Tagesarchiv: 20. November 2009

In den Händen der Befrager

Veröffentlicht auf Rooz Online am 20. November 2009
von Nazanin Kamdar
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/november/20//in-the-hands-of-interrogators.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Die iranische Nachrichtenagentur Fars News ist einer der Medienkanäle, die nach der 10. Präsidentschaftswahl von den Pasdaran/Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) zur Unterstützung der Regierung Ahmadinejad und Bekämpfung der Grünen Bewegung mobilisiert wurden. Im Januar 2008, als der frühere Fars-Chef Mehdi Fazayeli, der unter Ali Larijani dem Sekretär für internationale Angelegenheiten beim Nationalen Sicherheitsrat Javad Vaeedi nahestand, durch den unbekannten Hamidreza Moghaddamfar (beim IRGC bekannt als „Hajj Hamid Naseri“) ersetzt wurde, konnten sich die Mitarbeiter von Fars nicht vorstellen, dass die Nachrichtenagentur in 2009 zum wichtigsten Medium der Vernehmungsbeamten werden würde.

Reporter und Fotografen wurden gefeuert
Moghaddamfar, dessen Lebenslauf lediglich die Titel „Medienexperte“ und „Doktorand des strategischen Managements“ ausweist, entließ kurz nach seiner Einstellung bei Fars News über 20 Reporter, Fotografen und Mitarbeiter und ersetzte sie mit unbekannten Gesichtern, die er aus den Reihen von studentischen Basij-Aktivisten rekrutierte und zu „Reporter“ und „Analysten“ umtitulierte.

Einer der entlassenen Reporter von Fars News, Yousef Asadi, schrieb in seinem persönlichen Blog „Blog eines Dorfkorrespondenten“ über die Entlassung von Fars-Reportern und Mitarbeitern nach der Ernennung des neuen Chefs: „Nach Ankunft des neuen Managers realisierten der Herausgeber des politischen Ressorts und viele hart arbeitende Fars-Reporter – darunter auch ich – dass wir gefeuert waren. In einem Gespräch mit dem Manager hörte ich ihn sagen ‚Niemand hat hier das Recht zu protestieren, nicht einmal Sie, der Sie mein Freund sind.“

Seit seiner Entlassung schrieb dieser Reporter Artikel über die Versuche, eine „Arbeitsrückkehrerlaubnis“ von legalen Medienkanälen zu erhalten. Doch einen Tag nach der Präsidentschaftswahl hörte er auf, über Fars und die internen Meinungsverschiedenheiten in der staatlichen Medienagentur zu schreiben.

Die Verkündung von Ahmadinejads Sieg in der Nacht vor der Wahl
Eine Nacht vor der Wahl zitierte die Nachrichtenagentur Fars News ein erfundenes Zentrum für „öffentliche Meinung“, das einen Wahlsieg Ahmadinejads mit mehr als 60% vorhergesagt habe. Dieser Bericht ließ bei Mir Hossein Moussavi und Mehdi Karroubi und ihren Helfern Zweifel an der Integrität der Wahlergebnisse aufkeimen. Am Abend des 12. Juni wurden die Ergebnisse derselben Meinungsumfrage vom Chef des Wahlgremiums der Regierung als offizielles Wahlergebnis bekannt gegeben.

Der Bericht von Fars News vom Vorabend der Wahl wird in dem von Mir Hossein Moussavis Komitee zur Wahrung der Integrität von Wahlen unter Leitung von Ali Akbar Mohtashamipour veröffentlichten Bericht als „ein Beispiel für konstruierte Natur der Wahlen“ bezeichnet.

Beteiligung am Geständnis-Projekt
Eine informierte Quelle informierte Rooz über die Rolle der Nachrichtenagentur im Vorgehen gegen inhaftierte politische Gefangene.
„Innerhalb von 3 Tagen, nachdem Millionen von Menschen am 15. Juni demonstriert hatten, besuchte Amir Hossein Mahdavi vom Zentralkomitee der Mujaheddin der Islamischen Revolution gemeinsam mit Hamed Talebi und Abbas Kolahdouz, zwei Reportern vom politischen Referat bei Fars, das Büro der Nachrichtenagentur ISNA und hielt eine Pressekonferenz ab, in der Amir Hossein Mahdavi Moussavi kritisierte und ihn als „fehlgeleitet“ bezeichnete. Nachdem das erste Geständnis-Projekt, an dem Amir Hossein Mahdavi beteiligt war, beendet war, verließ er das ISNA-Büro mit unbekanntem Ziel, gemeinsam mit den beiden Reportern, die als seine Befrager fungierten, und dieser Beweis enthüllt die Rolle der Fars-Agenten in dem Geständnis-Projekt.“

Während der Scheinprozesse vom Juli waren nur Reporter und Fotografen von Fars als „Medienvertreter“ im Gerichtssaal zugelassen, um die Inhaftierten zu interviewen. Aus diesem Grund wurden Fotos von inhaftierten politischen Gefangenen erstmals von Fars News veröffentlicht. Die Fotos wurden von unbekannten Fotografen der Nachrichtenagentur gemacht.

Es ist interessant, dass während der Scheinprozesse gegen hunderte politischer Aktivisten unter Leitung des damaligen Teheraner Staatsanwaltes Saeed Mortazavi überall Fars-Reporter und Fars-Fotografen anwesend und aktiv waren und nach den Prozessen weiterhin vorgefertigte Geständnisse als Geständnisse von Verhafteten veröffentlichten, die in zwei Fällen von Familienangehörigen politischer Gefangener dementiert wurden.

Vorbereitung der Prozesse gegen Moussavi und Karroubi
Diese Agentur, die von vielen Aktivisten als „Medienzentrale des Putsches“ bezeichnet wird, begann nach dem Fehlschlag der Regierung bei den Geständnissen ein neues Projekt, das als „öffentliche Forderung nach Prozessen für Anführer der Rebellion“ bekannt ist.
In diesem Zusammenhang berichtete die Agentur in den vergangenen Wochen über eine von 144 Parlamentariern unterzeichnete Beschwerde, die an den Justizchef gegangen sei. Zuvor war diese Behauptung von dem Parlamentsabgeordneten Hamidreza Rasaei aufgestellt worden, der einer der radikalsten Befürworter der Putschregierung ist und der zur Zeit als Berater des Präsidenten der Nachrichtenagentur Fars fungiert.

Ein politischer Aktivist sprach mit Rooz über die Bemühungen der Nachrichtenagentur, die Putschregierung zu unterstützen. „Fars trägt lediglich den Namen ‚Nachrichtenagentur‘, ist aber in eine Produktionsstätte für gefälschte Nachrichten und Analysen gegen die grüne Bewegung und ihre Führer umgewandelt worden“, sagte er.

Ein weiterer politischer Aktivist, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, gab vor kurzem bekannt, dass die Berichte der Nachrichtenagentur bei Befragungen eingesetzt werden. Er bat Rooz jedoch darum, die Informationen, die er während seiner Haft über die Nachrichtenagentur gesammelt hatte, aus Sicherheitsgründen nicht zu veröffentlichen.

Regime will neue “Großayatollahs” ernennen

Veröffentlicht auf Rooz Online am 20. November 2009
Autor: Ali Farokhi
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/november/20//regime-seeks-to-appoint-new-grand-ayatollahs.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben


Nachdem die Proteste führender iranischer Ayatollahs gegen das Regime eskaliert sind, wollen Mitglieder des Geistlichen- und Lehrerseminars in Qom (der wichtigsten Organisation von Geistlichen, die dem Regime nahestehen) unter Leitung von Mohammad Yazdi, Ahmad Jannati und Mesbah Yazdi eine Liste mit „Großayatollahs“ vorlegen.

In der schiitischen Rechtssprechung stehen Großayatollahs an der Spitze der Hierarchie und können „Fatwas“ (religiöse Dekrete) erlassen.

Glaubwürdigen Berichten zufolge wird die Liste Namen von Großayatollahs enthalten, die durch die Islamische Regierung gebilligt wurden.

Nach dem Tod von Ayatollah Khomeini und dann Ayatollah Araki hatte die Organisation Listen herausgegeben, auf denen die Namen von Großayatollahs wie Montazeri, Sistani, Shirazi, Ezzeddin Zanjani, Sadegh Rowhani, Sadeghi Tehrani und Qomi fehlten – Großayatollahs, die selbstverständlich ihre Doktrinen mit Gesetzen für die Gläubigen mindestens 20 Jahre zuvor veröffentlicht hatten. Stattdessen platzierte die Lehrervereinigung den Namen des [heutigen] Führers der Islamischen Republik Ayatollah Khamenei – der den höchsten Rang der Rechtssprechung nicht erreicht hatte – ganz oben auf der Liste

Als es kürzlich zwischen dem Büro des obersten Führers und den Großayatollahs von Qom anlässlich der Ausrufung des Datums für das Fastenbrechen [am Ende des Ramadan] zu Auseinandersetzungen kam, kümmerte sich mit Ausnahme eines einzigen Großayatollahs niemand um das Beharren des obersten Führers auf dem von ihm festgesetzten Datum. Ähnlich war es auch mit der Verkündung des Wahlsieges von Ahmadinejad bei der letzten Präsidentschaftswahl: Keiner – mit Ausnahme eines Großayatollahs – schickte ihm ein Gratulationsschreiben.

Es scheint, als hätten diese Gründe die Organisation dazu bewogen, regierungstreue Großayatollahs zu identifizieren und bekanntzugeben.

Gerüchten zufolge enthält die Liste Namen von Personen wie Jafar Sobhani, Mahmoud Hashemi Shahroudi, Khoshvaght und einigen anderen vom Regime gebilligten Ayatollahs. Glaubwürdige Berichte legen nahe, dass prominente Großayatollahs wie Montazeri und Zanjani sich nicht auf der Liste befinden. Eine informierte Quelle berichtete außerdem, dass Persönlichkeiten wie Großayatollah Ali Safi, ein Zögling des Seminars von Ayatollah Behjat, Ayatollah Sanei, Seyyed Ali Mohaghegh Damad, Ayatollah Dastgheib Shirazi und Ayatollah Bayat Zanjani wegen ihrer Kritik am Vorgehen der Regierung ebenfalls nicht in die Liste aufgenommen werden.