Kritischer Geistlicher soll ausgeschaltet werden

Veröffentlicht auf Rooz Online am 4. Januar 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2010/january/04//attempts-to-eliminate-critical-clergy.html
Deutsche Übersetzung: Julia (bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben)


Nach Warnungen der Pasdaran/Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) bezüglich einer „wachsenden Kluft“ zwischen Großayatollahs und der Geistlichkeit einerseits und dem obersten Führer andererseits“, und den jüngsten Angriffen von Anhängern der Regierung gegen kritische Großayatollahs hat gestern die Gesellschaft der Lehrer des Theologenseminars in Qom bekanntgegeben, dass sie Ayatollah Yousef Sanei nicht länger als „Quelle der Nachahmung“ (source of emulation) ansieht.

Die offizielle regierungseigene Nachrichtenagentur schrieb am 2. Januar, die Gesellschaft habe in einem kurzen Schreiben mitgeteilt: „Im Lichte wiederholter Fragen seitens der Gläubigen hat die Gesellschaft der Lehrer des Theologenseminars in Qom die seit einem Jahr laufenden Nachforschungen eingestellt und nach mehreren Sitzungen beschlossen, dass er nicht über die notwendige Qualifikation verfügt, um eine Quelle der Emulation zu sein.“

Zwischenzeitlich gab Ayatollah Saneis Büro bekannt, da nicht klar sei, ob die Mehrheit der Gesellschaft dem Inhalt des Briefes zugestimmt habe, werde man zunächst nicht darauf reagieren. Man warte auf die offizielle Veröffentlichung der Namen der Sitzungsteilnehmer und die Klärung des geistlichen Hintergrundes jener Mitglieder, die Ayatollah Saneis Qualifikation in Zweifel ziehen.

In einer ersten Reaktion auf den Brief der Gesellschaft hat der Freitagsprediger von Qom, Ayatollah Amini, bestritten, in irgendeiner Weise an der Kontroverse beteiligt zu sein. Er erklärte: „Derartige Aktionen schaden sowohl dem Theologenseminar als auch der Religion.“

Der Brief der Gesellschaft ist von Mohammad Yazdi unterzeichnet. Vor der umstrittenen Präsidentschaftswahl hatte Yazdi bereits mitgeteilt, dass die Mehrheit der Gesellschaft die von vielen Geistlichen abgelehnte Kandidatur Mahmoud Ahmadinejads unterstütze. Die Kritiker unter den Geistlichen argumentieren, dass alle Entscheidungen der Gesellschaft der Lehrer des Theologenseminars in Qom erst Gültigkeit haben, wenn sie mit einer Zweidrittelmehrheit aller Mitglieder der Gesellschaft verabschiedet sind. Mit der Veröffentlichung des Statements zugunsten Ahmadinejad wurde gegen diese Regel verstoßen.

Im Jahre 1994, nach dem Tode Ayatollah Arakis, hatte die Gesellschaft in Qom sieben Rechtsgelehrte benannt, die nach Ansicht der Gesellschaft über die notwendige Qualifikation verfügten, um als Quellen der Emulation aufzutreten. Diese Liste enthielt nicht die Namen der Ayatollahs Sanei und Montazeri, sondern erstmals den Namen Ayatollah Khameneis.

Erstmals hat nun die Gesellschaft jedoch Ayatollah Sanei als unqualifiziert für die Funktion als Quelle der Emulation bezeichnet. Ayatollah Sanei ist einer der Geistlichen, die klar und transparent gegen das Vorgehen der iranischen Regierung gegen oppositionelle Demontranten seit der letzten Präsidentschaftswahl Stellung bezogen hatten.

Er hatte zudem entschieden gegen die Schauprozesse gegen Inhaftierte protestiert und das Erzwingen von Geständnissen als Verletzung des Korans bezeichnet. Außerdem hatte Sanei Mir Hossein Moussavi verteidigt.

Zeitgleich mit der Veröffentlichung des Statements der Theologengesellschaft hat die Nachrichtenagentur IRNA das Statement einer Gruppe von Schülern des Seminars in Qom veröffentlicht, das das Statement der Geistlichen unterstützt. Darin werden einige der religiösen Dekrete Ayatollah Saneis als Beweise seiner mangelnden Qualifikation angeführt. Die Verfasser bezeichnen Ayatollah Saneis Ansichten über „gleiches Blutgeld für Männer und Frauen“ und „das Verbot von Ehen auf Zeit für verheiratete muslimische Männer“ als gegen die Religion gerichtet.

Die Befürchtungen der Revolutionsgarden
Das gestern veröffentlichte Statement der Theologengesellschaft folgte auf vorherige Warnungen der Revolutionsgarden, seit den Wahlen seien wachsende soziale und politische Risse zu beobachten, insbesondere würde sich „der Abstand zwischen Geistlichkeit und dem obersten Führer“ vergrößern.

Anfang Dezember hatte die Khameneis Büro im IRGC nahestehende Webseite „Basirat“ gewarnt, dass „Differenzen zwischen Großayatollahs und der Geistlichkeit einerseits und dem obersten Führer andererseits eine neue Bedrohung für die Islamische Republik“ darstellen könnten. Das IRGC-Büro des obersten Führers berät „politische Führer“ dieser militärischen Organisation.

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