Appell eines inhaftierten iranischen Arbeiterrechtlers an internationale Gewerkschaften

Mansour Osanloo

Persian Icons, 7. Oktober 2012 –  Afshin Osanloo ist der Bruder Mansour Osanloos, eines führenden iranischen Gewerkschaftsaktivisten und Vorstandsmitglieds der Gewerkschaft der Beschäftigten der Busbetriebe im Großraum Teheran (einer unabhängigen Gewerkschaft, die sich mit viel Engagement für die Rechte der Arbeiter in Iran eingesetzt hat). Afshin Osanlou war im Herbst 2009 festgenommen worden und sitzt seitdem in Haft. In einem an die International Workers’ Transport Federation (ITF) und die International Labor Organization (ILO) adressierten Brief beschreibt Osanlou seine Geschichte, seine Situation im Gefängnis und seine Anliegen. Der Wortlaut, der der oppositionellen Webseite Kalemeh vorliegt, ist im Folgenden übersetzt.

Mein Name ist Afshin Osanloo. Ich bin ein iranischer Arbeiteraktivist und arbeite als Busfahrer auf Transit- und Intercity-Verbindungen. Ich bin im Gefängnis Rajai Shahr (Gohar Dasht) inhaftiert. Im Herbst 2009 wurde ich von bewaffneten Männern in Zivil im Pausenraum für Fahrer am Passagierterminal verhaftet und in den vom Geheimdienst geführten Trakt 209 des Evin-Gefängnisses gebracht. Fünf Monate lang saß ich in Trakt 209 der Haftanstalt des Geheimdienstes Sanandaj in Einzelhaft und wurde verhört und gefoltert. Die Folter bestand u. a. in Schlägen mit Kabeln auf die Fußsohlen, ich wurde zudem gezwungen, mit meinen durch die Schläge verletzten Füßen zu laufen. Ich wurde Verhören unterzogen, die bis zu 17 oder 18 Stunden dauerten. Ich wurde vulgär beschimpft und von mehreren Verhörbeamten extrem heftig verprügelt, wobei mir Rippen und Zähne gebrochen wurden. Während dieser fünfmonatigen Verhöre hatte meine Familie keinerlei Informationen über mich und meine Situation, all ihre Bemühungen, etwas in Erfahrung zu bringen, blieben erfolglos. Ich durfte meine Mutter – eine alte, sehr kranke Frau, die schon unter der Verhaftung und Inhaftierung ihres älteren Sohnes Mansour Osanloo schwer zu leiden hatte – nicht telefonisch kontaktieren.

Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne. Kurz nachdem ich eine Familie gegründet hatte, arbeitete ich zwei Jahre lang als Fahrer schwerer Maschinen für benachteiligte und vom Krieg zerstörte Provinzen in Südiran in der Zentrale der Khatam Al-Anbia der Revolutionsgarden. Dazu gehörte auch die Arbeit in wichtigen Projekten wie dem Bau von Straßen in Karkheh, dem Hafen von Mahshahr und dem Bau eines Wasserkanals vom Karkheh-Damm nach Hamidiyeh in Ahvaz. Aus Liebe zu meinem Land nahm ich die Trennung von meiner Familie in Kauf.

Nach zwei Jahren wurde ich wie andere Angestellte mit befristeter Arbeitserlaubnis entlassen. 1988 wurde ich von den Teheraner Busbetrieben eingestellt, wo ich als Busfahrer arbeitete. Ich stellte mich freiwillig für 12-Stunden-Tage und Nachtschichten auf einigen der meistbefahrenen Strecken zur Verfügung.

Während meiner vierjährigen Tätigkeit für die Teheraner Busbetriebe setzte ich mich zusammen mit meinen ehrenwerten und hart arbeitenden Kollegen für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Umsetzung eines effizienteren Managements ein. Wir protestierten gegen die Korruption, in die sehr viele Geschäftsführer in einer Vielzahl von Branchen und Regionen innerhalb der Firma verwickelt waren, darunter auch Repräsentanten des Islamischen Arbeiterrates. Wir stellten Nachforschungen über nicht ausgezahlte Boni und Gutscheine an, stellten sicher, dass die von Arbeitern geleistete Arbeit als schwierig und gefährlich eingestuft wurde, und setzten uns dafür ein, dass Zeitverträge für Arbeiter, deren Beschäftigungsverhältnis länger als 4 – 5 Jahre beträgt, abgeschafft werden. Dies sind nur einige Beispiele.

Auch wenn wir unsere Ziele nicht immer erreicht haben, waren wir dem gierigen mittleren Management dennoch ein Dorn im Auge, und sie wollten mit allen Mitteln dafür sorgen, dass wir verschwinden. Ständig wurden wir vom Management unter Druck gesetzt, uns wurde oft mit Kündigung gedroht.

2001 hatte ich beim Transport eines Passagiers auf meiner Route einen Unfall, bei dem unglücklicherweise ein anderer Fahrer ums Leben kam. Ich bat damals die Geschäftsführung um Unterstützung bei der Zahlung des Versicherungsanspruchs für den Verstorbenen. Die Geschäftsführung und die Familie des Verstorbenen vereinbarten jedoch, die Summe von 12000 auf 14000 Dollar anzuheben. Da die Differenz von der Versicherungsfirma nicht abgedeckt war, musste ich diese Summe aus meiner Tasche zahlen. Anderenfalls hätte ich riskiert, ins Gefängnis zu kommen. Ich beschwerte mich beim Arbeitsministerium, erhielt aber keine Antwort. Schließlich erklärte sich die Firma damit einverstanden, die Differenz zu zahlen, allerdings unter der Bedingung, dass ich kündige.

Durch meine Kündigung ergaben sich vier verschwendete Jahre in der Firma. Nach vier Jahren entschlossener, harter Arbeit musste ich wieder bei Null anfangen. Meine Familie hatte unter dem mit den Ereignissen einhergehenden Stress sehr zu leiden. Meine Frau, die damals schwanger war, entwickelte eine neurologische Störung.

Nach meiner Kündigung und bis zu meiner Verhaftung arbeitete ich als Busfahrer für den Transportsektor in den Vororten [Teherans]. Da es sich um eine private Fahrzeugflotte handelte, gab es die Vorteile starker und unabhängiger Gewerkschaften für die dortigen Fahrer nicht. Aber ebenso wie viele meiner ehrenwerten und hart arbeitenden Kollegen, die mit unendlich vielen Problemen zu kämpfen hatten, schaffte auch ich es irgendwie, über die Runden zu kommen. Wir sprachen und berieten uns oft miteinander, um unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Ich habe immer nach dem Gesetz gelegt und danach gestrebt, ein gesetzestreuer Bürger zu sein. Ich war zufrieden und stolz auf meine Karriere. Ich habe mich immer bemüht, andere respektvoll zu behandeln. Ich fühle mich meinem Land und meinen Landsleuten tief verbunden. Mein ganzes Leben lang habe ich der Gesellschaft gedient und das Ziel verfolgt, meine Söhne zu denselben Werten zu erziehen.

Nachdem ich ein Jahr lang in den Trakten 209 und 350 in völliger Ungewissheit verbracht hatte, verurteilte mich die 15. Abteilung des Revolutionsgerichts unter Vorsitz von Richter Salavati wegen Verschwörung gegen die nationale Sicherheit des Landes. Während des gesamten Prozesses durfte ich keinen Anwalt konsultieren, meine Gerichtsverhandlung dauerte nur wenige Minuten. Eine Woche später wurde ich zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Ich legte Berufung ein, aber kein Berufungsgericht hat sich je mit der Sache befasst. Meine Familie und ich sind nie über den Status der Berufung informiert worden.

Ich wurde auf Grund haltloser Anklagen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt und habe jetzt zwei Jahre abgesessen. Womit genau habe ich die nationale Sicherheit meines Landes gefährdet? Ich war weder politisch aktiv, noch gehörte ich einer politischen Gruppe oder Einheit an. Ich war Bürgerrechtler und habe mich bei meinen Aktivitäten immer im Rahmen des Gesetzes bewegt. Das einzige Verbrechen, das ich begangen habe, war, die gesetzmäßigen Rechte der Arbeiter einzufordern.

Die Probleme werden nicht verschwinden, wenn man alle verhaften und einsperren lässt, die die Wahrung der Arbeiterrechte fordern. Es kann nicht länger ignoriert werden, dass für den Schutz der gesetzlichen Rechte von Arbeitern gemäß den Regelungen für Beschäftigungssicherung des Arbeitsministeriums, bessere und der Inflation angepasste Gehälter, faire und ausgewogene Löhne, Zugang zu Vergünstigungen, Durchsetzung von unbefristeten Arbeitsverträgen, Aufsicht über den jetzt komplett privatisierten Transportsektor usw. unabhängige Gewerkschaften gebraucht werden.

Außerdem ist es erforderlich, die Arbeit und das Verhalten unserer Polizei- und Sicherheitskräfte innerhalb des Ministeriums für Straßen und Transport zu beaufsichtigen. Wenn die auf unserer Arbeitsgesetzgebung basierenden gewerkschaftlichen Forderungen eingehalten werden, werden wir nicht nur vermeiden, unsere nationale Sicherheit gefährden zu müssen, sondern wir werden zudem anhaltende Produktivität, Wachstum und wirtschaftliche Expansion auf nationaler Ebene sicherstellen.

Das einzige Verbrechen, das ich und andere begangen haben, besteht darin, dass wir derartige Themen auf den Tisch gebracht und die Herausforderungen, vor denen die Arbeiter stehen, mit unseren hart arbeitenden Kollegen und einigen Flottenmanagern diskutiert haben, denen die Industrie, unser Volk und unser Land als Ganzes am Herzen liegen.

Indem ich meinen Fall öffentlich mache, bitte ich die International Workers’ Transport Federation (ITF) und die International Labor Organization (ILO), den mühsamen Kampf ihrer leidenden Kollegen in Iran zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass ihre Stimmen überall auf der Welt vernommen werden. Ich bitte darum, internationale Menschenrechtsorganisationen auf unsere Situation hinzuweisen und zu fordern, dass sie die inakzeptable Situation der Arbeiter des iranischen Transportsektors untersuchen. Dazu gehören auch die ungerechten und illegalen Verurteilungen von Arbeitern wie mir.

Lassen Sie uns die Arbeiter auf der ganzen Welt, insbesondere im Transportsektor, darauf aufmerksam machen, dass die Grundrechte hart arbeitender Arbeiter in Iran noch immer total vernachlässigt werden und schon der geringste Protest unsererseits gegen solche Ungerechtigkeiten lediglich zur Folge haben, dass wir selbst und unsere Angehörigen eingesperrt, gefoltert und verfolgt werden.

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle,

Afshin Osanlou, 7. August 2012

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Icons/Banooye Sabz
Persisch: Kalemeh

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2 Antworten zu “Appell eines inhaftierten iranischen Arbeiterrechtlers an internationale Gewerkschaften

  1. Pingback: Iranischer Gewerkschafter Afshin Osanlou gestorben | Thomas Adolf's Blog

  2. Pingback: News vom 8. Oktober 2012 « Arshama3's Blog

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