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Angebliches Statement iranischer Militärs verurteilt Vorgehen der Revolutionsgarden gegen Proteste

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009 auf Homylafayettes Blog/
Quelle (Englisch): http://homylafayette.blogspot.com/2009/12/iran-army-statement-against-crackdown.html
Autor: Homylafayette
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Ein am späten Donnerstag Abend veröffentlichtes Statement, das angeblich von Mitgliedern des Militärs der Islamischen Republick stammen soll, warnt Elemente innerhalb der Revolutionsgarden davor, die Niederschlagung des iranischen Volkes fortzusetzen.

Das Statement wurde zuerst auf der Seite Gooya News veröffentlicht, einer normalerweise verlässlichen Quelle. Das Statement verbreitete sich rasch über das Internet. Gestern abend wurde es von Demonstranten in Paris vorgelesen:

In Iran schließt der Ausdruck “bewaffnete Streitkräfte” oder “Nirouhayeh Mossalah” die drei normalen Zweige des Militärs – Armee, Marine und Luftwaffe – sowie die Revolutionsgarden (IRGC) ein. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass der IRGC ebenfalls über Bodentruppen, Marina und Luftwaffe (und zusätzlich die Ghods- Spezialeinheiten und die Basij) verfügt. Ich verwende in dem Statement den Ausdruck “das Militär” – im Statement “Artesh” für die reguläre Armee, die Luftwaffe und die Marine.

Wie echt die Quelle dieses Statements ist, kann nicht bestätigt werden. Einige Stellen im Text sind allerdings bemerkenswert. Warum hat der (oder die) Verfasser keine Marinesoldaten in die Unterschriftenliste aufgenommen? Warum wurden Ausbilder und Professoren in die Liste aufgenommen? Warum sind detaillierte Einzelheiten zu Organisationen, Orten und Mitarbeitern enthalten?

Hat das Regime diese Orte als Brutstätten abweichender Meinungen identifiziert, und hat sie dieses Statement veröffentlicht, um künftige Säuberungen zu rechtfertigen? So erscheint es z. B. nicht glaubwürdig, dass regierungskritische Professoren der Imam-Ali-Universität für Offiziere, die eine vergleichsweise geringe Anzahl von Professoren hat, sich so deutlich identifizieren.

Oder stammt dieses Statement wirklich von Militärs?

Hier ist die Übersetzung des Textes:
Im Namen des reinen Gottes (Anm. anstatt des arabischen Worts “Allah” wird das Wort “Yazdan” verwendet. Yazdan kommt aus der alten iranischen Sprache Pahlavi. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass der oder die Autor(en) des Statements eher patriotisch als religiös sind. Es könnte aber auch bedeuten, dass der oder die Autor(en) Militärs ins Visier nehmen, die eher patriotisch als religiös sind).

Das Militär ist die Zuflucht der Nation
In den Jahren der heiligen Verteidigung (Anm. der Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988), als wir Schulter an Schulter mit unseren Brüdern von den Revolutionsgarden dieses Land verteidigten, verteidigten wir in Wahrheit die Ehre und Würde, das Leben und den Besitz des iranischen Volkes. Das Land ist kostbar, weil die iranische Nation kostbar ist.
Die Waffen der Revolutionsgarden und des Militärs müssen diesem Land dienen, und das Leben [der Soldaten der Revolutionsgarden] muss für das iranische Volk geopfert werden.

In den Tagen, wo wir neben unseren Brüdern von den Revolutionsgarden unser Leben für diese Nation gaben, hätten wir uns nie vorstellen können, dass ein Tag kommen würde, an dem eine Gruppe von Gardisten sich dem Wunsch der großen Mehrheit der aufrichtigen und ergebenen Mitglieder der Revolutionsgarden die Macht ihrer Waffen gegen diese Nation erheben würde.

Das Militär sieht sich als Zuflucht der Nation an und hat Forderungen von Politikern nach Unterdrückung des Volkes nie erfüllt. Es ist seinem Schwur treu geblieben, sich nicht in die Politik einzumischen, aber es kann nicht schweigen, während seine Landsleute verfolgt und verletzt werden. Darum warnen wir diejenigen, die den Revolutionsgarden aufgezwungen wurden und die mit Aggression und Tyrannei gegen das Leben und die Würde und die Ehre des iranischen Volkes vorgehen und die mehr als jeder andere das Blut der Märtyrer der Streitkräfte unseres Landes verraten haben, seien es Revoultionsgardisten oder Militärs. Wir warnen sie nachdrücklich, dass sie, wenn sie ihren Kurs nicht ändern, mit der Reaktion der selbstlosen Männer des Militärs konfrontiert werden. Das Militär ist die Zuflucht des Volkes, und es wird bis zum letzten Blutstropfen das friedliche iranische Volk gegen jeden Aggressor verteidigen.

[unterzeichnet]
- Eine Gruppe von Piloten und Personal der Luftwaffe der Islamischen Republik (Havanirooz)
- Eine Grupe von Befehlshabern und Personal der 33. Artillerie-Division Isfahan
- Eine Gruppe von Piloten und Soldaten der Luftwaffe der Islamischen Republik (Nahaja)
- Die Shahid Sattari-Universität der Luftwaffe der Islamischen Republik Iran (Nahaja)
- Eine Gruppe von Mitarbeitern des Befehlsstabes der Luftwaffe der Islamischen Republik Iran (Nahaja)
- Eine Gruppe von MItarbeitern des Logistischen Ausbildungszentrums der Armee der Islamischen Republik Iran
- Eine Gruppe von Professoren und Offiziellen der Imam-Ali-Universität für Offiziere
- Eine Gruppe von Mitarbeitern und Offiziellen der Kommandozentrale des Militärs

Salman Sima: Verhaftet, gebrochene Rippen – wenn Studenten zur “Gefahr für die nationale Sicherheit” werden

Veröffentlicht auf homylafayettes Blog
Quelle (Englisch): http://homylafayette.blogspot.com/2009/12/iran-student-salman-sima-prison.html
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben.

Salman Sima

In den frühen Morgenstunden des 4. November 2009 war der studentische Aktivist Salman Sima vor seiner Wohnung verhaftet worden. Sicherheitsagenten hatten dort auf den Studenten der Freien Universität gewartet, der sein Apartment mehrere Tage nicht betreten hatte.

 

In einem verzweifelten Versuch, die für den “Tag der Studenten” am 7. Dezember geplanten großangelegten Demonstrationen zu verhindern, verhaftet das Regime seit längerer Zeit studentische Aktivisten. (Anmerkung: der iranische Tag der Studenten findet am 16. Azar statt, nicht am 17. November, dem Internationalen Studententag. Dieser Tag steht im Iran nicht nur allgemein im Zeichen der Studenten, sondern gedenkt außerdem der Ermordung von drei Studenten der Teheran-Universität durch die Polizei des Schah im Jahre 1953, kurz nachdem der Schah durch einen Putsch wieder an die Macht gelangt war).

Salman Sima ist Mitglied der iranischen Alumni-Organisation Advareh Tahkimeh Vahdat, einer Mitgliedsorganisation der größten iranischen Studentenorganisation Daftareh Tahkimeh Vahdat (“Büro zur Konsolidierung der Einheit”).

Sima verbrachte im vergangenen Jahr 34 Tage in Einzelhaft und wurde Anfang August 2008 gegen eine Kaution in Höhe von 60.000 Dollar entlassen. Er war Anfang Juli 2008 verhaftet worden, kurz vor den Demonstrationen zum 9. Jahrestag des vom Regime gewaltsam niedergeschlagenen Studentenaufstands am 9. Juli 1999.

Sima machte seinen Abschluss in Wirtschaftsingenieurwesen (“industrial engineering”) an der Freien Universität Süd-Teheran und ist derzeit Student der Energiewirtschaft an der Freien Universität Zentral-Teheran. In der Zeit vor seinem Abschluss veröffentlichte er die Zeitung Sokhaneh Tazeh (Neuer Kommentar), die später verboten wurde. Nachdem er im Jahr 2006 eine Zeremonie zum 7. Dezember organisiert hatte, erhielt er ein zweisemestriges Studienverbot und musste an die Freie Universität Karaj wechseln. In Karaj organisierte er jedoch im Jahre 2008 wieder eine Veranstaltung zum 7. Dezember – die einzige Veranstaltung dieser Art in der Provinz Teheran in jenem Jahr.

Am 2. Dezember gab Simas Schwester dem Sender Voice of America (VoA)ein Interview.

Setareh Derkhshesh (VoA)
Kurz vor dem Tag der Studenten am Montag befinden sich noch immer mehr als 15 Studenten in Haft. Einer von ihnen ist Salman Sima. Er wurde wegen seiner Aktivitäten an der Freien Universität verhaftet. Seine Familie, die ihn 20 Tage nach seiner Verhaftung endlich sehen konnte, berichtet, dass er im Gefängnis so heftig geschlagen wurde, dass er Rippenbrüche erlitt. Arash Sigarchi sprach am Telefon mit seiner Schwester Saedeh Sima.

Saedeh Sima:
Er wurde im November vor seinem Haus verhaftet. Mehrere Personen begleiteten Salman nach oben und durchsuchten sein Zimmer über eine Stunde lang. Sie nahmen einen PC und mehrere CDs mit. Soviel wir wissen, bzw. wie man uns sagte, befindet er sich in Abteilung 209 von Evin.

Arash Sigarchi:
Warum wurde er verhaftet?

Saedeh Sima:
Es gibt keinen besonderen Grund. Im Haftbefehl steht, dass er die nationale Sicherheit gefährdet hat. Ich glaube aber, dass Salman wie seine Freunde, die ebenfalls im Gefängnis sind, einfach nur ein Freiheitskämpfer ist, der sich für die Freiheit engagiert hat. In einer Diktatur, deren Regierung durch einen Staatsstreich an die Macht gelangt ist, gibt es für Freiheitskämpfer und politische Aktivisten, die sich für die Freiheit einsetzen, keinen anderen Platz als das Gefängnis. Ich hoffe, dass alle politischen Gefangenen, insbesondere diese Studenten, die vor dem 7. Dezember verhaftet wurden, frei kommen.

Arash Sigarchi:
Haben Sie rechtliche Schritte unternommen, und haben diese etwas bewirkt?

Saedeh Sima:
Ja, wir haben viele Schritte unternommen. Wir waren auch beim Revolutionsgericht… aber dort haben wir keine richtigen Antworten erhalten.

Ramin Pourandajanis Rede bei seiner Abschlussfeier

Eingestellt auf homylafayette’s blog am Dienstag, dem 17. November 2009
Quelle (Englisch):http://homylafayette.blogspot.com/2009/11/eternal-is-one-whose-heart-has-awakened.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben.

‘Ewig ist der, dessen Herz für die Liebe erwacht ist…”
Die Rede des toten Zeugen von Kahrizak bei seiner Abschlussfeier

Der Arzt Ramin Pourandarjani, der in der berüchtigten Haftanstalt Kahrizak arbeitete, ist im Alter von 26 Jahren am Dienstag, dem 10. November unter verdächtigen Umständen ums Leben gekommen. Dies berichten iranische Medien. Er war als Zeuge vor das Sonderkomitee zur Untersuchung der Fälle von Misshandlungen und Todesfällen von verhafteten Teilnehmern an den Protesten gegen die Präsidentschaftswahl geladen worden und hatte sich geweigert, die Versuche zur Schönfärberei der Gräueltaten zu bestätigen.
(Ein englischsprachiger Bericht über den Tod von Pourandarjani, aktualisiert am 17. November 2008 um 12:00 GMT findet sich hier)

Ein neu auf YouTube eingestelltes Video zeigt Pourandarjani im vergangenen Jahr bei seiner Rede anlässlich der Abschlussfeier an der Medizinischen Hochschule. Sein jugendlicher Idealismus und seine Abschiedsworte erhalten angesichts seines verfrühten Todes eine neue und schmerzliche Bedeutung. Eine Übersetzung der Rede ist unten angefügt.

Ruhe in Frieden.

Ramin Pourandarjani:
Im Namen Gottes. Grüße.

Ich spreche im Namen all der Freunde (Pourandarjani verwendet das Wort “bacheha”, was wörtlich “Kinder” bedeutet und das man für Freunde und Gleichaltrige benutzt), die heute hier anwesend sind, um ihren Abschluss gemeinsam mit ihren Familien, Freunden und Professoren zu feiern.

Ich muss zuerst unsere lieben Gäste begrüßen. Ich beginne bei den hoch geschätzten Professoren, die sich die Mühe gemacht haben, zu dieser Feier zu kommen, bei der wir als Ergebnis ihrer harten Arbeit unsere Flügel ausbreiten und zum ersten Male fliegen werden. Ihre Gegenwart stärkt unsere Herzen. Wir küssen Ihre Hände und werden Ihre Anstrengungen immer wertschätzen.

Dann möchte ich unsere verehrten Mütter und Väter willkommen heißen, die den Weg von Tabriz und anderen Teilen Irans auf sich genommen haben, um heute hier zu sein (Pourandarjani wurde am Donnerstag, 12. November in Tabriz beerdigt). Wir können euch eure Anstrengungen niemals zurückzahlen. Wir hoffen, euch stolz zu machen und nicht zu beschämen.

Meine nächsten Worte richten sich an die Kinder. Kinder, sieben Jahre sind vergangen, mehr oder weniger. Wir haben viele, viele gemeinsame Erinnerungen an diese sieben Jahre, manche guten, manche schlechten. Erinnerungen, die für jemanden, der nie Medizinstudent war, vielleicht schwer zu verstehen sind – Erinnerungen daran, wie wir durch die Gänge liefen, um eine Biochemie-Prüfung hinauszuzögern, oder an die strapaziösen Schichten in der Notaufnahme. Wir haben so viele Erinnerungen.

Und jetzt ist der Tag des Abschieds gekommen. Abschied ist ein bitteres Wort, doch wir sind zusammengekommen, um einander herzlich auf Wiedersehen zu sagen.

Kinder, die Schichten in der Notaufnahme waren hart, die Schichten während des klinischen Semesters waren hart. Manchmal waren wir so erschöpft. Wir redeten oft miteinander. Einer von uns sagte, worauf haben wir uns da eingelassen? Und dann begannen lange Debatten, an deren Ende wir zu dem Schluss kamen, dass wir immer wieder dieselbe Entscheidung treffen würden wie vor sieben Jahren, selbst wenn wir die Uhren tausend Mal zurückdrehen würden.

Kinder, wir sind die Erben von großen Persönlichkeiten, von Männern wie Rhazes, Hippocrates, Avicenna und Hakim Jorjani. Seit Anbeginn der Geschichte der Menschheit wurde ein großer und heiliger Geist durch diese berühmten Figuren in Form unserer weißen Kittel an uns weiter gegeben. Unsere Professoren, die heute hier anwesend sind, haben diesen Geist in unseren Herzen geweckt.

Und Kinder: Wir sind heute hier, um zu sagen, dass wir unseren Weg mit Liebe weitergehen werden.

Oh Träger des Weins, erhelle mein Glas mit Wein,
Oh Minnesänger, sag, das Glück sei nun mein.
Das Antlitz meiner Geliebten spiegelt sich in meinem Glas
Wie wenig weißt du davon, wie der Wein
mir immer erlaubt, ich selbst zu sein
Ewig ist der, dessen Herz für die Liebe erwacht
Ewige Schriften bestimmen so mein Sein.

(Beginn des Ghazal Nr. 11 des geliebten Hafiz, 1315 – 1390. Englische Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Shahriar Shahriari, deutscher Übersetzungsversuch der englischen Übersetzung von Julia – ich habe online leider keine fachgerechte deutsche Übersetzung finden können.)

Danke an @homylafayette

Gehirnwäsche für Kinder: Basij-Milizen sollen in 6000 Grundschulen etabliert werden

Veröffentlicht auf homylafayette’s blog am 12. November 2009
Autor: homylafayette
Quelle (Englisch): http://homylafayette.blogspot.com/2009/11/brainwashing-children-basij-militia-to.html
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post und zum Original angeben.

Ein führender Offizieller der Revolutionsgarden (IRGC) hat angekündigt, dass in Kürze erstmals seit der Islamischen Revolution an iranischen Grundschulen Basij-Milizen etabliert werden sollen. Der aufwändige Plan sieht vor, an 6000 Grundschulen landesweit Basij-Milizen einzuführen, sagte IRGC-General und Chef der Schüler- und Lehrer-Basij-Organisation.

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Mohammad Saleh Jokar


“Wir möchten die Aktivitäten der Basijis an den Grundschulen ausweiten, weil Schüler in diesem Alter beeinflussbarer sind als in späteren Phasen ihres Lebens”, sagte Jokar in einem am Montag veröffentlichten Interview mit Mehr News. “Wir beabsichtigen, die Grundschüler zu einem revolutionären und Basij-gemäßen Denkprozess zu erziehen und diesen zu fördern.”

Die Milizen sind seit ihrer Gründung vor 30 Jahren an Mittel- und Oberschulen präsent, doch das Gründungsgesetz der Schülerbasij, das vom Parlament am 29. April 1996 verabschiedet wurde, bevollmächtigt die Basij auch zur Präsenz an Grundschulen. “Wir haben aus Mangel an finanziellen Mitteln bisher noch keine Basij-Einheiten an Grundschulen eingerichtet, aber in diesem Jahr wurden uns mehr Mittel zugeteilt”, erklärte Jokar gegenüber Mehr News.

Offenbar ist die Indoktrination von Kindern trotz sinkender Staatseinkünfte für das Regime zur Priorität geworden, seit die Protestbewegung auch auf Schulen übergreift. Das folgende Filmmaterial zeigt Schülerinnen einer Mädchenschule, die am 4. November ein studentisches Protestlied singen.

Ein anderes Video zeigt Schüler, die rufen “Wir wollen keine Kartoffelregierung”, in Anspielung auf Gerüchte, dass Wähler während Ahmadinejads Wahlkampagne vor der Wahl am 12. Juni mit Säcken voller Kartoffeln bestochen wurden:

Anlässlich der Woche der Schüler-Basijis, die in die Feierlichkeiten zum 4. November mündete, erklärte Jokar Ende Oktober gegenüber Fars News stolz, dass 36.000 Schulkinder während des Iran-Irak-Krieges den “Märtyrertod” gestorben seien. Die Organisation kultiviert mit ihren Büchern und Plakaten einen Märtyrerkult. Mohammad Hossein Fahmideh wurde in der diesjährigen Woche der Schüler-Basijis geehrt und als Vorbild für junge Menschen präsentiert. Die offizielle Version der Geschichte besagt, dass Fahmideh sich im Jahre 1980 im Alter von 13 Jahren freiwillig als Soldat meldete. In der Schlacht um Khorramshahr kroch er mit einer entsicherten Handgranate unter einen herannahenden irakischen Panzer. Er starb bei dem Selbstmordanschlag, der die irakische Kolonne an einer engen Stelle stoppte.

Die Organisation der Schüler-Basijis behauptet auf ihrer Internetseite, dass sie 4,6 Mitglieder im Schüler-/Studentenalter hat. Allerdings lässt Jokars Fars News gegenüber geäußerte Behauptung, dass drei Millionen Schüler und Schülerinnen an den Feierlichkeiten zum 4. November teilnehmen würden, Zahlen aus dieser Quelle etwas suspekt erscheinen. “60% der Kinder an Mittel- und Oberschulen sind Basijis”, erklärte er Fars News gegenüber in demselben Interview.

Jokar forderte alle interessierten Grundschüler auf, Formulare auszufüllen, die bei den Basij-Einheiten ihrer Schulen erhältlich seien. “Sie werden Basij-Ausweise erhalten”, versicherte Jokar in dem Gespräch mit Mehr News.

(Danke an @homylafayette)

Mehdi Karroubis Videobotschaft nach dem Angriff auf ihn bei der Medienmesse

Quelle (Englisch): http://homylafayette.blogspot.com/2009/10/mehdi-karroubis-video-message-following.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben.

Am Freitag nachmittag hat Oppositionsführer Mehdi Karroubi die Medienmesse in Teheran besucht. Nachdem eine große Gruppe seiner Anhänger ihn laut begrüßte, wurde er beim Verlassen der Ausstellungshalle angegriffen. Berichte über die Angriffe finden sich hier.

Karroubi hat sich in einer Videobotschaft zu den gestrigen Ereignissen geäußert. Er wirkt unbeeindruckt, und obwohl er am Freitag von einem Projektil verletzt wurde, ist davon auf seiner Stirn nichts mehr zu sehen. Hier folgt die Übersetzung seiner Botschaft:

Mehdi Karroubi:
Im Namen Gottes, des Gnädigsten und Barmherzigsten.

Bezüglich der Ereignisse gestern bei der Medienmesse müssen drei Punkte erwähnt werden. Einer bezieht sich auf die Umstände, der zweite auf die Motive und der dritte auf mich selbst.

Zu den Umständen: Ich bin immer zu Ausstellungen gegangen und werde das auch weiterhin tun. Bei diesem Besuch haben einerseits die Menschen auf sehr großzügige Weise ihre Freundlichkeit zum Ausdruck gebracht, und ich habe mich sogar noch umgedreht und sie gebeten, keine Parolen zu rufen. Andererseits haben Einzelne – und das sind diejenigen gewesen, die alles losgetreten haben – zu rufen begonnen “Tod dem Heuchler”, um die Menschen zu provozieren. Die große Mehrheit der Menschen stand dort und rief Parolen, die anderen Personen riefen ebenfalls Parolen, und nach einer Weile haben wir die Ausstellung verlassen. Auf dem Weg nach draußen – und das folgt dem Schema, das bestimmte Leute geplant hatten – leiteten sie uns in eine Richtung, in der die Menschen hinter uns uns nicht frei folgen konnten, was dazu führte, dass sie etwas radikaler auftraten.

Der zweite Punkt betrifft die Motive. Das war nicht das erste Mal. Schon bei meinem Besuch von Masoumehs Schrein anlässlich des Märtyrertodes von Imam Sadegh… Wo immer ich auch hingehe, werden solche Aktionen zur Regel. Glücklicherweise reagieren die Menschen spontan. Sie wollen mich davon abhalten, an Versammlungen teilzunehmen und mich isolieren, so wie sie auch die Büros meiner Partei geschlossen haben und [unverständlich] (Anmerkung: Die Büros von Karroubis politischer Partei Etemaad-e Melli und seiner Zeitung Etemaad-e Melli waren Anfang September geschlossen worden. Ein Bericht dazu findet sich hier.) Sie möchten, dass ich zu Hause sitze und nicht hinausgehe. Das ist der Grund, warum sie diese Dinge tun – um mich davon abzuhalten, hinauszugehen.

Der dritte Punkt, den ich erwähnen möchte ist, dass sie all diese Maßnahmen meinetwegen ergreifen. Ich bin kein Neuling in diesen Dingen, und ich habe nicht erst vor Kurzem damit angefangen, mich so zu äußern. Im Jahre 1989, nach dem Tod von Imam Khomeini, habe ich mich mit dem 3. Parlament angelegt und die Abweichungen angeprangert, die in der Expertenversammlung stattfanden…
In allen diesen Fällen habe ich immer eine klare Position bezogen. Ich habe mich immer geäußert, und ich habe schwierige Situationen durchlebt. Selbst damals wurden viele meiner Freunde täglich in das Geistliche Sondergericht oder in normale Gerichte einbestellt. Ich war immer standhaft und habe diese harten Zeiten ausgehalten.
(Anmerkung: Karroubi zielt hier auf das Herz der Identität des islamischen Regimes und des Verständnisses von Velayat-e Faghih – der Führung des Rechts – aus dem der Oberste Führer seine Macht ableitet. Wie Karroubi erwähnt, hat diese philosophische Fragestellung das Regime seit Khomeinis Tod belastet: Was genau ist die Rolle der Expertenversammlung und wie viel unbestrittene Macht übt der Oberste Führer aus? Hardliner sind der Ansicht, dass die Expertenversammlung keinerlei Aufsicht über den Obersten Führer ausüben sollte und dass sie den Anwärter auf die Position des Obersten Führers eher offenbart als wählt.)

Zudem war ich in jenen Tagen isoliert, und den Menschen waren Fragen nach der Aufsicht und der Expertenversammlung nicht bewusst… heute jedoch sind die Menschen vereint, zumindest trifft das auf eine Mehrheit der Menschen zu, und sie haben sich positioniert und sind standhaft.

Unter solchen Umständen muss ich bei jeder Gelegenheit präsent sein – sei es eine Demonstration, sei es der Gedenktag zum 22. Bahman (Anmerkung: Datum des Sieges der Revolution am 11. Februar 1979), sei es Ashura (Anmerkung: Religiöser Feiertag zum Angedenken an den Märtyrertod Hosseins). Welcher Tag und welcher Ort es auch immer ist: wir müssen präsent sein. Aber wir werden einen Schritt weiter gehen. Bisher haben wir unseren Freunden nicht gesagt wohin wir gehen usw. Jetzt sagen wir es, auch wenn wir uns damit die Kritik unserer Freunde riskieren. Wir werden nicht zurückweichen. Wir denken an unseren Pakt mit dem Imam und dem Volk, wir bleiben der Islamischen Republik und der Verfassung treu. Wir weichen nicht von diesem Weg ab, mit Gottes Segen, und wir fürchten nichts.

So Gott will werden wir sehen, wer treu war und wer nicht. Unter geeigneten Bedingungen, wenn entweder beide Gruppen an der Macht sind oder keine von beiden, werden wir sehen, wer bereuen muss und wer nicht.
Wenn eine Gruppe an der Macht ist und die andere nichts hat, kann man über Reue reden so lange man will. Diejenigen, die bereuen müssen, sind die, die die Islamische Republik verraten haben und von ihr abgewichen sind, diejenigen, die die Islamische Republik ihrer islamischen Natur beraubt und ihre republikanische Identität zerstört haben, bis nichts mehr davon übrig war als ihr Name.