Tagesarchiv: 18. November 2009

Amnesty International fordert Iran zur Untersuchung des Todes eines Gefängnisarztes auf

Veröffentlicht bei Amnesty International am 18. November 2009
Quelle (Englisch) http://www.amnesty.org/en/news-and-updates/news/iranian-authorities-must-investigate-death-detention-centre-doctor-20091118
(Deutsche Übersetzung: Julia, bitte bei Weiterveröffentlichung Link zu diesem Post angeben)

Die iranischen Behörden müssen den Tod eines jungen Arztes, der in der Haftanstalt Kahrizak südlich von Teheran gearbeitet hatte, vollständig und unabhängig untersuchen lassen. Dies forderte Amnesty International am Mittwoch.

Dr. Ramin Pourandarjanis Leiche war am 10. November in seinem Zimmer in der Ambulanz des Hauptquartiers der Teheraner Polizei aufgefunden worden.

Der iranische Polizeichef teilte am Mittwoch mit, dass Dr. Pourandarjani wegen Depressionen Selbstmord begangen habe, da er vor Gericht geladen war und mit einer fünfjährigen Haftstrafe rechnen musste.

Pourjandarjanis Vater Reza-Qoli Pourandarjani hat Selbstmord als Todesursache angezweifelt. Wie er Associated Press gegenüber sagte, war ihm zunächst mitgeteilt worden, dass sein Sohn sich bei einem Autounfall ein Bein gebrochen habe und dass sein Einverständnis für eine Operation benötigt werde. Seine Familie reiste daraufhin nach Teheran, wo sie mit seiner Leiche konfrontiert wurden.

Sein Vater sagte, sein Sohn sei am Vorabend bei einem Telefongespräch guter Dinge gewesen.

Am Montag teilte die Teheraner Staatsanwaltschaft mit, dass Dr. Pourandarjanis Tod untersucht werde.

Während der Unruhen, die auf die umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Sommer folgten, leistete der 26jährige Dr. Pourandarjani seinen militärischen Pflichtdienst als Gefängnisarzt in Kahrizak ab.

Vor seinem Tod hatte er angeblich Drohungen erhalten, die ihn davon abhalten sollten, über das Ausmaß der Misshandlungen in Kahrizak zu sprechen. Er soll Freunden gegenüber erwähnt haben, dass er Angst um sein Leben habe.

In Kahrizak waren Teilnehmer an den Protesten nach den Wahlen festgehalten worden. Iranische Behörden haben bestätigt, dass es dort Folter gegeben hat, an der mindestens drei Männer starben.

Als Gefängnisarzt behandelte Ramin Pourandarjani bei seinen wöchentlichen Besuchen Insassen, die gefoltert worden waren.

Eines der Opfer war Mohsen Rouholamini, der Sohn eines konservativen iranischen Politikers, dessen Tod große Aufmerksamkeit auf die Folterungen und Morde in Kahrizak gelenkt hatte.

Auf Anordnung des Obersten Führers von Iran, Ayatollah Ali Khamenei, war Kahrizak aufgrund der Vorwürfe bezüglich der Misshandlung und der unmenschlichen Bedingungen für die Häftlinge geschlossen worden.

Medienberichten zufolge soll Iran die Untersuchungen zu Misshandlungen im Zuge der umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Juni fortsetzen.

Der Leiter einer parlamentarischen Sonderkommission zur Untersuchung der Misshandlungsvorwürfe während der Unruhen – die auch Dr. Pourandarjani zu den Bedingungen in Kahrizak befragt hatte – soll sich Berichten zufolge mit dem Chef der Juristischen Organisation der Streitkräfte getroffen haben, um den Fall von Dr. Pourandarjanis Tod zu besprechen.

Amnesty International fordert für die Untersuchungen die vollständige Einhaltung der UN-Prinzipien zur effektiven Prävention und Untersuchung von außergerichtlichen, summarisierten und willkürlichen Hinrichtungen.

Verdächtiger Tod des Kahrizak-Gefängnisarztes: Die Angst um weitere Augenzeugen wächst

Artikel auf Persisch: http://www.hra-news.org/news/9147.aspx
Englische Übersetzung: http://persian2english.wordpress.com/2009/11/18/suspicious-death-of-kahrizak-prison-doctor-and-increasing-fears-for-the-safety-of-other-eye-witnesses/
Deutsche Übersetzung (aus dem Englischen): Julia
Bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Blog angeben

Mohsen Rouholamini wurde in Kahrizak zu Tode gefoltert

Wie Moje Sabz Azadi berichtet, hatte der Gefängnisarzt von Kahrizak Ramin Pourandarjani vor seinem Tod der parlamentarischen Untersuchungskommission, die die Vorkommnisse in Kahrizak untersucht, über Einzelheiten der Todesumstände von Mohsen Rouholamini sowie über in Kahrizak verübte Verbrechen berichtet.

Würde der Arzt noch leben, könnte er Namen nennen von denen, die in die schrecklichen Verbrechen von Kahrizak verwickelt waren. Freunde und Verwandte des Arztes bestätigen, dass er der Sonderkommission solche Einzelheiten genannt und auch geäußert hatte, dass er Angst um sein Leben habe.

In seinem Bericht an die Kommission erwähnte Pourandarjani, dass Mohsen Rouholamini zwei Tage vor dessen Tod zu ihm gebracht worden war, nachdem man ihn schwer gefoltert hatte und er katastrophalen Bedingungen ausgesetzt war. Obwohl Pourandarjani nur begrenzte medizinische Mittel zur Verfügung hatte, tat er für ihn, was er konnte. Er erwähnte außerdem, dass die Gefängnisbehörden ihm drohten, sein Leben sei in Gefahr, sollte er über die Gründe für Rouholaminis Verletzungen sprechen. Die Polizei hatte der Kommission unterdessen mitgeteilt, dass Rouholamini an Meningitis gestorben sei. Dr. Pourandarjani entschied sich dennoch dafür, die Fakten vor der Kommission offenzulegen.

Oberste Reihe, von links: Radaan, Mortazavi, Ahmadi Moghaddam. Unten: Ramin Pourandarjani

Die genannte Zeugenaussage ist ein Teil des Berichts, der von der Kommission nie veröffentlicht wurde, nachdem Offizielle der Justiz und der Streitkräfte wie Ahmadi Moghadam, Mortazavi und Radan Druck auf die Kommission ausgeübt hatten.

Die Nachricht vom Tod Pourandarjanis förderte zudem zutage, dass er auch verhaftet worden war. Er hatte seinen Freunden und Verwandten gegenüber wiederholt geäußert, dass er in Lebensgefahr sei und unter Druck gesetzt würde, um eine falsche Zeugenaussage zu machen. Er sei jedoch entschlossen gewesen, dem Gericht die Wahrheit zu sagen.

Dr. Pourandarjani starb am vergangenen Dienstag im Militärkrankenhaus, angeblich an einem Herzinfarkt. Anders als üblich wurde seiner Familie nicht gestattet, eine Autopsie vornehmen zu lassen. Das Waschen und Herrichten seiner Leiche erfolgte nicht in der Stadt, in der er bestattet wurde (Tabriz), sondern in Teheran, anschließend wurde sie nach Tabriz transportiert und dort unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beerdigt.

Ramin Pourandarjani, Gefängnisarzt von Kahrizak

Die parlamentarische Sonderkommission sollte nun folgenden Fragen nachgehen:

1) Was war der Grund dafür, dass der Bericht der Sonderkommission erst so spät gelesen und mit der gerichtlichen Verfolgung der Verantwortlichen von Kahrizak so spät begonnen wurde?

2) Warum erhielt Pourandarjani, der der Kommission gegenüber sensible Tatsachen entüllt hatte und um sein Leben fürchtete, keinen Schutz? Stattdessen wurde er von denen, die er beschuldigt hatte, in Gewahrsam gehalten und starb im Alter von 26 Jahren im Schlaf an einem Herzinfarkt.

3) Warum wurde seine Leiche in Teheran gewaschen und hergerichtet, obwohl er in der Heimatstadt seiner Eltern Tabriz bestattet wurde?

4) Warum durfte seine Familie keine Autopsie veranlassen?

5) Wenn er eines natürlichen Todes starb, warum erfolgten Waschung und Bestattung unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und im Beisein der bewaffneten Streitkräfte?

6) Welche Verbindungen bestehen zwischen dem verdächtigen Tod Pourandarjanis und den Hauptverdächtigen im Fall Kahrizak, insbesondere mit dem Befehlshaber der Streitkräfte Ahmadi Moghadam, dem stellvertretenden Befehlshaber der Streitkräfte und Kahrizak-Verantwortlichen Radaan, und Saeed Mortazavi, dem damaligen Staatsanwalt von Teheran, die gemeinsam mit Richter Haddad und Richter Heidarifar die Angeklagten nach Kahrizak geschickt hatten?

7) Gibt es nicht merkwürdige Parallelen zwischen der angeblichen Todesursache (Herzversagen) des 26jährigen Jungen und der Art und Weise, wie andere politische Aktivisten in den letzten Jahren angeblich gestorben sein sollen, die in Wirklichkeit aber ermordet wurden? Wirft das nicht Fragen auf?

Die Justizbehörden müssen gewarnt werden, dass das Leben von in Kahrizak stationierten Soldaten, die ebenfalls Zeugen der dortigen Ereignisse wurden, möglicherweise ebenfalls in Gefahr ist.

Ein Soldat desertierte, nachdem er gesehen hatte, was in Kahrizak vor sich ging. Jeden von ihnen kann von einer Minute auf die nächste ein ähnliches Schicksal treffen wie Pourandarjani, sei es durch die Simulation eines Herzinfarkts oder einen fingierten Autounfall – wie Mortazavi es ja auch in seinen Drohungen gegen politische Gefangene zu sagen pflegte. Viele Aktivisten erinnern sich an seine Worte: „Die Zahl der Autounfälle in Iran ist statistisch gesehen sehr hoch. Wer weiß, vielleicht fällt Ihre Familie eines Tages einem Autounfall zum Opfer…“

Übersetzung: Negs Ir