Tagesarchiv: 10. Februar 2010

Brief von Maziar Bahari an Khamenei: “Lassen Sie meine Kollegen frei”

Veröffentlicht in „New York Times“ am 10. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.nytimes.com/2010/02/10/opinion/10iht-edbahari.html?pagew…1
Deutsche Übersetzung (Auszüge): Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link Link angeben

Sehr geehrter Ayatollah Ali Khamenei,

Ihre Regierung und Ihre Unterstützer sagen, Sie sind Gottes Stellvertreter auf Erden. Ihr offizieller Titel ist „Oberster Führer“, also sind Sie für alles Gute und Schlechte, was in Ihrem Land geschieht, verantwortlich.

Sie wurden auch als „Feind Nr. 1 der Journalisten“ tituliert, weil Ihre Regierung seit der Präsidentschaftswahl im Juni 2009 Dutzende Journalisten verhaftet hat. Mehr als 60 von ihnen sind noch immer in Haft.

Ich hatte das Pech, aus erster Hand zu erfahren, wie Ihre Agenten mit Journalisten umgehen. Ich wurde 118 Tage lang in Ihrem Gefängnis festgehalten, nur weil ich Reporter bin. Einen großen Teil dieser Zeit wurde ich gefoltert.

Aber ich hege keinen Groll. Ich schreibe Ihnen, weil ich mir Sorgen um meine Kollegen und um die Zukunft unseres Landes mache.

„Unsere Gesellschaft der Zukunft wird eine freie Gesellschaft sein, und alle Elemente der Unterdrückung, der Grausamkeit und der Gewalt werden zerstört werden.“ Nicht ich sage diese Worte. Es war Ihr Vorgänger, Ayatollah Khomeini, der diese Worte am 7. November 1978 zu einem Reporter des „Spiegel“ sagte. Vielen der Reporter, die in iranischen Gefängnissen dahinsiechen, vorgworfen wird, wird lediglich vorgeworfen, dass sie der iranischen Regierung einen Spiegel vorgehalten hat. Sie wollten diese Regierung nicht stürzen. Sie haben zu keinem Zeitpunkt zu Waffen gegriffen. Jeder von ihnen tat seine Arbeit, so friedlich, wie Journalisten überall auf der Welt es tun.

Ihre Regierung hat mir einen Presseausweis ausgestellt. Ich aber wurde gewzungen, falsche Geständnisse abzulegen, die im Fernsehen gesendet wurden, und zuzugeben, dass ich ein Agent der bösen westlichen Medien war. Ich wurde gewzungen zu sagen, dass die Medien versuchen, die islamische Regierung zu stürzen. Ich wurde geschlagen, mir wurde mit Hinrichtung gedroht, damit ich dieses Geständnis ablege. Nach der Fernsehshow wurde ich wieder geschlagen, denn ich hatte meine Rolle nicht so gut gespielt, wie der Verhörbeamte es gern wollte. Ja, Ayatollah Khamenei, ich musste mich vor laufender Kamera bei Ihnen entschuldigen, damit mein Folterer aufhörte, mir Faustschläge gegen den Kopf zu verpassen.

[…]

Ayatollah Khamenei, wenn Sie nächstes Mal einen Reporter sehen, der auf Ihrem Fernsehkanal seine „Verbrechen“ gesteht und Sie um Gnade bittet, denken Sie daran: Er oder sie wurde in Ihren Gefängnissen gefoltert.

Viele Male sagte mein Folterer zu mir, er würde mich treten, um Sie glücklich zu machen. Er sagte: „Immer, wenn ich dich ohrfeige, fühle ich, dass mein Meister mir zulächelt.“ Ayatollah Khamenei, Ich finde, Sie sind dafür verantwortlich, was mir widerfahren ist.

Sie haben nicht mehr viel Zeit, um den Schaden zu reparieren, der in Ihrem Land angerichtet wurde. Aber es ist noch nicht zu spät. Ein erster Schritt wäre, dass Sie die inhaftierten Journalisten freilassen.

Ich weiß, dass das, was ich jetzt sage, viele Menschen, die von Ihrem Regime die Nase voll haben – besonders meine Landsleute in der Diaspora – verärgern wird. Aber die meisten iranischen Journalisten sind an einem Regimewechsel nicht interessiert. Die meisten Journalisten, selbst die, die der momentanen Regierung sehr kritisch gegenüberstehen, meinen, dass sie in Iran auch unter Bedingungen der Zensur leben und arbeiten können.

Viele von uns waren frustriert von Ihrem Ministerium für Kultur und Islamische Führung. Wir mochten es nicht, dass unsere Presseausweise annulliert wurden und wir nicht von diesem oder jenem Ereignis berichten durften. Wir haben diese Einschränkungen hingenommen als beruflich bedingte Gefahren. Wir wussten, dass wir nicht in einer westlichen Demokratie leben. Alles, was wir von unserer Regierung wollten, war, dass sie uns nicht einsperrt, foltert oder tötet.

[…]

Ayatollah Khamenei, Sie möchten vielleicht so populär werden wie Ayatollah Khomeini es im Feruar 1979 war, als er im Triumph nach Iran zurückkehrte. Das Volk hätte ihn nicht so verehrt, hätte er zu Massenverhaftungen und Massenprozessen gegen seine Feinde aufgerufen, so wie Sie es getan haben. Er war beliebt, weil er am 26. Oktober 1978 zu einem Reuters-Reporter gesagt hatte: „Die Grundlage unserer islamischen Regierung basiert auf der Freiheit des Dialogs und wird jede Art von Zensur bekämpfen.“

Glauben Sie, man kann abweichende Meinungen dadurch ausmerzen, dass man die, die darüber berichten, ins Gefängnis wirft? Ich bin nicht sicher, was Ihre Berater Ihnen erzählen. Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem man den Fluss der Informationen nicht stoppen kann.

Auch wenn Ihre Regierung Satellitenfernsehen verboten hat: Viele Iraner beziehen ihre Nachrichten immer noch von BBC oder von Voice of America, indem sie illegale Satellitenschüsseln benutzen. Zur Zeit gelingt es Ihrer Polizei, die Besitzer der Satellitenschüsseln zu finden und zu bestrafen. Aber bald werden die Geräte kleiner und billiger werden, und jeder wird eines davon bei sich zu Hause haben können.

Mit der Verhaftung akkreditierter Journalisten hat Ihre Regierung jeden Iraner zu einem Bürgerjournalisten gemacht. Ihre Regierung hat die meisten regierungskritischen Webseiten gesperrt, aber die Iraner haben gelernt, wie man die Filter knackt und auf die Seiten zugreifen kann. Ihre Regierung hat die Internet-Bandbreite reduziert und Gesetze über Internetkriminalität verabschiedet. Aber das hat Ihre Landsleute nicht davon abgehalten, über das Interent die Welt mit Informationen über die Situation in ihrem Land zu informieren. YouTube, Twitter und Facebook sind voll mit aktuellen Nachrichten über die Verbrechen Ihres Regimes.

Sie mögen sich sicher fühlen in Ihrem bescheidenen Haus, beschützt von tausenden Revolutionsgardisten. Aber jenseits davon verändert sich die Welt. Iran verändert sich. 1978, als der Schah alles daran setzte, sein Volk zu erdrosseln, versprach Ayatollah Khomeini: „In einem islamischen Iran werden die Medien die Freiheit haben, über alle Realitäten und Ereignisse des Landes zu berichten.“

In der Hoffnung, dieses Versprechen Wirklichkeit werden lassen zu können, stürzten sie den Schah. Ayatollah Khamenei, wer die Lehren der Geschichte vergisst, ist dazu verdammt, die Geschichte zu wiederholen.

Ruf nach Ende der Unterdrückungspolitik gegen iranische Universitäten

Veröffentlicht auf Radio Zamaaneh am 10. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.zamaaneh.com/enzam/2010/02/call-to-end-oppressive-po.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Eine Gruppe Professoren der Universität Tarbiat Modares, die sich auf die Ausbildung von Universitätspersonal und Wissenschaftlern für die Tätigkeit als Universitätsdozenten spezialisiert hat, warnt Ayatollah Khamenei in einem offenen Brief, dass die Fortsetzung der Einschüchterungstaktiken an Universitäten einen „zerstörerischen Effekt“ haben werde.

Am heutigen Mittwoch veröffentlichte die Webseite Kalemeh den von 116 Professoren unterzeichneten Brief, in dem große Besorgnis über die Verhaftungen und Studienausschlüsse von Studenten und wissenschaftlichen Ausschüssen in Iran geäußert wird.

Die Unterzeichner des Briefes erklären an die Adresse Ayatollah Khameneis: „Wir erleben heute, wie Akademiker in einer Weise behandelt werden, die nicht mit den üblichen Traditionen der Hochschulen zusammen passen, und bis vor Kurzem war so etwas unvorstellbar.“

In den letzten Monaten waren unzählige Studenten verhaftet und eingesperrt worden, andere wiederum waren von den disziplinarischen Komitees [der Universitäten] vorgeladen worden und hatten verschiedene Arten von Studienverboten auferlegt bekommen.

Vor zwei Wochen begann eine Serie von Zwangsrücktritten an den Hochschulen, von denen 12 zunächst 12 Professoren der Alameh Tabatabai-Universität betroffen waren.

Zur Krönung all dieser Druckmaßnahmen haben regierungstreue Zivilkräfte wiederholt Versammlungen von Studenten auf dem Gelände verschiedener Universitäten angegriffen und Studenten geschlagen und verletzt.

Die Verfasser des offenen Briefes kritisieren die Gewalt und schreiben: „Wir müssen die Extremisten stoppen, denen offenbar nicht am Islam gelegen ist, und sicherstellen, dass alles im Rahmen der Verfassung definiert wird.“

Sie fügen hinzu: „Wir dürfen uns nicht davor fürchten, verschiedene Stimmen aus den Universitäten zu hören – was uns alarmieren sollte, ist vielmehr das Schweigen der Universitäten.“

Abschließend heißt es in dem Brief, durch „kluge und ausgewogene“ Maßnahmen werde das Land sich wieder stabilisieren und beruhigen.