Tagesarchiv: 23. Januar 2010

Dariush Ashouri im Interview mit Rooz: Die Grüne Bewegung wird nicht zum Albtraum von 1979

Quelle (Englisch): Rooz Online, veröffentlicht am 23. Januar 2010
Deutsche Übersetzung: Julia

von Arash Bahmani

Rooz Online sprach mit dem bekannten iranischen Intellektuellen und Soziologen Dariush Ashouri über die Zukunft und die Führung der grünen Bewegung. Ashouri zufolge „reflektiert die von der grünen Bewegung verfolgte Strategie der Gewaltlosigkeit eine neue politische Philosophie in der iranischen Gesellschaft.“ Er sagt weiter: „Im Rahmen des existierenden Regimes ist Mir Hossein Moussavi der wahre und gesetzmäßige Präsident, dessen Position durch Gewalt und Betrug usurpiert wurde.“

Das Interview
Rooz: Herr Ashouri, wie Mr. Ashouri, wie bewerten Sie die allgemeine Haltung und Position der Grünen Bewegung? Was sagen Sie zu Moussavis 17. Statement?

Dariush Ashouri (Ashouri): Die Grüne Bewegung hat sich zweifelsohne insgesamt positiv entwickelt. Die Tatsache, dass die iranische Gesellschaft einen solchen Willen und eine solche Entschlossenheit an den Tag legt, ist wirklich bewundernswert, und die Welt bewundert sie dafür auch. Was noch nicht klar ist, ist die Richtung der Bewegung, und was aus ihr hervorgehen wird, denn diese Bewegung ist bisher im Wesentlichen eine reaktive Bewegung gewesen, die sich einem betrügerischen, repressiven und ungerechten Regime entgegenstellt. Diese Bewegung hat sich in exzellenter Weise als widerstandsfähig gegen die extreme Gewalt und Ungerechtigkeit des Regimes gezeigt. Doch wir können sie einordnen in die gewaltlosen Volksbewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die einige Diktaturen und totalitäre Regimes in Lateinamerika und Osteuropa zu Fall gebracht haben. Die Angst des iranischen Regimes rührt aus dieser Tatsache. Die Strategie der Gewaltlosigkeit der Grünen Bewegung reflektiert eine neue politische Philosophie in der iranischen Gesellschaft. Die Grundlagen dieser Philosophie sind die Prinzipien von Toleranz und Pluralismus. Dies ist für die iranische Gesellschaft ein enormer Fortschritt, zumal sie einem Regime gegenübersteht, das genau entgegengesetzt zu diesen Prinzipien handelt. Das Statement Nr. 17 beinhaltet die minimalen praktischen Forderungen aller, die Toleranz und Pluralismus befürworten, aus allen politischen und religiösen Fraktionen.

Rooz: Das Ziel und die Ergebnisse der Bewegung sind nicht klar. Gibt diese Tatsache Ihnen Anlass zur Sorge, dass uns ein ähnliches Ergebnis bevorsteht wie die Revolution von 1979?

Ashouri: Die Atmosphäre heute ist anders als damals. Die Revolution von 1979 ereignete sich in einer Ära der Verklärung klassischer Revolutionen wie der Marxistisch-Leninistischen und der neu erschaffenen „Islamischen“ Art. Niemand dachte darüber nach, wohin die Revolution führen würde. Stattdessen warteten alle auf ein Wunder. Die neue Generation, die in der Grünen Bewegung aktiv ist, ist nicht die idealistische Generation jener Tage. Sie ist viel realistischer. Die heutige globale Atmosphäre erlaubt diese Art von ungeschliffener und leidenschaftlicher revolutionärer Romantik nicht. Die Grüne Bewegung kommt langsam voran, Schritt für Schritt, anders als die Revolutionäre des letzten Jahrhunderts. Sie strebt nicht danach, alles über Nacht umzustürzen und blitzartig eine Utopie aufzubauen. Wenn diese Bewegung siegen wird, dann glaube ich nicht, dass daraus der Alptraum der Revolution von 1979 hervorgehen wird. Wie ich sagte: Die Atmosphäre ist anders, und es sind die Prinzipien von Toleranz und Pluralismus, auf denen diese Bewegung ruht.

Shadi Sadrs Interview mit BBC Persian

Veröffentlicht auf Persian2English am 23. Januar 2010
Quelle (Persisch): BBC Persian http://www.youtube.com/watch?v=c54kG7yzEoU
Übersetzung Persisch-Englisch: Siavosh J., Persian2English
Quelle (Englisch): http://persian2english.com/?p=4917
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia

Shadi Sadr: Im Grunde ist es so: wenn die Forderungen einer einzelnen sozialen Gruppe präsentiert werden sollen, dann erinnert das an das das Erklimmen eines Berges. Es sollte ein klares Bild des Gipfels geben, den wir zu erreichen versuchen. [In unserer Analogie] sind die Forderungen wie ein Gemälde, das noch gemalt wird. Es genügt, realistische Forderungen auf der Grundlage der Realitäten des Alltags der Frauen zu stellen. Die zu erfüllenden Forderungen hängen von dem Stadium ab, in dem sich die Bewegung befindet, von der Balance der politischen Kräfte, und vom allgemeinen Fortschritt der Bewegung. Es ist eine strategische Frage. In der Phase der Forderungen ist es wichtig zu wissen, wie genau unsere Forderungen aussehen und wie wir sie zu erfüllen gedenken.

Frage: Sie sagen, dass in den Statements von Herrn Moussavi, Herrn Karroubi und den fünf anderen Intellektuellen kein Bezug auf Ihre Forderungen genommen wird. Wo sehen Sie sich in Bezug auf diese Bewegung, die als „Grüne Bewegung“ bekannt geworden ist?

Shadi Sadr: Mir persönlich als Mitglied der Frauenbewegung und als Teilnehmerin an den Demonstrationen, die die mutigen Frauen in den vordersten Linien des Volkswiderstands gesehen hat, beunruhigt, dass die Frauen, die so mutig ihr Leben geopfert haben, in den Statements derer, die sich als Führer der Bewegung betrachten, nicht berücksichtigt werden. Wir sind besorgt darüber, dass die Forderungen der Frauen, die in den Bewegungen nach der Wahl wiederholt artikuliert wurden, in der dann folgenden politischen Welle vergessen werden. Meiner Ansicht nach ist das Statement (der Frauenrechtsaktivistinnen) ein Wink in die Richtung aller politischen Aktivisten und aller, denen an einer besseren Zukunft für Iran gelegen ist. Jeder von uns, der die Volksbewegung repräsentiert, muss unsere Forderungen aussprechen und Lösungen anbieten, wie sie erfüllt werden können.

Frage: Glauben Sie nicht, dass dieser „Wink“ zu Spaltungen in der Grünen Bewegung führen könnte?

Shadi Sadr: Nein, danach sieht es nicht aus. Auch die fünf religiösen Intellektuellen, die ihr Statement veröffentlicht haben, haben dies in Eigenregie getan. Sie sahen keine Notwendigkeit zur Etablierung einer gemeinsamen vereinten Front, sie hielten es auch nicht für nötig, sich mit anderen Gruppen zu beraten. Was ich vertrete und für die Demokratie in Iran als hilfreich erachte, ist keine „monolithische Botschaft“: Wir müssen alle Gruppen berücksichtigen, die unter dem Dach der Grünen Bewegung zusammen gekommen sind. Dies wird nicht möglich sein, wenn wir nicht die Diversität der Forderungen der verschiedenen Gruppen anerkennen. Ich glaube, die Bewegung hat das Potential, all diese [Forderungen] wahrzunehmen und zu verarbeiten.

Zwei Gefangene im Krankenhaus, einer gestorben

Veröffentlicht auf Rooz Online am 23. Januar 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2010/january/23//two-admitted-to-hospital-one-passed-away.html

von Shirin Karimi

Weil die Justiz und Geheimdienstmitarbeiter darauf bestehen, dass kranke Gefangene im Gefängnis bleiben müssen und keine angemessene medizinische Versorgung erhalten, befinden sich zwei Gefangene im berüchtigten Evin-Gefängnis in einem kritischen Zustand, ein dritter ist gestorben.

Der Chefberater des Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Moussavi, Seyyed Alireza Beheshti, hat gestern infolge der schlechten Bedingungen und auf Grund einer früheren Erkrankung im Gefängnis einen Herzinfarkt erlitten. Trotz seines Leidens musste er in den letzten Tagen ungeachtet der kalten Witterung in Gefängniskleidung und Sandalen stundenlang im Revolutionsgericht warten. In einem Gespräch, das er nach seinem Infarkt mit seiner Familie führte, sagte er, es gehe ihm „verhältnismäßig besser“.

Zwischenzeitlich wurde Seyyed Hassan Ahmadian, der Chef des Wahlkampfkomitees von Moussavi, von Evin aus in das Atieh-Krankenhaus in Teheran gebracht, weil sich seine Nierenerkrankung verschlimmert hatte. Ahmadians Angehörige hatten die Justiz wiederholt darum gebeten, Ahmadian für kurze Zeit zu entlassen, damit er sich in medizinische Behandlung begeben könne. Dies wurde von der Justiz abgelehnt. Ahmadian sollte am 23. Januar operiert werden.

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Gesundheitszustand von Gefangenen hält an, während das Leben mehrerer politischer Gefangener, darunter auch Ebrahim Yazdi, Mohammad Maleki und Emadeddin Baghi in Gefahr ist.

Ein Gefangener stirbt in Evin
Ein zu lebenslänglicher Haft verurteilter politischer Gefangener starb gestern, nachdem ihm die Gefängnisbeamten medizinische Versorgung verweigert hatten. Alborz Ghasemi, der wegen Moharebeh (bewaffneter Kampf gegen Gott) durch Zusammenarbeit mit einer nicht spezifizierten politischen Gruppe zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, litt an Magenkrebs.

Obwohl Ghasemi schon seit vielen Jahren an Magenkrebs litt, wurde ihm im Gefängnis weder erlaubt, das Gefängnis für kurze Zeit zu verlassen, noch wurde ihm medizinische Behandlung gewährt.

Neue Urteile erlassen
Wie ein Justizbeamter gestern mitteilte, sind für Personen, die im Zusammenhang mit den Ereignissen nach der Wahl verhaftet wurden, 6 Freisprüche, 4 Bewährungsurteile und 13 Bestätigungen von Urteilen untergeordneter Gerichte ergangen. Die Fälle dieser 23 Personen unterstanden dem Vorsitz von Richter Zargar in Abteilung 36 des Berufungsgerichts.

700 Million Toman Kaution für 5 Tage Freiheit
Mohsen Safaei-Farahani wurde gestern nach siebenmonatiger „temporärer Haft“ eine Freilassung für die Dauer von 5 Tagen gewährt. Er musste dafür eine Kaution in Höhe von 7 Milliarden Rial hinterlegen.

Safaei, ein langjähriges Mitglied der reformorientierten Islamischen Iranischen Partizipationsfront, war zuvor von Abteilung 15 des Revolutionsgerichts zu einer 6jährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er hat mehr als 4 Monate in Einzelhaft verbracht.