Ich hatte nie Angst vor dem Tod – Ehsan Fatahians Gelöbnis

Veröffentlicht am 10. November 2009 auf http://persian2english.wordpress.com
Quelle (Englisch): http://wp.me/pDjBz-kz
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben.
Die Übersetzung greift in Teilen auf die bei Mowjcamp eingestellte englische Übersetzung zurück http://english.mowjcamp.com/article/id/63515

(Ehsan Fatahian soll morgen hingerichtet werden. Bitte helft, ihn zu retten)

Der letzte Strahl bei Sonnenuntergang/
ist der Weg, auf den ich schreiben will/
Das Geräusch der Blätter unter meinen Füßen/
sagt zu mir: Lass dich fallen/
nur dann wirst du den Weg zur Freiheit finden./
Ehsan Fatahian

Ich hatte nie Angst vor dem Tod. Selbst jetzt, wo ich seine seltsame und ehrliche Gegenwart neben mir spüre, möchte ich noch seinen Geruch wahrnehmen und neu entdecken; der Tod ist der älteste Gefährte dieses Landes. Ich möchte nicht über den Tod sprechen, ich möchte nach den Gründen dahinter fragen.
Wie kann man heute, wo Strafe die Antwort für die ist, die Freiheit und Gerechtigkeit suchen, dieses Schicksal fürchten? Diejenigen von „uns“, die von „ihnen“ zum Tode verurteilt wurden, haben nur eine Öffnung zu einer besseren und gerechten Welt gesucht. Wissen „sie“ auch, was sie tun?

Mein Leben begann in der Stadt Kermanshah, der Name, der wegen seiner Größe unter meinen Landsleuten immer in aller Munde war, die Stadt, die als Wiege der Zivilisation bezeichnet wird. Mein Denken entwickelte sich, und ich begann, die Ungerechtigkeit und die Diskriminierung zu sehen und zu spüren; eine Ungerechtigkeit, deren Ziel ich nicht nur als Individuum, sondern auch als Teil der Menschheit war. Ich suchte in tausend verschiedenen Richtungen nach den Gründen für Ungerechtigkeit. Aber die Wege für die, die nach Gerechtigkeit streben, waren so blockiert und die Atmosphäre so repressiv, dass ich keinen Weg fand, um die Dinge im Innern zu ändern, und so wandte ich mich woanders hin: Ich wurde ein Kämpfer der Komalah, um meine gestohlene Identität wieder zu finden. Doch ich habe mich nie von meiner ersten Heimat getrennt, und hin und wieder ging ich zurück, um meine Erinnerungen zu beleben. Und eines Tages, während eines meiner Besuche, fanden sie mich und sperrten mich in einen Käfig.

Das Willkommen, dass meine Wächter mir am ersten Tag zuteil werden ließen, zeigte mir, dass mein Schicksal das derer sein würde, die diesen Weg vor mir gegangen waren: Folter, konstruierte Anklagen, parteiische Gerichte, ein ungerechtes und politisch motiviertes Urteil, und schließlich und endlich der Tod.

Ich will es so ausdrücken: Nach meiner Verhaftung am 20. Juli 2008 in Kamyaran wurde ich in das örtliche Geheimdienstministerium gebracht. Einige Stunden später – mir waren die Augen verbunden, ich lag in Ketten, konnte nichts sehen und mich nicht bewegen – begann eine Person, die sich als der stellvertretende Staatsanwalt vorstellte, mich zu verhören. Seine Fragen waren unbedeutend und voller konstruierter Anschuldigungen (ich möchte daran erinnern, dass es absolut gegen das Gesetz verstößt, Menschen woanders als im Gerichtssaal zu befragen). Dieses Verhör war das erste von vielen, die mir bevorstanden.

In derselben Nacht wurde ich zum Hauptquartier des Geheimdienstministeriums der Provinz Kurdistan in Sanandaj gebracht, wo mir die richtige Party bevorstand: eine schmutzige Zelle mit einem ekelerregenden Bad, die Decken waren seit Jahren nicht gewaschen worden. Dies war der Beginn eines dreimonatigen Lebens zwischen Zelle und Verhörraum, immer unter extremer Folter und Schlägen. Die ehrenwerten Verhörbeamten waren so erpicht darauf, befördert zu werden oder etwas mehr Geld zu verdienen, dass sie mit allen möglichen bizarren Anschuldigungen kamen, obwohl sie wussten, dass sie falsch waren. Sie wandten jedes ihnen verfügbare Mittel an, um zu beweisen, dass ich an einer bewaffneten Operation beteiligt war. Am Ende konnten sie nur beweisen, dass ich ein Mitglied der Komalah gewesen war und bei Propagandaaktionen gegen das Regime mitgemacht hatte.

Die zehnjährige Haftstrafe, die durch das erste Gericht verhängt wurde, ist ein guter Beweis dafür, dass es nur einen Anklagepunkt gegen mich gab. Das Revolutionsgericht in Sanandaj verurteilte mich zu zehn Jahren Gefängnis, abzusitzen im Ramhormoz-Gefängnis außerhalb Kurdistans.

Die politischen und bürokratischen Strukturen im Iran haben eine zentrale Politik immer favorisiert, doch in meinem Fall entschieden sie sich offenbar für einen anderen Weg!
In letzter Zeit sind Berufungsgerichte in der Provinz zu den juristischen Authoritäten geworden, die in Fällen von politischen Gefangenen Entscheidungen treffen, selbst, wenn es um die Todesstrafe geht. Fälle mit Todesurteilen fielen in die Zuständigkeit des Obersten Gerichts. Der Staatsanwalt von Kamayaran legte also gegen das erste Urteil Berufung ein, und unerwarteterweise wandelte das Berufungsgericht von Kurdistan die zehnjährige Haftstrafe in ein Todesurteil um, was gegen das iranische Gesetz verstößt.

Gemäß Artikel 258 des iranischen Strafrechts können Berufungsgerichte nur dann ein höheres Strafmaß beschließen, wenn das erste Urteil unter der gesetzlich vorgesehenen Mindeststrafe liegt. Die Anklageschrift des Staatsanwalts stellte den Tatbestand der „Gegnerschaft gegen Gott“ (moharebeh) fest. Die Mindeststrafe, die das Gesetz in solchen Fällen vorsieht, lautet ein Jahr Gefängnis. Nun urteilen Sie selbst und vergleichen Sie die zehn Jahre im Gefängnis (abzuleisten im Exil) mit der Mindeststrafe, um zu sehen, wie illegal, ungesetzlich und politisch die Todesstrafe ist.

Lassen Sie mich hinzufügen, dass man mich, kurz bevor mein Urteil in ein Todesurteil abgewandelt wurde, aus dem Sanandaj-Gefängnis in das Gefängnis des Geheimdienstministeriums brachte, wo ich aufgefordert wurde, vor der Kamera ein falsches Geständnis abzulegen, Reue für Dinge zu zeigen, die ich nicht getan hatte und meinen Überzeugungen abzuschwören. Ich habe mich ihren unrechtmäßigen Forderungen nicht gebeugt, also wurde mir mitgeteilt, dass meine Haftstrafe in ein Todesurteil umgewandelt werden würde. Sie hatten es eilig damit, ihr Versprechen einzulösen und mir zu beweisen, dass Gerichte immer den Forderungen des Geheimdienstes und nichtjuristischer Organe nachgeben. Wie kann man da die Gerichte kritisieren?

Alle Richter legen einen Eid ab, in dem sie schwören, jederzeit und in jedem Fall unparteiisch zu bleiben, nach dem Gesetz und nur nach dem Gesetz zu gehen. Wie viele der Richter dieses Landes können von sich sagen, dass sie diesen Schwur nicht gebrochen haben, dass sie gerecht und unparteiisch geblieben sind? Meiner Meinung nach kann man diese Richter an den Fingern einer Hand abzählen.

Wenn das gesamte Justizsystem in Iran auf Grund einer Handbewegung eines ungebildeten Verhörbeamten Verhaftungen, Prozesse, Haftstrafen und Todesurteile anordnet, was kann man dann von ein paar niederen Richtern in einer Provinz erwarten, die immer diskriminiert wurde? Ja, in meinen Augen ist es das Fundament des Hauses, das in Trümmern liegt.

Als ich den Staatsanwalt, der das erste Urteil erlassen hatte, letztes Mal im Gefängnis traf, gab er zu, dass das Todesurteil illegal war. Und dennoch wurde beim zweiten Mal entschieden, dass meine Hinrichtung ausgeführt werden soll. Man muss nicht erwähnen, dass das Bestehen auf einer Ausführung des Urteils um jeden Preis auf Druck seitens der Politik und des Geheimdienstes außerhalb des Justizwesens zurückzuführen ist.

Die Leute, die diesen Gruppen angehören, betrachten Leben und Tod eines Gefangenen lediglich auf der Basis ihrer eigenen politischen und finanziellen Interessen. Sie sehen nichts außer ihren eigenen ungesetzmäßigen Zielen, selbst wenn es um das Recht eines Menschen geht, zu leben – das fundamentalste aller Menschenrechte. Wie sinnlos ist es, von ihnen zu erwarten, dass sie internationale Verträge respektieren, wenn sie nicht einmal ihre eigenen Gesetze einhalten?

Ein letztes Wort: Wenn die Regierenden und die Unterdrücker glauben, dass die kurdische Frage mit meinem Tod beendet ist, irren sie sich. Mein Tod und der Tod tausender anderer wie mir wird den Schmerz nicht heilen, sondern nur Öl in dieses Feuer gießen. Es besteht kein Zweifel daran, dass jeder Tod der Beginn eines neuen Lebens ist.

Ehsan Fatahian,
Zentralgefängnis Sanandaj

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Eine Antwort zu “Ich hatte nie Angst vor dem Tod – Ehsan Fatahians Gelöbnis

  1. julia, danke für deine wundervolle arbeit!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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