“Ich bin Atefeh”: Kampagne zur Befreiung von Atefeh Nabavi gestartet

Veröffentlicht auf Sign for Change am 26. November 2009
Quelle (Englisch): http://www.signforchange.info/english/spip.php?article602
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben


Change for Equality: Während die Nachrichten von schweren Strafen für politische Aktivisten von der Presse und auf Internetseiten, die über die umstrittenen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni berichten, großflächig veröffentlicht wurden, erhielt die am 24. November 2009 verhängte vierjährige Haftstrafe für Atefeh Nabavi durch die Presse nicht die notwendige Aufmerksamkeit.

Atefeh Nabavi, 28, wurde als erste Frau im Zusammenhang mit Anklagen wegen der Teilnahme an den auf die Präsidentschaftswahl im Juni 2009 folgenden Protesten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Sie wurde verhaftet, angeklagt und verurteilt, weil sie am 15. Juni an einer Demonstration teilgenommen hatte, bei der Millionen Menschen auf die Straße gegangen waren. Sie ist eine der vielen unbekannten und normalen Bürger, die wegen ihrer Teilnahme an Demonstrationen verhaftet wurden, nur weil sie von offizieller Seite Rechenschaft über ihre Wählerstimmen forderten.

Die Kampagne für Atefeh mit dem Titel „Ich bin Atefeh“ wurde von einer Gruppe sozialer Aktivisten ins Leben gerufen, um auf das ungerechte und schwere Urteil aufmerksam zu machen, das im Fall dieser 28jährigen Frau erging, deren Name auf Persisch zufälligerweise „Zuneigung“ oder „Empathie“ bedeutet.

In einem ersten Aufruf hatte die Kampagne „Ich bin Atefeh“ alle, die an den Protesten nach der Wahl teilgenommen hatten – insbesondere an dem vom 15. Juni – eingeladen, etwas zu schreiben, um Atefeh zu unterstützen und gegen das harte Urteil zu protestieren, das die Justiz in ihrem Fall verhängt hat. Normale Bürger, aber auch soziale Aktivisten sind aufgerufen, über ihre Teilnahme an den Demonstrationen zu berichten und zu gestehen, dass sie dasselbe Verbrechen begangen haben wie Atefeh. „Wir sagen, dass auch wir wie Atefeh denken. Wir alle sind Atefeh. Ihr müsst uns alle ins Gefängnis sperren“, heißt es in dem Aufruf. Es folgen Übersetzungen zweier Einträge, die auf diesen Aufruf hin veröffentlicht wurden:

Parastou schreibt:
Die Menschen gingen respektvoll miteinander um. Man konnte das gegenseitige Vertrauen in ihren Augen sehen. Es war still, und nur still. Nichts ging kaputt. Niemand wurde beleidigt. Nur eine Frage zeigte sich in den Blicken der Demonstranten: „Wo ist meine Stimme?“ Es begann am Montag, dann Dienstag, Mittwoch, dann Samstag, Freitag, Mittwoch, Donnerstag und…

Ich war dort. Wir waren dort. Millionen waren dort. Die Medien berichteten, dass Millionen protestierten, alle waren kritisch und protestierten. Einige der Teilnehmer wurden getötet. Einige wurden inhaftiert. Und eine soll für vier Jahre ins Gefängnis? Wir alle sind Atefeh. Wir alle waren bei diesen Demonstrationen. Wir alle waren auf der Straße. Entweder gehen wir alle zusammen mit Atefeh für vier Jahre ins Gefängnis, oder Atefeh muss freigelassen werden.

Amir Hossein schreibt:
Am 25. Juni sah ich Atefeh bei den Demonstrationen. Wir gingen nebeneinander bis zum Azadi-Platz (Platz der Freiheit). Was sie tat, tat ich auch. Wir gingen, wir schwiegen, wir riefen Parolen, wir lachten, wir waren glücklich, und wir genossen die Energie der Öffentlichkeit. Das ist alles, was an jenem Nachmittag geschah. Wenn wir deshalb für vier Jahre ins Gefängnis müssen, dann gehöre ich zusammen mit den Millionen anderer Bürger, die an jenem Nachmittag dort waren, ins Gefängnis. Entweder ist sie unschuldig, oder wir alle sind kriminelle.

Besuchen Sie die Seite der Kampagne zur Befreiung von Atefeh Nabavi „Ich bin Atefeh“ (Persisch)

Zusatz der Übersetzerin: Ich möchte einen weiteren Beitrag hinzufügen, der auf Englisch eingereicht wurde:
Am frühen Morgen des 13. Juni, als ich nach einer schlaflosen Nacht versuchte aufzustehen und mich dem düsteren Tag zu stellen, an dem klar werden würde, dass unsere Stimmen bei der iranischen Präsidentschaftswahl nicht gezählt wurden, fühlte ich in mir nur Schmerz und Demütigung. In den Wochen zuvor hatte ich plötzlich gelernt zu hoffen und zu spüren, dass ein konstruktiver Wechsel möglich ist. Die Macht des Volkes hatte versprochen, dass wirkliche Reformen versucht werden würden. Nun schien alle Hoffnung dahin.
Bei meiner Suche nach einem Hoffnungsschimmer in diesem Meer der Finsternis rettete mich die Gewissheit, dass Atefeh dort draußen war. Dass auch sie meinen Schmerz und meine Verzweiflung spürte. Dass sie nicht stumm bleiben würde – nicht stumm bleiben konnte. Was mich rettete, war das Wissen darum, dass Millionen so wie Atefeh, mit Atefeh in Iran waren.
Am 15. Juni zeigten Atefeh und mindestens 3 Millionen andere, dass ich Recht hatte. Sie gingen in Teheran auf die Straße und forderten die Zählung ihrer Stimmen. Sie beteiligten sich an einem stillen, friedlichen Protest, der ihre Entschlossenheit zeigen sollte, der zeigen sollte, dass selbst in einem Staat, der zu vielen Formen des Terrors bereit ist, so viele an diese Sache glauben, dass sie bereit sind, ihr Leben dafür zu riskieren.
Heute sind manche tot, manche sind auf der Flucht, und zu viele sind ins Gefängnis gesperrt. Atefeh Nabavi ist eine der Eingesperrten. Ihr „Verbrechen“ ist, dass sie sich am 15. Juni an einer friedlichen Demonstration beteiligt hat. Für dieses „Verbrechen“, bei dem ich so gern dabei gewesen wäre, wenn ich in Iran gewesen wäre, wurde sie zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.
Und ich, die ich mich über die Parolen jenes Tages freute „Hab keine Angst, hab keine Angst, wir sind alle zusammen“ – ich kann Atefeh nicht allein lassen: denn ich bin Atefeh! Ich wurde mit ihr gedemütigt, ich habe mit ihr gehofft, und ich werde ihre Last mit ihr tragen.
Shiva Nojo,
Deutschland

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2 Antworten zu ““Ich bin Atefeh”: Kampagne zur Befreiung von Atefeh Nabavi gestartet

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