Doch.

Veröffentlicht auf Persian Umpires Blog am 15. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2009/12/15/it-will/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Es ist lange her, und ich würde die Gründe dafür gern ignorieren und lieber direkt mit einem verspäteten Posting über den 16. Azar weitermachen.

Gegen 16 Uhr starteten wir auf der Suche nach Action zu einem Streifzug um die Teheran-Universität, aber die Demonstrationen waren auf den Campus der Universitäten beschränkt. Die Atmosphäre war angespannt, als ob der Staub nach einem Kampf sich gerade erst gelegt hätte, und wir wussten, dass es in der Gegend hier und da einige Geplänkel gegeben hatte. Offenbar war es uns gelungen, sie alle zu verpassen. Letztlich blieb unsere Rolle darauf beschränkt, zum Verkehrsstau beizutragen und sehr, sehr lange bewegungslos im Auto zu sitzen, zu rauchen, zu hupen, zu fluchen und gelegentlich Basijis auf Motorrädern den Weg zu versperren. Von Zeit zu Zeit sahen wir Busse auf der Enghelab Avenue vorbeifahren, vollgepackt mit Menschen, die Parolen schrieen und in der Dunkelheit verschwanden.

Die Leute waren nicht so zahlreich gekommen wie bei anderen Demonstrationen, was hauptsächlich daran lag, dass der 16. Azar als „Studentensache“ angesehen wurde und dass die meisten, die gekommen waren, so wie wir in ihren Autos festsaßen. Wir hatten keine andere Wahl. An jeder Kreuzung in der Gegend um die Teheran-Universität gab es unzählige Sicherheitsleute, die neben ihren Transportern und Bussen standen.

Aber ihr wisst das alles schon. Ihr wisst auch, dass die Demonstrationen am 16. Azar innerhalb der Universitäten intensiv waren, und ihr wisst auch, dass sie noch nicht richtig vorbei sind. Also lasst mich euch von dem bisschen Action erzählen, in dessen Genuss wir schließlich kamen: Ein Wortgefecht in einer Bäckerei.

Gegen 18 Uhr sahen wir in einer Seitengasse abseits der Enghelab Avenue eine Sangak-Bäckerei (Sangak = ein bestimmtes Brot, das auf heißen Steinen gebacken wird, d. Übers.) und fanden, es wäre doch schön, etwas heißes Sangak zu bekommen. Als wir in der Schlange standen, fragte mein Freund, der sich über die ausgebliebene Großdemonstration mehr ärgerte als ich, den Bäcker:

“Also, wieviel kostet ein Sangak heutzutage?“
“Fünfhundert Toman (ca. 50 Cent).”
“Ahh… so ist das. Dann müssen wir noch ein bisschen warten.”
“Worauf?”
“Darauf, dass Brot zweitausend Toman kostet. Darauf, dass das Messer auf den Knochen trifft (ein Ausdruck für extreme Not). Dann werden wieder alle auf die Straße gehen, nicht nur die Studenten.“

Eine Frau hinter uns lief rot and und fing an zu schreien:
“Was meinst du? Das Messer hat schon den Knochen getroffen. Fünfhundert ist eine Menge Geld für Brot! Mancherorts muss man schon eintausend dafür bezahlen.“
“Es kommen aber nicht genug Leute zu den Demonstrationen. Heute sind nur Studenten da.“
“Ich bin gekommen. Ich wollte demonstrieren. Habt ihr gesehen, wieviele Sicherheitskräfte da draußen waren?”

Hier schaltete sich ein Mann Anfang sechzig mit akkuratem Spitzbart ein, der weiter hinten in der Schlange stand:
„Ihr verschwendet eure Zeit. Nichts wird sich ändern.“
“Warum nicht?”
“So ist das in diesem Land. Sie werden an der Macht bleiben, und das Volk kann nichts machen.”
“Genau wie Sie sagen. Sehen Sie sich dieses Land an. Alle dreißig, vierzig Jahre gibt es große Veränderungen. Oder nicht?“
“Nicht bevor jemand da draußen Veränderungen will. Nur dann kommen Veränderungen. Ihr könnt nach Hause gehen und eure Energie aufsparen.“
“Was meinen Sie?”
“Solange Amerika und Großbritannien hier nichts verändern wollen, wird nichts passieren.“
“Ach kommen Sie… das ist lächerlich.”
“Nein, ist es nicht. Man muss sich nur die Geschichte ansehen.”
“Also gut, dann bleiben Sie abseits stehen und vergessen Sie es. Aber sagen Sie nicht, es wird sich nichts ändern.“
“Es wird sich nichts ändern.”

Etliche ähnliche Erklärungen dieses Herren später wurde die Auseinandersetzung heftiger, die Stimmen wurden lauter. Jemand rief, dass der Herr zu der Generation gehöre, die uns in diese Situation gebracht hat, und dass er diesen Standpunkt aus Scham vertrete. Ich weiß nicht, wer danach was zu dem Herrn sagte, aber es ging so weiter:

“Sie können ja nicht einmal vernünftig urteilen, Sie sagen nur die ganze Zeit, ‚wenn der und der es will‘.“
“Man muss nicht vernünftig urteilen. Es ist so. Es wird sich nichts ändern.“
“Doch, wird es.”
“Nein, wird es nicht”
“Es wird.”
“Wird es nicht.”
“Es wird.”

Eine Stimme aus einer anderen Richtung sagte
“Wenn ihr lange genug wartet, kommt vielleicht Imam Zaman (der Zwölfte Imam) und richtet es für euch.“
Alle lachten.
“Wird er nicht.”
“Wird er doch.”
“Nein”
“Doch.”

Plötzlich schaltete sich der Bäcker ein:
“Hört auf zu streiten. Ich habe gestern mit Emam Zaman zu Abend gegessen, und er hat mir gesagt, doch. Ende der Diskussion.”

Wir kauften dann im Laden nebenan etwas Käse und saßen zwei weitere Stunden im höllischen Verkehr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s