Was passiert eigentlich beim staatlichen Rundfunk und Fernsehen?

Veröffentlicht auf Rooz Online am 26. Januar 2010
Quelle (Englisch)
http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2010/january/26//what-is-happening-at-the-state-radio-and-television.html

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Von Fereshteh Ghazi

Die Ereignisse im Zusammenhang mit der Wahl vom 12. Juni haben Arbeitslosigkeit, Bedrohung, lange Haftstrafen, Auspeitschungen, Exil und politische und soziale Rechtlosigkeit für viele Journalisten gebracht. Was aber passiert auf der Gegenseite, bei den Journalisten, die für die Regierung in den sogenannten nationalen Medien arbeiten? Wie hat sich die umstrittene Präsidentschaftswahl vom 12. Juni auf das Arbeitsumfeld von Journalisten ausgewirkt, die bei staatlichen Radio- und Fernsehsendern arbeiten?

Rooz ist diesen Fragen in Interviews mit mehreren Reportern nachgegangen, die offiziell beim staatlichen Radio und Fernsehen angestellt sind. (Aus Sicherheitsgründen können die Namen der Gesprächspartner nicht veröffentlicht werden).

Nach den blutigen Ereignissen von Juni und Juli 2009 gab es vor den Gebäuden der staatlichen Radio- und Fernsehsender Demonstrationen, ja, es kursierten sogar Gerüchte über eine mögliche Erstürmung der Gebäude durch die Demonstranten.
Ungeachtet der Proteste und der vernehmlichen Parolen, die draußen gegen die Organisation gerufen wurden, setzten die Journalisten und Mitarbeiter im Gebäude ihre Arbeit wie gewohnt fort: Sie verzerrten die in Iran herrschenden Realitäten.

Aus Berichten von Rooz-Korrespondenten und Interviews mit Angestellten verschiedener Ebenen der staatlichen Radio- und Fernsehkette kann man jedoch schließen, dass die meisten Mitarbeiter auf der Seite des Volkes stehen, ihre Meinung aber im Klammergriff der Sicherheitspräsenz nicht äußern kann.

Medienhinrichtung
Ein führender Analyst der Organisation, der in vielen Programmen zu sehen ist, sagte Rooz gegenüber, man könne die Organisation der Sender nicht als einheitliche Institution ansehen: „Die Menschen, die in dieser Organisation arbeiten, können sich unterschiedlich verhalten, weil sie von unterschiedlichen Personen unterstützt werden. Der Fernsehkanal 3 zum Beispiel kann die Probleme des Tages mutiger ansprechen, weil es dort Ali Asghar Pour-Mohammadi gibt, der starken lobbyistischen Einfluss hat.“

Er verweist auf den Druck, dem die Mitarbeiter ausgesetzt sind: „Im Prinzip wird jeder auf irgendeine Weise vom System unterdrückt. Wenn es Probleme gibt, werden sie einer Medienhinrichtung unterzogen, das bedeutet, sie werden entlassen oder versetzt.“

Sicherheitsatmosphäre
Ein bekannter Radio- und Fernsehreporter sprach mit Rooz über die in der Organisation herrschende strenge Sicherheitsatmosphäre.
Im Gespräch mit Rooz sagte er, die Angestellten hätten Angst voreinander und seien extrem beunruhigt. Er fügte hinzu: „Doch diese Angestellten stehen auf der Seite der iranischen Bevölkerung. Beim Begräbnis von Ayatollah Montazeri zum Beispiel sah ich einige Mitarbeiter, die die Menschen unterstützten oder dabei waren, und die am selben Abend oder am folgenden Tag Sendungen in Radio und Fernsehen hatten. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Großteil der Organisation auf der Seite der Grünen Bewegung steht, während Nachdenken innerhalb der Organisation weder wertgeschätzt noch respektiert wird. Dort wird von einem erwartet, dass man ein Sklave ist. Andere denken für dich, und von dir wird erwartet, dass du deine Arbeit ausschließlich in den von ihnen vorgegebenen Grenzen erledigst.“

Ein anderer Reporter berichtet von der Ermordung des Sohnes einer der ältesten Reporter der Organisation an Ashura [27. Dezember 2009, d. Übers.]: „Die Mitarbeiter beim Radio und Fernsehen machen jetzt Witze untereinander. Sie sagen: Halt lieber den Mund und mach deine Arbeit, bevor sie dich überfahren.“

Wie er berichtet, arbeitete der Sohn der Reporterin, der an Ashura starb, als Toningenieur bei der Organisation: „Dieser 25jährige junge Mann war nicht offiziell bei der Organisation angestellt, aber er arbeitete dort.“

Geschichten wie diese gibt es viele, aber die hier genannten reichen schon aus, um einen Eindruck von der Atmosphäre beim staatlichen Fernsehen zu vermitteln.

Eine Antwort zu “Was passiert eigentlich beim staatlichen Rundfunk und Fernsehen?

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