Verhaftung der Trauernden Mütter: Meilenstein des Verfalls kultureller und religiöser Werte?

Veröffentlicht auf Persian2English am 16. Januar 2010
Quelle (Persisch): BBC Radio, referenziert von Freedom Messenger
Übersetzung Persisch-Englisch: Neda Shayesteh, Persian2English
Quelle (Englisch): http://persian2english.com/?p=4406
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia

Januar 2010 – Soudabeh Javadi

Politische Analysten können Situationen in der Geschichte eines jeden Landes feststellen, die zu einer Distanzierung des Volkes von der Regierung führten. Viele Soziologen glauben, dass das Misstrauen von Menschen gegenüber ihren Regierungen das Ergebnis sozialer Krisen und der Schwächung von Werten ist.

Kritiker der Islamischen Republik glauben, dass die Verhaftung der iranischen Trauernden Mütter, deren Kinder bei den Protesten gegen die Präsidentschaftswahl getötet wurden, einen Verfall der kulturellen und religiösen Werte in Iran markiert.

Viele Mütter, die vom Tod ihrer Kinder erfuhren, wandten sich mit Fotos ihrer Söhne und Töchter an verschiedene Behörden, erhielten aber keine Informationen. Selbst nachdem sie die Leichen ihrer geliebten Kinder erhalten hatten, wurde ihnen von den Sicherheitskräften untersagt, Trauerfeiern abzuhalten. Die Trauerfeiern, die am dritten, siebten und vierzigsten Tag nach dem Tode stattfinden, helfen den Familien dabei, mit dem Verlust ihrer geliebten Kinder fertigzuwerden und können dazu beitragen, eine mögliche emotionale Krise abzufedern.

Der Psychologe Amir Payam sagt, dass der Tod eines Familienmitglieds normalerweise eine extreme emotionale Krise auslöst. In den ersten Tagen zeigen die Hinterbliebenen ein Verhalten, das als Trauer bekannt ist. Diese Phase beginnt mit Depression und Traurigkeit, gefolgt von Verweigerung. Danach setzt sich die Wahrheit durch, und der Trauernde empfindet Wut oder sogar Schuld.

Amir Payam glaubt, dass das Trauern den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen lindert und dem Hinterbliebenen hilft, den Tod zu akzeptieren. Die Gedenkzeremonie am dritten Tag nach dem Tode ist eine Tradition in der iranischen Kultur. Etwa 72 Stunden lang ist der Trauernde hohem Stress und emotionalem Druck ausgesetzt. Die Trauernden brauchen nahe Freunde und Familienangehörige um sich, um den Schmerz durchzustehen. Die Gedenkfeiern am siebten und am vierzigsten Tag nach dem Tod haben in Iran geschichtliche und kulturelle Wurzeln. Sie helfen den Trauernden dabei, die Tatsachen zu akzeptieren und zu einem normalen Leben zurückzufinden.

Den Trauernden Mütter, die bei den jüngsten Ereignissen ihre Kinder verloren, wurde das Recht entzogen, ihren Verlust zu betrauern. Sie konnten ihren Schmerz nicht lindern. Warum werden die Treffen dieser Mütter als politischer Akt betrachtet, und warum wird außer Acht gelassen, dass sie ein Bedürfnis haben, den Schmerz zu zeigen?

Hossein Shariatmadari, Analyst iranischer Politik und Religion, sagt dazu:

Die gegenwärtige totalitäre Regierung betrachtet jede Form von Mitgefühl unter den Menschen als politisch, insbesondere, wenn dieses Mitgefühl mit Forderungen nach Gerechtigkeit und Menschenrechten einhergeht. Es ist offenkundig, dass die Trauernden Mütter mit ihren Treffen und ihrer gemeinsamen Trauer eine soziale Forderung stellen: Die Verantwortlichen für den Tod ihrer Kinder müssen gefunden und vor Gericht gestellt werden. Solche Handlungen sind aus Sicht der Obrigkeit politisch, denn die Obrigkeit hat eine Atmosphäre geschaffen, in der jede Aktion als politisch angesehen wird. Regierungsagenten, darunter auch Mahmoud Ahmadinejad, betonen immer wieder die Bedeutung des Respekts gegenüber Frauen und Müttern – ein Wert, der aus der islamischen Erziehung kommt. Im Islam ist es sehr wichtig, Frauen zu respektieren. In dieser Kultur wird Yazid*) als harter und grausamer Mensch angesehen, doch selbst er hinderte Zeinab nicht daran, ihren Verlust zu betrauern, und er erlaubte den Gefangenen von Karbala, bei seinem eigenen Fest zu weinen und zu protestieren.
*) Anm. d. Übers.: Yazid ist der Kalif, der gegen Imam Hossein in die Schlacht von Kerbala zog, bei der dieser mitsamt vieler seiner Anhänger und Angehörigen den Tod fand. Zeynab war die Schwester Imam Hosseins. Der heilige Trauertag Ashura gedenkt dieses Ereignisses.

Iranische Behörden sagen, die Trauerzeremonien seien verboten worden, um unerwartete Vorkommnisse zu verhindern.

Hadi Ghaemi, Sprecher der Organisation International Human Rights Campaign in Iran, erklärt, die Verhaftung der Trauernden Mütter bei gleichzeitiger unbegrenzter Immunitäte der Mörder ihrer Kinder sei ethisch verwerflich.

Radio BBC, 15. Januar 2010

2 Antworten zu “Verhaftung der Trauernden Mütter: Meilenstein des Verfalls kultureller und religiöser Werte?

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