Tagesarchiv: 19. November 2009

Wieder neue Einzelheiten: Arzt von Kahrizak fürchtete um sein Leben

Veröffentlicht auf Mowjcamp am 19. Novmber 2009
Quelle (Englisch): http://english.mowjcamp.com/article/id/65936
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Neuen Details über den mysteriösen Tod des Gefängnisarztes von Kahrizak zufolge hatten der Arzt und seine Familie vor seinem tragischen Tod Angst um ihn.

Dr. Ramin Pourandarjani war Arzt in der berüchtigten Haftanstalt Kazrizak. Vergangene Woche wurde er in der Notaufnahme der iranischen Polizei tot aufgefunden. Pourandarjani hatte viele Insassen von Kahrizak behandelt, bevor das Gefängnis auf direkte Anweisung des Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei geschlossen wurde.

Einer der von Dr. Pourandarjani behandelten Häftlinge war Mohsen Rouholamini, der später im Gefängnis an den Folgen von Folterung starb. Der Tod von Mohsen Rouholamini, dessen Vater ein bekannter konservativer Politiker mit Verbindungen bis hin zum Führer war, warf ein Schlaglicht auf die Tatsache, dass Häftlinge in iranischen Gefängnissen misshandelt werden.

Einem neuen Bericht der offiziellen Webseite einer iranischen Refompartei Nowrooz zufolge hatte Ramin Pourandarjanis Mutter sich vor dem Tod ihres Sohnes an Mohsen Rouholaminis Vater gewandt und erklärt, dass das Leben ihres Sohnes „in Gefahr“ sei, weil er „die Wahrheit über die Folter und den Tod Ihres Sohnes enthüllt“ habe. Rouholamini habe ihr daraufhin geantwortet: „Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“ „Sie haben mit Leuten zu tun, die in dem Fall angeklagt sind, nicht ich.“

Mowjcamp erfuhr außerdem, dass Dr. Pourandarjani sich einen Tag vor seinem Tod sogar an das iranische Parlament gewandt hatte, um um Unterstützung zu bitten, wo er mit Dr. Sadr, dem Vorsitzenden der Kommission für Gesundheitswesen (? „Health treatment commission“) des iranischen Parlaments zusammentraf. Dr. Sadr weigerte sich jedoch, die verzweifelten Bitten des jungen Arztes anzuhören.

Es hat den Anschein, dass die Justiz und die Polizei dem Tod von Dr. Pourandarjani absichtlich passiv gegenüberstehen, jedes Wissen um die in Kahrizak verübten Verbrechen bestreiten und jeden Informationsfluss zu dem mysteriösen Todesfall verhindern wollen.

Nowrooz News hat nach Recherchen über diesen Fall den iranischen Polizeichef, seinen Stellvertreter und Teherans Generalstaatsanwalt Saeed Mortazavi als Verantwortliche ausgemacht. Diese Personen waren auch direkt in die Missbrauchsfälle in Kahrizak verwickelt, allerdings ist von offizieller Seite noch keine Reaktion auf die Anschuldigungen gegen sie erfolgt.

Die Kontroversen um Dr. Pourandarjanis Tod und der daraus resultierende Druck auf die iranische Polizei veranlassten den Polizeichef am Mittwoch zu der Erklärung, Pourandarjani habe sich wegen seiner Depressionen selbst getötet. Mit dieser Äußerung sollte der Druck von der iranischen Polizei genommen werden.

Es fällt sehr schwer, eine solche Behauptung ernst zu nehmen, da Dr. Pourandarjani einem Freund am Telefon berichtet hatte, dass er vorhatte, am vergangenen Dienstag nach Tabriz im Nordwesten Irans zu fahren.

Außerdem hatte Pourandarjani die Zulassung zu einer deutschen Universität und plante, sein Studium in Deutschland fortzusetzen, was die Selbstmordtheorie noch fragwürdiger macht.

Mowjcamp hatte zuvor in einem ausführlichen Bericht einige Fragen zu den verdächtigen Todesumständen Dr. Pourandarjanis an den Sprecher des iranischen Parlaments Ali Larijani und die parlamentarische Sonderkommission zur Untersuchung der Misshandlungen nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen im Juni gerichtet:

Why and due to the interference of what authorities was there a long delay in making the parliamentary report public and how is this linked with the suspicious death of Dr Pourandarjani?
Warum und auf wessen Intervention wurde die Veröffentlichung des Berichts der Sonderkommission so stark verzögert, und in welchem Zusammenhang steht dies mit dem verdächtigen Tod von Dr. Pourandarjani

Warum erhielt Pourandarjani, obwohl er der Kommission gegenüber ausgesagt hatte und auch erwähnt hatte, dass er um sein Leben fürchtete, keinen Schutz?

Warum durfte er seinen Dienst bei der Polizei fortsetzen, die bereits als Hauptverdächtige der Fälle von Gewalt gegen Häftlinge galt?

Warum wurde seine Leiche in Teheran gewaschen und hergerichtet, obwohl er in der Heimatstadt seiner Eltern Tabriz bestattet wurde?

Warum durfte seine Familie keine Autopsie der Leiche veranlassen, worauf sie als Verwandte des Verstorbenen ein unumstößliches Recht haben?

Warum fand seine Beisetzung unter derart hohen Sicherheitsvorkehrungen und unter so außergewöhnlichen Umständen statt, dass nicht einmal seine engsten Freunde den Mut aufbrachten, der Beerdigung beizuwohnen?

Welche Verbindungen bestehen zwischen dem Tod Pourandarjanis und Personen wie Polizeichef Ahmadi Moghadam, seinem Stellvertreter Radaan, und Saeed Mortazavi, dem damaligen Staatsanwalt von Teheran?

Norooz News hatte berichtete, dass Radan dem jungen Arzt persönlich gedroht und ihn angewiesen hatte, über das, was er weiß, Stillschweigen zu bewahren.

Gibt es nicht merkwürdige Parallelen zwischen der angeblichen Todesursache (Herzversagen) des 26jährigen Jungen und der Art und Weise, wie andere politische Aktivisten in den letzten Jahren starben?

Nach den Unruhen, die auf die gefälschte Präsidentschaftswahl im Juni folgten, leistete der 26jährige Dr. Pourandarjani seinen Pflichtdienst als Gefängnisarzt in Kahrizak ab.