Tagesarchiv: 21. Dezember 2009

Vollständiger Bericht über Montazeris Begräbnis in Qom

Veröffentlicht auf „The Daily Nite Owl“ am 21. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://www.dailyniteowl.com/wordpress/index.php/2009/12/21/full-report-of-montazeris-funeral-in-qom/
Autor: Josh Shahryar
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Großayatollah Hossein-Ali Montazeri ist am Montag in Qom beigesetzt worden. Sein Begräbnis wurde von Menschenmassen begleitet, die so groß waren wie die Proteste im Juni. Und dies, obwohl die Regierung versucht hatte, Straßen zu blockieren und strikte Anweisungen an die regierungseigenen Medien gegeben hatte, über das Begräbnis nichts zu veröffentlichen.

Innerhalb von Stunden nach Bekanntwerden seines Todes waren die Menschen nach Qom geströmt, darunter auch Oppositionsführer, politische Aktivisten, Studenten und einfache Leute. Einige waren mit ihren Familien gekommen. Die Fernstraßen, die von Teheran nach Qom führen, waren wegen des Verkehrs am Vortag stundenlang gesperrt.

Es folgt eine Aufschlüsselung der wichtigsten Fakten des Tages:

Die Anzahl der Menschen
Verschiedene Medien berichteten über verschiedene Zahlen. Es gab abweichende Augenzeugenberichte, und die Videos auf Youtube waren nicht so zahlreich. Was jedoch mit Sicherheit gesagt werden kann ist, dass mindestens 500.000 Menschen in Qom waren, höchstens knapp eine Million.

Die Stimmung
Obwohl die meisten gekommen waren, um zu trauern, entwickelte sich aus der Trauer sehr bald ein massiver Protest gegen die Regierung. Die Menschen trugen schwarz und grün und hielten riesige Bilder von Montazeri. Parolen waren „Allah-u Akbar“, „Tod dem Diktator“, „Wir wollen diese Regierung nicht“, und es gab deutliche Parolen gegen Khamenei.

Die Menschenmenge rief ihre Parolen stundenlang, selbst nachdem Montazeris Sohn Ahmed Montazeri sie gebeten hatte, keine politischen Parolen zu rufen. Die Menschen riefen auch „Montazeri, Montazeri, Glückwunsch zu deiner Freiheit“.

Das Begräbnis entwickelte sich also letztlich in einen Protest der Grünen Bewegung, wie man ihn seit Anfang Juli nicht mehr gesehen hat.

Teilnahme seitens der Reformer
Sowohl Mir Hossein Moussavi und Mehdi Karroubi reisten nach Qom, um dem verstorbenen Führer ihren letzten Respekt zu erweisen. Ebenfalls anwesend waren Hojjatol-Islam Mohsen Rehami, Hojjatol-Islam Mousavi Lari, Abdullah Noori, Emaduddin Baghi, Mohammad Reza Khatami, Eng. Alveri, Amir Arjmand, Mahmood Rasekh und Vertreter von Hashemi Rafsanjani und Mohammad Khatami.

Andere Reformer, die teilnehmen, waren u. a. Ali Akbar Mohtashami, Hadi Ghaffari, Mustafa Moein, Ashrafi Isfahani, Masjid Jame’i und Gholamhossein Karbaschi.

Bilder von anwesenden prominenten Reformern: http://yoldash.ir/post-3032.aspx

Teilnahme seitens der Geistlichkeit;
Die meisten der Geistlichen, die Khamenei und Ahmadinejad nahestehen, nahmen nicht teil. Einige hochrangige Geistliche wie Javad-Amoli konnten wegen ihres hohen Alters nicht teilnehmen. Zugegen waren jedoch Ayatollah Sane’i, Ayatollah Mousavi Khoyeniha, Ayatollah Amini, Ayatollah Bejnordi, Ayatollah Taheri Isfahani, Sayed Hassan Khomeini und Ayatollah Shabiri Zanjani – der auch die Gebete für die Beisetzung leitete.

Es gab Nachrichten über die Teilnahme von Khameneis Bruder Hadi Khamenei an der Begräbnisprozession, allerdings gibt es noch keine Bilder. Es gibt jedoch Bilder von Ayatollah Sane’i mit verweinten Augen. Montazeri und Sane’i waren eng befreundet.

Gewalt:
Um die Menschenmassen zu kontrollieren, waren Sicherheitskräfte von anderen Städten nach Qom gebracht worden. Der Masoumeh-Schrein, wo Montazeri schließlich bestattet wurde, stand unter schwerer Bewachung, und die Türen blieben der Öffentlichkeit verschlossen. Die Menschen versammelten sich vor dem Schrein und vor Montazeris Haus.

Es gab mehrere Berichte über Zusammenstöße zwischen Basijis bzw. Zivilpolizisten und den Demonstranten nach Ende der Begräbnisprozession. Es gibt keine bestätigten Berichte über die Anzahl von Verletzten, Zeugen sprechen jedoch davon, mehrere Dutzend Menschen mit leichten Verletzungen gesehen zu haben.

Erwähnenswert ist, dass die Polizei versuchte, die Zivilpolizisten von der Menge fernzuhalten. Es gab Berichte über Tränengaseinsatz gegen die Menge, aber ich konnte diese Berichte [nicht?] verifizieren. Es wurde auch berichtet, dass Basijis ein Bild von Montazeri zerrissen und versuchten, die Demonstranten zu provozieren, doch die Zusammenstöße eskalierten nicht.

Angriffe auf führende Reformer:
Es gab Berichte, dass die Basijis versuchten, Karroubi zu schlagen, aber die Menge soll ihn gegen die Angriffe abgeschirmt haben. Nach dem Ende des Begräbnisses wurde Moussavis Entourage von Zivilpolizisten belästigt. Es wurde Jagd auf sein Auto gemacht, und einer seiner Begleiter wurde verletzt, nachdem Zivilpolizisten ein Seitenfenster des Autos zerschlugen, in dem er unterwegs war. Er selbst erlitt keine Verletzungen. Auch ein Zivilpolizist wurde bei dem Angriff verletzt.

Danach:
Gegen Ende des Tages waren die Parolen der Menschenmenge gegen die Regierung derart laut, dass eine für später in der Imam Hassan-Moschee in Qom angesetzte Trauerzeremonie abgesagt werden musste. Mehrere Personen wurden auf ihrem Weg nach Qom verhaftet, darunter auch Shiva Nazarahari, Mahnaz Mohammadi, Mahboubeh Abasgholi und Kohyar Godarzi. Nazarahari war erst vor Kurzem freigekommen, nachdem sie wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit den Protesten mehrere Monate im Gefängnis verbracht hatte.

(Freundliche Erinnerung: Wie bei allen Nachrichten aus Iran dieser Tage gilt, dass ich die Daten aktualisieren werde. Dies sind die Fakten, über die ich im Moment fast absolute Sicherheit habe.)

Menschenrechtsorganisationen verurteilen neue Verhaftungswelle

Veröffentlicht auf Radio Zamaaneh am 21. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2009/12/human-rights-group-issues.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Die Organisation „International Campaign for Human Rights in Iran“ hat die Regierung gedrängt, sich nicht in die Beisetzungsfeierlichkeiten für Ayatollah Montazeri einzumischen und die „Schmähung und Verhaftung seiner Anhänger“ zu beenden.

Die Organisation veröffentlichte ein Statement, in dem sie ihrer Besorgnis über die „neue Welle“ von Verhaftungen gegen Anhänger von Ayatollah Montazeri Ausdruck verleiht.

Ayatollah Montazeris Beerdigung fand heute Morgen in Qom statt. Hunderttausende Menschen nahmen an der Zeremonie teil.

Gestern war der Regierungskritiker und langjährige Schüler von Ayatollah Montazeri Ahmad Ghabel in Neyshapour auf dem Weg von Mashhad zu den Feierlichkeiten verhaftet worden.

Busse mit Familienangehörigen von politischen Gefangenen und Frauen- und Menschenrechtsaktivisten wurden auf dem Weg zum Begräbnis von Sicherheitskräften angehalten. Zwar sind keine offiziellen Zahlen veröffentlicht worden, doch gibt es Berichte über die Verhaftung mehrerer prominenter Aktivisten.

Die Webseite Norooz berichtet, dass diese Verhafteten von Zivilpolizisten an einen unbekannten Ort verbracht wurden.

Wie die reformorientierte Webseite Mowjcamp berichtet, hat das Geheimdienstministerium mehrere soziale Aktivisten und Journalisten kontaktiert und sie gewarnt, dass sie verhaftet werden würden, sollten sie versuchen, am Begräbnis von Ayatollah Montazeri teilzunehmen.

Da auch Studentengruppen der Universitäten des Landes Kondolenzschreiben geschickt hatten, ist die „Campaign for Human Rights“ besorgt, dass auch Studenten „gewaltsam unterdrückt“ werden könnten.

Die Kampagne bezeichnete den Geistlichen als „ein Opfer der Menschenrechtsverletzungen in Iran“ und erklärt, dass die Memoiren von Ayatollah Montazeri ein höchst wichtiger Beweis für die Massenhinrichtungen politischer Gefangener im Jahre 1990 darstellen.