Hossein Ronaghi Malekis offener Brief an Ayatollah Khamenei

He wrote under the pen name Babak Khorramdin

Kalemeh/Persian Icons, 21. Oktober 2012 – Der inhaftierte Menschenrechtsaktivist und Blogger Hossein Ronaghi, der während seines Hafturlaubs im Einsatz als freiwilliger Helfer in einem Camp für Erdbebenopfer in der Provinz Ost-Aserbaidschan unter Schlägen verhaftet wurde, hat den obersten iranischen Führer Ali Khamenei in einem offenen Brief aufgefordert, sich zu den eklatanten Missachtungen der Grundbedürfnisse tausender Erdbebenopfer zu äußern, die auch kurz vor Einbruch des extrem harten Winters weiterhin ohne Schutz sind.

Der vollständige Wortlaut des Briefes, den Ronaghi Maleki im Evin-Gefängnis verfasste, liegt der oppositionellen Webseite Kalemeh vor. Es folgt die Übersetzung:

Im Namen des Gottes von Leben und Weisheit
und [im Namen] eines jeden, der gläubig ist, an gute Taten glaubt und weder Unterdrückung noch Unglück fürchtet.

An Ayatollah Khamenei

Ich grüße Sie. Ich, Hossein Ronaghi Maleki, politischer Gefangener in Abteilung 350 des Evin-Gefängnisses, habe mich entschlossen, an Sie zu schreiben. Denn ich glaube, dass die Reisen Eurer Exzellenz in verschiedene Städte und Provinzen unseres Landes von Eurer Motivation getragen sind, sich ein Bild von den Sorgen, Problemen und Nöten unserer Menschen zu machen, um das Leben unserer leidenden Bürger leichter zu machen.

Ich bin sicher, dass es ungeachtet des Urteils der Islamischen Republik gegen mich und meinesgleichen immer noch einige wenige Menschen im herrschenden Establishment gibt, die gewillt sind zuzugeben, dass diejenigen, die sich für ein Leben hinter Gefängnismauern entschieden haben, nichts anderes wollen als Fortschritt und Größe für unser Land.

Ayatollah Khamenei,
in diesem Sommer haben unsere Landsleute in Aserbaidschan ein Erdbeben erlebt, dass ihr Leben in Trümmern zurückließ und ihre Familien und Angehörigen für immer prägte. Die Nachbeben, die extrem kalte Witterung, fehlende Unterstützung und falsche Versprechen seitens der Regierung haben die Not der Opfer dieser Naturkatastrophe noch verschlimmert.

Die Situation ist so ernst, dass sogar der Gesundheitsminister und der Gouverneur von Ost-Aserbaidschan öffentlich erklärten, dass “zwei Monate nach dem Erdbeben noch immer mehr als 120 000 Menschen trotz der extrem harten winterlichen Bedingungen in vorläufigen Zeltunterkünften leben. Viele der Erdbebenopfer haben keinen Zugang zu Grundversorgung wie Bad und Heizung und leiden unter Hauterkrankungen und lebensbedrohlichen ansteckenden Krankheiten”. Gleichzeitig wenden Regierungsbeamte weiterhin exorbitante Summen auf, um die Provinzen zu bereisen oder mit ihren Familien zur Jahresversammlung der Vereinten Nationen zu fahren – ganz zu schweigen von den Geldern, die nach Syrien, Libanon und in andere Länder fließen. Sind die vom Erdbeben betroffenen Gebiete in den vergangenen Monaten wirklich wieder aufgebaut worden, wie der Vizepräsident von Herrn Ahmadinejad behauptet?

Herr Khamenei,
sind die Tatsache, dass Ahmadinejad zum Zeitpunkt des Erdbebens nach Mekka reiste, und die unerklärliche Gleichgültigkeit des staatlichen Rundfunksenders IRIB, der die Tragödie als Bedrohung unserer nationalen Sicherheit darstellte, [weshalb] eine große Zahl freiwilliger Helfer verhaftet wurde, nicht unverhohlene Hinweise auf die Gleichgültigkeit der Behörden der Islamischen Republik gegenüber der iranischen Nation und den Opfern des erdbebengeschüttelten Aserbaidschan?

Erklärt dieses Verhalten nicht, warum die Öffentlichkeit sich mehr und mehr vom herrschenden Establishment distanziert? Ist es nicht natürlich, dass ich, wie viele meiner iranischen Landsleute, angesichts eines so unverantwortlichen Verhaltens Schmerz empfinde? Es ist nur natürlich, dass ich ebenso wie meine Landsleute das Leid dieser schutzlos der Kälte ausgelieferten Menschen in Aserbaidschan mitempfinde. Es bereitet mir Schmerzen, daran zu denken, wie diese Menschen zusätzlich zu ihren endlosen Problemen mit unzähligen Krankheiten zu kämpfen haben.

Sind Sie sich darüber im Klaren, dass die Regierungsbeamten, die den Luxus ihrer geheizten Wohnungen genießen, immer neue falsche Versprechungen bezüglich des Wiederaufbaus der vom Erdbeben zerstörten Regionen machen? Und dabei haben sie den meisten Erdbebenopfern bisher noch nicht einmal geeignete Notunterkünfte zur Verfügung gestellt. Ist Ihnen bekannt, dass viele unserer aserischen Landsleute bei Überschwemmungen in der Region ums Leben kamen und andere völlig sich selbst überlassen wurden?

Ayatollah Khamenei,
vielleicht wurden Sie nicht über die spontane, unerwartete und zahlreiche Präsenz freiwilliger Helfer aus allen Bereichen des Lebens unmittelbar nach dem Erdbeben in Kenntnis gesetzt. Diese Freiwilligen haben die Pflichten ihres Alltags hinter sich gelassen, die Ärmel hochgekrempelt und Seite an Seite mit den offiziell entsandten Helfern gearbeitet, vielleicht sogar härter als diese. Leider stießen sie nicht auf Wertschätzung. Viele der Freiwilligen wurden geschlagen und von Zivilagenten und Agenten des Geheimdienstministeriums Tabriz ohne gesetzliche Grundlage verhaftet.

Nach meiner Überzeugung ist die Justiz die Wurzel all dieser Ungerechtigkeiten. Denn anstatt die Freiwilligen und ihre legale humanitäre Arbeit zu schützen und zu unterstützen, haben sie sich dem Einfluss des Sicherheits- und Geheimdienstapparates gebeugt und ohne jede Provokation oder Rechtfertigung Anzeigen gegen die Freiwilligen konstruiert, so dass diese schließlich verhaftet wurden. Warum Menschen, die sich freiwillig melden, um Erdbebenopfern zu helfen, mit Gefängnisstrafen belohnt werden, bleibt uns unergründlich. Vielleicht können Eure Exzellenz als oberster Führer der Islamischen Republik Iran uns Antwort auf unsere Frage geben. Trotz der Folgen des Erdbebens und der Not der Opfer sind der Verantwortungssinn und das Mitgefühl aller Iraner für die Landsleute in den erdbebengeschüttelten Regionen Bam und Roudbar nicht vergessen, und es wurde nochmals allen vor Augen geführt, dass Aserbaidschan in der Tat ein integraler Bestandteil Irans ist.

Herr Khamenei,
ich bin einer der vielen Freiwilligen, die verprügelt und verhaftet wurden, weil sie den hilflosen Erdbebenopfern eine Hand der Freundschaft gereicht und Menschlichkeit und Hilfe angeboten haben. Man hat uns ständig damit gedroht, unsere Familien und Angehörigen zu verhaften. Ich selbst befand mich [zum Zeitpunkt des Erdbebens] auf Hafturlaub und empfand eine menschliche und nationale Verpflichtung, persönliche Angelegenheiten wie meine medizinische Behandlung beiseite zu lassen, um meinen Landsleuten in Aserbaidschan zu dienen. Infolge meiner spontanen humanitären Unterstützung der Erdbebenopfer musste ich das willkürliche und illegale Vorgehen des Geheimdienst- und Sicherheitsapparates miterleben. Durch die Schläge, die man mir bei meiner Verhaftung zufügte, erlitten meine Nieren schwere Schäden.

Ist es unangemessen, wenn ich Sie als den obersten Führer der Islamischen Republik Iran unter der Maßgabe, dass der Inhalt meines Briefes wahr ist, darum bitte, die Offiziellen, die das Gesetz gebrochen und umgangen und derartige Lügen verbreitet haben, vor einem unabhängigen Gericht zur Verantwortung zu ziehen?

Ist es unangemessen zu fordern, dass sie der Not und dem Leid der unschuldigen, dem harten Winter ausgesetzten Erdbebenopfer in Aserbaidschan mehr Beachtung schenken?

Selbstverständlich muss das herrschende Establishment sich ebenfalls an die Gesetze halten. Denn wenn die Mächte das Gesetz ignorieren und den Bürgern ihre Grundrechte entziehen, wenn Bürger Opfer von Ungerechtigkeit werden und ihrer nationalen Sicherheit verlustig gehen, werden das Misstrauen und die Kluft zwischen Volk und Regierung weiter wachsen – eine Situation, deren Zeugen wir alle dieser Tage leider sind.

Unser geschätzter Dichter Saadi sagte:

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder
Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder
Hat Krankheit nur einzig Glied erfasst
So bleibt anderen weder Ruh und Rast
Wenn Anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt
Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt. *)

Hochachtungsvoll,
Seyed Hossein Ronaghi Maleki
Evin, Abteilung 350

Bitte unterstützen Sie mit Ihrer Unterschrift diese Petition für Hossein Ronaghi Maleki. Vielen Dank!

*) Übersetzung des Gedichtes von Saadi: Karl Heinrich Graf, http://de.wikiquote.org/wiki/Saadi

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Icons/Banooye Sabz
Persisches Original: s. Quelle

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2 Antworten zu “Hossein Ronaghi Malekis offener Brief an Ayatollah Khamenei

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