Tagesarchiv: 10. Dezember 2009

Kamran Assas Mutter: “Mein einer Sohn ist begraben, der andere im Gefängnis”

Veröffentlicht auf Rooz Online am 10.12.2009
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/december/10//my-one-son-is-buried-and-the-other-is-in-prison.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

von Kaveh Ghasemi Kermanshahi


Am 7. Dezember versuchte Kamran Assa, der Bruder des kürzlich verstorbenen Kianoosh Assa, in die Universität Elm-o Sanat (Universität für Wissenschaft und Industrie) zu gelangen und an den Ereignissen anlässlich des Studententages teilzunehmen. Er wurde von Polizisten verhaftet. An dieser Universität hatte Kianoosh Petrochemie im Masterstudiengang studiert. Die Universität hatte eine Gedenkveranstaltung für ihn geplant und seine Familienangehörigen dazu eingeladen. Kamrans Verhaftung erfolgte weniger als sechs Monate nach dem Tod seines Bruders nach einer Demonstration am Azadi-Platz in Teheran. Fatemeh Fallah, die Mutter von Kianoosh und Kamran, die um ihren toten Sohn trauert, sprach mit Rooz über Kamran und äußerte sich „tief“ besorgt.

Rooz: Wann und wie wurde Kamran verhaftet?
Fatemeh Fallah: Er wurde von der Polizei am 7. Dezember zwischen 10 und 11 Uhr morgens in der Elm-o Sanat-Universität verhaftet. Ein Verwandter von uns, der mit Kianoosh befreundet gewesen war, war dabei. Er wurde am nächsten Tag gegen Kaution freigelassen, aber Kamran wurde nach Evin gebracht, und das erfüllt mich mit tiefer Sorge.

Rooz: War Kamran wegen der Demonstrationen nach Teheran gekommen?
Fatemeh Fallah: Ja, die Studenten und Kommilitonen von Kianoosh an der Universität hatten uns zu den Ereignissen am Studententag eingeladen, bei denen auch Kianoosh gedacht werden sollte. Wie Sie wissen, war Kianoosh ein herausragender Student dieser Universiät und studierte im letzten Studiensemester Petrochemie-Ingenieurwesen. Aufgrund meiner Krankheit konnte ich nicht hinfahren, aber Kamran fuhr im Namen der Familie hin. Er hatte einen Kranz und ein Foto seines Bruders besorgt und wollte damit zur Universität, aber er wurde zusammen mit seinen Begleitern verhaftet, bevor er überhaupt den Campus erreichte.

Rooz: Wissen Sie etwas über Kamrans Situation? Wissen Sie, wo er ist?
Fatemeh Fallah: Nein. Abgesehen von der ersten Nacht, in der er seine Schwester kontaktierte, um mitzuteilen, dass er verhaftet ist, haben wir nichts von ihm gehört und wissen nicht, wie es ihm geht. Aber sein Freund, der mit ihm zusammen verhaftet und am nächsten Tag freigelassen wurde, sagte, sie wollten Kamran ihn und einige andere nach Evin bringen.
Ich weiß nicht, warum sie meinen Sohn nicht freigelassen haben. Was hat er getan? Alles, was er wollte, war, an der Gedenkfeier für seinen Bruder an der Universität teilnehmen. Er wurde schon verhaftet, bevor er überhaupt die Universität erreichte.

Rooz: Was haben Sie unternommen, um Klarheit über Kamrans Situation zu erhalten?
Fatemeh Fallah: Meine Tochter hat mit Kianooshs Anwalt, Herrn Nikbakht, gesprochen, und er hat gesagt, dass er im Moment nichts tun kann. [Satzteil unverständlich, d. Übers.], aber wir planen, am Samstag nach Teheran zu fahren und zu sehen, was wir tun können. Ich bin durcheinander und weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe niemanden in Teheran, der uns über Kamrans Situation auf dem Laufenden halten könnte. Kamran und Kianoosh [nicht erläutert, wer dieser Kianoosh ist, d. Übers.] hatten alle Gefängnisse und Krankenhäuser in Teheran abgesucht, nur um dann Kianooshs Leiche in der Gerichtsmedizin zu finden. Dieses Mal werde ich selbst nach Evin gehen und dort bleiben, bis Kamran frei ist. Ich werde diesen Ort nicht verlasse, ich halte es nicht länger aus, mitanzusehen, wie mein zweiter Sohn so behandelt wird wie Kianoosh. Womit hat er das verdient? Wir trauern noch, und sie sollten das verstehen. Wir haben unseren liebsten Angehörigen verloren. Das allein ist ein schmerzhaftes Leid.

Rooz: Ich möchte Ihnen nicht noch mehr Fragen stellen, weil Sie schon so unter Druck stehen. Gibt es vielleicht etwas, was Sie uns sagen möchten?

Fatemeh Fallah: Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist keine Gerechgkeit, meine Familie und ich müssen so viel leiden. Kianoosh war die Hoffnung der Familie. Er war ein Elite-Mitglied der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Aber wir haben ihn verloren. Und jetzt hat Kamran Probleme. Haben diese Menschen keine eigenen Kinder? Wie können sie die Kinder anderer Leute so behandeln? Welche Sünde habe ich begangen, dass mein einer Sohn unter der Erde liegen muss, während der andere im Gefängnis ist? Wo ist das Gewissen dieser Leute? Kamran war der Ernährer und das Oberhaupt dieser Familie. Meine jüngste Tochter hat ihrem Bruder sehr nahegestanden, und ihr geht es jetzt sehr schlecht.Und jetzt, wo Kamran verhaftet ist, wird sie noch mehr leiden. Vergessen Sie mich. Ich konnte in den letzten beiden Nächten nicht schlafen. Sobald ich einschlafe, wecken mich die Gedanken an Kianoosh und Kamran wieder auf. Ich werde verrückt bei dem Gedanken daran, was Kamran zustoßen könnte. Kamran ist auch Student. Als sein Vater starb, übernahm Kamran die Verantwortung für seine Familie, so dass Kianoosh und seine Schwestern ihre Ausbildung fortsetzen konnten. Erst vor zwei Jahren machte er die Aufnahmeprüfung zur Universität, weil Kianoosh darauf bestanden hatte. Er ist zu der Universität gefahren, wo sein Bruder studierte, um an den Gedenkfeiern für Kianoosh teilzunehmen. Ich verstehe nicht, wie diese Leute einem trauernden Bruder Kianooshs Kranz und Foto wegnehmen und ihn verhaften konnten. Ich möchte nicht, dass sie noch mehr Leid über uns bringen. Wir sind schon in Trauer, aber anstatt Rücksicht zu nehmen, kommen sie und verhaften meinen zweiten Sohn. Versetzen Sie sich an meine Stelle, und sagen Sie mir, was ich tun soll. Was kann ich tun? Wohin soll ich gehen? Wem kann ich mein Leid klagen?

Letztes Update zu den Demonstrationen am 7. Dezember/16. Azar

Veröffentlicht auf The Daily Nite Owl am 10.12.2009
Quelle (Englisch): http://www.dailyniteowl.com/wordpress/index.php/2009/12/10/final-update-on-dec-7-protests/
Deutsche Übersetzung: Julia; bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Dies ist mein endgültiges Update. Die Karte spricht für sich. Sie zeigt nur die Demonstrationen, die ich vollständig bestätigen konnte. Die Städte, aus denen mir Berichte über Demonstrationen zugingen, die ich nicht vollständig bestätigen konnte, habe ich ebenfalls eingefügt.
Es gibt einen geringfügigen Unterschied zum letzten Update: Die Demonstrationen in Mashhad waren größer als zunächst berichtet. Neue Berichte nennen Zahlen von ca. drei- bis fünftausend. Die Zahlen lagen landesweit unter denen von Mashhad. In Teheran nahmen mindestens zehn- bis fünfzehntausend Menschen an den Demonstrationen teil.

Der neue Green Brief von heute sollte in wenigen Stunden erscheinen. Ich arbeite daran. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich in den letzten Tagen keinen Green Brief veröffentlicht habe, ich hatte zu viel damit zu tun, über die Demonstrationen zu schreiben. Ich wollte nicht, dass die Berichte zu kurz kommen.