Ich mache mir Sorgen

Veröffentlicht auf Rooz Online am 29. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/opinion/opinion-article/article/2009/december/29//worried.html
Deutsche Übersetzung: Julia (bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben)


Von Massoud Behnoud

Wir haben versagt. Ich spreche von denen, die Geduld und Toleranz den Vorzug geben. Ja, die Anhänger der friedlichen Grünen Bewegung haben versagt. Wenn es unter uns welche gibt, die Gefallen an dem finden, was sich in den Straßen von Teheran ereignet, so glaube ich nicht, dass die Freude anhalten wird.

Wir hatten gehofft, dass unsere Wünsche nicht länger mit Fäusten und Tritten vermittelt werden müssten, und dass wir Blumen in die Gewehrläufe stecken würden. Wir hatten geträumt, dass wir den Soldaten Blumen überreichen und sie auffordern würden, sich uns in unserem Kampf anzuschließen. Aber es ist nicht so gekommen.

Schon einmal, als Ayatollah Khomeini, der von manchen als iranischer Gandhi bezeichnet wurde, die Erschießung von Gefangenen in Evin anordnete, haben wir einen Verlust erlitten. Erst vor wenigen Jahren erlebten wir, wie Khatami, der als Irans Mandela angesehen wurde, mit der Durchsetzung seiner Reformagenda scheiterte, während die Welt von seinem menschlichen Antlitz und der friedlichen und nach Frieden rufenden Bewegung bezaubert war.

Khatami gab seinen Traum vom Dialog der Zivilisationen schließlich schweren Herzens auf, während das Zentrum, das von ihm zur Verwirklichung dieses Ziels gegründet worden war und das seinen Namen trug, geschlossen wurde, um uns daran zu erinnern, dass solche Ideen in unserem Land keinen Halt finden und keine Wurzeln schlagen können.

Heute erlebt unser Land Szenen, die wir in von gewöhnlichen Iranern aufgenommenen Videoclips sehen. Darin beantworten Demonstranten die Gewalt, die ihnen von Regierungsagenten am schiitischen Gedenktag Ashura entgegenschlägt, mit gleicher Münze.

Die Gewalt, die an Ashura ausbrach, hat Hardliner und Extremisten zum Lächeln gebracht. Wir können ihr Gelächter hören. Aber haben sie uns wirklich zu den ihrigen gemacht? Sind wir uns alle in unserem Hass ähnlich geworden?

Die Hardliner haben keine Gnade gezeigt, nicht einmal mit Ahmadinejad, der einer von ihnen ist. Der momentane Zustand ist der, dass bei seinen Besuchen mehr Leibwächter Ahmadinejads anwesend sind als Besucher, die ihn begrüßen wollen. Die, die kommen, um ihn zu sehen, tun dies, weil der Präsident ihnen Schecks geschickt hat. Er ist jetzt stolz darauf, dass er jeden Monat Millionen von Anfragen aus der Öffentlichkeit sammelt. Er kann nicht behaupten, stolz darauf zu sein, eine Situation geschaffen zu haben, in der die Öffentlichkeit nicht länger die traditionellen langen Petitionen an den Staat schreiben muss.

Dieser Populist war einst stolz darauf,mit dem Bus inmitten des Volkes zu reisen und in Moscheen zu schlafen, um die Bedürfnisse und Rufe des Volkes zu hören, im Beisein von Fotografen. Heute reist er mit seiner Familie in die verschiedenen Winkel der Welt.

Wenn wir den Drachen der Gewalt im Herzen unserer Gesellschaft nicht töten, wird er weiter wachsen. Wir und unsere Unterstützer versagen, während die Hardliner mehr werden. Schon einmal ergoss sich die vorige Generation in die Straßen und versuchte, mit Parolen und dem Verbrennen von Autoreifen Glück zu erlangen. Doch es endete in der Hölle. Ist also die gegenwärtige Generation, die Generation der Transparenz, die Generation der Nachrichten, und die Generation von blau und grün, dazu verdammt, den selben Weg zu gehen?

Ich will ehrlich sein: Ich mache mir Sorgen.

Eine Antwort zu “Ich mache mir Sorgen

  1. Eine absolut respekteinflössende Stellungnahme !!!

    [In Deutschlands Protestbewegungen hatte eine Radikalisierung der Proteste oft oder sogar in der Regel mit (west-/ost-deutsch-)staatlich beeinflussten „Agents Provocateurs“ zu tun

    ((Karl-Heinz Kurras, ein ostdeutscher Agent, erschoss Benno Ohnesorg; Josef Bachmann hatte mit einem westdeutschen Agenten zu tun, bevor er auf Rudi Dutschke schoss; Peter Urbach, ein westdeutscher Agent, belieferte die Baader-Meinhof-RAF mit Waffen – genannte Beispiele sind in der Regel über wikipedia verifizierbar)) ,

    weil (vermutlich) eine erreichte Radikalisierung dem Staat in den Augen der Öffentlichkeit Recht zu geben und dem Staat alle denkbaren Maßnahmen zu erlauben schien.

    Mir scheint die iranische Bewegung für ein Mehr an Demokratie selbstredend weit entfernt von den geschilderten deutschen Beispielen zu sein. Doch mit Recht insistiert Massoud Behnoud, dass man eine derartige Entwicklung nicht kommentarlos abwarten darf.

    Ist in diese Richtung hin – so frage ich mich – auch tendenziell die maßlose Gewalt des iranischen Staates kombiniert mit Todesschüssen der iranischen „Sicherheitskräfte“ zu beurteilen, die möglicherweise als Hauptziel eine/die Radikalisierung der Protester sowie eine Spaltung der „grünen“ Bewegung entlang der Gewaltfrage im Blick haben?]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s