Tagesarchiv: 14. November 2009

Kahrizak fordert weitere Opfer: Arzt begeht Selbstmord

Veröffentlicht auf Persian2English am 14. November 2009
Persischer Artikel: Mowjcamp
Englische Übersetzung: http://wp.me/pDjBz-lN
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

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Dr. Ramin Pourarzjani, der seinen Militärdienst als Arzt im Gefängnis Kahrizak ableistete, hat nach den auf die Enthüllungen über die Skandale in Kahrizak folgenden Ereignissen Selbstmord begangen.

Während Anschuldigungen, dass Gefangene von Polizisten brutal geschlagen wurden, ungeprüft blieben und Richter Mortazavi Berichte der parlamentarischen Untersuchungskommission durch Druck auf die Parlamentarier verzögert, wurde der 26jährige Arzt Ramin Pourarzjani der Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflicht gegenüber den in Kahrizak zu Tode gekommenen angeklagt, und ihm drohten die Entziehung seiner ärztlichen Lizenz sowie eine fünfjährige Haftstrafe.

Wie die Webseite Nourouz berichtet, war Pourarzjani ein herausragender Student, der bei der nationalen Aufnahmeprüfung für das Universitätsstudium eine zweistellige Platzierung erreicht hatte. Er wurde als erstes Opfer der geschlossenen Gerichtsverhandlungen befragt und wegen der Ereignisse in der Haftanstalt angeklagt.

Nach Bekanntwerden der grauenhaften Verbrechen, die sich in der Haftanstalt Kahrizak – auch als iranisches Guantanamo bezeichnet – zugetragen haben, war die Angelegenheit vor ein Militärgericht gebracht worden. Angeklagt war der frühere Teheraner Generalstaatsanwalt und stellvertretende Polizeichef, der direkt verantwortlich für die Vorfälle in diesem Gefängnis war. Die Justiz sagte zu, den Fall schnellstmöglich zu bearbeiten. Ähnlich wie in anderen Prozessen gegen Justiz- und Polizeiangehörige in den letzten Jahren wurde der Angeklagte weder befragt noch vor Gericht gestellt. Stattdessen werden neue Anklagen gegen andere Personen erhoben, von denen vermutet wird, dass sie konstruiert wurden, damit der Fall sich verläuft. Für diese neuen Anklagefälle werden neue Opfer gefunden, wie im Falle des Arztes, der in Kahrizak seinen Dienst versah.

Während der Ereignisse im Wohnheim der Teheran-Universität (gemeint sind die Angriffe auf das Studentenwohnheim im Jahr 1988, d. Übers.), die das Land für eine Woche in eine Krise stürzten, wurde lediglich ein Polizist wegen der Entwendung eines Rasierapparates angeklagt, alle anderen Beamten, die laut Bericht des nationalen Sicherheitsrates angeblich in den Fall verwickelt waren, wurden freigesprochen.

Dasselbe trifft auf die Fälle der Kettennmord-Anklagen zu. Doch Mohammad Khatamis Beharren auf die „Entfernung des infizierten Tumors dieses [Geheimdienst-]Ministeriums führte letztlich zur Inhaftierung von Saeed Emami; es muss nicht dazu gesagt werden, dass auch er durch seinen sogenannten Selbstmord mit einem Enthaarungsmittel daran gehindert wurde, seine Komplizen gründlich zu entlarven.
(Anm. d. Übers.: Hintergründe zum Fall Saeed Emami http://de.wikipedia.org/wiki/Said_Emami)

Obwohl der Selbstmord des Arztes und Soldaten (Ramin Pourarzjani) im Fall der im Zusammenhang mit Kahrizak Angeklagten ein verdächtiger Punkt ist, erscheint doch der Selbstmord eines Menschen, der die an den Häftlingen verübten Gräuel aus erster Hand bezeugen konnte und in der Lage war, die Schuldigen jederzeit öffentlich zu identifizieren, suspekt.
(Anm. d. Übers.: Der Satz steht tatsächlich so in der englischen und auch in der persischen Version)

Eine ernsthafte Frage bleibt:
Wenn Menschen wie Behzad Nabavi angeklagt werden, mit ihrer Teilnahme an Demonstrationen den Straßenverkehr in Teheran aufgehalten und damit die nationale Sicherheit gefährdet zu haben, wenn Menschen wie Behzad Nabavi in Einzelhaft genommen und vor Gericht vielfache Anklagen gegen sie erhoben werden – wie ist es möglich, dass diejenigen, die direkt für den Märtyrertod iranischer Jugendlicher verantwortlich sind, derart viel Macht haben, dass sie nicht nur die Verlesung des Berichts des Ermittlungsausschusses im Parlament unmöglich machen, sondern dazu noch sich selbst von allen Vorwürfen freisprechen und mit ihrem Einfluss die Veröffentlichung des Berichts über diesen Fall verhindern?

Die Öffentlichkeit wird nicht vergessen, dass die politischen Gefangenen der jüngsten Ereignisse zumeist einen oder zwei Tage nach der Wahl inhaftiert wurden und dass all ihre Aktivitäten bis zum Wahltag legal waren – selbst für die damals amtierende Regierung. Dann, innerhalb von zwei Tagen, wurden mehrseitige Anklageschriften gegen diese Personen vorgetragen, und die staatlichen Radio- und Fernsehsender hielten sich in ihrem Jubel über jegliche Anklagen gegen sie keinesfalls zurück. Dennoch, die Verantwortlichen für die Morde an unserer Jugend sind fähig, von einem Fall in einem Maße abzulenken, dass das Gericht am Ende behaupten wird, keine ausreichenden Beweise für die Schuld der Angeklagten und ihre Verurteilung zu haben.

So etwas kommt im Justizsystem unseres Landes wieder und wieder vor, und es scheint, als gebe es keinerlei Entschlossenheit, dieses ungerechte, illegale und unrechtmäßige Verhalten [zu verändern].