Tagesarchiv: 25. September 2009

Briefaustausch Mousavi – Montazeri September 2009

Übersetzung: Julia
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(Anmerkung: die Übersetzung der Koranzitate ist sinngemäß. Übersetzungen der iranischen Verfassung sind entnommen aus http://www.eslam.de/manuskripte/verfassung_iri/kapitel03.htm)

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Danke an Pedestrian, der dies auf www.sidewalklyrics.com gepostet hat:
Mousavis Brief an Montazeri

Im Namen Gottes, des Mitfühlenden, des Barmherzigen
An den ehrenwerten Marja Großayatollah Montazeri

Grüße,

nach den Ereignissen der letzten Monate veröffentlichte ich das angehängte Statement. Wir haben immer die Notwendigkeit verspürt, mit den ehrenwerten Marjas und ergebenen Geistlichen zu arbeiten und zu kooperieren, was mich ermutigte, eine Kopie an Sie zu senden, um Sie um Ihren Rat zu bitten.

Das erste Ziel dieses Statements ist es, [die Botschaft auszusenden, dass] wenn Menschen Ärger und Unzufriedenheit verspüren, sie diese negativen Gefühle in ihren Herzen nicht gegen die Religion wenden mögen. Dies [die Menschen vor solchen Gefühlen zu bewahren] ist die Verantwortung aller, die vom Islam tief beeinflusst sind, insbesondere der geistlichen Elite. Sie dürfen nicht zulassen, dass die verschiedenen sozialen Gruppen – insbesondere die Jugend, die die Mehrheit der Bevölkerung stellt – von den oberflächlichen, falschen und selektiven Interpretationen der Religion in die Irre geführt wird und sich auf Grund eines impulsiven Gefühls vom Islam distanziert.

Die staatlichen Medien versuchen beharrlich, uns als die Quelle der jüngsten Unruhen darzustellen. Gleichzeitig hat das Verhalten der Behörden – nicht nur während der Wahl, sondern schon seit vielen Jahren – dazu geführt, dass sich (bildlich gesprochen) ein Berg von Stroh aufgetürmt hat, den die jüngsten groben Fehler entflammt haben. Der Wind der Arroganz fachte dieses Feuer von Tag zu Tag mehr an. Ich persönlich stelle mich auf die Seite der Menschen, deren Rechte in illegalen, unislamischen und ungerechtfertigten Aktionen mit Füßen getreten wurden.

Mit Bezug auf unstrittige Dokumente bin ich sicher, dass es in der letzten Wahl ohne Zweifel systematischen Betrug gegeben hat. Gleichzeitig wäre es nicht schwer gewesen, noch weitere 20 Jahre zu schweigen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass die Welle des Zorns der Menschen eine unmittelbare Gefahr für das System darstellt.
Wenn man [ein Führer] schweigt und ausweicht, werden die Menschen von dieser Bewegung nicht ablassen, so wie sie es auch in der Vergangenheit nicht getan haben. Die Bewegung würde vielmehr nach einer kurzen Phase der Verwirrung von neuem beginnen. Die Bewegung wird von neuem beginnen, dieses Mal aber blind, ohne sich auf einen Anhänger des Establishments stützen zu können. Dann würden vielleicht andere, die ein Auge auf unser Land geworfen haben, eingreifen, um die Bewegung für ihre eigenen Ziele auszunutzen und ihre eigene Gier zu befriedigen.

Ein weiteres Ziel dieses Statements ist es, zusammen mit meinen anderen Statements und Aktivitäten, die Bewegung des Volkes im Rahmen des Establishments zu halten, damit sie sich nicht auf den gefährlichen Weg der Zerstörung der Struktur [des Establishments] verirrt. Wenn diese Gefahr Wirklichkeit wird, könnte aus dem Iran leicht ein weiteres Afghanistan oder ein weiterer Irak werden.

Wir haben die Pflicht, solche Gefahren abzuwenden und dürfen diese Pflicht nicht vergessen, nur damit einige Unwissende glücklich werden. Ebenso können wir die Menschen nicht dazu aufrufen, ruhig zu bleiben, wenn wir ihnen nicht beweisen können, dass wir für ihre wohlverdienten Rechte in ihrem Interesse einstehen und sprechen.

In seiner Abhandlung mit dem Titel Olfat schreibt der selige Mullah Mohsen Feyz Kashani, das letzliche Ziel der meisten Gesetze der Scharia sei das Erreichen von Freundschaft und sozialer Zugehörigkeit. Das Ergebnis dieser Freundschaft und Zugehörigkeit nennen moderne Wissenschaftler „soziale Netzwerke“ – ein Mittel, um regierende Systeme zu bändigen und zu verhindern, dass sie Fehler wiederholen, aber auch eine Methode, um eine mit Leben erfüllte Gesellschaft und eine Plattform zur sanften Steuerung entfachter Emotionen und Talente zu schaffen, um sie vor dem Abstieg in die Zerstörung zu bewahren.

In diesem Statement wurde eine Stärkung dieser Netzwerke vorgeschlagen. In Anlehnung an Feyz‘ Worte könnte dieses Netzwerk als ein Modell des Islam wahrgenommen werden, obwohl jene, die äußerst unfair sind, es als Modell der CIA darstellen.

Schließlich werden in diesem Statement Vorschläge zur Lösung der aktuellen Krise gemacht, von denen ich hoffe, dass sie Beachtung finden.

Grüße,

Mir Hossein Mousavi
13. September 2009

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Antwort von Großayatollah Montazeri

Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Mitfühlenden,

Lieber Herr Mir Hossein Mousavi,

möge Gott Ihren Erfolg befördern.
Zunächst nehmen Sie bitte meine Grüße an. Ich habe Ihren vom 12.09.2009 [sic] datierten Brief erhalten und die Anhänge geprüft. Sie sind ein Mann von großem Charakter, und Ihre Hingabe an ethische und religiöse Werte und die Ziele der Revolution sind für alle offenkundig. Die großen Verdienste Ihrer Regierung während des uns auferlegten Krieges und Ihre immerwährende Unterstützung für den verstorbenen Imam Khomeini (möge die Liebe und die Gnade Gottes auf ihm ruhen) sind allen bekannt.

Während der letzten Präsidentschaftswahl und den darauf folgenden Konfrontationen und Gewalttaten wurden Sie zum Fokus für viele gesellschaftliche Gruppen und begabte Menschen. Dies war eigentlich eine Prüfung, die Ihnen vom Großen Gott und von unserem umsichtigen Volk auferlegt wurde. Diese Prüfung haben Sie wahrhaft bestanden. Bis jetzt haben Sie die entweihten Rechte dieser Menschen, [deren hohe Wahlbeteiligung] für unser Land ein Grund zu großem Stolz war, nach Ihrem besten Vermögen verteidigt. Dafür gebühren Ihnen Anerkennung und Dankbarkeit.

Die von Ihnen in den Anlagen zu Ihrem Brief vorgeschlagenen Initiativen werden wirksam sein, um soziale Netzwerke und Organisationen zu aktivieren und zu stärken. Diese Ideen sind tugendhaft und rational im Zusammenhang mit den derzeitigen Bedingungen des Landes, und sie stehen in Übereinstimmung mit den Anweisungen des Heiligen Koran, die uns sagen:
[1] “Oh ihr, die ihr glaubt! Harrt aus in Geduld und Beständigkeit, wetteifert in dieser Ausdauer, stärkt einander; und fürchtet Gott, auf dass ihr Erfolg habt.“

Wenn die Behörden ihre Ignoranz beiseite lassen und [Ihre Empfehlungen] unvoreingenommen bedenken, sie umsetzen und dieser Atmosphäre der Überwachungen und Verhaftungen ein Ende setzen, können [Ihre Ideen] ein segensreicher und effektiver Weg aus der gegenwärtigen Krise sein – einer Krise, die die Islamische Republik wegen ihrer Selbstsüchtigkeit, ihres Stolzes, des Mismanagements und des Ehrgeizes beherrscht. [Ihre Empfehlungen] könnten ein Sprungbrett für einen positiven Weg der Reformen innerhalb des Establishments und einen Schutz des Systems vor Trennung, Disintegration und Spaltung sein.

Natürlich ist Ihnen bewusst, dass Sie mit Ihrer Entscheidung für die obengenannten Lösungen für die Verteidigung der Rechte der Menschen und die Sicherung des Überlebens der Islamischen Republik ein mühsames Reformvorhaben erwartet, dem sich mit zahllosen Drohungen und Druckmitteln jene widersetzen werden, die die aktuelle Krise verursacht haben.

Bitte seien Sie sicher, dass Gott versprochen hat, mit Einheit, Geduld und Ausdauer den Weg zu offenbaren, auf dem das Volk zum Sieg geführt wird [2].
Außerdem – [gemäß dem Heiligen Koran in Unterstützung der Menschen, die dies bekämpfen (?) – wird [Gott seine Engel senden] um Botschaften der Sicherheit zu verkünden und das Herz von Schmerz und Furcht zu befreien. [3]

(„In addition, [according to the holy Quran in support of humans who struggle down this [God would send his] angels who annunciate messages of security, and strip the heart off all grief and fear“).

Leider sind nach der Wahl viele Politiker, politische Aktivisten und Journalisten verhaftet worden. Gegen den Islam und gegen das Gesetz wurden sie zu falschen und trügerischen Geständnissen gezwungen, von denen einige über die staatlichen Medien ausgestrahlt wurden. Es ist sicher und erwiesen, dass eine Belastung anderer durch diese Personen unter derartigen Bedingungen jedes Wertes und jeder Anerkennung entbehrt.

Zudem existieren in den Heiligen Geschichten [4] des Propheten und der Imame weitere Bestätigungen dafür, dass Selbstbezichtigungen, wenn sie unter jeglicher Art von Druck oder Folter (einschließlich, doch nicht begrenzt auf Drohungen, Einschüchterungen, Zufügen physischen Schmerzes, Arrest usw.] erbracht wurden, wertlos sind.

Die Anklage einer Jurisprudenz, die diese Lehren abstreitet, ist eine falsche, und Meinungen, die diese Lehren negieren, weichen klar [von den wahren Fundamenten des Islam] ab. Der Koranvers und koranische Imperativ [die Selbstbezichtigung einer verständigen Person ist erlaubt] [5] bestätigt, dass ein Geständnis nur gültig ist, wenn es ohne Druck oder Gewalt erbracht wurde.

Zusätzlich heißt es in Artikel 38 der Verfassung: „Jede Art von Folter, um Geständnisse oder Informationen zu erhalten, ist verboten. Das Zwingen einer Person zur Aussage, zum Geständnis oder zum Schwur ist nicht zulässig. Aussagen, Geständnisse und Schwüre solcher Art sind nichtig. Der Verstoß gegen diesen Artikel wird nach gesetzlichen Vorschriften bestraft

Auf der Grundlage der allgemeinen Anwendung dieses Artikels und seiner Implikationen ist jede [Form] von Folter mit dem Zweck der Gewinnung von Informationen oder der Erzwingung von Geständnissen zu bestrafen; Geständnisse und Anerkenntnisse (? admittances), die auf diese Weise erlangt wurden, haben keinen gesetzlichen Wert und kein gesetzliches Gewicht.

Es ist offensichtlich, dass eine langfristige Einzelhaft – ein Akt, der den Angeschuldigten unter großen Druck setzt, ein Geständnis abzulegen – ein klares Beispiel für Folter ist. Das Geständnis des Angeschuldigten ist – selbst, wenn er sich selbst belastet – weder gültig noch anzuerkennen, wenn es das Resultat einer Anwendung von Druck und Folter ist, insbesondere in ihrer kürzlich geschehenen furchterregenden Form und der entsetzlichen Folgen. In einer solchen Situation wären wiederholte Geständnisse (selbst, wenn sie viele Male an Runden Tischen und in Interviews wiederholt werden) ebenso wertlos wie das erste Geständnis.

In Artikel 39 der Verfassung steht, dass „Jegliche Beleidigung oder Entwürdigung einer Person, die aufgrund des Gesetzes festgenommen und inhaftiert worden ist, eine Gefängnisstrafe verbüßt oder verbannt worden ist, […] verboten und strafbar [ist]“.

Was also ist [in diesem Land] geschehen, nun, wo prominente Personen, die jahrelange wertvolle Dienste geleistet haben, entweiht wurden, und die Rechtsbrecher nicht nur nicht bestraft worden sind, sondern sogar noch bestätigt und ermutigt wurden? Sind die „Geständnisse“ zudem als glaubwürdig angesehen worden?

Was das Problem komplizierter gemacht und die „Geständnisse“ noch mehr entwertet hat, ist der Umstand, dass das gegenwärtige Justizsystem des Landes – die Kläger [und die Staatsanwälte] gegen die politischer Vergehen beschuldigten Angehörigen der Opposition zur gegenwärtigen Regierung – selbst zu denen gehören, die während der Vernehmungen Geständnisse erzwungen haben und legislativen Institutionen angehören, die mit der Regierung verbunden sind. Nirgendwo auf der Welt würde ein gesunder Verstand einem solchen Geständnis und den darauf folgenden Prozessen auch nur das kleinste Bisschen gesetzlicher Kredibilität und Legitimität beimessen, denn in diesen Verhandlungen sind Kläger und Staatsanwälte eine und dieselbe Person, was klar gegen den Grundsatz verstößt, dass Geschworene gemäß Artikel 168 der Verfassung beteiligt sein müssen.

Leider wurde dieser Artikel, wie so viele andere, ignoriert und nicht befolgt. Der jüngste Kurs der Regierung sowie die Schauprozesse verstoßen nicht nur gegen das Gesetz und wirken einer Verbesserung des Landes entgegen, sondern widersprechen auch dem grundsätzlichen Nutzen eines Verbleibs der Behörden an der Macht. Anstatt hart gegen die Menschen vorzugehen und Gräueltaten wie die der letzten Zeit zu begehen, hätten die Behörden politisch weiser sein und den Warnungen prominenter Politiker und religiöser Führer Gehör schenken und ein unparteiisches, von allen Konfliktparteien akzeptiertes Komitee bilden sollen – dann wären wir niemals in diese gegenwärtige Legitimitätskrise geraten.

Eine Regierung, unter der viele Bevölkerungsgruppen unzufrieden und die Intellektuellen in Bedrängnis sind, wird nicht überleben. Das Schah-Regime hätte seine Führung bewahren können und würde noch immer bestehen, wenn es möglich wäre, mittels Angst, Unterdrückung und dem Füllen der Gefängnisse mit freiheitssuchenden, talentierten Persönlichkeiten und diversen politischen Aktivisten zu regieren.

Indem es derartige Gräuel begeht, bringt ein islamisch geführtes System, das stolz ist, schiitisch zu sein, Pessimismus gegenüber dem Islam hervor und bekundet die Unfähigkeit des Islam zu Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, nicht nur global, sondern auch innerhalb unseres eigenen Landes, unter unseren Volksmassen und unserer Jugend.

Leider haben die Entscheidungsträger auf der höchsten Ebene vor diesen klaren Wahrheiten die Augen verschlossen und geben sich zufrieden mit den Elogen ihrer Dichter und den Lobhudeleien ihrer Schmeichler.

Ich flehe zum Großen Gott um Ihr Wohlergehen und Ihren Erfolg auf diesem tückischen Weg.
Möge sein Segen und seine Gnade auf Ihnen ruhen.

Heilige Stadt Qom, Hossein-Ali Montazeri, 22 September 2009