Tagesarchiv: 16. Dezember 2009

Basij-Mitglied spricht über die Ereignisse nach der Wahl

Veröffentlicht auf Channel4.com am 16. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://www.channel4.com/news/articles/politics/international_politics/iran%20basij%20member%20describes%20election%20abuse/3466142
Original-Titel: Iran: Basij member describes election abuse
In den Originaltext sind zwei Videos des Interviews in persischer Sprache eingebettet.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

(Anm. d. Übers.: Diese Übersetzung ist sinngemäß. Ich musste an vielen Stellen meinem Gefühl folgen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, wiederzugeben, was hinter den Worten steckt. Ich entschuldige mich für mögliche Fehler und sperrige Sprache. Für eventuelle Korrekturen bin ich dankbar).

Von Channel 4 News

Ein Überläufer der berühmt-berüchtigten Basij-Milizen – jenen Männern, die in den Unruhen nach den Wahlen in Iran vom Sommer Demonstranten verwundeten und töteten – erzählt Lindsey Hilsum, was er weiß.

„Ich habe meine Welt verloren, und ich habe meine Religion verloren“ – das sind die Worte eines ehemaligen Basiji-Mitglieds, der sagt, er sei während der Unruhen nach der Präsidentschaftswahl im Juni Zeuge von Morden geworden und habe versucht, Vergewaltigungen zu verhindern.

Nachdem uns monatelang die Geschichten von Zeugen und Opfern erreichten, erhalten wir nun ein Bild über die Vorkommnisse von einem Mann, der sagt, Teil einer Gruppe gewesen zu sein, die den Auftrag hatte, anzugreifen.

Er ist nach Großbritannien geflüchtet und hat in einem Exklusivgespräch mit Channel 4 News über die Befehle gesprochen, die die Basij erhielten, um Mahmoud Ahmadinejads Wahlsieg zu gewährleisten.

Lindsey Hilsum schreibt in ihrem Blog: „Der überzeugendste Echtheitsbeweis ist vielleicht, dass diese Geschichte die Berichte bestätigt, die wir von Opfern und Menschenrechtsgruppen gehört haben, die sagen, dass es während der brutalen Monate nach der Wahl im Juni in ganz Iran Vergewaltigungen gegeben hat. Ich habe selten jemanden interviewt, der so verstört war.“

Befehle bezüglich der Wahlen
„In Wirklichkeit kamen die Befehle nicht erst nach der Wahl. Die Befehle für all das, was Sie gesehen haben, ergingen schon vor der Wahl.“

„Wir waren vorbereitet. Aber wir hatten uns nicht vorstellen können, dass die Menschen so stark auftreten würden. Wir hatten Befehle zu Aktivitäten von Studenten.“

„Schon drei oder vier Monate vor der Wahl hatten wir begonnen, Kurse über ideologisches und politisches Denken und über das Kontrollieren von Menschenmassen besucht.“

„Wir wussten, was wir zu tun hatten, aber nichts hatte uns auf das vorbereitet, was wir sahen. In den ersten Tagen gab es heftige Zusammenstöße, also erhielten wir für die folgenden Tage neue Befehle.“

Religiöses Dilemma
„Ich bin die ganze Zeit in einem absoluten Aufruhr. Ich wurde über zwanzig Jahre lang so erzogen, vor mir ein Haushalt von Märtyrern. Ich frage mich die ganze Zeit, was ist richtig – das, wofür ich mich jetzt entschieden habe, oder der Weg, den sie gegangen sind.“

„Unsere Familie ist kein Kleinunternehmen. Sie hat viele Märtyrer. Mein Onkel wurde mit Herrn D, mit Herrn AHD, zum Märtyrer.“

„Wir sind eine prominente religiöse Familie, immer an vorderster Front, immer mit den Erinnerungen an den Krieg, die Front, die Revolution. [Aber] seit diesen Ereignissen denke ich immerzu darüber nach, wer Recht hat.“

Der Aufbau für die Wahlen
„Drei oder vier Monate vorher hatte ich ein soziales Vorhaben, das feststellen sollte, wie die Menschen auf die Wahlen reagieren würden, die Wahlbeteiligung – würde die Wahl positiv aufgenommen werden, glauben die Menschen daran, meinen sie, dass noch etwas zu machen ist?“

„Es lief gut, auch wenn sie davon sprachen, dass Khatami (reformorientierter Ex-Präsident) kommen würde, und dann kam er nicht. All das verursachte Aufregung. Die Menschen waren wirklich enthusiastisch.“

„Wir hatten verschiedene Statistiken und analysierten sie. Wir wollten eine Vorstellung davon bekommen, wie die Zusammenstöße verlaufen würden.“

„Als dann die Kampagnen begannen, stieg die Aufregung noch.“

“Einige Monate zuvor hatten wir Anordnungen erhalten darüber, dass es eine Rechtssprechung gibt, eine Rechtssprechung des Imam Zaman (des 12. Imam [Anm. d. Übers.: im Originaltext steht „13. Imam“], der wie ein Messias wiederkehren soll), dessen Inkarnation Ayatollah Khamenei ist, und dass er angekündigt habe, niemand könne für den Fortschritt und die Entwicklung des Islam und die Entwicklung der Revolution mehr bewirken als Herr Ahmadinejad.“

„Darum kam die Anordnung, dass Herr Khamenei ihn vorgesehen hat, dass Herr Khamenei Herrn Ahmadinejad für die Präsidentschaft vorgesehen hat, und dass er also als Gewinner der Wahl proklamiert werden muss.“

„Er ist am besten geeignet für diese Revolution, Ordnung und Velayat Faghih (das iranische System islamischer Rechtssprechung).“

„Schrecklich und beängstigend“
„Ich war sehr bestürzt. Wie soll ich es erklären? Das ist jemand, gegen dem ich nicht einmal in Gedanken widersprechen könnte.“

„Es war eine wirklich schreckliche und beängstigende Vorstellung, sich gegen Wünsche oder Meinungen zu stellen, besonders, wenn es die Meinung des Obersten Führers oder die des Velayat Faghih ist, dann eine persönliche Meinung zu äußern.“

„Es war eine schreckliche Situation. Auf der einen Seite sah ich die Menschen, auf der anderen Seite war der Befehl.“

Unterschlagung von Wahlurnen
„Die Antworten auf Ihre Fragen gehen zurück in die Zeit vor der Wahl. Bei einem privaten Treffen mit allen, die für die Wahlurnen verantwortlich sein sollten, wurde es klargestellt.“

„Es gab Anordnungen zur Durchführung am Wahltag. Wir waren mit anderen zusammen verantwortlich für die Wahlurnen.“

Die Rolle der Basij
„Ich weiß nicht, wie viel Sie über die Basij wissen, aber es ist eine extrem große Organisation, viel umfassender als Sie sich vorstellen.“

„Sie denken vielleicht, dass die Basij nicht formal organisiert sind, aber in Wirklichkeit sind sie sehr genau und hoch organisiert, mit ausgeklügelter Planung, alles ist festgelegt.“

„Wenn ein Befehl kommt, oder wenn der Oberste Führer seine Meinung gesagt hat, dann ist Herr D der Sprecher des Führers, und wir sind die Sprecher von Herrn D.“

„Die Grundlagen des Islam und die Grundlagen des Schiismus und des Velayat sind so, dass wir das Velayat angenommen haben. Wenn das Velayat eine Meinung hat, müssen alle dieser Meinung folgen, denn außerhalb davon gibt es keinen Platz für dich. Du bist ein Außenseiter.“

„Er [Khamenei] gibt etwas bekannt, und Herr D übersetzt das dann in die Form von Ratschlägen und Diskussion.“

„Alles hat eine Hierarchie. Man ruft nicht nach Herrn Khamenei, damit er kommt und eine direkte Ansage an die Soldaten macht. Wenn ich sage Soldaten, dann deshalb, weil ich, oder wir, uns als Soldaten des Imam Zaman ansahen.“

„Er muss nicht kommen und seine Ansagen direkt an die Kräfte richten. Er äußert seine Meinung, und entsprechend dem hierarchischen System werden die Nachrichten diejenigen erreichen, die sie hören müssen.“

„Die Meinung von Herrn D steht in absolutem Gehorsam gegenüber dem Obersten Führer. Das wurde uns bei den Treffen gesagt.“

„Bei dem privaten Treffen, das ich erwähnt habe, waren auch Befehlshaber der Sepah (Revolutionsgarden) anwesend, und die von verschiedenen Basij-Einheiten aus verschiedenen Bezirken.“

„Es war ein Gebot, die Vision des Führers zu haben, und es wurde gesagt, dass seine Vision ist, dass er Ahmadinejad wählt.“

Wahlbetrug
„Wir, die wir für die Wahlurnen verantwortlich waren, galt die Anordnung: Es ist der Wunsch des Agha [Khamenei], dass Ahmadinejad gewinnt.“

„Bei Analphabeten und solchen, die ihre Wahlzettel nicht ausfüllen können, müssen wir das für sie tun, und wir mussten die Wahlzettel für Ahmdadinejad ausfüllen, egal, für wen die Stimme eigentlich bestimmt war.“

„Dasselbe galt für leere Stimmzettel. Bei der Zählung sollten die leeren Zettel nicht als ungültig gewertet werden.“

„Sie [die Analphabeten] waren meist ältere Frauen und Männer, die stark an die Gemeinschaft der Moschee glauben und religiöse Sachen, und Gegenden, wo die Analphabetenrate höher ist, wie die Dörfer oder Bezirke der großen Städte.“ [Anm. d. Übers.: Dieser Satz steht im englischen Original ebenso zusammenhanglos]

Stimmen der Jugend wurden unterdrückt
„Unser Problem waren die jungen Leute und die Studenten, auf die anderen hatten wir uns vorbereitet.“

„Also, sie [die Studenten] waren bei der Zählung nicht dabei. Als sie weg waren, wie kann ich es sagen, ich schäme mich jetzt sehr, aber sie kamen nur an die Urne und gingen dann.“

„Als die Wahl vorbei war, waren nur noch wir dort. Wir achteten gewissenhaft darauf, dass der Befehl befolgt wurde.“

„Als die Wahl vorbei war, wurden die Urnen geöffnet, aber nicht alle.“

„Einige wurden geöffnet und ausgezählt, und dann kam ein neuer Befehl, dass wir die Urnen in die Hauptzentrale schicken sollten.“

Demonstrationen stoppen
„Weil eine Reaktion erwartet wurde, hatten alle Sicherheitskräfte schon vor der Wahl Befehl erhalten, sich für den kommenden Tag bereitzuhalten.“

„Sie sagten uns, wir sollten frühzeitig zum Gruppengebet kommen. Wir gingen zusammen mit anderen, die auch eingeladen waren. Dann wurde gebetet. Danach folgte eine kurze Rede, in der Herrn Ahmadinejads Sieg bekannt gegeben wurde, und die erforderlichen Gratulationen.“

„Dann wurden Süßigkeiten und Gebäck gereicht, und die Kräfte wurden in zwei Schichten eingeteilt.“

„Manche Bezirke waren vorher als Problembezirke gekennzeichnet worden – wir nannten sie die Roten Punkte – wo die Anwesenheit von Sicherheitskräften notwendig war.“

„Sie wurden bekanntgegeben, die Schichten wurden eingeteilt, und alle wurden aufgestellt. Es war früh.“

„Wir waren sehr früh aufgebrochen, bevor irgendjemand anfangen konnte. Alle nahmen ihre Positionen ein und waren bewaffnet.“

„Der Befehl war, dass wir alle Menschenansammlungen verhindern sollten.“

Gewaltsame Unterdrückung
„Jedes Anzeichen einer Demonstration sollte entschieden unterdrückt werden. Wenn irgendwas passierte, sollten wir angreifen.“

„Es bedeutete nichts, die Menschen anzugreifen. Wie ich gesagt habe – jeder, der anderer Meinung war als Ayatollah Khamenei und der sich außerhalb des Velayat Faghih bewegte, wurde als Außenseiter angesehen.“

„Darum hat der Protest [eines Außenseiters] keinen Platz, darum sind seine Meinung und sein Protest bedeutungslos.“

„Es war einfach. Es war nicht unsere Aufgabe, irgendetwas über sie zu denken, weder über die Wähler, noch über die Demonstranten.“

„Aus unserer Sicht war es kein Protest gegen das Problem, sondern ein Protest gegen Ayatollah Khamenei selbst.“

„Und es ist für uns einfach nicht nachvollziehbar, dass jemand ihn in Frage stellen will. Er ist unsere Führung.“

Kontrolle über die Stadt
„An diesem Tag gab es in dieser Gegend Schlagstöcke und besondere elastische Kabel, wenn die in Kontakt mit einem Arm kommen, wickeln sie sich darum, und wenn man dann daran zieht, können sie ernsthaften Schaden anrichten.“

„Wir hatten auch Gas, wie Pfeffergas. Manche hatten Handschellen. Ja, wir waren ausgerüstet.“

„Alles verlief nach Plan, denn alles war durchdacht.“

„Die Fahrzeuge waren pünktlich, die Gebete, alles war pünktlich. Wir hatten die Stadt unter Kontrolle.“

„Nie dagewesene“ Zusammenstöße
„Weil ich in der Nacht vorher im Wahlbüro Dienst gehabt hatte, war ich am Tag in der Nachmittagsschicht. Ich ging nach Hause, um mich auszuruhen, und kam nachmittags wieder.“

„Als ich wieder kam, konnte ich nicht glauben, was ich sah. Ich hätte das nie gedacht. Es war unglaublich. Die Zusammenstöße waren heftig.“

„So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte schon Angriffe gesehen, aber nie so etwas. Die Leute wichen nicht zurück, sie ließen sich nicht zurückdrängen, und wir hatten wirklich ein Problem.“

„Wie ich sagte, ich hatte Probleme mit allem, was sich entwickelt hatte, und ich war durcheinander. Ich wollte wirklich nicht mitmachen. Aber ich musste dort sein. Ich hatte nicht das Recht zu sagen, dass ich nicht dort sein wollte. Meine körperliche Anwesenheit war erforderlich.“

„Die Zusammenstöße waren heftig. Die Kräfte waren ernsthaft dabei, und die Menschen gaben nicht nach und wichen nicht zurück. Es war kein Ende in Sicht.“

„Sie wurden auseinandergetrieben, und dann versammelten sie sich wieder und kamen zurück. Sie stellten sich uns entgegen.“

„Ich war keiner von den normalen Kräften, ich musste nicht mitmachen. Ich hätte gekonnt, aber ich hatte die Wahl, es zu lassen.“

„Leute wie ich, die das Ganze überwachten und beobachteten und Bericht erstatteten, konnten einfach dort stehen. Ich stand schweigend bei meinen Kollegen.“

„Während ich hier mit Ihnen spreche, kommt alles wieder hoch. Es ist sehr schwer. Ich kann das alles noch immer nicht verstehen. Warum musste es so sein?“

Erlaubnis zum Schießen
„Der erste Tag war sehr schwer für uns. Als wir alle abends zur Basis zurückgekehrt waren, erstatteten die Kommandanten Bericht aus den verschiedenen Stadtgebieten.“

„Uns wurde gesagt, dass es für die nächsten Tage neue Befehle geben würde. Wir erhielten Befehl, jeden ohne Zögern und ohne Gnade anzugreifen, egal wie alt er ist. Jeden, der eine abweichende Meinung hat.“

„Es wurde klargestellt, dass es keine Unterschiede gibt zwischen Kindern und Erwachsenen, Männern und Frauen. Sachgerechter Angriff, ohne Vorwarnung, ohne Diskussion.“

„Das war sehr merkwürdig für mich. Alles war surreal. Das war nicht belanglos.“

„Wir hatten die Erlaubnis zu schießen. Wir alle mussten uns bewaffnen. Wir sollten die Polizei und die Sicherheitskräfte unterstützen.“

„Am nächsten Tag sah es so aus, als ob die Leute ebenso vorbereitet waren wie wir. Sie waren ebenfalls bereit, und sie waren mehr. Genau so wie wir uns vorbereitet hatten, waren sie auch vorbereitet.“

„Menschen sterben sehen“
„Am zweiten Tag, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, es ist so schmerzlich für mich, es ist schwer, darüber zu sprechen, die Erinnerung daran ist schrecklich… die Verwundeten, die, die starben.“

„Es ist wirklich schwer, da zu stehen und zuzusehen, wie Menschen sterben. Ich musste dort stehen. Ich hatte keine Wahl.“

„Nein. [Ich habe niemanden getötet], ich habe nur andere begleitet. Ich habe versucht, mich völlig rauszuhalten.“

„Sie hatten ein Krankenhaus für die Verwundeten und die Toten eingerichtet. Es war ein Krankenhaus der Basij. Es war sehr schwer. Wenn man ein Problem mit dem Töten hatte, wurde einem erklärt, dass das Töten einen Sinn hat und eine gute Tat ist.“

„Ich habe einen Menschen gesehen, der auf der Straße getötet wurde. Aber im Krankenhaus waren viel, viel mehr als die, die man auf der Straße sah – aus allen Teilen der Stadt.“

„Weil die Anweisung ergangen war, gab es die Erlaubnis. Es war nicht auszuhalten.“

Unaussprechliche Dinge
„Von da an wurde es immer schlimmer. Wir alle waren Fremde. Anordnungen und Befehle wurden befolgt. Zusammenstöße nahmen jede erdenkliche Form an.“

„Wie kann ich es sagen. Manche der Dinge [die passierten] sind unaussprechlich. Ich kann mental und ideologisch nicht verstehen, was passiert ist.“

„Während der Zusammenstöße wurde jeder, der verwundet war, verhaftet. Wenn sie jemanden nicht greifen konnten, nahmen sie jemand anders. Sie verhafteten jeden, den sie konnten.“

„Es war egal, wer es war. Verwundet oder nicht. Wenn es Aktivisten waren, umso besser. Kinder, junge Erwachsene.“

„Wie sie behandelt wurden – die Art und die Dauer der Angriffe gegen sie – haben mich schockiert.“

Befehl zu Verhaftungen
„Der Befehl war, so viele 12 – 18jährige wie möglich zu verhaften und zurückzubringen.“

„Diese Gruppe bereitete am meisten Probleme, also war vorgesehen, ihnen keine Möglichkeit zu geben, sich zu versammeln. Viele wurden verhaftet.“

„Auch hierfür waren viele Orte vorbereitet worden, wohin man sie brachte und wo man sie festhielt.“

„In der Nacht, in der ich dort war, bin ich meinem Bruder dorthin gefolgt. Ich hatte ihn mehrere Tage nicht gesehen, weil wir so gefangen waren in allem. Ich respektiere und liebe ihn sehr.“

„Schon als Kinder haben wir alles zusammen gemacht. Wir waren wie Zwillinge. Er sagte, ich werde heute nacht dort sein, komm hin, und wir werden zusammen nach Hause fahren.“

Schreie
„Sie hatten ein paar Container vorbereitet. Sie hatten junge Leute verhaftet und fragten sie nach ihrem Alter und teilten sie entsprechend auf.“

„Die, die über 18 waren, kamen in einen Container, die jüngeren in die vielen anderen Container. Es gab mehr Kinder unter 18. Drei oder vier Container waren mit jeweils 25 Menschen besetzt.“

„Ich sah das alles und ging auf meinem Weg in das Gebäude im Innenhof daran vorbei, als ich meinen Bruder suchte. Ich begrüßte ihn und andere Freunde.“

„Dann hörten wir Geräusche vom Hof. Wir dachten, es seien die Jugendlichen, die Probleme machten. Wir gingen hin und sahen, dass niemand außer den Kräften dort war. Die Geräusche kamen aus den Containern.“

„Wir hörten Schreie und Flehen und Weinen. Wir verstanden nicht, was vor sich ging.“

„Sie flehten ‚Es tut uns Leid, bitte, wir bereuen, was wir getan haben.‘ Schreie, Weinen. Wir waren verwirrt. Ich konnte nicht glauben, dass sie so etwas tun würden – vergewaltigen.“

Sexuelle Gewalt
„Dies ist so eine schwere Bürde. Mein Herz tut weh. Aber Sie sind eine Frau. Ich bin sicher, dass Sie es verstehen. Können Sie mir etwas Zeit geben?“

„Es ist, als würde sich alles vor meinen Augen wiederholen.“

„Die Gesichter, die Schreie, sie sind immer bei mir, in jedem Moment. So etwas kann man nicht vergessen oder von sich abspalten.“

„Sie flehten, sie weinten, sie wollten Hilfe, aber mein Bruder ist ranghöher als ich. Wir gingen nachsehen.“

„Da waren zwei Sepah-Männer, und sie kamen auf uns zu, als wir hingingen.“

„Wir fragten, was es mit dem Lärm auf sich hätte. Sie sagten „Nichts, das ist Fath-ol Mobin (Hilfe zum Sieg)*).

„Wir sagten: ‚Was meinen Sie, was machen Sie? Wer ist da drin?“

„Weil sie Basij aus der Provinz waren, kannten wir sie nicht. Wir fragten: ‚Was ist los, warum weinen sie?'“

„Als wir weiter fragten, wurde die Situation heikler, und sie sagten ‚Sie haben nicht das Recht, hineinzugehen.“ Mein Bruder sagte: „Was meinen Sie? Ich bin einer der Führungskräfte hier. Sie können mir nicht sagen, ich hätte kein Recht.“

„Und das stimmte auch, aber sie ließen uns nicht hinein. Wir fühlten uns verantwortlich, und wir gerieten in eine Auseinandersetzung. Nach ein paar Minuten kam ein Fahrzeug auf den Hof gefahren.“

„Jemand muss den anderen Bescheid gesagt haben, dass wir versucht hatten, sie daran zu hindern, was sie vorhatten, dem Fath-ol Mobin.“

„Sie waren gekommen, um uns zu holen und zu verhindern, dass die Sache eskaliert. Sie sagten, unser Vorgesetzter wolte uns sprechen.“

„Sie sagten: ‚Lassen Sie uns gehen. Er will mit Ihnen sprechen.‘ Als wir ankamen, war er sichtlich wütend, sehr verärgert. Er hat nichts gesagt.“

„Sie sagten: ‚Lassen Sie uns gehen, Haji möchte Sie sprechen.‘ Mein Bruder war wütend und sehr verärgert.“

„Er war sehr verärgert. Als wir hineinkamen, sagte er: ‚Was soll das? Sexueller Missbrauch ist ein ernstes Verbrechen. Wer hat das angeordnet? Wer hat das authorisiert?“

„Haji antwortete ruhig und lächelnd: ‚Das ist Fath-ol Mobin. Es ist eine ehrenwerte Tat. Nichts daran ist falsch. Warum beschweren Sie sich?“

„Haji dachte wohl, dass er meinen Bruder damit beruhigen würde. Aber das Gegenteil geschah, er wurde noch wütender. Er wurde lauter: ‚Was meinen Sie damit, dass es kein Verbrechen ist?“

„Was meinen Sie, ist es etwa kein anerkanntes Verbrechen? Ist das eine gute Tat? Haji sah, dass er die Kontrolle verloren hatte und sagte: ‚Wo ist das Problem? Nichts ist passiert. Was ist hier das Problem?“

„Mein Bruder sagte noch einmal: ‚Was meinen Sie, was das Problem ist? Gibt es etwas schmutzigeres, hässlicheres als dies? Mit Kindern, das sind Kinder, sie haben nichts getan… sie sind aus unserer Stadt.“

„Haji sah, dass er ihn nicht beruhigen konnte, dass er zurück zur Basis und das, was dort passierte, beenden wollte“

„Er sagte: ‚Sie können erst einmal hier bleiben. Morgen werden wir dazu ein Treffen haben, wir können darüber sprechen und herausfinden, was das Problem ist.“

„Ich bestand darauf, bei ihm zu bleiben. Aber Haji sagte: ‚Sie gehen und ruhen sich aus, wir werden ihn nach Hause bringen. Gehen Sie, der Fahrer wird Sie nach Hause bringen und dort warten. Wir rufen Sie an.“

„Sie brachten mich nach Hause, und mein Bruder blieb dort.“

Schmerz und Scham
„Der Schmerz und die Scham vor dem Volk und vor Gott. Ich habe meine Welt und meine Religion verloren.“

„Ich hätte nie gedacht, dass diese Dinge so schmutzig sein können.“

„Ich dachte, ich würde den Weg meiner Onkel und unserer Märtyrer weiter gehen. Das war all mein Interesse und all meine Begeisterung: die Integrität für das Märtyrertum zu haben.“

„Wir haben uns wirklich als aufrecht [„upstanding“, d. Übers.] und anders als die anderen empfunden. Wir haben wirklich geglaubt, dass das, was wir taten, richtig war, dass wir dem Volk dienten, dass wir Gott dienten, und dass unser Auftrag in nichts anderem bestand, als Gott zu verehren.“

„Aber jetzt schäme ich mich vor dem Volk, ich sage sogar, dass ich falsch lag, und ich schäme mich vor meiner Religion. Ich habe Verbrechen begangen, wissentlich und unwissentlich.“

„Jetzt bin ich allein mit meinem Gewissen, das mich bestraft für das, was ich getan habe.“

„Ich hoffe, dass Gott und das Volk mir vergeben.“

*)Anm. d. Übers.: Zum Begriff „Fath-ol Mobin“ gibt es auf diesem Blog eine Übersetzung eines Artikels von Babak Dad: https://englishtogerman.wordpress.com/2009/09/03/babak-daad-uber-fath-ol-mobinkahrizakiranische-gefangnisse-deutsch/