Interview: Shirin Ebadi über die Situation von Lehrern in Iran

Shirin Ebadi

ICHRI, 2. Oktober 2012 – “Die veröffentlichte Liste inhaftierter Lehrer ist nicht vollständig, weil einige Familien aus Angst vor Verfolgung durch das Geheimdienstministerium darum gebeten haben, die Namen ihrer betroffenen Angehörigen nicht in die Liste aufzunehmen”, so die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi im Interview mit ICHRI.

Ebadi sprach mit ICHRI über eine neue Initiative für die Rechte von Lehrern und rief die iranische Regierung auf, “den legitimen Forderungen der Lehrer Gehör zu schenken und sich darum zu kümmern.”

Die von iranischen Lehrerrechtsaktivisten, Menschenrechtsorganisationen und -aktivisten, Journalisten, Lehrern und Anwälten – darunter auch Shirin Ebadi – gegründete Initiative “Be Voice of Iranian Teachers” ["Den iranischen Lehrern eine Stimme geben"] hatte vor Kurzem eine unvollständige Liste mit Namen von Lehrern und Lehrerinnen veröffentlicht, die wegen Mitarbeit in Gewerkschaften oder Teilnahme an Demonstrationen verhaftet bzw. inhaftiert wurden.

International Campaign for Human Rights in Iran (ICHRI): Was hat Sie zur Gründung der Kampagne “Be Voice of Iranian Teachers” inspiriert?

Shirin Ebadi: Diese Initiative ist tatsächlich eine auf internationaler Ebene reflektierte Stimme iranischer Lehrer. Auf Grund ihrer wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Forderungen werden iranische Lehrer inhaftiert, verlieren ihre Arbeitsstellen, und die einzige Antwort der Regierung auf ihre Anliegen bestand in Gewalt und unfairen Verurteilungen. Nach dem Juni 2009 [dem Datum der letzten iranischen Präsidentschaftswahl, d. Übers.] wurden Dutzende Lehrer inhaftiert. Einige von ihnen sitzen noch heute im Gefängnis und leisten lange Haftstrafen ab, z. B. Abdollah Momeni, dessen Bruder im Krieg fiel und der auf eine gute Bilanz als Lehrer zurückblicken kann.

ICHRI: Wie ernst ist die Situation dieser Lehrer?

Ebadi: Drei der auf der Liste aufgeführten inhaftierten Lehrer sind zum Tode verurteilt und in akuter Gefahr. In diesem Zusammenhang muss der junge Lehrer Farzad Kamangar erwähnt werden, der vor vier Jahren festgenommen und im Jahr 2010 hingerichtet wurde – ohne eine Chance auf ein faires Verfahren. Die Bedeutung dieser Initiative liegt darin, dass sie auf nationaler wie internationaler Ebene eine öffentliche Meinung demonstriert und zeigt, dass die Kritiker und Gegner des Regimes sich nicht nur aus Politikern zusammensetzen, sondern auch in der Zivilgesellschaft zu finden sind.

ICHRI: Handelt es sich bei den Lehrern auf der Liste um politische Aktivisten?

Ebadi: Diese Lehrer hatten keine politischen Forderungen. Wie wir jetzt beobachten können, versammeln sie sich manchmal für einige Tage vor dem iranischen Parlament und bringen ihre Forderung nach den ihnen zustehenden Rechten zum Ausdruck. Nach jeder Versammlung verlieren einige von ihnen ihren Job.
Die Initiative gibt den Menschen eine Stimme, die wegen Zensur und Repression kein Gehör finden können.

ICHRI: Die Kampagne hat eine Liste mit 39 Namen von Lehrern veröffentlicht, die verhaftet wurden bzw. im Gefängnis sitzen oder die von den Sicherheitsbehörden vorgeladen und verhört wurden. Sind auf der Liste alle in Iran verfolgten Lehrer aufgeführt?

Ebadi: Die Liste ist nicht vollständig, weil einige Familien aus Furcht vor Verfolgung durch das Geheimdienstministerium darum gebeten haben, die Namen ihrer betroffenen Angehörigen dort nicht zu nennen. Die Liste enthält deshalb nur Namen von Betroffenen, die bereit sind, sich möglichen Problemen mit dem Geheimdienstministerium zu stellen. Die Liste verdeutlicht, wie die Menschen, die unsere nächste Generation – die unser Land aufbauen muss – ausbilden, behandelt werden. Das neue Schuljahr hat begonnen, und die Schüler fragen sich, wo die freundliche Stimme geblieben ist, die sie bisher unterrichtet hat.
In unseren religiösen Lehren, denen iranische Staatsmänner sich angeblich verpflichtet fühlen, heißt es, dass das Lehren der Beruf von Propheten sei. Wir werfen unsere Lehrer ins Gefängnis, weil sie Forderungen haben, gegen niedrige Gehälter protestieren oder sich gewerkschaftlich engagieren.

ICHRI: Wie wirken sich diese Verhaftungen auf das neue Schuljahr aus, das gerade begonnen hat?

Ebadi: Es tut mir Leid für die junge Generation, deren Lehrer im Gefängnis sitzen. Einer der auf der Liste aufgeführten Lehrer wurde während seines Unterrichts im Klassenzimmer verhaftet und vor den Augen seiner geschockten Schüler in Handschellen abgeführt.

So viel Angst hat das Regime vor einem Lehrer, dass es mit der Verhaftung nicht warten kann, bis der Unterricht vorbei ist und die Kinder das Klassenzimmer verlassen haben. Woher kommt diese Angst des Regimes? Ich glaube, sie ist darin begründet, dass das Regime im Volk keine Basis hat, und so flößt sogar ein Klassenzimmer ihnen Angst ein. Ein Lehrer, der bei seinen Schülern beliebt ist, macht dem Regime Angst, weil es fürchtet, dass ein 10jähriger Schüler eventuell aufstehen und sich gegen das Regime erheben könnte.

ICHRI: Was würden Sie den iranischen Offiziellen bezüglich dieser Lehrer gern sagen?

Ebadi: Meine Botschaft an die iranische Regierung lautet: Schenkt den legitimen Forderungen der Lehrer Gehör und kümmert euch darum. Inhaftierung kann nicht die Antwort auf die logischen und rechtmäßigen Forderungen dieser zu den am stärksten benachteiligten Schichten gehörenden Leute sein. Wenn ihr die Lehrer einsperrt, gefährdet ihr die Zukunft. Wenn unsere Jugend mit ansieht, wie ihre Lehrer wegen ihrer gerechten Forderungen eingesperrt werden – welche Lektion ziehen sie aus solchen ungerechten Aktionen des Regimes? Zumal die Lehrer im Gefängnis keine ordentlichen Verfahren bekommen und einige von ihnen gefoltert wurden.
Ich möchte an die Folter erinnern, die Abdollah Momeni in einem Brief aus dem Gefängnis beschrieben hat und gegen die er formal Anzeige erstattet hat. Die Anzeige ist nicht bearbeitet worden. Stattdessen wurde ihm für lange Zeit der ihm zustehende Hafturlaub gestrichen.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: ICHRI

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