Tagesarchiv: 8. Oktober 2009

Dresscode, Überwachungskameras, und die geringfügigen Fehler von Kahrizak

Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/october/07//kahrizak-prison-was-a-minor-mistake.html
Veröffentlicht auf roozonline.com am 7. Oktober 2009
von Shirin Karimi
Übersetzung: Julia
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„Das Gefängnis Kahrizak war ein unbedeutender Fehler“

Bei einer Pressekonferenz am Sonntag hat der stellvertretende Polizeichef von Iran, Ahmad-Reza Radan, die Installation von 400 neuen Überwachungskameras in Teheran bekanntgegeben und die in der vor Kurzem wegen Mord- und Vergewaltigungsvorkommnissen geschlossenen Haftanstalt Kahrizak begangenen Gräueltaten als „unbedeutenden Fehler“ („minor mistake“) bezeichnet.

Auf der Pressekonferenz stellte General Radan einen neuen Plan für die öffentliche Sicherheit vor. Er sagte: „Aufgrund der Phase nach der Wahl hatten wir beschlossen, dass es klüger ist, diesen neuen Plan vorerst nicht umzusetzen, doch ist diese kurze Entgleisung kein Grund, den Plan vollkommen auf Eis zu legen. Zur Zeit hat die öffentliche Sicherheit oberste Priorität für jede Provinz. In manchen Provinzen ist es möglicherweise wichtiger, sich um irgendwelche Schurken zu kümmern, in anderen können ethische Fragen im Vordergrund stehen. Die Polizei wird sich jedoch vor dem Hintergrund der Ereignisse im Land seit der Präsidentschaftswahl am 12. Juni auf etwas anderes konzentrieren.“

Bezüglich des Sicherheitsplans sagte Radan: “Leider wurden in den Tagen nach den Wahlen Teile des Plans zurückgestellt, aber er wird wieder aufgenommen. Wir werden weiterhin gegen Personen vorgehen, die die Kleidervorschriften missachten. Dies schließt das Tragen von Krawatten ein, aber auch Hersteller und Geschäfte, die unstandardgemäße Produkte in Umlauf bringen. Dies ist einer der wichtigsten Teile des Plans.“

Zu den Überwachungskameras sagte Radan: „Die Polizei beabsichtigt, eine verdeckte Präsenz im Sinne der Sicherheit und des Friedens zu institutionalisieren. Vor diesem Hintergrund können die Überwachungskameras sehr effizient sein. Es ist geplant, etwa 400 Kameras in Teheran zu installieren, 200 davon sind bereits angebracht. Die Polizei arbeitet weiter daran.“

Zu den Übergriffen durch die Polizei im Kahrizak-Gefängnis sagte Radan: „Zunächst möchte ich den Polizeibeamten für ihre Arbeit während der jüngsten Ereignisse danken. Ich sage das, weil ich das Gefühl habe, dass ihre Arbeit in Vergessenheit geraten ist. Die Basij und die Gesetzeshüter handeln ausschließlich aus der Überzeugung, dass das Prinzip der Velayat-e Faghih (der Regierung durch die Geistlichkeit) unerschütterlich ist. Natürlich sind bei der Erfüllung unserer Mission einige geringfügige Fehler unterlaufen, und darum muss man sich kümmern. Die Vorkommnisse in Kahrizak gehören dazu, und sie müssen angesprochen werden. Zehn Mitarbeiter der Vollstreckungsbehörden sind dazu befragt worden, acht von ihnen wurden angeklagt.“

“Mussten diese Kinder sterben?” Die Mutter des getöteten Sohrab Arabi meldet sich zu Wort

Original (Englisch): http://homylafayette.blogspot.com/2009/10/mother-of-dead-protester-sohrab-aarabi.html
Veröffentlicht von/Autor: homylafayette am 8.10.2009
Übersetzung: Julia
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Der frühere Parlamentssprecher und derzeitige Chef des Legislativkomitees für Kultur hatte letzte Woche gesagt, dass die drei Todesfälle in Kahrizak „nicht zumHauptthema“ werden sollten. Das iranische Regime hat offiziell nur drei Todesfälle in der berüchtigten und barbarischen Haftanstalt zugegeben.

Die Äußerung hatte weithin für Empörung gesorgt und Parvin Fahimi, die Mutter des getöteten Demonstranten Sohrab Arabi, veranlasst, einen in scharfem Ton gehaltenen Brief an Hadad Adel zu schreiben, der als besonders regimetreu gilt, weil seine Tochter mit Mojtaba Khamenei, dem Sohn des Führers Ali Khamenei, verheiratet ist. Fahimi hat diese Woche auch mit den Radiosendern Voice of America und Radio Farda gesprochen und neue Einzelheiten über Sohrabs Tod genannt.

In ihrem Brief schreibt Fahimi, Haddad Adels Äußerungen seien „Salz in den Wunden derer, die ihre geliebten Angehörigen durch das gewaltsame Vorgehen nach der Wahl verloren haben.“

‚Würden Sie auch so urteilen, wenn Ihr eigener Sohn, so wie der Sohn von Herrn Rouholamini und unsere Kinder, gefoltert oder auf der Straße getötet worden wären?“, fragt sie in Anspielung auf Mohsen Rouholamini, 25, der in Kahrizak zu Tode geprügelt wurde.

Sohrab Aarabi verschwand während der Massendemonstrationen in Teheran am 15. Juni, es ist jedoch unklar, wann, wo und wie er getötet wurde. Die Behörden informierten Frau Fahimi am 11. Juli über seinen Tod. Sie war 26 Tage lang zwischen Gefängnis, Leichenschauhaus, Gericht und Krankenhaus hin- und hergelaufen und hatte ihren Sohn vergeblich gesucht.

Gastgeber:
Einer der in den Unruhen nach der Wahl Getöteten ist der 19jährige Sohrab Arabi. Seine Mutter sagte Farideh Rahbar, sie wolle, dass der Mörder ihres Sohnes identifiziert wird; sie wartet noch immer auf die Rückgabe der persönlichen Dinge ihres Sohnes.

Parvin Fahimi:
Eine Woche nach Sohrabs Begrägnis engagierte ich einen Anwalt und reichte Beschwerde ein. Alles, was man mir sagte war, dass er aus 3 bis 5 Meter Entfernung von einer Kalaschnikow angeschossen wurde. Der Gerichtsmediziner hat keine Unterlagen darüber, wer meinen Sohn ins Leichenschauhaus gebracht und seinen nackten Körper dort abgegeben hat. Sie haben uns noch immer keine Antwort auf die Frage gegeben, wer ihn getötet hat und wo.

Farideh Rahbar:

Sie haben Herrn Haddad Adel einige Dinge mitgeteilt. Was erwarten Sie von den Behörden?

Parvin Fahimi:
Es ist sehr wichtig für mich, dass der Mörder identifiziert und vor ein Gericht mit fairen Richtern gebracht wird. Sie müssen uns sagen, wer das getan hat und warum. Wo wurde mein Sohn getötet? Ich habe einen Brief an Herrn Haddad Adel geschrieben, weil er gesagt hat, dass drei Menschen in Kahrizak gestorben sind und dass das keine große Sache, nicht die Hauptsache sei. Aber als Mutter habe ich das Recht, als Bürgerin dieses Landes ist es mein Recht zu wissen, was geschehen ist, was mein Sohn furchtbares durchgemacht hat. Wenn er getötet wurde.. er hatte sein Mobiltelefon bei sich.. warum wurde ich nicht informiert? Sie haben mich 25 Tage lang im Ungewissen gelassen. Immer wieder bin ich zum Revolutionsgericht und nach Evin gefahren. Monate später wissen wir noch immer nichts. Ich habe Briefe an das Parlament geschickt, an die Justizbehörde… Sie müssen mir antworten.
Aber stattdessen streuen sie Salz in die Wunden. Haben wir nicht genug gelitten? Als Mutter, als Chefin dieses Haushalts, erwarte ich, dass sie reagieren. Warum geben sie mir die persönlichen Dinge meines Sohnes nicht zurück? Sein Mobiltelefon? Wenn jemand sein Telefon verliert oder es ihm gestohlen wird, gehen sie dem nach und finden es innerhalb eines Monats. Aber seit dem Tag seines Verschwindens ist das Telefon meines Sohnes noch nicht gefunden worden. Sie haben seine Sachen nicht zurückgebracht… diese Sachen mögen in ihren Augen nichts wert sein, aber für mich haben sie einen emotionalen Wert.

In einer Interviewsendung von Radio Farda gestern sagte Frau Fahimi, sie habe an den Parlamentssprechen Ali Larijani, den Justizchef Sadegh Larijani, den ehemaligen Justizchef Mahmoud Hashemi Shahroudi, das Komitee für Nationale Sicherheit im Parlament und an das Komitee Artikel 90 geschrieben. Sie hat noch keine Antwort erhalten. – Das Komitee Artikel 90 befasst sich mit Beschwerden gegen die drei Regierungsgewalten.

Frau Fahimi erwähnte Radio Farda gegenüber weitere Einzelheiten über Sohrabs Verletzungen. „Seine Arme hingen herunter. Die Kugel hatte ihn so getroffen, dass sie seinen linken Arm brach und unter seinem Herzen entlagn seine Lunge schlug. Es ist aber unklar, ob er in ein Krankenhaus gebracht wurde oder nicht“, sagte sie.

„Wie konnten sie diese Kinder töten, in einem zivilen Protest, wegen ihrer Stimmen“, fragt sie. „Mussten diese Kinder ermordet werden?“

Auf die Frage, ob sie glaube, dass ihr Sohn umsonst gestorben sei, antwortete sie: „Nein. Er ist für seine Überzeugungen auf die Straße gegangen, und diese Kinder werden ewig weiterleben. […] Ich bin sicher, dass dieser Kampf durch andere junge Menschen fortgesetzt wird, und wir sehen ja, dass es noch immer weitergeht.“