Tagesarchiv: 22. November 2009

Moussavis zweites Video-Interview: “Wir sind bereit, jeden Preis zu zahlen”

Veröffentlicht auf Mowjcamp am 22. November 2009
Quelle (Englisch): http://english.mowjcamp.com/article/id/66353
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

In seinem zweiten Internet-Interview seit den betrügerischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 hat Mir Hossein Moussavi gelobt, sich unter keinen Umständen dem Druck der Regierung zu beugen.


Ein Video dieses Interviews wurde vor wenigen Stunden auf Moussavis offizieller Webseite Kalameh veröffentlicht.

Bezug nehmend auf die hohe Beteiligung der Menschen bei den Protesten am 4. November erklärte Moussavi, die Ereignisse nach der Wahl hätten viele Symbole und Aspekte der Geschichte des Iran und der Islamischen Revolution neu definiert, wobei jede Form der ausländischen Einmischung in die Angelegenheiten des Landes abgelehnt werde.

“Was man [am 4. November] auf den Straßen sehen konnte, war zu allererst eine militärische Aufrüstung gegen die Bevölkerung. Ich habe solche Szenen mit so vielen Sicherheitskräften an derart sensiblen Stellen in all den Jahren seit der Revolution noch nie gesehen.“

Zum Thema der Demonstrationen am 4. November berichtete Moussavi von der konzentrierten Militärpräsenz, deren Zeuge er beim Verlassen seines Hauses an jenem Tag wurde. „Zu der Zeit, und bevor die Menschen sich versammelten, dachte ich, dass es schon ein Sieg für den Grünen Pfad der Hoffnung sein würde, wenn nur ein einziger Mensch auf die Straße kommen würde. Die vielen Sicherheitskräfte in den Straßen zeigten lediglich, wie viel Angst sie [die Regierung] hat und waren ein Zeichen für die Größe der Grünen Bewegung.“

Moussavi äußerte sich besorgt über die Atmosphäre des Terrors, die das Land beherrscht, und sagte, „die Islamische Revolution fand statt, um dem Volk Mut zu machen.“

“Mein erster Eindruck von der Ansammlung von [Sicherheits-]Kräften am 4. November war, dass dies nichts anderes sein konnte als der Versuch, Angst zu verbreiten und auf den großen Vorteil der Menschen [ihren Mut] zu zielen,“ erklärte Moussavi. „Doch wenn wir uns fragen, ob sie ihr Ziel [die Bevölkerung einzuschüchtern] erreicht haben, so bin ich der Meinung, dass dies nicht der Fall ist.“

Moussavi fuhr fort: „Ein Land, das im Namen des Islam regiert wird, darf die Bevölkerung nicht terrorisieren.“

Der altgediente Reformer betonte in dem Interview die Notwendigkeit, die Verfassung vollständig umzusetzen und beschrieb die „großangelegte Präsenz von [Sicherheits-]Kräften und die Schläge“ als Hauptgrund für einige radikale Parolen, die bei den Demonstrationen am 4. November zu hören waren. Moussavi warnte die Menschen jedoch davor, sich von ihren Emotionen zu gewaltsamer Konfrontation mit Regierungskräften verleiten zu lassen, wie groß die Versuchung auch sei.

Er erneuerte sein Bekenntnis zur Grünen Bewegung Irans: „Die Revolution ereignete sich, damit wir uns Prinzipien verpflichten. Die Revolution sollte uns Mut geben und bewirken, dass wir nach Freiheit als einer grundsätzlichen Tugend und einem angeborenen Drang streben. Wir können diesen Prinzipien nicht den Rücken kehren, und wir werden jeden Preis für sie zahlen.“

Der frühere Premierminister der Islamischen Republik sprach von einem Konsens unter Iranern, dass die Grüne Bewegung weiterhin mit gewaltfreien Mitteln kämpfen müsse.

Moussavi nannte auch einige Kritikpunkte zur Wirtschaftspolitik der Regierung, darunter auch die neuen Vorschläge von Ahmadinejads Putschregierung zur Kürzung von Subventionen. Diese Regierungspläne hatten scharfe Kritik innerhalb Irans hervorgerufen. „Dies wird sich mit Sicherheit auf die Existenzgrundlage der Menschen auswirken“, prophezeite Moussavi. Er sagte, es sei möglich, dass das Land „ernsthafte Probleme in den Bereichen Sicherheit, Soziales und Wirtschaft“ bekommen werde, insbesondere die ärmeren Schichten der Gesellschaft und der Produktionssektor seien betroffen.

Moussavi äußerte Bestürzung über die Arbeit des iranischen Parlaments, das nicht in der Lage sei, seine Verpflichtungen als Kontrollorgan der Regierung zu erfüllen.

Die gegenwärtigen Entscheidungsträger beschrieb er als Personen „ohne objektive und übergreifende Perspektive“ bei Fragen der nationalen Interessen.