Iran: Tod durch Salatvergiftung und Enthaarungscreme

Veröffentlicht auf Christian Science Monitor am 3. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://features.csmonitor.com/globalnews/2009/12/03/in-iran-death-by-poison-salad-and-a-hair-cream-overdose/http://features.csmonitor.com/globalnews/2009/12/03/in-iran-death-by-poison-salad-and-a-hair-cream-overdose/
Deutsche Übersetzung: Elli; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Der iranische Arzt Dr. Ramin Pourandarjani, der die Zustände im illegalen Kahrizak-Gefängnis enthüllt hatte, starb an einem vergifteten Salat. So lautet zumindest eine mögliche Erklärung der Staatsanwaltschaft zu dem Todesfall vom 10. November. In den politischen Kreisen des Landes ist dies nicht der erste bizarre Todesfall.

Scott Peterson, Istanbul

Die Staatsanwälte im Iran behaupten, sie wüssten noch nicht, ob der seltsame Tod des Arztes Dr. Ramin Pourandarjani auf Mord oder Selbstmord zurückzuführen sei. Dafür kennen sie aber die Todesursache: ein vergifteter Salat. Zumindest ist dies die neueste Verlautbarung in einem Fall, für den bereits andere mögliche Erklärungen genannt wurden. Diese reichen von einem Autounfall, der nie stattgefunden hat, bis hin zu Selbstmord in einem Gerichtsgebäude.

Ein vergifteter Salat als Todesursache mag unwahrscheinlich klingen, aber in den politischen Kreisen Irans hat es schon merkwürdigere Todesfälle gegeben. Der politische und kulturelle Kampf zwischen konservativen Hardlinern und gemäßigteren Reformern hat ähnliche Überraschungen hervorgebracht – besonders im Jahr 1999, als ein wichtiger Mitarbeiter des Geheimdienstes angeblich Selbstmord beging, indem er Enthaarungscreme verschluckte. So lautet tatsächlich die offizielle Position.

Warum enthielt der Salat Gift?

Der 26-jährige Ramin Pourandarjani war als Arzt in der Kahrizak-Haftanstalt tätig. Dort beobachtete er den Missbrauch politischer Gefangener, die infolge der Proteste gegen die umstrittene Präsidentschaftswahl im Juni verhaftet worden waren. Seine Beobachtungen teilte er später vor einem parlamentarischen Komitee mit. Die Einrichtung wurde geschlossen, jedoch erst, nachdem ehemalige Gefangene ausgesagt hatten, dass Folter und Vergewaltigung dort an der Tagesordnung gewesen seien.

Dr. Pourandarjani sollte in Kahrizak einen Teil seines Militärdienstes ableisten. Er sah, dass der Sohn des Beraters eines konservativen Präsidentschaftskandidaten schwer geschlagen worden war. Dieser Gefangene, Mohsen Rouholamini, sei „in einem schrecklichen Zustand und nach extremer körperlicher Folter“ zu ihm gebracht worden, soll Pourandarjani laut der Oppositionsseite Mowjcamp den Parlamentariern berichtet haben. Rouholamini, einer der prominentesten Gefangenen in Kahrizak, sei in einem kritischen Zustand gewesen.

Als der Gefangene schließlich starb, soll Pourandarjani gesagt haben, Kahrizak-Beamte hätten im mit dem Tod gedroht, wenn er die Ursachen für die Verletzungen der Gefangenen bekannt mache. Iranische Oppositionsgruppen und -medien berichteten, der Arzt sei gezwungen worden, als Todesursache „Meningitis“ anzugeben.

Pourandarjani war besorgt über seine eigene Sicherheit, da seine Enthüllungen den Ruf Irans nach der umstrittenen Wahl weiter geschädigt hatten. Während der über Wochen andauernden gewalttätigen Zusammenstäße mit den Revolutionsgarden und der Miliz waren mehr als 4000 Iraner verhaftet und viele getötet worden. Die Vorwürfe über Folter und Vergewaltigungen, die einige Iraner nach ihrer Entlassung erhoben, brachten die Islamische Republik in Verlegenheit und verschärften die „schlimmste Krise im Iran seit der Islamischen Revolution von 1979“, wie es hochrangige militärische Befehlshaber ausdrückten.
Unfall? Selbstmord? Oder was sonst?

Die Umstände von Pourandarjanis Tod am 10. November wurden durch eine Reihe falscher Behauptungen verschleiert. Zuerst hatten die Behörden den Vater des Arztes angerufen und ihm mitgeteilt, sein Sohn habe sich bei einem Autounfall das Bein gebrochen und man bräuchte seine Zustimmung für eine Operation. Später wurde die Geschichte in einen Herzinfarkt während des Schlafs abgeändert.

Letzte Woche behauptete Irans Polizeichef, Pourandarjani habe sich im Foyer eines Gerichtsgebäudes selbst getötet. Er sei angeklagt gewesen, seine Pflichten als Gefängnisarzt verletzt zu haben, und soll einen Abschiedsbrief bei sich getragen haben. Jetzt heißt es, in einem Salat, den Pourandarjani bei einem Lieferdienst bestellt hatte, seien Spuren von Medikamenten gegen Herzbeschwerden und Bluthochdruck gefunden worden. Laut iranischer Medienberichte erklärte der Teheraner Oberstaatsanwalt Abbas Doulatabadi, dass Pourandarjani an einer Medikamentenvergiftung gestorben sei.

Pourandarjanis Vater glaubt nicht an einen Selbstmord seines Sohnes: „Wir haben noch am Abend vor seinem Tod miteinaner telefoniert, gegen acht oder neun Uhr. Er schien guter Stimmung zu sein, es gab keinerlei Anzeichen für einen Selbstmord.“ Pourandarjani sei sogar “voller Hoffnung“ gewesen und habe Zukunftspläne gemacht, teilte sein Vater der Nachrichtenagentur AP mit.

Ähnliche Zweifel an einem Selbsmord hatte es 1999 nach dem Tod von Said Emami gegeben, ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter, den man beschuldigt hatte, hinter dem Rücken des zuständigen Ministers ein geheimes Mordkommando befehligt zu haben. Diese Einheit hatte Ende 1998 mehrere regimekritische Intellektuelle ermordet. Auf ihrer Todesliste standen die Namen von über 200 Reformanhängern. Viele Iraner sind davon überzeugt, dass Emami während der 1990er Jahre für zahlreiche Morde an Regimegegnern in Europa und im Irak mitverantwortlich war.

Kaum jemand glaubt aber dem offiziellen Bericht, wonach er sich umbrachte, indem er beim Baden eine Enthaarungscreme zu sich nahm.

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