Tagesarchiv: 17. Oktober 2009

Die Fenster der Besucherkabinen in Evin, und einige kleine Wünsche

Veröffentlicht auf Mowjcamp am 17. Oktober 2009
Quelle (Englisch): http://english.mowjcamp.com/article/id/48180
Übersetzung ins Deutsche: Julia
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Von Jila Baniyaghoob

Auch an diesem Montag habe ich Bahman* getroffen. Natürlich befand ich mich dabei, wie auch die Male zuvor, hinter der blickdichten Scheibe der Besucherkabine.

Ich hörte auch seine Stimme durchs Telefon. Die Scheibe war nicht besonders sauber, und auch der Telefonhörer war nicht mehr neu – vielleicht war das der Grund, warum ich Bahmans Stimme nicht gut hören konnte. Immer wieder musste ich sagen „Bahman, mein Lieber, sprich um Himmels Willen lauter, ich kann dich nicht verstehen.“ Meine Stimme klang wie die einer Bittstellerin, vielleicht, weil ich Angst hatte, dass die 20 Minuten zuende gehen würden, bevor wir uns alles sagen konnten, was wir zu sagen hatten.

Ich rieb mit der Hand über die Scheibe in der Hoffnung, dass man dann ein wenig mehr erkennen und ich Bahmans Gesicht besser sehen könnte. Bahman tat dasselbe auf seiner Seite der Scheibe. Aber es nützte nichts. Das Fenster zu verschmutzt, um es auf diese Weise reinigen zu können. Irgendwann hatte ich nur noch einen Wunsch – ein paar Stunden Zeit und eine vollständige Putzausrüstung, um jeden Teil der Halle sauber zu machen, in der die Besucherkabinen untergebracht sind. Ich würde die Fenster schrubben, bis ich Bahmans Gesicht sehen könnte, und all die Familien, die die ganze Woche darauf warten, ihre Lieben für 20 Minuten zu Gesicht zu bekommen, könnten ihre Gefangenen durch klare, durchsichtige Scheiben sehen. Was für ein aussichtsloser Wunsch!

Bisher haben die Befrager von Bahman uns Besuche in der Kabine erlaubt, wir durften uns noch nicht persönlich sehen. Jedes Mal möchte ich den wachhabenden Offizier von Abteilung 209 [Evins Abteilung für politische Gefangene] bitten, den Befrager für mich darum zu bitten, dass ich Bahman persönlich sehen kann, aber ich bereue den Gedanken immer sofort. Ich bereue den Gedanken deshalb, weil ich daran denken muss, dass Bahman mir immer gesagt hat, wenn er mal im Gefängnis enden würde, dann sollte ich die Gefängnisbeamten und die Befrager niemals um einen Gefallen bitten. Ich sollte mich vor ihnen niemals auch nur das kleinste bisschen erniedrigen. Und jedes Mal versuche ich, zu vergessen, wie gern ich neben Bahman sitzen und seine richtige Stimme hören würde, anstatt seine Stimme durch dieses alte Evin-Telefon hören zu müssen. Und jedes Mal versuche ich das Gefühl zu überwinden, dass ich mich danach sehne, Bahmans Hand in meiner halten und ihm zu sagen, dass ich ihn liebe.

Vor allem war Bahman besorgt über [zwei andere inhaftierte Journalistinnen] Hengameh Shahidi und Fariba Pajuh. Er hatte sie zufällig einige Male in der Besucherhalle gesehen, sie sahen abgemagert und deprimiert aus. „Tu alles, was du kannst, damit Hengameh und Fariba freigelassen werden“, sagte er. „Tu alles, was du kannst.“

Alles, was ich darauf sagen konnte, war: „Sei sicher. Sei sicher.“

Ich brachte es nicht über mich zu sagen „Dieser Tage gibt es herzlich wenig, was irgendjemand tun kann. Ein Beamter erlässt eine Anordnung, ein anderer widerruft sie. Einer sagt, dass bald zwanzig Gefangene freigelassen werden, und ein paar Tage später sagt jemand anders, dass der Generalstaatsanwalt angeordnet hat, alle Freilassungen zu stoppen! Was kann man unter solchen Bedingungen für Hengameh und Fariba tun?“

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*) Amnesty International zufolge waren unter den Tausenden, die im Iran nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl verhaftet wurden, 13 Journalisten. Sieben davon sind seitdem freigelassen worden, von fünf weiß man, dass sie noch im Gefängnis sind. Amnesty International sagt, man habe keine Informationen über den Journalisten Rouhollah Shahsavar.

Amnesty International zufolge sind unter den freigelassenen auch zwei Frauen: Jila Baniyaghoub, die auch Frauenrechtlerin ist, wurde gegen eine Kaution in Höhe von rund 130.000 US$ freigelassen, die schwangere Mahsa Amrabadi gegen eine Kaution fon rund 200.000 US$ (s. a. „Seven Iranian Journalists Released“, http://www.amnesty.org/en/library/i…,

Die anderen freigelassenen Journalisten sind Männer: der Herausgeber der Zeitung Gilan-e Emrooz, Mojtaba Pourmohsen; der freiberufliche Journalist Fariborz Soroush; der britisch-griechische Journalist Iason Athanasiadis-Fowden, der am 5. Juli freigelassen wurde und den Iran verlassen hat; Mostafa Qavanloo Qajar, der für das Monatsmagazin Sepideh Danaei arbeitet; und Abdolreza Tajik, Herausgeber des Wochenmagazins Farhikhtegan.

Amnesty International zufolge sind mindestens fünf weitere Journalisten, allesamt männlich, noch immer in Haft und haben keinen Zugang zu einem Rechtsbeistand. Es handelt sich dabei um Jila Baniyaghoubs Ehemann Bahman Ahmadi-Amouee, der in Einzelhaft gehalten wird; den Herausgeber der Zeitung Etemaad-e Melli, Mohammad Qouchani – trotz Zahlung der Kaution; Maziar Bahari, ein kanadisch-iranischer Reporter für das Magazin Newsweek**, sowie Saeed Laylaz, der für das Magazin Sarmayeh schreibt, und Keyvan Samimi Behbehani, Herausgeber der verbotenen Zeitung „Nameh“. (Mehr Informationen dazu im Statement von Amnesty International)

**) Nachtrag d. Übers.: am 17. Oktober wurde Maziar Bahari freigelassen und hat den Iran verlassen

Iranische Blogger erhalten Presseauszeichnung

Veröffentlicht auf Radio Zamaaneh am 16. Oktober 2009
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2009/10/iranian-bloggers-receive.html
Übersetzung aus dem Englischen: Julia
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Iranische Blogger sind am Freitag für ihre Berichterstattung über die Präsidentschaftswahlen im Iran mit dem „Mohammad Amin“-Preis ausgezeichnet worden. Wie Reuters mitteilt, wurde der Pressepreis stellvertretend für die Blogger an Delbar Tavakoli „für ihr Engagement, ihren Mut und ihren Einsatz unter erschütternden Umständen und außerordentlichem Druck ausgezeichnet, dem sie während der Berichterstattung über die Präsidentschaftswahlen ausgesetzt waren.“

Der Mohammad Amin-Preis wurde 1997 zu Ehren eines für Reuters arbeitenden afrikanischen Kameramannes ins Leben gerufen, der bei einer Flugzeugentführung ermordet wurde. Mit der Auszeichnung werden jedes Jahr die Berichterstatter geehrt, die hinter den Kulissen wirken.

Reuters-Agenturchef Christopher Pleitgen sagte dazu: „Die iranischen Blogger haben das Konzept von Bürger-Journalismus und sozialen Netzwerken neu definiert, als sie im Iran nach der Wahl zur einzigen Nachrichtenquelle wurden.“

Delbar Tavakoli, die aus dem Iran floh, nachdem sie ihren Job verlor, sagte bei der Entgegennahme des Preises: „Ich widme diese Auszeichnung meinen Kollegen, die hart arbeiteten, um die Welt über die Geschehnisse im Iran zu informieren.“ Sie fügte hinzu: „Im Iran als Journalist zu arbeiten ist sehr schwer, vor allem wegen der Zensur.“

Kaum hatten iranische Oppositionsführer erklärt, dass die Wahlen im Juni gefälscht wurden, um Mahmoud Ahmadinejads Sieg zu gewährleisten, gab es Massenproteste gegen den vorgeblichen Wahlbetrug. Die Regierung und die bewaffneten Streitkräfte begegneten den Demonstranten mit Gewalt, und die Proteste kamen infolge breitangelegter Verhaftungen zum Erliegen. Viele der Verhafteten waren Journalisten.

Der Staat schloss reihenweise Zeitungen und Medienkanäle, viele Journalisten sind wegen ihrer Berichterstattung über die Ereignisse der Verschwörung mit dem Ziel des Sturzes der Regierung angeklagt.

Freitagsgebet 15.10.2009: Ayatollah Janati fordert hartes Vorgehen am 4. November

Veröffentlicht am 16. Oktober 2009 auf Payvand Iran News
(Quelle: Radio Zamaaneh)
Quelle (Englisch): http://www.payvand.com/news/09/oct/1162.html
Deutsche Übersetzung: Julia
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Ayatollah Janati, der heute das Freitagsgebet in Teheran hielt, rief zu unerbittlicher Konfrontation der Protestteilnehmer am 4. November/13. Aban) auf.

Der 4. November 1979, der Tag, an dem iranische Studenten die Amerikanische Botschaft in Teheran besetzten, wird im Iran jedes Jahr als Wendepunkt in der Geschichte der Islamischen Republik gefeiert. in diesem Jahr haben Gegner der Präsidentschaftswahl im Juni angekündigt, dass sie sich an diesem Tag den Märschen anschließen werden, um nochmals ihren Protest gegen die Regierung zu äußern.

IRNA zitierte den konservativen Geistlichen Ayatollah Janati mit den Worten: „Der 4. November muss als Tag des Kampfes gegen die weltweite Unterdrückung geehrt werden. Jeder muss an diesem Tag teilnehmen und ihn ehren. Doch einige, die zu Bauernopfern anderer geworden sind, wollen ihre amerikanische und israelische Natur zeigen.“

Der oberste Geistliche des Wächterrats fügte hinzu: „Seit langer Zeit werden diese Aufständischen von einem nicht identifizierten Zentrum aus geführt worden, und sie haben gewisse Pläne für die Zukunft. Diese Leute sind Bauernopfer, ob es ihnen bewusst ist oder nicht.“

Er führte an, dass die Justiz und die Sicherheitskräfte „den Islam, das Volk, die Revolution und die Märtyrer verraten, wenn sie den Aufständischen mit Schwäche begegnen“.

Zur Vorgehensweise der Regierung gegen Demonstranten erklärte Ayatollah Janati: „Wer schenkt seinem eigenen Mörder Blumen? Warum also sollte die Islamische Republik denen Blumen schenken, die sie zerstören, wo sie doch noch immer mit ihren kriminellen Aktionen weitermachen?“

Plakat der Grünen Bewegung mit Einladung
zur Demonstration am 13. Aban

Ayatollah Janatis Äußerungen fallen zusammen mit Ban Ki Moons besorgtem Bericht an die UN-Generalversammlung über die Unterdrückung von Dissidenten in Iran.
Janati beschreibt die Proteste nach der Wahl als tief verwurzeltes Problem für die Islamische Republik, das nicht einfach von der Hand zu weisen sei.

Er erklärte, dass die aufrührerischen Pläne für den 4. November ebenso entschärft werden würden, wie die für den Quds-Tag und die Eröffnung der Universitäten neutralisiert wurden.

Am diesjährigen Quds-Tag am 18. September hatten Oppositionsführer und ihre Anhänger Demonstrationen veranstaltet, die mit dem offiziellen Quds-Marsch gegen Israel konkurrierten. Die Demonstranten hatten Parolen gegen Mahmoud Ahmadinejads Regierung gerufen, die ihrer Meinung nach in den diesjährigen Präsidentschaftswahlen vom Juni durch Wahlbetrug an die Macht kam.

Auch an den Universitäten haben sich seit Beginn des Herbstsemesters unzählige Studentenproteste abgespielt.