Tagesarchiv: 3. Januar 2010

Politische Aktivisten in Gorgan verhaftet

Veröffentlicht auf Persian2English am 3. Januar 2010
Quelle (Persisch): Nowrooz News (ohne Link, persischer Text s. englische Quelle)
Übersetzung Persisch-Englisch: Siavash Sartipi für Persian2English
Quelle (Englisch): http://persian2english.wordpress.com/2010/01/03/huge-wave-of-arrests-of-political-activists-in-gorgan/

Acht politische Aktivisten in Gorgan, der Hauptstadt der Provinz Golestan, sind in den Tagen nach Ashura verhaftet worden.

Norooz News: Verhaftungen nach Ashura

Folgende Verhaftungen sind bestätigt:

– Hossein Rafati (m), ehemaliger Gouverneur von Gorgan

– Ehsan Alaee-Far (m), Mitglied der Jugendorganiation von Jebheyeh Mosharekat (Mosharekat-Front) in der Provinz Golestan

– Ali Gholi-Tabar (m), Chef der Mojahedin-e Enghelab in der Provinz Golestan

– Morteza Izadi (m), Mitglied von Setad 88 in der Provinz Golestan

– Ali Shahini (m), Student

– Hamid Bartschyan (m) und Dadvar (m.): Veteranen des Heiligen Krieges

– Moheb Hosseini (m): Panegristen (Lobredner) aus der Familie des Propheten

Weitere Einzelheiten über diese Personen sind nicht bekannt.

Darüberhinaus wurden viele politische und zivile Aktivisten in den vergangenen Nächten aufgefordert, beim Geheimdienst der Provinz vorzusprechen.

Erwähnenswert ist, dass eine der verhafteten Personen gewaltsam aus dem Büro von Ayatollah Sanei in Gorgan entführt wurde, über seinen Aufenthaltsort ist nichts bekannt.

Gerichtsprozess für sieben an Ashura verhaftete Demonstranten für den 3. January angesetzt

Veröffentlicht auf Persian2English/ am 3. Januar 2009
Quelle (Persisch): Freedom Messenger
Übersetzung Persisch-Englisch: Maziar Ahari für Persian2English
Quelle (Englisch:) http://persian2english.wordpress.com/2010/01/03/seven-demonstrators-arrested-on-ashura-will-face-trial-on-sunday-january-3-2010/
Deutsche Übersetzung: Julia (bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben)
(Anmerkung d. Übers.: Dieser Artikel beruht zum Zeitpunkt der Übersetzung auf einer einzigen und inoffiziellen persischen Quelle. Ich bitte, den Inhalt des Artikels entsprechend als “unbestätigt” einzustufen)

Radio France: Die Gerichtsverhandlungen für sieben verhaftete Demonstranten werden an diesem Sonntag beginnen. Nach Angaben der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Teheraner Staatsanwaltschaften des Allgemeinen Gerichts und des Revolutionsgerichts ist die öffentliche Angelegenheit der Untersuchung und der Anklagen gegen diese Personen an das Teheraner Revolutionsgericht übermittelt worden.

Wie Offizielle des Gerichts gestern erklärten, werden die kürzlich Verhafteten streng und ohne Nachsicht behandelt werden.

Irans Generalstaatsanwalt Mohsen Ejeie sagte, drei der kürzlich verhafteten Personen würden nach dem Gerichtsprozess in Kürze hingerichtet werden. Er bezeichnete sie als „Kämpfer gegen Gott“.

Es ist unklar, wie die Prozesse ablaufen werden. Allerdings sagte Mohammad Dehghani von der parlamentarischen juristischen Kommission Irans der Nachrichtenagentur IRNA gegenüber, er hoffe auf öffentliche Prozesse, damit die Öffentlichkeit die Geständnisse der „Kämpfer gegen Gott“ miterleben könne. Er fügte hinzu, dass diese Tatverdächtigen hingerichtet werden müssten.

Inoffiziellen Quellen zufolge wurden während der Unruhen von Ashura 37 Menschen getötet. Offizielle Berichte sprechen von 8 Todesopfern. Sicherheitsquelle berichten von 700 Verhaftungen an diesem Tag.

Quelle: Radio France

Ausführlicher Bericht über Drohungen und Verhaftungen gegen Mitglieder des Komitees der Menschenrechtsreporter

Veröffentlicht auf Persian2English am 3. Januar 2010
Quelle (Persisch): CHRR
Übersetzung Persisch-Englisch: Siavash Sartipi für Persian2English
Quelle (Englisch): http://persian2english.wordpress.com/2010/01/03/detailed-report-of-the-committee-of-human-rights-reporters-regarding-threats-and-arrests-of-its-members/


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Committee of Human Rights Reporters—
In den letzten Monaten wurden wir Zeugen beispielloser Gewalt und Unterdrückung. Auch das Komitee der Menschenrechtsreporter (CHRR) war trotz seiner klaren und transparenten Information über Menschenrechtsverletzungen in Iran von diesen Drohungen und Verhaftungen nicht ausgenommen.

Am 14. Juni 2009 wurde Shiva Nazar Ahari vom CHRR in ihrem Büro verhaftet. 100 Tage später wurde sie gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 200.000.000 Toman (ca. 200.000 USD) freigelassen. Dennoch ist ihre Akte, angefüllt mit schweren und unfundierten Anklagen, im Revolutionsgericht noch nicht geschlossen. Schon einmal, im Juli 2004, war Shiva Nazar Ahari verhaftet worden, als sie an einer Versammlung von Verwandten politischer Gefangener vor dem Büro der Vereinten Nationen teilnahm. Sie wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Said Kalanaki and Said Jalalifar wurden am 1. Dezember 2009 verhaftet. Nachdem man Said Kalanaki in seinem Büro verhaftet hatte, suchte man seine Wohnung auf, um sie zu durchsuchen und seine persönlichen Dinge zu beschlagnahmen.
Said Jalalifar, ein weiteres Mitglied des Komitees, wurde am selben Tag verhaftet, nachdem er sein Haus verlassen hatte. Die Geheimdienstbehörden informierten seine Familie einen Tag nach seiner Verhaftung.

Diese beiden Mitglieder werden zur Zeit in der öffentlichen Abteilung von Evin festgehalten Said Kalanakis Familie hat ihn am vergangenen Donnerstag besucht, Said Jalalifar hat noch keinen Besuch erhalten. Bevor er zum CHRR stieß, war Said Kalanaki Direktor des Studentischen Komitees zur Unterstützung politischer Gefangener. Er wurde verhaftet, weil er sich am Streik vor dem Büro der Vereinten Nationen beteiligt hatte, mit dem gegen die Verhaftung mehrerer Studenten protestiert wurde. Von Abteilung 26 der Revolutionsgerichts wurde er zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt.

Saeed Jalalifar studierte Physik an der Universität Zanjan, als er gegen sexuelle Belästigung eines Studenten/einer Studentin*) durch den Vizepräsidenten der Universität, Hassan Madadi, protestierte. Jalalifar wurde später vom Geheimdienst einbestellt und wurde der Universität verwiesen, weil er sich beschwert hatte.
*) Geschlecht nicht ersichtlich, d. Übers.

Am 20 Dezember um 21:30 Uhr wurden Shiva Nazar Ahari, Koohyar Goodarzi und Said Haeri am Enghelab Square in Teheran von Sicherheitskräften verhaftet, als sie gemeinsam mit sozialen Aktivisten und Angehörigen politischer Gefangener in einem Bus auf dem Weg nach Qom waren. Sie wollten dort an der Beerdigung des verstorbenen Ayatollah Montazeri teilnehmen.
Shiva Nazar Ahari hat vom Gefängnis aus lediglich ein Mal telefoniert und hat ein Mal Besuch bekommen.

Über die Situation von Koohyar Goodarzi und Saeed Haeri gibt es zur Zeit keine Informationen. Koohyar Goodarzi war auf Druck des Geheimdienstministeriums am 3. November der Sharif-Universität verwiesen worden. Ihm wurde zudem der Zutritt zur Universität und zum Wohnheim untersagt.

Nach mehrfachen telefonischen Drohungen wurden am 2. Januar 2010 Parisa Kakayi und Mehrdad Rahimi zum Geheimdienstministerium bestellt und dort verhaftet. Parisa Kakayi hat heute Nacht ihre Familie aus Abteilung 209 angerufen.

Über den Aufenthaltsort von Mehrdad Rahimi gibt es keine Informationen. Wenige Tage vor dem 4. November 2009 war Parisa Kakayi gemeinsam mit mehreren Frauenrechtsaktivistinnen in die Abteilung 3 des Revolutionsgerichts bestellt worden. Sie wurde in einem Büro des Geheimdienstministeriums von Mitarbeitern des Ministeriums verhört.

Mehrdad Rahimi ist ein studentischer Aktivist und Vertreter des Komitees zur Verteidigung von Bürgerrechten im zentralen Büro von Mehd Karroubi.

Zwei weitere Mitglieder des CHRR, Said Habibi und Hessam Misaghi, erhielten heute wiederholt Drohanrufe. Dem Gesetz nach ist es in Iran verboten, in diesen Angelegenheiten telefonisch Kontakt aufzunehmen.

Saeed Habibi war schon im Dezember 2007 während der großen Repression gegen studentische Aktivisten verhaftet und 70 Tage später gegen Hinterlegung einer Kaution in Höhe von 150.000.000 Toman (ca. 150.000 USD) freigelassen worden. Am 26. September 2009 wurde er nochmals verurteilt, dieses Mal zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung.

In den vergangenen Monaten wurde beispielloser Druck auf CHRR ausgeübt. Es gab in den letzten Wochen unzählige Drohanrufe.

In der vergangenen Woche nahmen Shiva Nazar Ahari, Said Kalanaki und Said Jalalifar Kontakt zu zwei anderen Mitgliedern des Komitees auf und forderten sie auf, die Webseite des Komitees zu schließen. Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass die Organisation weiterhin unter Druck gesetzt und bedroht wird.

Sofort danach hörten die beiden Mitglieder die Stimme des Befragers am Telefon, der sie bedrohte und sie aufforderte, die Webseite zu schließen. Anderenfalls würde man hart gegen sie vorgehen.

Shiva Nazar Ahari sagte in einem Telefongespräch, dass sie Koohyar Goodarzi sehen würde. Das deutet darauf hin, dass das Geheimdienstministerium die Mitglieder des Komitees in Abteilung 209 von Evin einander gegenüberstellt, um den Druck auf sie zu erhöhen.

Shiva Nazar Ahari trat in einen Hungerstreik, in dessen Folge sie zusammenbrach und in die Klinik von Abteilung 209 gebracht wurde. Ihr Befrager habe ihr mit Hinrichtung gedroht.

Vorliegenden Berichten zufolge stehen die Mitglieder des Komitees unter immensem Druck, mit dem sie dazu gebracht werden sollen, zu gestehen, dass sei mit der Oganisation der Mojaheddin-e Khalgh (MKO/Volksmujahedin) zusammenarbeiten. CHRR hält diese Anschuldigungen für absolut unbegründet und sieht diese Druckmittel, die sie verurteilt, als Vorbereitung des Regimes auf verstärkte Unterdrückung und als Vorboten bevorstehender schlimmerer Ereignisse an.

Auf Grund der Drohungen und Telefonanrufe sind die anderen Mitglieder des Komitees in Gefahr, ebenfalls verhaftet zu werden.

Die Organisation Human Rights Reportes Committee ist eine unabhängige Organisation, die über Menschenrechtsverletzungen in Iran informiert. Während der vier Jahre ihrer transparenten und wichtigen Arbeit war sie in ihrer Berichterstattung über Verletzung der Rechte von politischen Gefangenen, Kindern, Frauen, Studenten und anderen Mitgliedern der Gesellschaft sehr einflussreich.

Die Schließung der Webseite von CHRR bedeutet eine Einschränkung der Redefreiheit und erhöht gleichzeitig die Abhängigkeit der Bevölkerung von regierungstreuen Nachrichtenquellen.

Das Komitee der Menschenrechtsreporter verlangt die bedingungslose Freilassung aller seiner inhaftierten Mitglieder.

Regierung verschärft Vorgehen gegen Demonstranten

Veröffentlicht auf Radio Zamaaneh am 3. Januar 2010
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2010/01/government-steps-up-crack.html
Übersetzung: Julia (bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben)

Innenminister Mostafa Mohammad Najjar

Nach den Massendemonstrationen am Ashura-Tag am 27. Dezember unternimmt die Regierung alles, um Demonstranten davon abzuhalten, wieder auf die Straße zu gehen. Sie hat eine neue Welle großangelegter Verhaftungen gestartet, kombiniert mit wiederholten Drohungen führender Persönlichkeiten des Establishments.

Nachdem der Generalstaatsanwalt zuvor von bevorstehenden Hinrichtungen einiger vor Kurzem verhafteter Demonstranten gesprochen hatte, gab der Innenminister heute bekannt, er habe die Polizei angewiesen, „keine Nachsicht“ mit „Randalierern“ zu haben und alle sofort zu verhaften, die versuchen, sich ihnen anzuschließen.

Der Innenminister fügte hinzu, da führende Geistliche und Top-Justizbeamte die Demonstranten als „Staatsfeinde“ identifiziert hätten, sei klar, wie mit ihnen umzugehen sei.

Die für die Demonstranten gebräuchlichen Termini „Mohareb“ und „Mofsed-e fel-arz“ stehen für „Menschen, die an bewaffneten Aktionen gegen die Sicherheit und Freiheit der Menschen“ beteiligt sind, was nach den Gesetzen der Islamischen Republik mit dem Tode zu bestrafen ist.

Diese Begriffe sind von Hardliner-Geistlichen wie Ayatollah Jannati verwendet worden und sind ein grünes Licht für Todesurteile durch die Justiz.

Der Innenminister erklärt, die jüngsten Demonstrationen seien vollständig von ausländischen Mächten geplant gewesen: „Wir haben alle regierungsfeindlichen Bewegungen der letzten 30 Jahre in den jüngsten Unruhen aufgespürt“.

Mostafa Mohammad Najjar erklärt weiter: “Wir haben einige ‚monafeghin‘ verhaftet, und die Justiz unternimmt alles, um mit den Gerichtsverfahren gegen diese aufrührerischen Elemente so bald wie möglich zu beginnen.“

Mit dem Ausdruck “Monafeghin” wird die oppositionelle Organisation der Volksmujahedin Irans bezeichnet. Unzählige Mitglieder dieser Organisation wurden in den ersten Jahren der Islamischen Republik hingerichtet, und in der Sprache des Establishments sind sie bis heute überzeugte Feinde des Systems.

Der Sprecher der internationalen Kampagne für Menschenrechte in Iran, Hadi Ghaemi, warnte heute, dass die Entscheidung der Justiz, einige der kürzlich Inhaftierten hinrichten zu lassen, zu „erhöhter Instabilität und öffentlichem Zorn“ führen wird.

In den letzten sechs Monaten haben die Menschen in Iran anhaltenden gegen die Regierung protestiert, die, wie sie sagen, im Juni durch Wahlbetrug an der Macht blieb. Trotz der brutalen Gewalt, mit der das Establishment gegen sie vorgeht, geben die Demonstranten nicht klein bei.

Interview mit Benyamin Rasouli, der vor Hinrichtung bewahrt wurde

Veröffentlicht auf Persian2English am 3. Januar 2010
Quelle (Persisch): Freedom Messenger
Übersetzung Persisch-Englisch: Siavosh für Persian2English
Quelle (Englisch): http://persian2english.wordpress.com/2010/01/03/an-interview-with-benyamin-rasouli-a-young-man-rescued-from-execution-on-the-night-of-behnouds-execution-he-was-not-crying-he-was-really-quiet/
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia (bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben)
(Anmerkung d. Übers.: Dieser Artikel beruht zum Zeitpunkt der Übersetzung auf einer einzigen und inoffiziellen persischen Quelle. Ich bitte, den Inhalt des Artikels entsprechend als „unbestätigt“ einzustufen)

Nach dem in Iran geltenden und praktizierten islamischen Gesetz der Scharia hat in Fällen von Mord (ersten oder zweiten Grades, manchmal sogar in Fällen von Totschlag) die Familie des Opfers das letzte Wort. Sie kann sich entweder für Qesas entscheiden – die Bestrafung nach dem Prinzip „Auge um Auge“, die im Fall von Mord die Hinrichtung des Täters bedeutet – oder aber dem Opfer gegen eine Zahlung von Diah („Blutgeld“) vergeben.

Artikel 37 der UN-Konvention für die Rechte von Kindern besagt: “Für Straftaten, die von Personen vor Vollendung des achtzehnten Lebensjahres begangen worden sind, darf weder die Todesstrafe noch lebenslange Freiheitsstrafe ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung verhängt werden.“ *)
Iran ist Unterzeichner dieser Konvention (und hat diesen Abschnitt bedingungslos akzeptier). Dessenungeachtet werden in Iran jährlich viele jugenliche Straftäter gehenkt.
*) Zitat entnommen aus http://www.unis.unvienna.org/unis/de/library_2004kinderkonvention.html

Für Jugendliche, die einen Mord begehen, Drogen schmuggeln oder sexuelle Beziehungen unterhalten, ist die Todesstrafe vorgesehen. Dieser Umstand ist eines der wichtigsten menschenrechtlichen Probleme in Iran.

Jugendliche, die als Minderjährige des Mordes angeklagt sind, haben diese Tat [meist] im Zuge einer unreifen Auseinandersetzung an einem gleichaltrigen Menschen verübt. Diese Jugendlichen werden wegen Totschlags (Tötung ohne Vorsatz und oftmals unfallartig) zum Tode verurteilt. Benyamin Rasouli ist ein Jugendlicher, der freigelassen wurde, nachdem die Familie des Opfers ihm vergab.

Das folgende Interview mit Benyamin führte Saba Vasefi.

Frage: Wie wurde Hossein [das Opfer] getötet?

Antwort: Sie hatten meinen Freund Shahram verprügelt. Ich ging hin, um die beiden miteinander zu versöhnen, aber die Spannung stieg. Als sie in unserem Viertel waren, wurden sie zusammengeschlagen. Dann sagten sie, wenn du ein Mann bist, komm in den Park. Ich ging hin, sie waren 12, und niemand aus unserem Viertel war dort. Ich entkam ihnen, ging wieder nach Hause und holte mein Messer. Dann ging ich zurück in den Park. Ich habe wirklich nicht mitbekommen, wie und wann er vom Messer getroffen wurde. Später fand ich heraus, dass das Messer seine Rippen durchstoßen hatte und er im Krankenhaus gestorben war.

Wer hatte dir das Messer gegeben?

Es war ein Messer mit Holzgriff, das ich von einem Freund als Andenken aus Nordiran bekommen hatte.

Wie alt warst du, als es passierte?

Ich war 15. Ich war so klein, dass der Polizist total überrascht war, als er mich sah. Er fragte mich „Bist du Benyamin? Du bist so winzig!“

Wo bist du verhaftet worden?

20 Minuten nach dem Vorfall kamen mehrere Polizisten zu uns nach Hause. Einer von ihnen war Safar Ali Nasiri, der später im Rajayi Shahr-Gefängnis hingerichtet wurde (ein berüchtigtes Gefängnis in Karaj, in dem gefährliche Kriminelle inhaftiert sind).

Bist du allein zur Polizeistation gegangen?

Ja. Sie gaben meinen Eltern die Adresse und sagten, sie sollten uns folgen. Dann fesselten sie mir mit Handschellen die Hände auf dem Rücken und warfen mich in den Kofferraum des Autos.

Hast du auf der Polizeistation den Mord gestanden?

Ich konnte nicht glauben, dass das Messer ihn (Hossein) getroffen hatte. Auf der Polizeistation schlugen sie mich mit einem Schlauch, der mit Pellets gefüllt war, damit ich sage, wo ich das Messer hatte. Sie haben auch drei Mal „chicken torture“ bei mir angewandt, und einmal haben sie mich (an der Hand) aufgehängt. Nachdem ich ihnen gesagt hatte, wo das Messer ist, zeigten sie mir Bilder von drei Leichen, die in Mehrshahr in der Nähe der Gleise gefunden worden waren. Sie wollten, dass ich diese Morde auch gestehe.

Was ist “chicken torture”?

A: Man wird mit Handschellen gefesselt, die Knie werden durch die Arme gezogen, und eine Metallstange wird zwischen die Beine geschoben. Die Enden der Stange werden jeweils auf einen Stuhl gelegt. Dann wird man geschlagen, wobei man von einer Seite auf die andere schaukelt. In dieser Situation kann man nur noch schreien.
[Anm. d. Übers.: „chicken torture“ ist eine nicht nur in Iran weit verbreitete Foltermethode, für die man z. B. in Dokumenten von Amnesty International Beschreibungen in vielen Varianten findet.]

Wie lange warst du in der Polizeistation?

Einen Monat und 28 Tage. Ich war zwei Wochen lang in dem Raum. Die ganze Zeit über trug ich Handschellen. Sie haben meine Fußgelenke so fest zusammengebunden, dass ich alle Haare auf den Beinen verlor.

Wie lange bist du körperlich gezüchtigt worden?

20 Tage vor dem Gerichtstermin hörten sie auf, mich zu schlagen, damit die Blutergüsse verschwinden.

Am Tag des Gerichtstermins hatte dein Körper keine Wunden oder Blutergüsse mehr?

Nein, alles, was übrig geblieben war, war ein großer gelber Fleck.

Hast du mitbekommen, wie andere gezüchtigt wurden?

Da waren noch zwei Leute, die wegen Drogenschmuggels verhaftet worden waren. Wenn sie sie abführten, um sie zu schlagen, haben sie ihnen die Schultern ausgerenkt. Nachdem sie sie geschlagen hatten, haben sie sie wieder eingerenkt. Die Polizeistation Herasak ist die Hölle. Wenn sie es in der Station Shahpour, die berüchtigt ist, nicht schaffen, die Angeklagten zu Geständnissen zu zwingen, bringen sie sie nach Herasak.

Wurdest du wieder geschlagen, nachdem du ins Gefängnis verlegt wurdest?

Als ich ins Gefängnis gebracht wurde, nahm mich der Chef mit und zeigte mir alles. Er sagte zu mir „Geh diesen gekachelten Korridor entlang und stell dir vor, auf der einen Seite ist ein Abgrund, und auf der anderen Seite sind [unter dir] Menschen. Wenn dich jemand schubst, auf welche Seite wirst du springen?“ Ich antwortete: „Na ja, da es schließlich um mein Leben geht, ist es erlaubt, auf die Seite mit den Menschen zu springen.“ Ich glaubte das wirklich, aber für diese Worte wurde ich heftig geschlagen.

Wie verbrachtest du deine Tage im Gefängnis?

Ich habe im Gefängnisrat mit Ali Mahintorabi gearbeitet. Wir haben mit der Unterstützung des Frauengefängnisses ein 30seitiges Journal veröffentlicht.

Wie hast du dich gefühlt, als die das Todesurteil verkündet haben?

Ich hatte immerzu denselben Albtraum.

Was für einen Albtraum?

Ich träumte, dass ich in einem Hof war, der von Bäumen umgeben war. Hinter den Bäumen war eine Mauer, und in der Mitte standen die Galgen. Als ich auf die Bäume zuging, wollten sie mich hinrichten. Als ich auf die Mauer zuging, kam ein Geist hervor und stieß mich zum Galgen.

Gab es Zellengenossen von dir, die hingerichtet wurden?

Ja. Behnoud Shojaee und Sattar Shiri.

Wie hast du dich nach ihrem Tod gefühlt?

Ich konnte zwei Monate lang nicht schlafen. Ich habe ständig mit mir selbst gesprochen und Ticks entwickelt.

Erinnerst du dich an Sattars letzte Nacht?

Er hat viel geweint. Er sagte „Ich weiß, dass sie mich diesmal hängen werden. Meine Familie tut mir Leid.

Und Behnoud?

Behnoud hat nicht geweint. Er war ganz ruhig. Es verging keine Nacht, ohne dass er seine Gebete verrichtet hat. Viele der Jungs dort werden abhängig. Sie entwickeln viele neue kriminelle Fähigkeiten. Aber Behnoud hatte alles aufgegeben. Er war nur noch Gott zugewandt. Sein Gebetsbuch war schon gelb geworden. In der Nacht vor seiner Hinrichtung haben alle um ihn geweint. Er war so still und unschuldigt, dass alle ihn liebten.

Was habt ihr gemacht, als Behnoud nicht in die Zelle zurückkam?

Wir haben ein Gedenken für ihn abgehalten. Bis zum 40. Tag nach seinem Tod haben wir Schwarz getragen. In der Nacht vor seiner Hinrichtung sagte er, dass er mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit hingerichtet wird, wenn nicht ein Wunder geschieht und Gott einen Lichstrahl in die Herzen der Angehörigen des Opfers sendet.

Wie hast du dich gefühlt, als die Familie von Hossein dir vergeben hatte?

Als sie mir vergaben, dachte ich, dass es eine Lüge ist. Viele der Familien bluffen nur. Die Familie des Opfers im Fall von Behnoud hatte gesagt, dass sie ihm in dem Moment vergeben würden, in dem die Schlinge um seinen Hals gelegt wird. Aber sie war es, die den Hocker unter Behnouds Füßen wegstieß. Ich sagte mir, dass es in meinem Fall auch nur eine Lüge ist.

Wieviele Geschwister hast du?

Wir sind sechs, und ich habe noch eine Halbschwester.

Wem ist es zu verdanken, dass die Familie des Opfers dir vergeben hat?

Ich verdanke das meiner Anwältin, Frau Tahmasbi, und meiner Schwester. Als ich freigelassen wurde, wollte ich ihre Füße küssen. Sie haben wirklich hart gearbeitet. Meine Anwältin konnte völlig unerwartet das Blutgeld von 250.000 $ auf 50.000 $ reduzieren.

Wie ist das Leben außerhalb des Gefängnisses für dich jetzt?

Alles erscheint so fremd und seltsam. Ich spüre die Abwesenheit meines Vaters. Ich kann nicht glauben, dass er tot ist. Als ich im Gefängnis war, erlitt er bei einem Autounfall eine Gehirnerschütterung und starb. Und weil ich ihn nicht gesehen habe, kann ich nicht glauben, dass er tot ist.

Wie möchtest du ab jetzt leben?

Ich möchte alles in vollen Zügen genießen. Ich wache mitten in der Nacht auf, und ich öffne meine Augen. Ich bin wirklich müde, aber ich möchte meine Augen nicht schließen. Ich stehe auf und küsse meine Mutter. Ich möchte wiedergutmachen, dass ich sie allein gelassen habe. Ich kenne mich mit Frisuren aus. Ich möchte in einem Friseurladen arbeiten, damit meine Mutter ein gutes Leben haben kann. Ich würde gern für den Verein für die Rechte von Kindern arbeiten, damit ich dabei helfen kann, überall in Iran die Familien von Opfern zufriedenzustellen, damit sie vergeben können.

Meinst du, dass die Todesstrafe ein geeignetes Mittel ist, um Kinder zu bestrafen, die als Minderjährige straffällig werden?

Für jedes Kind ist es hundertmal schlimmer, unter solchen Bedingungen im Gefängnis zu sein, als zu sterben. Die Hinrichtung ist nur ein Moment. Sie ziehen den Hocker unter deinen Füßen weg, dein Hals bricht, und du erstickst. Das Gefängnis hingegen ist die Hölle. Man geht mit einer Anklage hinein, und kommt mit tausenden von Krankheiten und Störungen wieder hinaus. Da drin werden viel schwächere Kinder auf jede erdenkliche Weise misshandelt. Depressionen, Sucht und AIDS – jedes einzelne davon ist tausendmal schlimmer als der Tod.