Woher kommt all der Hass in ihren Augen?

Von Farzaneh Taheri
Payvand Iran News, 3. Dezember 2009
http://www.payvand.com/news/09/dec/1028.html
Deutsche Übersetzung: Elli

4. November 1978
Ich befinde mich an der Teheraner Universität. Wie üblich finden auf dem Campus sporadische Demonstrationen gegen den Schah statt. Soldaten stehen am Tor Wache, bereit einzugreifen. Am Nachmitag höre ich aus der Ferne Schüsse. Es geht das Gerücht, einige Studenten hätten sich am Eingangstor versammelt, um das Denkmal des Schahs niederzureißen. Die Soldaten hätten geschossen und ein Student sei getötet worden. Ich versuche mir die Statue in Erinnerung zu rufen: vergoldet, aber nicht allzu groß oder imposant stand sie zwischen den Hecken gegenüber dem eisernen Tor, ihren Rücken dem Campus zugewandt. Mir fällt auf, dass ich sie längere Zeit nicht mehr bemerkt habe.

Ich vermute, dass die Soldaten durch das Torgitter auf die Studenten geschossen haben, denn das Campusgelände dürfen sie nicht betreten. Auch als die Studenten in ihren Sitzstreiks die Freilassung der politischen Gefangenen forderten und in der Stadt das Kriegsrecht galt, haben sie nie einen Fuß auf das Gelände gesetzt. Das Sit-in fand auf dem Fußballfeld der Universität statt, das immer noch mit Rasen bedeckt war und manchmal von Studenten zum Spielen benutzt wurde, sogar in den Revolutionstagen. Die Armee betrat den Campus auch dann nicht, als einige Studenten – von denen wir glaubten, dass sie vom SAVAK bezahlt wurden – die Soldaten beleidigten und alles taten, um sie auf das Gelände zu locken und einen Angriff auf die Demonstranten zu provozieren, die immer noch auf dem Fußballplatz saßen. Alle aus dem Evin-Gefängnis entlassenen politischen Gefangenen gingen direkt dorthin, wurden von den Demonstranten freudig begrüßt und schlossen sich ebenfalls dem Protest an.

4. November 1979
Ich rufe ein Taxi. Am 8. November ist meine Hochzeit. Im Radio laufen die Nachrichten. Sie ergeben keinen Sinn. Die US-Botschaft ist besetzt? Von „Studenten auf dem Pfad des Imam“? Das ruft keine Assoziationen in mir wach. Auf dem Universitätsgelände ist heute morgen nichts Ungewöhnliches passiert. Das Zelt des „Büros zur Konsolidierung der Einheit“ befand sich immer noch am Eingangstor. Die Leute darin spielten Reden und revolutionäre Lieder über Lautsprecher ab, die um das Zelt herum plaziert waren. Bis zur Kulturellen Revolution wird noch etwas Zeit vergehen, und ich werde mein Studium vorher abgeschlossen haben – im Februar. Für mich ist es ein knappes Entrinnen. Ich versuche, die bruchstückhaften Nachrichten aufzunehmen, aber ich verstehe sie nicht, kann sie nicht ernst nehmen. Trotz meiner langjährigen Sympathie für den Kampf anderer Nationen gegen den Imperialismus kann ich es nicht einfach akzeptieren. Um ehrlich zu sein, denke ich in diesem Moment nur an meine Hochzeit. Am 7. November werde ich 21, und einen Tag später findet die Trauung statt. Die Vorbereitungen für unserere kleine Feier nehmen meine Gedanken in Anspruch. Ich fühle mich wie im Nebel.

Einige Monate später gehe ich zum ersten und letzten Mal zum Tor der Botschaft. Mittlerweile haben wir uns an die Fernsehbilder von jungen Männern und Frauen, die kleingehäckselte Papiere wieder zusammenkleben, gewöhnt. Die zusammengefügten Texte, die sie im Fernsehen vorlesen, scheinen Dokumente zu sein, wie man sie in jeder Botschaft findet. Nichts daran wirkt ungewöhnlich. Doch Besetzung wird schwerwiegende Folgen haben.

Dass die CIA am Putsch von 1953 beteiligt war, ist längst allgemein bekannt. Die Dokumente, die die Rolle der US-Regierung beim Sturz der nationaldemokratischen Regierung von Dr. Mossadegh nachweisen, wurden von der Behörde selbst freigegeben und veröffentlicht. Die Besetzung der Botschaft wird als Akt der Vergeltung für diesen Putsch bezeichnet, doch ironischerweise sind die Anhänger von Dr. Mossadegh die ersten Opfer – die Veteranen der Nationalen Front bildeten die Übergangsregierung nach der Revolution von 1979. Dann beginnen die Dominosteine zu fallen: die Kulturelle Revolution, die 80er Jahre, der Krieg. Jahr um Jahr erfüllt von Märschen, Trauerumzügen, Märtyrertum und Märtyrern, Sirenengeheul und Fliegeralarm!

Die Straße, die zur amerikanischen Botschaft führt, wird zum Sammelplatz für alle Veranstaltungen, zum Ziel für Märsche und Demonstrationen. Während der Revolutionsmonate erinnert sie – wie der Platz vor der Universität – an einen Flohmarkt voller Gemüse- und Imbissstände. Verkäufer bieten allerlei Trödel an; sogar gebrauchte Kleidunggsstücke, von denen manche Leute sagen, dass sie Opfern der Revolution oder anderen Verstorbenen gehört hätten. Es scheint fast, als wäre die Botschaft jetzt zum Zentrum der Hauptstadt geworden.

Nur einmal nahm ich an einer Kundgebung vor der Botschaft teil. Tatsächlich reiste ich nur für die Demonstration mit dem Flugzeug aus Isfahan an und fuhr direkt vom Flughafen an meinen Zielort. An der Kreuzung der Tacht-e-Jamshid (Persepolis-)Straße und der Roosevelt-Straße setzte ich mich am Boden nieder. (Ich nehme an, dass man die Namen der Straßen noch nicht offiziell geändert hatte, jedenfalls verwendeten die Leute weiter die alten Namen.) Ich nahm an der Kundgebung der Gruppe teil, die die Demonstration organisiert hatte. Der Inhalt war kontrovers und führte später zur Spaltung der Gruppe.

Mein Mann Houshang Golshiri unterrichtete an der Fakultät der schönen Künste. Einige Wochen zuvor hatte ich gerade in einem seiner Kurse gesessen, als ein Tumult losbrach. Wir verließen alle das Gebäude, um zu sehen, was passiert war. In diesem Moment sah ich zum ersten Mal die Fußsoldaten der Kulturrevolution. Offenbar waren nur wenige Studenten unter ihnen. Aufgebracht, wütend, waren sie gekommen, um auch dieses „Nest“ zu erobern. Es war eine seiner letzten Vorlesungen. Später zwangen sie meinen Mann, ohne Bezahlung daheim zu bleiben. Am ersten Geburtstag unseres zweiten Kindes, dem 8. September 1983, bekam er schließlich seinen Entlassungsbrief. Es war Teil der „Säuberung“ der Universitäten.

Die Berliner Mauer
Letzte Nacht wurde in Berlin der zwanzigste Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Die Zeremonie fand am Brandenburger Tor statt. Wo früher die Mauer gestanden hatte, waren jetzt tausend Dominosteine hintereinander aufgereiht, etwa zwei Meter hoch und von Schülern aus ganz Europa bemalt. Lech Walesa brachte den ersten Stein zum Einsturz, obwohl eigentlich Ungarn mit der Öffnung seiner Grenze zu Österreich die Wende eingeleitet hatte. Rumänien dagegen hatte mit Ceausescu einen Diktator, der bis zum Schluss nicht aufgeben wollte und einen gewaltsamen Tod fand. Als ich die Steine umstürzen sehe, fühle ich einen Kloß in meinem Hals.

Ich muss an meinen Besuch bei Sohrabs Mutter einen Monat nach der Präsidentschaftswahl denken. Sie und ihre Schwester gehörten der Gruppe „Mütter für den Frieden“ an. Ich nehme an, dass ihre Entschlossenheit weiter gewachsen ist. Einmal haben sie vor der palästinensischen Botschaft gegen die Gewalt im Gazastreifen protestiert und sind dafür verprügelt worden. Sogar solche Demonstrationen sind Mitgliedern des Regimes vorbehalten, und sie besaßen dieses Privileg nicht. Sie hätten es wissen müssen. Ich ging hin, um zu kondolieren. Über einen Monat hatten sich Wut, Sorge und Betroffenheit in mir angesammelt. Dort angekommen erschrak ich darüber, wie die Mutter während der Suche nach ihrem Sohn gealtert war; Woche für Woche, bis klar wird, dass ihre Suche vergeblich war. Schließlich gelingt es mir, den Kloß in meinem Hals aufzulösen. Ich breche in Tränen aus und weine, als ob ich um all die Tage oder sogar Jahre weinen müsste.

4. November 2009
Ich will einen Freund in der Nähe vom Platz des 7. Tir besuchen. Eine junge Frau und ein junger Mann begleiten mich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf sie acht geben soll, oder ob sie mich beschützen. Als wir den Platz erreichen, sehe ich Demonstranten davonlaufen, einige von ihnen tragen grüne Symbole. Ich sehe eine alte Frau zu Boden fallen. Milizangehörige in Zivilkleidung stürzen sich auf sie, manche könnten ihre Enkelkinder sein. Einige der „Grünen“ stellen sich ihnen entgegen. Die Milizen lassen von der Frau ab und laufen davon. Die alte Dame hinkt, blutbefleckt und wie benommen stützt sie sich an einer Mauer ab. Die Grünen können einige der Schläger festhalten und ihnen Schlagstöcke und Pfefferspray abnehmen. Bei einem finden sie sogar ein großes Messer unter dem Mantel. Einige Demonstranten fordern, Auge um Auge zu vergelten. Tatsächlich hat die Gewalt heute ein nie dagewesenes Maß erreicht. Keiner ist vor Schlägen sicher. „Wir dürfen keine Gewalt anwenden,“ sage ich. „Haben Sie nicht gesehen, wie diese Bastarde die alte Dame verprügelt haben?“ wendet eine Frau neben mir ein. „Aber wir sollten nicht zu Gewalt greifen,“ wiederhole ich. „Nichts kann Gewalt rechtfertigen. Wir haben alle gesehen, wohin diese Einstellung führen kann.“

Ich gehe die Straße hinunter. Plötzlich spüre ich einen Schlag im Rücken, der mir den Atem nimmt – mit einem Knüppel. Ich drehe mich um. Der Angreifer ist mittleren Alters und trägt eine Uniform. Ich betrachte ihn näher: der Hass und die Härte in seinen Augen machen mir mehr Angst als sein Schlagstock. Ein anderer beschimpft mich. Ich laufe nicht davon, sondern versuche, mich so langsam und ruhig zu bewegen wie möglich. Als ich wieder zu Atem komme, frage ich mich, was mir in den vergangenen Monaten ständig durch den Kopf gegangen ist: „Was erzählt man ihnen? Woher kommt dieser Hass in ihren Gesichtern, in ihren Augen? Wie können sie so einfach auf unbewaffnete Menschen losgehen, sie ohrfeigen und verprügeln? Ich erinnere mich an die Beleidigungen, die wir Mädchen während der Studentenproteste vor der Revolution von den Universitätswachen zu hören bekamen. Wir konnten erahnen, wie diese Leute indoktriniert worden waren. Wir wussten, dass man ihnen sagte: „Die Linken tauschen ihre Frauen untereinander aus. Wenn sie an die Macht kommen, werden Eure Ehefrauen, Eure Mütter, Schwestern und Töchter zu Gemeinbesitz.“ De meisten von ihnen kamen aus so unterprivilegierten Verhältnissen, dass sie die „verhätschelten, nichtsnutzigen Gören“, die an der Universität studierten, nicht ausstehen konnten: „Was zum Teufel wollen die denn noch?“

Ich erinnere mich an eine junge Frau, die zwei Tage nach der Wahl am Enghelab (Revolutions-) Platz neben mir stand. Sie trug eine Flagge in der Hand – ein Zeichen dafür, dass sie gerade von der Siegesfeier für Ahmadinejad zurückkam. Wir sahen, wie die Demonstranten verprügelt wurden. „Tötet sie alle, diese Bastarde!“, rief sie. „Vernichtet sie wie Insekten! Sie glauben, sie wären hier in Europa, wollen mit Tausend am Tag schlafen.“ Ich sah sie an. Sie trug enganliegende Kleidung und Make-up – alles in allem ein Erscheinungsbild, das die Moralpolizei noch vor wenigen Monaten bestraft hätte. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt gehört sie zum Lager der Sieger, und es sind andere, die bestraft werden. Woher hatte sie die Parolen, die sie so vehement von sich gab? Es war keine Frage des Glaubens oder der Überzeugung. Ich bin oft gläubigen Menschen begegnet, zuletzt am Jerusalem-Tag. Wir gingen auf den Straßen Teherans aneinander vorbei. Sie rezitierten ihre Gebete, und es war kein Hass in ihren Augen.

Verdächtige und Beschuldigte
In einer der größten Baracken der Amerikaner im Irak hat ein Armeepsychiater, ein amerikanischer Muslim, mehrer Soldaten getötet und viele verwundet. Er selbst liegt mit Verletzungen im Krankenhaus. Der General spricht von ihm als „der Tatverdächtige“, ohne auch nur seine Religionszugehörigkeit zu erwähnen, geschweige denn ihn einen Terroristen zu nennen, der seine Befehle aus dem Ausland bekommt. Er wird nur verdächtigt, nicht beschuldigt oder angeklagt.

Der Französischkurs
Ein großer Saal, überwiegend in rot gehalten; die Stuhlbezüge, der Schal des Anklägers, alles ist rot. Es ist beängstigend. Man kennt alte Geschichten, in denen es keinen Ausweg mehr für die Angeklagten gab, wenn der Richter rot gekleidet war. In dem Raum befinden sich ungefähr hundert Untersuchungsgefangene, alle in Pyjamas und weißen Plastiksandalen. Die Polizisten erkennt man an ihrer Uniform. Einige Leute scheinen keiner Gruppe anzugehören. Die Familien der Angeklagten müssen draußen warten, für sie ist kein Platz mehr. In der vierten oder fünften Reihe sitzt meine liebe Freundin und Französischlehrerin Nazak, eine von nur zwei Frauen, die hier vor Gericht stehen. Sie trägt einen geblümten Tschador. Sie arbeitete in der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Teheran. Nur dank ihr konnten wir all die Erniedrigungen vermeiden, die wir sonst in den Konsulaten beim Schlange stehen um ein Visum erlebten. Genau dies war einer der Anklagepunkte gegen sie: erleichterte Beschaffung von Visa. Die Botschaft dahinter? Ein Hoch auf die arroganten Türsteher der ausländischen Botschaften, die ihre Landsleute all die Jahre lang herumkommandiert haben: „Ruhe bitte! Zurücktreten! Hinten anstellen!“

Shahab sitzt in der ersten Reihe. Seine Frau Mehrak und ihr jüngerer Bruder Omid (Hoffnung) besuchten mit mir den Französischkurs – er war der Kursbeste. Unsere Gruppe hat sich aufgelöst, ein anderer Kursteilnehmer, der bekannte Fotojournalist Hassan Sarbakhshian, ist in die USA ausgewandert. In den letzten Monaten habe ich mich nicht mehr mit Mehrak getroffen, ich kann es einfach nicht. Ich weiß nicht warum und schäme mich. Mehraks Sohn Sepehr kam immer mit seinem Vater in unseren Kurs, um sie abzuholen. Er war gerade erst eingeschult worden. Ich bekam mit, wie er Saeed Hajjarian erzählte, dass er ein Fan des Brasilianischen Fußballteams ist – wegen der grünen Trikots. Es brach mir das Herz, ebenso wie die Tatsache, dass Omids und Mehraks älterer Bruder Iman während eines nächtlichen Gebets für die Freilassung ihres Schwagers verhaftet wurden. Ich wünsche mir, dass Shahab bald freigelassen wird – er, der alle Leute ermutigt hatte, zur Wahl zu gehen, der so besorgt um das Schicksal seines Landes war.

Nazak ist nicht mehr da, unseren Kurs gibt es nicht mehr. Jemand hat mir erzählt, dass Sepehr nach der Verhaftung seines Vaters über Wochen immer in der Nähe des Telefons geblieben ist, um den Anruf aus dem Gefängnis nicht zu verpassen. Das zweite Schuljahr hat er ohne seinen Vater begonnen. Nun sind seine beiden geliebten Onkel auch verschwunden. Sein Omid (Hoffnung) und Iman (Glaube). Das ist alles.

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i Das Fußballfeld wurde kurz nach der Revolution betoniert. Seit ca. 30 Jahren wird das Gelände für das Freitagsgebet genutzt.
ii Geheimpolizei des Schahs.
iii Der 19-jährige Sohrab Arabi wurde wenige Tage nach der Präsidentschaftswahl erschossen.
iv Shahab Tabatabai ist der Vorsitzende der Jugendabteilung der Mosharekat-Partei, die Mousavi als Präsidentschaftskandidaten unterstützt hat.

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