. Lokale Organisatoren in Iran versuchen nun, diese Kombination für eine für Januar 2013 geplante TEDx-Konferenz nach Teheran zu holen. Auf dem TEDx-Blog diskutieren sie Irans Errungenschaften der Vergangenheit und fragen:

“(Aber) wie sieht es im Iran von heute aus? Was können Iraner bei so viel unterschiedlicher Presseberichterstattung über das Land in Szene setzen, welche guten Ideen, Worte und Taten sind im heutigen Teheran und Iran vorhanden? Wer sind die großen Denker und Führer aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft mit kreativen und inspirierenden Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden?”

Wir stellen uns dieselbe Frage. Hier gibt es mehr zum Thema.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Arseh Sevom

2 Antworten zu “Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 7. August 2012

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