Zwischenstopp: Iranelection und Bürgerjournalismus

„Let’s help each other become more effective for those in Iran. We are here to support Iran and the Sea of Green; tweet responsibly and the people of Iran will be grateful. Thank you!“ *)

Menschen aus aller Welt sind seit Juni 2009 im Internet aktiv, um die Menschen in Iran in ihrem Kampf um Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte zu unterstützen. Ein weltumspannendes und von viel gutem Willen getragenesInformationsnetzwerk hat sich etabliert.

Das Wort vom „Bürgerjournalismus“ hat die Runde gemacht. Viele von uns sind keine Journalisten. Auch ich nicht – ich musste viel lernen und lerne noch. Sicher habe ich bei der Auswahl meiner Quellen, die ich übersetzt habe, auch viele Fehler gemacht. Manche Quellen sind vertrauenswürdig, bei manchen ist man sich nicht sicher, wieder andere gelten als „no go“. Sich da zurechtzufinden ist keine leichte Aufgabe – erst recht nicht, wenn man die Sprache des Landes, um das es geht, selbst nur unzureichend oder gar nicht versteht

Als ich mit diesem Blog anfing, habe ich mir darüber bei weitem nicht so viele Gedanken gemacht wie heute. Vielleicht war das sogar gut so. Damals war die Situation anders, die Nachrichten konzentrierten sich auf weniger Bereiche und waren eindeutiger. Außerdem gab es damals täglich hochkarätige und verlässliche Nachrichten von NiteOwl/Josh Shahryar, an denen man sich orientieren konnte.

Jetzt, 8 Monate nach der Präsidentschaftswahl, ist eine selbstkritische Bilanz und Hinterfragung des eigenen Verhaltens für mich überfällig.

Dabei herausgekommen sind Leitlinien, die ich für mich selbst aufstelle und veröffentliche, für den Fall, dass andere sich dafür interessieren und vielleicht noch gute Ideen dazu haben.

Übrigens: Ich beziehe mich hier natürlich ausschließlich auf englischsprachige Quellen!

1. Je spektakulärer eine Nachricht klingt, desto mehr Zurückhaltung ist angesagt.
– Existiert die Nachricht lediglich in Form einer selbstgeschriebenen Notiz? Ist dort eine nachprüfbare Quelle angegeben?
– haben auch andere Seiten diese Nachricht veröffentlicht? Beziehen sich diese Seiten auf unterschiedliche Quellen, oder gehen alle Veröffentlichung auf eine und dieselbe Quelle zurück?
– Ist unter diesen anderen Seiten mindestens eine, die als offizielle Nachrichten- oder Menschenrechtsseite eingestuft werden kann?

2. Blogs und Webseiten – Es gibt viele seriöse, wie die von Josh Shahryar, homylafayette und vielen anderen. Aber:
– Nicht jeder Blog, der sich „Human Rights xyz“ nennt, muss notwendigerweise von einer seriösen Menschenrechtsorganisation betrieben werden.
– Nicht hinter jeder Webseite, die das Wort „Nachrichten“ im Namen führt, steht auch ein professionelles Journalistenteam.
– dieser Blog hier z. B. ist auch NUR EIN BLOG. Wer weiß schon, welche Person dahinter steht und was sie im Schilde führt? Da ist das eigene Urteilsvermögen gefragt.

Auch der Stil ist für mich ein Indikator. Wenn der Stil mich durch emotionalisierende Sprache, wertende Ausdrücke, dramatische Darstellung etc. unangenehm berührt und ich ein spontanes „Vorsicht“ in der Bauchgegend verspüre, dann nehme ich das im Zweifelsfall lieber ernst – und schaue nach, ob es die Nachricht auch noch woanders gibt.

3. Wurde die Nachricht von gut bekannten vertrauenswürdigen Tweetern bereits weiterverbreitet?
Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich einen Tweeter als vertrauenswürdig einstufen soll oder nicht, kann ich prüfen, ob dieser Tweeter von schon bekannten vertrauenswürdigen Tweetern weiterverbreitet wird bzw. wurde. Wenn nicht, ist das für mich ein eindeutiges Signal.

4.  Ich frage Insider meines Vertrauens – Iraner, die ich gut kenne, deren Urteil ich vertraue, die sich auskennen, die ein Gefühl dafür haben, ob eine Nachricht eher unwahrscheinlich klingt oder ob sie im Bereich des Möglichen liegt. Viele Nachrichten können an ihrer Plausibilität gemessen werden, aber nur von Menschen, die das Land wirklich kennen. Wobei Iraner natürlich auch unterschiedliche Wahrnehmungen davon haben können, was wahrscheinlich ist und was nicht.

5.  Balatarin, Gooya etc. – Ich frage einen Iraner oder persischsprachigen Menschen meines Vertrauens, ob die Nachricht auf Balatarin besprochen wird und wie sie dort eingeschätzt wird. Oder ob sie auf Gooya zu finden ist. Beide Seiten sind gute Thermometer für die tatsächliche „Temperatur“ einer Nachricht.

6. Propaganda… kommt nicht immer beflaggt und mit Megaphon des Weges. Leider gibt es viel subtile „Propaganda“, oder auch einfach „Desinformation“ – und sie tut uns nicht den Gefallen, sich leicht zu erkennen zu geben. Propagandameldungen mischen sich zuweilen sehr unauffällig unter ansonsten glaubwürdiges und seriöses Material und Auftreten.

Hier gilt für mich: Bei jeder Nachricht Menschenverstand einschalten – und verifzieren. Im Zweifelsfall abwarten.

Es sind schon einige hochspektakuläre Meldungen nach wenigen Tagen im Sande verlaufen, weil sie nie bestätigt wurden. Da sollte man dann ruhig auch mal kritisch nachfragen.

7. Nicht jede Falschmeldung muss propagandistisch motiviert sein. Man sollte nicht jeden, der – wahrscheinlich aus Unkenntnis und unbeabsichtigt – eine Falschmeldung verbreitet, der Propaganda verdächtigen. Wahr ist aber auch, dass jede Weiterleitung einer Falschmeldung der Verbreitung von Desinformation Vorschub leistet und – wichtiger noch – den seriösen Informationsfluss verwässert, behindert und beschädigt.

8. Propaganda muss auch nicht immer destruktive und eindeutig manipulative Ziele verfolgen. Auch Konfusion und Verunsicherung, die entstehen, wenn immer wieder zweifelhafte, unbestätigte, beängstigende, schockierende, alarmierende Meldungen auftauchen, können sehr viel Schaden anrichten – und sei es nur, dass Meldungen insgesamt nicht mehr sehr ernst genommen werden, weil man ja „ständig so viel hört“.

9. Vorsicht mit Namenslisten von Todeskandidaten, Verhafteten, Hingerichteten etc.
Von einem Menschenrechtsaktivisten weiß ich, dass manchmal tage- und wochenlang recherchiert werden muss, bevor man mit Sicherheit weiß, ob ein Name auf so einer Liste wirklich stimmt. Oft stimmen Namen tatsächlich nicht.
Amnesty International macht da sehr gute Arbeit, und im Zweifelsfall schicke ich die Liste lieber an ai zur Prüfung, als dass ich sie unkritisch verbreite.
(Ich selbst habe einmal vor noch gar nicht langer Zeit eine solche Liste übersetzt – von Mitgefühl und Entsetzen übermannt. Genützt hat es vermutlich niemandem. Ob es jemandem geschadet hat, weiß ich nicht – aber die mühevolle Arbeit der professionellen Rechercheure habe ich damit nicht gefördert und honoriert.)

Vorsicht auch mit inflationären Aktionsaufrufen auf der Grundlage solcher Listen. Wenn Ban Ki-Moon den 200. Brief zu nicht verifizierten Namen gelesen hat, liest er den 201. vielleicht nicht mehr so aufmerksam, auch wenn gerade der es dann vielleicht wirklich nötig hätte.

10. Verbreite nur, was du a) selbst gelesen hast und b) wirklich verstehst – sowohl sprachlich als auch sinngemäß.

11. Hinterfrage Videos und Fotos. Im Sommer tauchte irgendwann auf Facebook und auf Balatarin ein Foto auf – die entsprechende Seite ist leider nicht mehr existent. Es stellte angeblich eine Szene der Straßenproteste in Iran dar. Irgendjemand erinnerte sich, das Foto schon einmal gesehen zu haben, und fand es im Internet wieder.

Das Foto:











Und (unter anderem) hier trifft man es wieder: http://www.boston.com/bigpicture/2009/07/the_honduran_coup_detat.html

Ein weiteres gutes Beispiel ist die Verbreitung des Fotos der „falschen Neda“ im Sommer 2009. Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrem Magazin vom 5. Februar eindrucksvoll nachvollzogen, welche verheerenden Folgen Fehler bei der Verwendung von online-Material für einzelne Menschen haben können.

Beide Fälle tauchen auch auf diesem – leider nur auf Persisch erhältlichen – Posting auf, das sich um dasselbe Thema, nämlich die Verfälschung von Bilddokumenten dreht.

Ein willkürlich ausgewähltes Beispiel für ein Video:
Es begegnete mir am 21. Februar 2010 plötzlich auf Facebook. Es  war vom Absender auf Englisch so beschrieben: „Basiji forces holding gun in the street of Rasht City ( north of Iran) 11 Feb 2010“

Hier ist das Video:

Was ich dort sehe: 9 Sekunden lang verschwommene Bilder, die von Regentropfen auf der Kameralinse halb verdeckt werden.

Hier sollte man erst einmal Luft holen und sich vier Fragen stellen:
1. Woher weiß ich, dass es Rasht ist?
2. Woher weiß ich, dass es der 22. Bahman ist?
3. Sehe ich überhaupt eine Waffe?
4. Hat dieses Video überhaupt eine Aussage – wenn ja, welche – , oder besteht die einzige Aussage in der Überschrift?

Ich sehe vielleicht etwas, das eine Waffe sein könnte. Die ersten beiden Fragen kann ich nicht beantworten. Die vierte Frage sagt mir, ob das Video für mich interessant ist. Kommentarlos weiterleiten – auf keinen Fall.
Es muss ja nicht gleich „Propaganda“ sein. Aber wenn es keine Aussagekraft hat, wozu es dann verbreiten?

Hier zwei Kommentare unter dem Video (die mir freundlicherweise jemand übersetzt hat):
„Dieses Video ist fake, am 22. Bahman haben die Geschäfte geschlossen. Es sind einfach nur Leute, die dort entlang gehen […]“
„Man kann nicht feststellen, was die Menschen in der Hand haben. Der Film ist nicht klar. Ich habe keine Waffe gesehen“.
Interessant ist, dass bereits 15 Leute auf „like“ geklickt hatten, als diese Diskussion stattfand.

12. Wenn ich eine Nachricht für möglicherweise wahr halte und nicht sicher bin, ob sie bestätigt ist, sie aber trotzdem unbedingt verbreiten möchte, dann sage ich dazu, dass sie meines Wissens nicht bestätig ist. Diese Kultur gab es auf Twitter im Sommer nach meiner Beobachtung noch stärker als heute.

13. Es ist wirklich wichtig, die eigene Verantwortung für das, was man weitergibt, ernst zu nehmen. Es ist wichtig für die Menschen, für die wir das alles hier überhaupt tun. Nur sie zählen. Im Zweifelsfall halte ich einfach meinen Mund. Weniger ist manchmal mehr, und „gut gemeint“ ist manchmal das Gegenteil von „gut“.

14. Wie sagte Josh Shahryar sinngemäß einmal so schön:  „Trau niemandem außer deinem gesunden Menschenverstand. Trau nicht einmal mir!“





Einige Links zu (englischsprachigen) Posts zum Thema:

Das ewige Thema MKO
zu den MKO-Seiten gehört übrigens auch http://hambastegimeli.com/ – gut versteckt findet sich der Name Massoud Rajavi.


http://www.twitlonger.com/show/cbc71c14bba7fdf09ec71998408a3068
Inhalt:

Jaras (Rahesabz) a Green site but not Mousavi’s official site
Sahamnews is Karoubi’s official news site anything they print will be Karoubi’s position
Kalameh, close to Mousavi, is the site that would publish Mousavi’s statements first
Norooz is the Participation Front news outlet and supports Mousavi
Parleman news is the news agency for the Minority Faction of the Parliament & somewhat reformist
INA news agency is Mojahedin (MKO), many things reported by them cannot be confirmed anywhere else
IRIB + IRNA are official government news outlets
Farsnews is the semi official news outlet
Mousavi Facebook is run by a group of Mousavi supporters; is not an official Mousavi page
Similarly for Rahnavard and Karoubi FaceBook pages
Dasdara: Official Iranian Judiciary website


http://iran.whyweprotest.net/keeping-your-anonymity-iran/19417-twitter-commandments-liberation-iran.html

https://docs.google.com/Doc?docid=0Ad2rnGDpvbOyZGt2endia18yY3RmdDRiYzQ&hl=en
*) hieraus stammt das Zitat am Anfang dieses Eintrags

8 Antworten zu “Zwischenstopp: Iranelection und Bürgerjournalismus

  1. Pingback: Antiiranische Organisation: Die Heinrich-Böll-Stiftung | Tangsir 2569

  2. Vielen herzlichen Dank für Ihre unschätzbare Arbeit!
    Ich werde Ihre Information an meine Journalisten-Freunde weiterreichen.
    In der Schweiz ist kaum etwas zu lesen oder zu hören bezüglich der tragischen Misstände im Iran…
    Money comes first ..leider!!!! Es scheint mir, anders in der BRD, dass viele Iraner hier in CH verängstigt und eingeschüchtert sind.

  3. Ad Matthias Küntzel „Die Deutschen und der Iran“

    Es gibt eine – allerdings recht kritische – Besprechung vom 10.01.2010 im Deutschlandradio Kultur von Katajun Amirpur:
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1101375/

    Ich persönlich habe das Buch bislang nicht gelesen und kann mich daher selbstredend persönlich nicht zu diesem Opus äußern, halte jedoch die Meinung einer Autorin wie Katajun Amirpur in rebus Iranicis für grundsätzlich relevant.

  4. Lest „Die Deutschen und der Iran“ von Matthias Küntzel, vor drei Monaten erschienen. Dann wisst Ihr weshalb von Berlin nichts zu erhoffen ist.

  5. Liebe Julia, vielen Dak für deine Mühe, die den bemitleidenswerten Iranern zugute kommt. Ich bin seit längerem mit einem jüngeren Iraner in Kontakt, leider nur in Englisch und so kann ich mich nicht so recht ausdrücken. Ich hätte so viel zu fragen und zu diskutieren ! Ich bin wirklich glücklich, dass es deine Seite gibt, weil ich so vieles besser verstehen kann.
    Es gibt so viele Bloggs auf Facebook, wo es heisst :“Ich hasse……..“. Ich habe meinen Iraner gefragt, warum sie nie:“Ich liebe………..“ schreiben. Darauf hat er mir geantwortet:“Die, die wir lieben sind alle tot“.
    Diese Aussage hat mich wirklich sehr nachdenklich gemacht und mich aber auch ermutigt, die „Grüne Bewegung“ aus ganzem Herzen zu unterstützen.
    Nochmals vielen, vielen Dank, liebe Julia !

  6. Hallo Julia!

    Dein Artikel war auch für mich sehr interessant, da ich seit kurzem selbst einen Blog betreibe. Vielen Dank dafür und für die unschätzbar wertvolle Arbeit, die Du in all den Monaten für die Iranerinnen und Iraner in aller Welt geleistet hast.

    Grüße,
    Iranian German

  7. Schade, dass seriöse Zeitungen wie „die Zeit“ wiederholt die Propaganda-Nachrichten, natürlich unabsichtlich, verbreiteten und sie trotz (viele) Kommentare sehr spät reagierten.

    Ich hoffe, dass Ihre Leitlinien auch von den professionellen Journalisten benutzt wird.

    Herzliche Grüße

  8. Werte Julia,

    vielen Dank für die Auflistung der von Ihnen beachtenden Leitlinien, die mir – zumindest aus meiner sehr beschränkten Sicht als („blutiger“) publizistischer/journalistischer/online-Dilettant bzw. -Amateur – plausibel und sinnvoll erscheinen.

    Herzlichen Dank auch für Ihren Hinweis auf diverse Links bzw. Websites.

    Ihren Punkt 9 (Namenslisten von Todeskandidaten, Verhafteten, Hingerichteten etc.) möchte ich ergänzen um einen Hinweis auf eine derartige [komplexe] Liste „in progress“, die Ihnen höchstwahrscheinlich bekannt sein wird und die ich für seriös halte:

    http://www.guardian.co.uk/world/interactive/2009/jun/29/iran-election-dead-detained

    Herzlichsten Dank für Ihre titanische Arbeit!

    Freundlichste Grüße und beste Wünsche

    Publicola

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s