Tagesarchiv: 15. September 2009

Montazeris Brief an hohe Geistliche 13. September 2009

Quelle (Persisch): Mowjcamp
Quelle (Englisch): http://khordaad88.com/?p=570
14. September 2009
Übersetzung: Julia (diese Übersetzung ist wegen der Eile als sinngemäß zu verstehen
. Erläuterungen in Klammern sind größtenteils Wiedergaben der Fußnoten in der englischen Quelle)

Großayatollah Montazeris Brief an Marjas, Islamische Gelehrte und Seminaristen

In einer Botschaft an Marjas, islamische Gelehrte und Seminaristen hat Großayatollah Montazeri – selbst ein großer schiitischer Marja – erklärt, dass das von den Regierungsautoritäten an den Tag gelegte Verhalten eine Abweichung [von der islamischen Tradition] ist und dass er beschämt über den Missbrauch des Volkes sei.
Er fordert die Marjas auf, es dem Propheten des Islam gleichzutun und sich gegen Unterdrückung, Misshandlung und bid’ahs (etwa „negative, schlechte Neuerungen in der Religion“ d. Übers.) auszusprechen, um die irregeleitete Politik der Regierung zu korrigieren und die aktuelle Legitimitätskrise ein für alle Mal zu lösen. Seine vollständige Erklärung lautet wie folgt:

Im Namen Allahs, des Gnädigen und Barmherzigen,

Wie der Prophet Gottes sagt: „Wenn eine Bid’ah in meiner Ummah geschieht, wird das Wissen der Gelehrten erkannt“ (Al-Kaffi, Band 1, Seite 54)

Ehrenwerte Marjas und Gelehrte von Qom, Najaf, Mashhad, Teheran, Isfahan, Tabriz, Shiraz und an allen Orten der islamischen Welt:

Grüße,

Bezüglich der Misshandlungen, deren Zeugen wir täglich werden, und des gesetzeswidrigen Verhaltens, dass mit dem Namen der Religion und der Islamischen Gesetzgebung gerechtfertigt wird: Ich fühle mich hiermit in religiöser Hinsicht verantwortlich, Sie wegen der Gefahr, die ich spüre und wegen der Bedeutung des [Verses] „gemahne sie, [denn] Mahnungen werden den Gläubigen zugute kommen“, feierlich auf das Folgende hinzuweisen:

1. Wir alle wissen, dass unsere Revolution auf religiösen und moralischen Werten beruhte. Unser Ziel, für das wir all die Tragödien, Kämpfe, Exil, Inhaftierungen und Foltern auf uns nahmen, bestand nicht darin, die Menschen an der Macht und die Formalitäten auf bestimmten Gebieten zu ändern. Es bestand vielmehr darin, eine Regierung [zu etablieren], die ethischen Glaubenssätzen und klaren religiösen Erlassen auf allen Ebenen die Treue hält. Auf der Grundlage dieser Regierung sollten Glaube, edles Tun, Gerechtigkeit und Freiheit von Diktatur und Unterdrückung Wahrheit werden. Außerdem sollten die Rechte unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen geschützt und Missbrauch und Unterdrückung abgeschafft werden. Folglich sollte unser Volk sich vor den Augen anderer Nationen wohl, sicher und stolz fühlen, als ein wahres Vorbild für Gerechtigkeit, Würde, Anstand und menschliche Werte. Das Ziel bestand nicht darin, bloß Namen und Parolen auszutauschen, während die Unterdrückungen, Abschweifungen und Misshandlungen, die das vorherige Regime praktiziert hatte, in anderer Form unter dem Banner einer theokratischen Regierung und der Führung Islamischer Rechtsgelehrter weiter gehen.

Jeder weiß, dass ich ein Verfechter der theokratischen Regierungsform und einer der Gründerväter der Führung durch die Islamischen Rechtsgelehrten bin, wenn auch nicht in der gegenwärtigen Form. Der Unterschied liegt darin (= sodern in der Form, d. Übers.), dass das Volk den Richter wählt und seine Arbeit überwacht.
Ich habe hart dafür gearbeitet, die Realisierung dieses Aspekts sowohl wissenschaftlich als auch praktisch zu gewährleisten. Jedoch fühle ich mich jetzt angesichts der Tyrannei, die unter eben diesem Banner geschieht, unter den aufmerksamen Blicken des iranischen Volkes beschämt.
Ich fühle mich für das vergossene Blut unserer geliebten Märtyrer, für die Misshandlungen unschuldiger Menschen vor Gott verantwortlich und seinem Tadel ausgesetzt. Viele Menschen, die in der Revolution herausragende Rollen gespielt haben, fragen mich in Briefen, E-Mails oder persönlich: Ist dies die theokratische Regierung, die ihr dem Volk versprochen habt, und ist diese Art der Exekutive die Führung durch Islamische Rechtsgelehrte? Die, die wir heute beobachten können? Denn was wir zur Zeit sehen, ist die Regierung einer militärischen Führung, nicht die Führung islamischer Juristen.

2. Die ehrenwerten Marjas und studierten Gelehrten wissen wohl, dass sie im Lauf der Geschichte selbst Menschen vor missbräuchlichen und oppressiven Regierungen versteckt und beschützt haben. Sie wurden dafür geehrt, dass sie der Unterdrückung widerstanden und die religiösen und zivilen Rechte ihres Volkes verteidigten. Dabei haben sie schwere Schäden und Verluste erlitten. Möge Gott ihnen den besten Islam schenken.

Leider wurde diese strahlende Vergangenheit nach dem Sieg der Revolution auf Grund der Doppelzüngigkeit der Regierung ernsthaft revidiert. Obwohl der Klerus darin keine Rolle gespielt haben mag, haben sie sich mit ihrer Vernachlässigung des „Verbotes des Bösen“ (ein islamisches Prinizp, d. Übers.) dennoch diesem gefährlichen Richtungswechsel angeschlossen.
Die Bedrohung wurde ernster, als das Konzept der Moral sich wandelte und die Theorie des „Der Zweck heiligt die Mittel“ untermauert wurde.
Schließlich wich die Revolution von ihrem ursprünglichen Weg und ihren ursprünglichen Zielen ab. Ich muss mit Bedauern feststellen, dass die spirituelle und populäre Basis des Klerus, der Marjas und schließlich auch des Islam und der Scharia (die traditionell vom Klerus unterstützt und mit ihm verbunden ist) so schwer beschädigt worden ist, dass unsicher ist, wann und wie sie wieder repariert werden kann. Die Verbindung der Religion mit Gelehrten und Religionsexperten, die logisch und unter Moslems akzeptiert ist, bedeutet, dass jeder dem Klerus zugefügte Schaden unausweichlich auch den Islam als Ganzes treffen wird.

Unter diesen Umständen haben die ehrenwerten Marjas und schiitischen Kleriker größere Verantwortlichkeiten. Neben ihren üblichen Pflichten wie Erreichbarkeit und Expertenwissen müssen sie das zusätzliche Ziel der Verteidigung der Würde der Religion und der Reinigung derselben von gesetzeswidrigen Handlungen der Regierung im Namen der Religion verfolgen.

Weil diese aus religiöser Sicht ungesetzlichen Handlungen, die unter dem Banner von Religion und Scharia ausgeführt wurden auch gegen die Ideale der Revolution verstoßen, sind sie ein klares Beispiel für „bid’ah“. Bid’ah bezieht sich nicht strikt auf die Legitimierung und Einführung unreligiöser Gesetze. Bid’ah kann auch jede ungesetzliche Handlung sein, die im Namen von Religion und Schia erfolgt.

In den Versen 9 -71 des Koran lesen wir: „Gläubige, ob Männer oder Frauen, müssen wie Freunde untereinander [handeln], sie sollten Anstand verbreiten und Schlechtigkeit verbieten“.

Basierend auf dem lokalen Plural der Buchstaben „Alef“ und „Lam“ (= arab. Artikel „Al“, d. Übers.) in „Al-Mo’menoon und Al-Mo’menat“ (männliche und weibliche Gläubige, d. Übers.) haben alle männlichen und weiblichen Gläubigen eine Verantwortung füreinander im Sinne von „Anstand verbreiten und Schlechtigkeit verbieten“. Darum haben religiöse Gelehrte eine noch größere Verantwortung und dürfen nicht schweigen. Wir sehen im Willen unseres Meisters, des Anführers der Gläubigen (gemeint ist der 1. Imam Ali, d. Übers.): „Den Befehl zum Anstand nicht zu befolgen und Schlechtigkeit zuzulassen wird unbedingt zur Folge haben, dass schlechte Menschen regieren; dann werdet ihr beten, aber eure Gebete werden nicht erhört werden“ (Nahj-Al-Balaghah, Brief Nr. 47).

3. Mit Bezug auf das, was ich bisher gehört habe, lasst mich euch [an folgendes] erinnern:
Diese Vorkommnisse und Gräuel, die nach der Präsidentschaftswahl geschehen sind und die von den ehrenwerten Marjas gesehen und wahrgenommen wurden, sollten sie und den Klerus alarmieren. Hier wurden Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und so weiter – alle im Sinne der Religion illegalen Dinge – mit Unterstützung einer kleinen Gruppe dienstbarer, der Regierung gewogener Geistlicher begangen.

Was folgte, war ein friedlicher Widerspruch gegen die Regierung, an dem viele verschiedene Menschen beteiligt waren, die die vorangegangenen Ereignisse kritisch betrachteten. Sie handelten innerhalb ihrer gesetzlichen und religiösen Rechte auf der Grundlage des Artikel 27 der Verfassung.
Anstatt die Stimme eines nach Gerechtigkeit und Wiederherstellung ihrer verletzten Rechte suchenden Volkes weise und positiv aufzunehmen, brandmarkten die Behörden die vielen Millionen Menschen als Aufrührer, Anarchisten und ausländische Agenten.
Sie gingen mit unglaublicher Gewalt vor, schlugen wehrlose Männer und Frauen, verhafteten viele, machten einige auf den Straßen, andere in ihren furchtbaren Gefängnissen zu Märtyrern.

Gestützt auf ihre Militär- und Sicherheitskräfte, mit Einsatz von Schusswaffen gegen wehrlose Menschen hat die Regierung sie getötet und eingesperrt. Ironischerweise bezeichnete die Regierung am Ende des Tages die Menschen als [bewaffnete] Kämpfer. Es ist die Regierung, die diese Krise zu allererst geschaffen und das Establishment in Gefahr gebracht, jedoch das Volk als Aufrührer und Organisatoren eines Systems gegen das Establishment bezeichnet hat.

Im Verlauf der Niederschlagung der Menschen verhaftete die Regierung einige Politiker, politische Aktivisten und talentierte Bürger des Landes, von denen jeder jahrelang wertvolle Dienste in der Islamischen Republik erbracht hat. Auf der Grundlage vorgefertigter Pläne und gegen die Regeln von Religion und Gesetz begannen [die regierenden Behörden des Regimes], Komplotte gegen diese Menschen zu schmieden, ihnen falsche Geständnisse abzupressen und sie in theatralischen, ungesetzlichen und religiös unzulässigen Prozessen zur Schau zu stellen.

Im Ergebnis lachte die gesamte Welt über das Rechtssystem des Islam. Anstatt diejenigen schwer zu bestrafen, die all diese Gräuel verursacht hatten, sprachen sie [die Behörden] nur über ihre Bestrafung, so wie sie es mit denen taten, die für die Serienmorde [an Eliten und Politikern außerhalb des Landes] verantwortlich sind. Sie verhaften weitere ehemalige Staatsbedienstete und setzen zwei respektierte Präsidentschaftskandidaten, Herrn Mir Hossein Mousavi und Hojatoleslam Karroubi unter Druck. Sie schließen ihre Büros und Zeitungen und verhaften ihre Kollegen und ehrbaren Mitarbeiter.
Sie erheben in den regierungseigenen Medien falsche Anschuldigungen gegen ehrliche, hart arbeitende Menschen. Sie benutzen sogar das heilige Mittel der Freitagsgebete, um Lügen zu verbreiten.
Die ultimative Konsequenz solcher Tendenzen ist eine noch größere Beschädigung des Vertrauens der Nation in ihre Geistlichkeit, in den schiitischen Glauben und in unseren geliebten Islam.

In dieser Situation hat unsere muslimische Nation bestimmte Erwartungen an die ehrenwerten Marjas und die ehrbaren Gelehrten und diese demütige Person. Durch die Pflicht, die die heiligen Richtlinien des Islam den Religionsgelehrten auferlegen, und im Lichte der historischen und traditionellen Verantwortung der Geistlichen und der Marjas, sind die Erwartungen derMenschen gerechtfertigt. Die Menschen fragen: Wenn diese Unterdrückung, Rechtsverletzungen und Bid’ahs gegen den Islam sind, warum erheben die ehrenwerten Marjas und Religionsgelehrten, die die Wächter der Religion und des Islam und seiner Regeln sind, nicht ihre Stimme gegen all diese Änderungen im Islam? Warum erklären sie nicht ihre Missbilligung gegen all die bid’ahs in der Religoin, wo sie doch die Beschützer der Rechte des Volkes und der Regeln des Islam sind, einschließlich der Regel „verbreite Anstand und verbiete Schlechtigkeit“?

Sind all diese Unterdrückungen, Rechtsverletzungen und Gräuel geringer einzustufen als wenn „Moavies Soldaten“ die Fußketten von den Füßen der jüdischen Frau reißen? Imam Ali (möge Friede auf ihm ruhen) sagte: „Wenn ein muslimischer Mann an seinem Schmerz stirbt, ist er einen gerechten Tod gestorben“. Sicherlich sind die ehrenwerten Marjas und Gelehrten traurig und besorgt in ihren Herzen angesichts all der Sünden, die im Namen der Religion begangen werden, und manche von ihnen sind auch aktiv geworden. Doch reicht das aus angesichts des Artikels im ehrenwerten Hadith (mündliche Überlieferungen der Aussprüche des Propheten, d. Übers.) über die Notwendigkeit, seinen Widerspruch zu äußern?

4. Die ehrenwerten und geachteten Marjas sind sich im Klaren über die Macht und den Einfluss ihrer Worte; sie sind sich wohl bewusst, dass die Regierung ihrer Billigung bedarf. Das ist der Grund, warum die Behörden sie zumindest bisher anerkennen und unterstützen, wenn auch sehr vordergründig. Die Marjas sind sich auch bewusst darüber, dass die Regierung von ihrem Stillschweigen profitiert. Ist es also von Vorteil, über all die wichtigen Fragen wie Würde und Respekt vor der Religion, der Besorgnis über die Rechte zahlloser Menschen und dem Überleben religiöser Überzeugungen unserer Jugend Stillschweigen zu bewahren? Ist es das Schweigen wert, wenn die Menschen dies – was Gott verhüten möge – als Billigung durch die Marjas und Bestätigung all dieser erwähnten Verdorbenheit interpretieren könnten?

Zum Schluss lasst mich euch daran erinnern, dass ich die Hoffnung auf Reformen noch nicht aufgegeben habe. Es scheint mir, dass die großen Marjas eine Lösung verwirklichen können. Eine Lösung, um der Islamischen Republik aus der Legitimitätskrise zu helfen, kann mit ihrer Hilfe und Führung entworfen werden, auch mit dem Rat zweier angesehener Präsidentschaftskandidaten sowie umsichtiger, gemäßigter, kundiger, redlicher und religiöser Vertreter des Establishments.

Schließlich lassen Sie mich diejenigen, die an der Macht sind, daran erinnern, dass sie ihre Politik der Übertreibungen und falschen Versprechungen für immer – nicht vorübergehend – hinter sich lassen und aufhören sollten, Freunde und andere Menschen als Feinde zu bezeichnen. Sie dürfen die Menschen nicht mit bloßen leeren Worten werten, sie müssen sie als die Haupteigentümer der Regierung anerkennen. Sie müssen die Wahl des Volkes respektieren und mit ihrer Politik diese Meinung unterstützen. Sie müssen den Islam und die Republik mit wahrer Gerechtigkeit vereinen. Es ist keine Schande, seine Fehler einzugestehen; sich jedoch über die Gerechtigkeit hinwegzusetzen, ist wahrhaftig eine Schande.

23 Ramadhan-Al-Mobarak 1430
1388/6/22
September/13/2009

Übersetzung zuletzt editiert am 16.09.2009