Abdolkarim Soroush im Interview mit Rooz (Auszüge)

Veröffentlicht auf Rooz Online am 18. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2010/february/18//referendum-to-remove-supreme-leaders-powers.html
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Originaltitel: Referendum to Remove Supreme Leader’s Powers

von Farzaneh Bazrpour


Rooz Online sprach mit Dr. Abdolkarim_Soroush über die Themen, mit denen sich die iranische Nation heute auseinandersetzen muss, über das „Statement der Fünf“ und die Vermischung von Religion und Politik. Wenn ein Referendum in Iran abgehalten wird, so Soroush, „müssen die Position und die Verantwortlichkeiten des obersten Führers neu überdacht werden“. Er fügt hinzu: „Um die Religion zu retten und zu gewährleisten, dass der Glaube nicht erzwungen wird, sondern freiwillig ausgeübt wird, ist meiner Ansicht nach der Säkularismus der richtige Weg.“

Auszüge aus dem Interview:

Rooz: Mit den Worten „Republik“ und „Demokratie“ wird die Herrschaft des Volkes über das Volk in einem politischen System beschrieben. Wiederholt sich in der Vermischung von Religion mit Politik und Regierung und mit der Schaffung von Mischkonzepten wie der „Islamischen Republik“ und der „religiösen Demokratie“ nicht die Erfahrung einer religiösen Diktatur?

Abdolkarim Soroush (Soroush): Wir sind uns mittlerweile alle einig darüber, dass unser Land von einer religiösen Diktatur regiert wird. Vor der religiösen Diktatur und vor der Revolution von 1979 regierte eine monarchische Diktatur. Wenn wir über eine religiöse Diktatur sprechen können, dann können wir auch über eine religiöse Demokratie sprechen. Unter einer religiösen Diktatur verstehen wir ein System, in dem eine kleine Gruppe unter dem Banner der Religion als Dikatoren herrscht und die Konzepte, mit denen sie ihre Herrschaft über das Volk untermauert, sogar aus der Religion bezieht. Diktaturen sind jedoch nicht in religiöse und nicht-religiöse Diktaturen unterteilbar. Man kann die Religion benutzen, um eine Diktatur zu errichten. Das ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Realität, die sich in unserer Gesellschaft verwirklicht hat.

Auch die religiöse Demokratie hat eine Bedeutung. Eine Gruppe kann versuchen, unter dem Banner der Religion und in Übereinstimmung mit religiösen Lehren eine demokratiche Ordnung in ihrem Land zu etablieren; eine demokratische Ordnung, die allen Bürgern gleiche Rechte garantiert, das Recht auf politische Teilhabe wie auch alle anderen Rechte, die ein demokratisches Regime erfordert – am wichtigsten ist dabei die Schaffung einer unabhängigen Justiz, die der größte Stützpfeiler eines jeden demokratischen Regimes ist. Sie ist nicht unvereinbar mit dem Islam und gleichzeitig eine Säule der Demokratie.

Rooz: Wie sieht das Verhältnis zwischen einer denkbaren künftigen Regierung Irans, der Religion und der Islamischen Rechtsprechung aus?

Soroush: Das Verhältnis einer künftigen Regierung und der Religion kann in wenigen Punkten zusammengefasst werden:

1. Die religiöse Gemeinschaft muss frei wirken können und Freiheiten haben.
2. Die religiöse Gemeinschaft wird entsprechend ihrer religiösen Pflichten Ungleichheit und Diktatur bekämpfen.
3. Sie werden entsprechend ihrer religiösen Pflicht eine unabhängige Justiz etablieren.
4. In Übereinstimmung mit ihrer religiösen Pflicht werden sie in der gesamten Gesellschaft für Gleichberechtigung sorgen.
5. In Übereinstimmung mit ihrer religiösen Pflicht werden sie andere als Menschen und als Gleichberechtigte ansehen.

Jeder dieser Punkte kann auf der Grundlage einer religiösen Pflicht verwirklicht werden.

Eine Religiöse Demokratie unterscheidet sich nicht von anderen Demokratien. Sie wird nur deshalb religiös genannt, weil die Verantwortung auf den Schultern der religiösen Gemeinschaft ruht. In einer religiösen Demokratie wird bestenfalls versucht, Gesetze zu verhindern, die eindeutig und völlig den religiösen Bestimmungen widersprechen. Von diesen abslouten und unbedingt notwendigen Bestimmungen gibt es im Islam sehr wenige. Es gibt viele Erlasse, und wir können die wichtigsten beibehalten und sie nötigenfalls über die religiöse Interpretation (ijtihad) reformieren. Allein dies garantiert, dass die Gesetze mit dem Islam im Einklang sind und dass alle anderen religiösen Angelegenheiten den persönlichen Überzeugungen der Gläubigen anheim gestellt werden.

****

Anm. d. Übers.:
1. Leider hat Rooz Online ausgerechnet die Auszüge des Interviews, die man nach Lektüre des Titels erwartet, nicht veröffentlicht. Darum habe ich die Überschrift geändert.

2. Im September schrieb Soroush einen Brief an Khamenei, der in deutscher Übersetzung/ vorliegt

3. Einige Hintergrundinformationen zu Abdolkarim Soroush, die die Facetten seines Werdeganges etwas umfassender beschreiben als Wikipedia, habe ich (auf Englisch) hier gefunden

Auszug in deutscher Übersetzung:
[…] Abdolkarim Soroush wurde 1944 unter dem Namen Farajollah Dabbagh in Teheran geboren. Nach seiner Ausbildung an einer religiösen Hochschule sowie an der Teheran-Universität ging er nach England, um seinen Abschluss in Pharmakologie und Philosophie zu machen. Als er 1979 nach Iran zurückkehrte, wurde er ein stimmgewaltiger Fürsprecher der neu errichteten Islamischen Republik Iran.
Er nahm den Namen Soroush (Persisch für „Engel“, v. a „Erzengel Gabriel“) an und wurde ein führender Verfechter der islamischen Ideologie, der sich in Schrift und Wort vor allem mit den Marxisten Gefechte lieferte, die als ideologische Rivalen galten.
In den frühen 1980er Jahren war Soroush in der Kulturellen Revolution aktiv, einem Projekt, das iranische Universitäten „islamischen“ Curricula unterwarf und sie von Dissidenten säuberte – darunter vor allem linksgerichtete Studenten und Professoren, von denen viele inhaftiert oder hingerichtet wurden.

Als die Islamische Republik im zweiten Jahrzehnt [ihres Bestehens] wachsenden Problemen ausgesetzt war, entwickelte sich Soroush dann zum Führer einer Bewegung loyaler Dissidenten, die sich selbst „religiöse Intellektuelle“ nannten. In unzähligen Büchern, Essays und öffentlichen Vorträgen argumentierte er gegen die Verwendung der Religion als politische Ideologie und verfocht die Ansicht, dass der Islam offen sei für eine Vielzahl von Interpretationen. […]

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