Interview mit Shiva Nazar Ahari über ihre Haft nach den Wahlen

Quelle (Persisch): http://www.schrr.net/spip.php?article6350
Übersetzung ins Englische: persian2english
Quelle (Englisch): http://wp.me/pDjBz-c3
Deutsche Übersetzung: Julia
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Interview mit Shiva Nazar Ahari über ihre Haft nach der Wahl
Von: Mojtaba Sami Nejad


„Öffentlicher Druck kann die Freilassung von politischen Gefangenen bewirken“

Die Menschenrechtsaktivistin und Frauenrechtsverteidigerin Shiva Nazar Ahaari ist eine der Studentinnen, gegen die ein Studienverbot erlassen wurde. Sie wurde am 14. Juni verhaftet, ganz am Anfang der Verhaftungswelle gegen politische und soziale Aktivisten nach der Präsidentschaftswahl. Ahaari verbrachte 120 Tag in Evin, davon 30 in Einzelhaft. Es folgt ein Interview mit ihr über ihre Verhaftung und die generellen Bedingungen für Gefangene in Evin.

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Wie sind Sie verhaftet worden?

Es war gegen Mittag am 14. Juni. Ich war an meiner Arbeitsstelle, als ein Untersuchungsbeamter des Geheimdienstministeriums anrief und mir mitteilte, ich solle nach unten kommen. Als ich fragte, wie lange es dauern würde, antwortete er, ich sollte mich verabschieden (vermutlich von meinen Kollegen).

Sie hatten schon am frühen Morgen versucht, mich zu Hause zu verhaften, aber da ich nicht zu Hause war, hatten sie damit keinen Erfolg. Auf meinem Weg zur Arbeit wusste ich, dass ich verhaftet werden würde, aber ich wollte nicht davonlaufen. Als sie bei mir zu Hause waren, nahmen sie mein Harddrive, 30 CDs, einige Blätter Papier aus Kampagnen mit Unterschriften, ein paar Broschüren über Straßenkinder, und andere derartige Ding mit.

Ich packte meine Sachen und wartete vor dem Büro. Einige Minuten später kamen sie. Bevor ich ins Auto stieg, wollte ich ihren Haftbefehl sehen. Sie zeigten mir eine Kopie, auf der zu lesen war „Da einige Personen seit den Wahlen Chaos und Unruhe verbreiten wollen, wird darum gebeten, zügig zu handeln und die Organisatoren und Kollaborateure zu identifizieren.“

Das erschien mir ziemlich seltsam. Ich fragte: „Was hat das mit mir zu tun?“ Sie erklärten, es handle sich um einen allgemeinen Vollstreckungsbefehl. Dann brachten sie mich zum Auto.

Wohin brachte man Sie nach Ihrer Verhaftung?

Wegen eines Missverständnisses wurde ich in eines der Gebäude des Geheimdienstministeriums an der Vali Asr-Kreuzung gebracht. Je mehr Zeit verging, desto mehr Verhaftete wurden gebracht. Ich wurde dort bis 5:30 Uhr morgens festgehalten. Wir wurden nicht gut behandelt dort.

Von Anfang an haben die Beamten uns mit Schimpfworten bedacht. Weil ich mich im Auto weigerte, den Kopf unten zu halten, wurde ich mit einem Stock geschlagen. Das taten sie, um mir zu verstehen zu geben, dass meine Situation jetzt eine andere war. Ich wurde nach Evin in Abteilung 209 gebracht.

Nach den Wahlen am 12. Juni wurden viele Aktivisten wegen der unterschiedlichsten Anschuldigungen verhaftet. Eine Anklage hatten sie aber alle gemeinsam: Die Unruhen nach der Wahl. Wessen hat man sie beschuldigt?

Ich wurde am 15. Juni darüber informiert, dass mir Bedrohung der nationalen Sicherheit durch Zugehörigkeit zu den iranischen Volksmujaheddin und durch Organisation von Massendemonstrationen – oder, wie sie es nannten, Unruhen – vorgeworfen wird.
Was davon tatsächlich auf mich und meine Arbeit zutrifft, ist eine Frage, die sie mir noch beantworten müssen. Offenbar waren solche Anschuldigungen zu der Zeit aber üblich und wurden gegen die meisten erhoben. Damals fand ich auch heraus, dass jeder in ihren Augen mit den Mujaheddin zu tun hat, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Der Gedanke, dass ich nichts mit den Mujaheddin zu tun haben könnte, geht über ihr Begriffsvermögen.

Während der Verhöre kamen noch andere Vorwürfe hinzu, wie zum Beispiel, dass ich gegen die nationale Sicherheit aktiv war, indem ich Mitglied in illegalen Gruppierungen war, ausländischen Medien Interviews gab, oder durch Organisation von und Teilnahme an Massendemonstrationen.

Wie waren die Verhöre in diesen 102 Tagen?
Ich hatte während meiner Zeit im Gefängnis 14 Verhörsitzungen, was im Vergleich zu der langen Zeit, die ich dort war, wenig erscheint. Wenn entscheiden müsste, was die schlimmste Folter war, so würde ich sagen, dass es die Unsicherheit war. Sie lassen einen 20 Tage lang ohne Verhör in Einzelhaft, ohne Nachrichten, ohne das Recht, die Familie zu kontaktieren oder zu sehen. Ich habe sehen können, dass diese Unsicherheit vielen der Gefangenen sehr zugesetzt hat. Diejenigen, die noch nie Einzelhaft erlebt haben, leiden unglaublich darunter (bezogen auf das psychologische Leiden)

Wie ging es den anderen Insassen? Überhaupt, wie war die allgemeine Atmosphäre im Gefängnis und während der Verhöre?
Anders als viele glauben, sogar anders als wir dachten, die wir mit Fällen politischer Gefangener zu tun hatten, werden populäre und bekannte Personen in Abteilung 209 nicht geschlagen oder körperlich misshandelt. Dieses Mal jedoch war die Situation eine völlig andere. Körperliche Folter, Missbrauch, Degradierung von Häftlingen sowie schwere Schläge waren bei den männlichen Gefangenen verbreitet. Sogar weibliche Häftlinge wurden gelegentlich geohrfeigt („slap“), um sie zu demütigen.

Eine Art der Folter ist die Einzelhaft. Die Einzelhaft und die fehlenden Nachrichten aus der Außenwelt beraubt einen Menschen jeglicher Kritikfähigkeit. Ich bin froh, dass sie dieses Mal aus Platzmangel nicht alle Häftlinge in Einzelhaft nehmen konnten, insbesondere die Frauen.

Kein Telefon zu haben, keinen Besuch empfangen zu dürfen und die Probleme bei der Benutzung von sanitären Anlagen vergrößerten den Druck auf die Häftlinge noch. Dazu kamen dann noch das Weinen und die Schreie von Männern und Frauen, das jeden Tag und jede Minute in den Gängen zu hören war.

Wenn ich die Fälle dokumentieren sollte, die dem Gesetz und den bürgerlichen Rechten nach als Folter gelten, müsste ich ein Buch schreiben. Die Fälle, die ich hier erwähnt habe, sind die plastischeren Beispiele, die sowohl physisch als auch psychisch wirkten.

Die Häftlinge wurden in der unerträglichen Sommerhitze in einer Zelle zusammengepfercht. Fünf, manchmal sogar sechs Personen teilten sich eine 10-Meter-Zelle. Lüften (oder Atmen – „ventilation“) war da unmöglich.

Aber Mitte Juli erhielten einige der Zellen im Frauentrakt Klimaanlagen. Die Situation war so schrecklich, dass sich sogar das Wachpersonal beschwerte. Es waren so viele verhaftet worden, dass man einfach nicht genug Platz hatte, um sie alle unterzubringen.

Wie war die Situation der anderen Häftlinge, und mit wem waren Sie in einer Zelle?
Den meisten Häftlingen erging es ähnlich. Alle wurden absolut im Ungewissen gelassen. Niemand von uns wusste irgendetwas über das, was draußen vor sich ging, und wenn wir Informationen bekamen, waren diese minimal. Die Verhöre waren immer sehr schwer, obwohl jedem etwas anderes zur Last gelegt wurde.

Ich teilte meine Zelle mit 7 bis 8 Personen. Vier von ihnen standen in Verbindung mit den Unruhen nach der Wahl. Moralische Verhöre wurden aktiv durchgeführt. Sie versuchten, Geständnisse von den Leuten zu bekommen, indem sie ihnen moralische Korruptheit vorwarfen.

Als ich herauskam, stellte ich fest, dass diese Szenarien auch draußen üblich waren. Als ob die, die in den Kampagnen mitgearbeitet hatten, eigentlich etwas anderes beabsichtigt hätten. Das ist mir persönlich zwar nicht passiert, aber ich weiß von vielen Gefangenen, die damit unter Druck gesetzt wurden.

Die meisten meiner Zellengenossinen wurden im Verlauf meiner Haft entlassen, bis auf zwei.
Interessant ist, dass eine davon am 40. Todestag der nach den Wahlen ums Leben gekommenen Toten verhaftet wurde. Diese Person befindet sich noch immer in Abteilung 209. Kobra Zareh Doost wurde zusammen mit ihrem Mann verhaftet. Seine psychische Verfassung war extrem schlecht. In ähnlich gelagerten Fällen behalten sie einen Gefangenen einige Wochen und entlassen ihn gegen Kaution, aber dieses Paar ist seit fast 80 Tagen im Gefängnis, und es gibt kein Anzeichen für eine baldige Freilassung. Sie sind nicht politisch aktiv und haben nicht einmal an einer Demonstration teilgenommen. Sie waren lediglich zum Friedhof Behesht-e Zahra gefahren (ein riesiger Friedhof, wo auch die Opfer der Wahlproteste beerdigt wurden).

Sie sind Menschenrechtsaktivistin und verteidigen Gefangene. Werden diese dreieinhalb Monate, die Sie im Gefängnis verbracht haben, Ihre Arbeit beeinflussen? Glauben Sie, dass Sie die Gefangenen und ihre Problem jetzt verstehen?

Die Bedingungen waren mir vertraut. In 2002 und 2004 war ich in den Abteilungen 209 imd 240 gewesen, und ich war sogar in der Vozara-Haftanstalt (für Frauen). Als ich über Einzelhaft sprach, hatte ich eigentlich eine Vorstellung davon. Als ich die Zellen in Abteilung 209 beschrieb, wusste ich, wovon ich rede. Auch wenn ich damals nicht so lange im Gefängnis war, so hatte ich es trotzdem schon erlebt.
Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied gibt, ich war nur länger dort als vorher. Ich habe die Haft als besondere und ernste Zeit erlebt. Wenn ich sage „besonders“, dann meine ich damit, dass die Stimmung im Land sehr einzigartig war, und wir wussten nicht, was am Ende mit uns passieren würde. Die Umstände waren anders als sonst. Manchmal sagte ich mir, dass wir vielleicht dazu bestimmt waren, geopfert zu werden.

Während Sie im Gefängnis waren, hat sich im Iran einiges ereignet – Massendemonstrationen und Tote auf den Straßen. Hatten Sie Zugang zu diesen Informationen? Und wenn Sie gerade erst davon erfahren haben – was denken Sie darüber?
Bis zu dem Tag, an dem ich in Einzelhaft kam, hatte ich kein klares Bild der Ereignisse. Ich habe sogar gedacht, dass nach den ersten Tagen alles vorbei war. Aber zuweilen habe ich in meinen Telefongesprächen herausgehört, dass es immer noch Demonstrationen gab. Nachdem ich in eine Gemeinschaftszelle verlegt worden war, gab es dort Leute, die Wochen nach mir verhaftet worden waren. Ich erfuhr von ihnen, dass Millionen auf die Straßen gegangen waren. Um ehrlich zu sein, fiel es mir schwer, mir das vorzustellen. Aber dann merkte ich, dass es außen Aktivitäten gab. Später durften wir fernsehen, und wir konnten die Nachrichten sehen und analysieren.

Wenn ich heute die Filme und Bilder dieser Tage sehe, dann weiß ich, dass das, was außerhalb des Gefängnisses passierte, viel größer war als ich mir hatte vorstellen können, und ich kann die Gewalt noch immer nicht begreifen. Die Bilder, die Fotos, und die Toten haben mich wirklich aufgewühlt. Andererseits – wenn die Menschen nicht auf die Straße gegangen wären, hätte die Gefangenen ein anderes Schicksal erwartet.

Wie beurteilen Sie Ihren Fall? Was wird jetzt passieren?
Ich kann über meinen Fall nichts mit Sicherheit sagen. Nehmen wir an, dass man auf gesetzlicher Basis über unsere Fälle entscheidet, dann müssten wir für unsere grundlose Verhaftung entschädigt werden, und man müsste uns erklären, was passiert ist. Ich kann nichts mit Sicherheit sagen, aber ich weiß, dass ich vom gesetzlichen Standpunkt betrachtet freigesprochen werden müsste.
Ich denke, alles hängt von der Situation in der Gesellschaft ab. Der öffentliche Druck wird dazu führen, dass die politischen Gefangenen freikommen. So, wie es bisher auch gewesen ist.

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