Die Dechiffrierung Rafsanjanis

Veröffentlicht auf Tehran Bureau am 25. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/tehranbureau/2010/02/deciphering-rafsanjani.html
Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

Anm. d. Übers.: Die Übersetzung dieses Artikels ist eine interessante Angelegenheit. Im Originaltext werden „chiffrierte“ persische Äußerungen auf Englisch interpretiert, diese Interpretation wird wiederum ins Deutsche übersetzt. Ich bin selbst gespannt darauf, was dabei herauskommt.

Die Iraner sind ein komplexes Volk. Es gehört zu ihrer Kultur, in Rätseln und Metaphern zu sprechen – eine Kunst, die jeder Iraner und jede Iranerin von Kindesbeinen an lernt.

Iranische Politiker haben es in dieser Kunst des „in Rätseln Sprechens“ zu wahrer Meisterschaft gebracht. Die meisten ausländischen Journalisten, die über Iran berichten, wissen nicht, dass man, um die politische Situation im Land wirklich verstehen zu können, zunächst einmal lernen muss, den Code der „iranischen Redeweise“ zu knacken, denn die wahren Absichten gehen bei der Übersetzung oft verloren.

Ich weiß noch, wie ein ausländischer Reporter Mahmoud Ahmadinejad in seiner ersten Pressekonferenz unmittelbar nach Verkündung seines Wahlsieges fragte, ob er Willens sei, die Sicherheit seiner Rivalen zu garantieren. Ahmadinejads Antwort: Wenn man eine rote Ampel überfährt, bekommt man einen Strafzettel für zu schnelles Fahren. Der britische Journalist ging wutschnaubend davon, verärgert, weil Ahmadinejad so unlogisch sei, wie er später erklärte. Für ihn war Ahmadinejads Antwort ein Zeichen seiner Arroganz.

Wenn dieser Journalist mit dem iranischen Stil des Sprechens in Rätseln vertraut gewesen wäre, hätte er verstanden, dass Ahmadinejad eigentlich gesagt hatte: „Meine Rivalen sind ein Teil des Systems und deshalb sicher. Wenn sie aber auf ihrer Forderung nach einer Neuauszählung der Stimmen bestehen sollten, werden sie einen Klaps auf die Hand bekommen.“ Mit anderen Worten – Ahmadinejad sagte, dass niemand für zu schnelles Fahren ins Gefängnis kommt oder hingerichtet wird.

Iran ist der Schauplatz einer Seifenoper, in der die Verbindungen der Charaktere ständig neu arrangiert werden und die Darsteller immer wieder in neue Rollen schlüpfen. Da gibt es die „Guten“ und die „Bösen“, die „reuevollen Schurken“ und die Heiligen, die wenige Episoden später als Schurken daherkommen.

Um wirklich zu verstehen, welcher iranische Politiker welche Seite unterstützt, muss man lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Am Dienstag sprach Ayatollah Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, der Vorsitzende der Expertenversammlung und des Expertenrats, den viele für die Macht hinter den Kulissen in Iran halten, vor der Expertenversammlung. Er hielt eine Rede, die als größtenteils gemäßigt und auf allgemeine politische Entwicklungen im Land bezogen verstanden wurde.

Was jedoch übersehen wurde, waren die Drohungen, die der letztlich mit der Überwachung des iranischen Führers betraute Vorsitzende an Ayatollah Seyyed Ali Khamenei richtete.

Rafsanjani eröffnete seine Rede mit Beileidsbekundungen über das Märtyrertum des 11. schiitischen Imams. „Nach seinem Märtyrertod hatte die muslimische Ummah [Gemeinschaft] ihren verstorbenen Führer verloren, wenn auch (sein Nachfolger) der Verborgene Imam, den Gott errettet hat, für die muslimische Ummah da ist [könnte auch wie „existiert“ gemeint sein]“.

Rafsanjani benutzte das Wort „rahel“ („eines natürlichen Todes gestorben“) für „the late“ [„der verstorbene“] für den 11. Imam, Hassan Asgari, der durch tödliches Gift den „Märtyrertod“ starb. Schiitische Iraner sind sehr emotional, wenn es um den Märtyrertod ihrer religiösen Führer geht und würden niemals das Wort „rahel“ für einen Imam verwenden, der als Märtyrer starb. Als Geistlicher weiß Rafsanjani dies nur zu genau. Was Iraner betrifft, so gibt es für sie nur einen Imam-e rahel, und das ist der Gründer der Islamischen Republik, Ayatollah Rouhollah Khomeini.

Die Islamische Repbulik hat die Iraner gelehrt, dass die Lehren der schiitischen Imame für alle Aspekte des Lebens notwendig und umfassend genug sind, um Antworten sowohl auf triviale als auch auf wichtige Fragen zu geben.

Als nächstes sagte Rafsanjani: „Imam Mahdi [der „Verborgene 12. Imam“] ist wie die Sonne, die hinter Wolken verborgen ist. In Zeiten der Not greifen wir auf seine Worte und seine Führung zurück“.

Seine Wortwahl auf Persisch könnte jedoch auch bedeuten „Sollte es jemals notwendig werden, haben wir auch die Möglichkeit, uns auf das zu beziehen, was Imam Mahdi sagte“ – ein krasser Kontrast zu dem, was die Islamische Republik predigt.

Es ist ganz klar, was Rafsanjani Ayatollah Khamenei zu verstehen gab: „Wir können die Dinge selber regeln, und wenn es nötig sein wird, werden wir dich als Nachfolger von Ayatollah Khomeini nach deiner Meinung fragen“.

Alle, die Persisch sprechen, wissen es: Wenn man von Älteren gemaßregelt wird, wird man zunächst an die guten Dinge erinnert, die man getan hat, und dann erst zurechtgewiesen. Wenn zum Beispiel ein Kind in der Schule schlechte Noten hat, wird ihm gesagt: „Du hattest letztes Jahr gute Noten in Mathe, und selbst dieses Jahr, als du krank warst, hast du gelernt und gute Noten bekommen.“ Dann folgt die Warnung, die nur Iraner verstehen: „Ich weiß, dass du weißt, wie wichtig es ist, deine Mathe-Lektionen zu lernen.“ Die verborgene Botschaft ist: „Wenn du das noch mal machst, bekommst du die Haue, die du verdienst“.

„Es ist wichtig, dass wir diese Sammlung (d. h. das Establishment) bestehen lassen. Wir dürfen keine Angriffe auf die Führerschaft und auf das Establishment zulassen, und wir dürfen nicht zulassen, dass er (der Führer) zum Ziel [der Angriffe] wird. Ich weiß besser als jeder andere, dass die Führerschaft nicht möchte, dass die Atmosphäre sich zu sehr aufheizt und jemand zu Schaden kommt, genauso wie er (der Führer) nach dem Fall Kahrizak eine Erklärung abgegeben hat und um Trost (für die Opfer) und Strafen für die Schuldigen (der Verbrechen) gebeten hat“, sagte Rafsanjani.

Weiter sagte er: „Der Führer achtet auch jetzt noch darauf, dass (die Gefühle) nicht überfließen oder zu viele nutzlose Worte gesprochen werden.“

Rafsanjani benutzt hier den persischen Stil für seine Ermahnung an den Obersten Führer. Zudem verwendet er das Wort „toghyan“, das als „Überfließen von Gefühlen oder Rebellion und Revolte“ übersetzt werden kann.

Damit nannte er nicht einfach nur Tatsachen. Rafsanjani sagte dem Führer damit, dass dieser sich gut überlegen muss, was er tut, und dass er in seinen Entscheidungen sehr vorsichtig sein sollte – anderenfalls kommt es zu Rebellion, und das gesamte Establishment und all seine Hüter werden dasselbe Schicksal erleiden wie das Pahlavi-Regime nach der Revolution von 1979.

Iraner gehen an Situationen oft mit der Einstellung heran, dass ihre Hände „gebunden sind durch das, was höhere Mächte wollen“.

„Ich kenne niemanden, der heute als Achse der Einheit besser geeignet wäre als der Führer“, sagte Rafsanjani. „Natürlich kann jeder mithelfen, und wenn er (der Führer) die Führungsverantwortung annimmt – was er getan hat – dann kann die Expertenversammlung, die großen Einfluss auf das Volk hat, diese Führung (des Führers) nutzen, um vorwärts zu gehen.“

Die höhere Macht ist in diesem Fall das Volk. Indem er sagt, dass die Expertenversammlung großen Einfluss auf das Volk hat, will Rafsanjani sagen, dass sie das Volk in der Forderung vereinen kann, dass der Führer gehen muss. Und da das Volk die höhere Macht ist, wird die Expertenversammlung keine andere Wahl haben, als den Führer seines Amtes zu entheben, wenn diese höhere Macht dies will.

Tatsächlich hat Rafsanjani mit diesem letzten Satz zu Ayatollah Khamenei gesagt: „Dein Schicksal liegt in meiner Hand, denn ich führe die Expertenversammlung an, und darum bin ich es, der die Regeln bestimmt.“

Copyright © 2010 Tehran Bureau

13 Antworten zu “Die Dechiffrierung Rafsanjanis

  1. Habe so eben einen Artikel der Zeit vom 5.9.2007 gefunden. Äußerst interessant!

    „Rafsandschani setzt im Iran Emotionen frei wie kaum ein anderer . Für viele gilt er, Revolutionär der ersten Stunde, als lebender Beweis für die Verlogenheit des Mullah-Regimes“

    „[…] So gelang es Rafsandschani, in eine neue Rolle zu schlüpfen. Er, der bis 2005 die gesellschaftspolitischen Reformen Präsident Chatamis torpedierte und in seiner Zeit als Präsident unter anderem für das Mykonos-Attentat verantwortlich zeichnete, ist jetzt Hoffnungsträger all derer, die einen schleichenden Militärputsch durch die Hardliner um Ahmadineschad befürchten.“

    „[…] Doch kann man die Entscheidung des auf zehn Jahre gewählten Gremiums auch als Hinweis verstehen, auf wen im Fall des Ablebens des greisen Revolutionsführers Chamenei seine Wahl fallen wird. Rafsandschani werden Ambitionen auf diesen Posten nachgesagt.“

    http://www.zeit.de/online/2007/36/rafsandschani-expertenrat?page=all

    mit besten Grüßen
    Hansi

  2. Korrektur: „auf einige bisweilen aufzufindende Interpretationen … bezog, denen“

  3. @
    Werter gunni,

    Peace, peace ! – natürlich wollte u. will ich keinem zu nahe treten oder irgendjemanden belehren!
    Herzlichen Dank zunächst für Ihre informativen Ausführungen, die ich nur unterstützen kann!

    Zu etwaigen kritischen Anmerkungen Ihrerseits ist vorsichtig meinerseits darauf hinzuweisen, dass ich mich – vermutlich missverständlicherweise – lediglich auf eine bisweilen aufzufindende Interpretation der Forderungen der „Grünen Bewegung“ und einiger eher prominenten „Vertreter“ dieser demokratischen Basis-Bewegung bezog, denen das Insistieren auf die Beachtung wesentlicher Verfassungsgrundsätze nicht weit genug und denen jeglicher Bezug auf die im Iran vorwiegend ausgeübte Religion verdächtig erscheint.

    In den 70er Jahren (die „Studentenbewegung“ in Deutschland hatte ja mit der Erschießung eines Studenten während der Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin anlässlich des Schah-Besuchs begonnen) wurde in der exil-iranischen sowie deutschen politischen „Szene“ in der Tat die Frage irgendeiner im Iran existierenden Religion absolut nicht für erwähnenswert oder diskussionswürdig gehalten.
    Der Hinweis auf den link zu Nirumand/Schneider sollte das – über meine intensive, aber lediglich subjektive Erinnerung hinaus – objektiv belegen.

    Ihren sinnvollen Hinweis auf den Brief des inhaftierten Studenten sowie auf Mousavi’s bisherige Statements und sein aktuelles Corriere della Sera-Interview beurteile ich natürlich ebenfalls genauso wie Sie !

    Mit herzlichem Dank für Ihre sinnvollen und informativen Hinweise sowie für die anregende Diskussion

    verbleibt

    Publicola

  4. Manchmal führen zu viele Worte dazu, die politische und soziale Realität zu „vernebeln“- klare Beschreibungen
    (kiss = keep it short and simple) sind eine unerlässliche Bedingung für politisches Handeln – woher wüßte ich denn sonst, wohin die Reise gehen soll? Geht es nicht darum ?
    Ein Beispiel: https://englishtogerman.wordpress.com/2010/02/26/zia-nabavis-detaillierter-bericht-an-justizchef-ayatollah-larijani/ – ein Bericht, der unmissverständlich die Wirklichkeit schildert – unabhängig von dem unglaublichen Mut und dem persönlichen Einsatz von Herrn Nabavi – und das ist nur eine von den nicht „Zählbaren“ (uncountable) – deren Geschichte es wahrlich verdient, über das Netz verbreitet zu werden. Unterdrückung und Folter funktioniert eben nur im Verborgenen – selbst im Iran ist erkennbar, das das Regime auf öffentlich diskutierte Menschenrechts-Verletzungen reagiert. Genau hier liegt die „Sprengkraft“ des politischen „Bloggings“ – durch „ungefilterten“ Erkenntnisgewinn. Ein äußerst reizvoller Gedanke – der Zeitungsleser ist besser informiert als der Redakteur – was bei Herrn Ladurner (Journalist „Der Zeit“) – und wie Hansi schreibt – „der Erfinder des Korkens “ der immer oben schwimmt – nicht besonders schwierig zu sein scheint.
    Wenn da nicht Publicola wäre, der uns ermahnt “ Zitat – den rechtlichen und gedanklichen Rahmen [eine unerbittliche Realität]den das Land und seine Bewohner setzen“ zu berücksichtigen. Hallo – aufwachen – hat nicht gerade Mousavi in seinem 17. Statement und in seinem Interview von gestern erklärt, das sich das Regime im Iran schon längst nicht mehr an seine eigenen Gesetze sprich Konstitution hält? ( was soll denn sonst der rechtliche Rahmen sein?) Gerade deswegen fordert Karoubi eine Erlaubnis für eine „grüne „Versammlung“ – nach § 27 der iranischen Verfassung – um deutlich zu machen, das zur
    Zeit „die Gesetzlosen“ mit reiner Willkür regieren.
    Auch rätseln wir über Publicolas Aussagen über die geschätzten Herrn Nirumand und Schneider. Sicher haben die linken Teile der 79iger Revolution das Machtbewußtsein der hardcor -„Islamisten“ unterschätzt – die erste Welle politischer Massenmorde im Iran galt den “ Schwulen “ und Linken. Allerdings Mitbegründer des ideologischen Hintergrundes der islamischen Revolution war Ali Shariati http://en.wikipedia.org/wiki/Ali_Shariati – ein Soziologe –
    der politische Theorien der 70iger mit der islamischen Religion zusammen bringt. Das Nirumand den nicht gekannt hat, kann ich mir nicht vorstellen. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ war übrigens 1979/80
    treffsicher: Nach einem Interview mit Chominei hat er dem Iran einen Rückfall ins „Mittelalter“ vorausgesagt. Publicola – möchtest Du Hansi und mir erklären das die Welt eine „Scheibe“ ist ?

  5. @

    Werter Hansi,

    Ihre Reaktion freut mich.
    Ihre Ausführungen – insbesondere hinsichtlich der historischen und aktuellen Komplexität – sind plausibel und wohlbegründet!
    Vieles ist/war neu für mich! Danke !

    Wahrscheinlich berichte ich Ihnen nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, dass diese (zu klärende, vielleicht auch für schlüssige Erklärungen zu komplizierte) Komplexität historisch zum (großen) Teil unter dem (britischen) Begriff „The Great Game“ (lange vor und während des I. Weltkrieges) thematisiert wird/ist:

    wikipedia-deutsch (noch relativ kurze Darstellung)
    http://de.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game

    wikipedia-englisch (mit Großbritannien als einen der Hauptakteure natürlich wesentlich umfangreichere und komplexere Darstellung)
    http://en.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game

    Kürzlich hatte ich das Vergnügen, das fesselnde, leider nur auf Englisch greifbare, Buch von David FROMKIN „A peace to end all peace“ zum I. Weltkrieg plus Auswirkungen im Nahen Osten (teilweise mit Bezügen zum Iran) zu lesen.

    Geblieben ist bei mir nach der Lektüre des Buches und dem Überfliegen des wikipedia-entry zum „Great Game“ natürlich kein präzises Wissen, sondern lediglich eine Ahnung begleitet von dem Gefühl eines (großen, schuldbeladenen) Durcheinander,
    an dem vor allem der Mittlere/Nahe Osten heute leidet,
    das aber von Seiten der direkt Involvierten vermutlich nur ähnlich gelöst werden kann,
    wie „man“ es mit Deutschland u. Italien einerseits und den von diesen Ländern total zerstörten europäischen Staaten und den attackierten USA direkt (!) nach dem II. Weltkrieg gehalten hat:
    die quasi totale Amnesie der [natürlich völlig unverdienten] Verzeihung
    und
    der unbedingte Wille [der siegreichen Alliierten] zur Chance eines [mehr oder weniger ohne an territoriale Ausschaltungs/Besetzungs-Bedingungen geknüpften] Neuanfanges
    verbunden mit dem Willen und aktiven Hilfen zur Neustrukturierung der Länder bzw. des Landes (Deutschland), dem zum zweitenmal die weitgehende Zerstörung Europas
    gelungen war:
    eine richtige Entscheidung und unser (d.h. Deutschlands) und Europas Glück – der „Europäische Traum“ konnte verwirklicht werden, d.h. wir leben im weltweiten Chaos auf quasi einer Insel des Friedens und Wohlstandes (der EU).

    Im Nahen Osten scheint man dazu – verständlicherweise, aber natürlich auch unglücklicherweise und leider – nicht bereit zu sein (z.Zt. Israel insbesondere; Iran; etc. etc. etc.) – die Leidenszeit der in dieser Region lebenden Menschen wird wegen dieser menschlichen Unzulänglichkeit noch lange andauern. – Nicht alle haben das Glück eines Deutschland (und eines Europa) nach 1945. – Schade, dass die genannte Region bzw. entscheidende Staaten dort nicht auf die Idee kommen, die europäische Nachkriegsphase zu analysieren und für ihre eigene Region nutzbar zu machen.

    [Träume sind leider Schäume ???]

    Danke für Ihre(n) Beitra/äg(e) !

  6. @ Publicola
    Jeder ist in dieser Diskussion willkommen!

    Ihr Standpunkt ist interessant und richtig.

    Dazu will ich einmal kurz ausholen: Abseits der klassischen und neuen Medien gibt es noch relativ rares „Zwischenwissen“ ohne dem man den Iran und seine Situation nicht verstehen kann. Ich z.B. habe sehr lange gebraucht, bis ich mit den Erläuterungen von älteren iranischen Professoren und ehemaligen Politikern bestimmte Fragmente eines Puzzles zu einem erkennbaren Bild zusammen fassen konnte und auch jetzt noch, sind unglaublich viele Teile für mich nicht zu zuordnen.

    Schlimm ist: als ausländischer Twitterer weiß man oft sogar mehr, als der „Standardbürger“ im Iran. Das heißt folglich, der Anteil derer, die das System durchschauen und die Vorgänge momentan verstehen, ist wahsinnig gering. Dazu zähle ich wenige bekannte Internetaktivisten, hohe Politiker und vielleicht einige Studenten und Professoren – also praktisch nichts im Vergleich zu allein 70 Millionen Iranern in ihrem Inland.

    Ein gutes Beispiel hierfür ist aus meinem persönlichen Umfeld, wo ich einmal mit Falschinformationen aus dem staatlichen zensierten Fernsehen konfrontiert wurde, die irgendwer wie einen Virus aus dem Iran nach Mitteleuropa einschleppte. Ich musste tatsächlich Menschen, die seit Jahrzehnten im Westen leben, erklären, dass die Aufstände in Teheran nicht nur von MKO Mitgliedern getragen werden. Ich konnte wirklich nicht glauben, dass es europäische(!) Iraner gibt, die nicht von der Zensur im Iran wissen. Dieses Ereignis hat mich regelrecht geprägt und ganz deutlich gezeigt, was abhängige Medien für eine Macht haben – bis hinein in Europa!

    Sie haben richtig erwähnt, dass Chomeini so gesehen wurde, wie viele es gerne gehabt hätten.
    Sicher war die Hoffnung auf eine besser Zukunft Mitschuld an der Realitätsausblendung vieler Bürger im Iran.

    Aber:
    Wieso nimmt Frankreich Chomeini überhaupt als Exilanten bei sich auf und gibt ihm die Möglichkeiten, einen König zu stürzen?
    Vor gar nicht so langer Zeit hat ein französischer Geheimdienstler in seinen Memoiren erläutert, dass er der heimliche Beschützer Chomeinis war. Was für eine Motivation hatte Frankreich, dies zu tun, wo Frankreich während des Kalten Krieges doch ein Teil des Westens und damit zwangsläufig verbündet war mit dem Schah?

    Wieso können Großbritannien und die USA (MI6/CIA) ihren Verbündeten nicht retten, wo sie doch bei jedem großem Regimewechsel davor noch die treibende Kraft waren? Wollten diese etwa Chomeini „installieren“ bzw. den Schah loswerden? Wenn … wieso?

    Was hat das Endstadium des Kalten Krieges für eine Rolle im Geschehen gehabt? Die Kommunisten waren laut vielen Experten die eigentlichen Kräfte hinter dem Sturz des prowestlichen Schah. All die ressourcenreichen Gebiete der UdSSR (Russland, Kasachstan..) MIT dem Iran wäre ein gigantisches Energiemonopol (va. Erdgas) geworden – aus diesem Aspekt ist die Einmischung so vieler Mächte sogar nachvollziehbar (aber bestimmt nicht entschuldbar).

    Zusammenfassend kann man sagen, dass nahezu alle (auch westliche) Medien und die großen (auch die „guten“) Staaten Teil eines komplexen Ganzen waren, die in eine Katastrophe führten. Europa weiss doch, wohin Theokratie führt – also wieso unterstützen sie dann eben dies in einem anderen Land? Wie sie schon erwähnten/zitierten, die Begriffe Islam und Schiitismus fehlten an jeder Stelle. Ganz nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ (‚passend geschwiegen‘).

    Ein wichtiges Zwischenstück in diesem Puzzle ist mit Sicherheit das Erdöl. Diverse Eigeninteressen, Illusionen, Armut Propaganda, geblendete Medien, ein schwacher Schah und das gute alte Geld sind sicher weitere Verbindungsteile. Aber das gesamte Bild der letzten 40-50 der Geschichte des Irans, das kennen wohl nur sehr sehr wenige.

    Danke auch Ihnen für den Link und die Diskussion.

  7. ad Hansi u. gunni:

    Eine sehr interessante und informative Diskussion, die Sie führen !

    Entschuldigen Sie daher bitte, wenn ich aus meiner Sicht
    einen Punkt hinzufüge:

    Ich vermute, dass man in Iran (wie in allen Ländern) bei der Formulierung und Durchsetzung politischer Ziele/Programme den rechtlichen und gedanklichen Rahmen [eine unerbittliche Realität], den das Land und seine Bewohner setzen, berücksichtigen muss. Ich erinnere mich an die Diskussionen hier in Deutschland vor dem Schah-Sturz, dass weder Iraner noch Deutsche irgendeinen Buchstaben, irgendein Wort, irgendeinen Satz über die Religion verloren – man hatte also hier „ins Blaue hinein“ phantasiert und die Realität übersehen (wollen?).
    Hätte man sich darüber ernsthaft und realitätsnah Gedanken gemacht,
    wäre man z.B. möglicherweise zu dem [wahrscheinlich sinnvollen] Schluss gekommen,
    sich für die Beachtung der/einer (ja irgendwie auch während der Regierung des Schahs zumindest zeitweise existenten) Verfassung einzusetzen,
    für eine konstitutionelle Monarchie à la Großbritannien,
    für eine Reform statt für den „Sturz des Schahregimes“.

    Mir scheint, dass Leute mit der Erfahrung eines Mousavi, Karoubi das genau wissen und in diesem Rahmen des überhaupt möglichen die Ziele (Strategie) und Methoden (Taktiken) kalibrieren.

    Dass mich meine Erinnerung hinsichtlich der (dann sich dann schnell als sträflich herausstellenden) Nichtbeachtung der iranischen Realität nicht täuscht,
    belegt der folgende Textausschnitt anlässlich einer WDR-Sendung
    über den Exil-Iraner Bahman Nirumand
    (, der ja der Generation genannter Politiker angehört und somit – zumindest aus der Außensicht – dieselbe Erfahrung gemacht hat):

    »Die misslungene Revolution

    Mit Überraschungsgast Peter Schneider, ebenfalls ein Schriftsteller, redet Nirumand über die alten, wilden Zeiten in Berlin. Die beiden haben sich an der Uni kennen gelernt und sich für die Revolution im Iran engagiert. „Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen. Die Revolution ist ja leider sehr daneben gegangen. Es ist ein langer Weg dahin, wo man sich wohl fühlt, frei fühlt.“ Was nach der Revolution folgte, war noch viel schlimmer als das Schah-Regime, damit habe keiner gerechnet. „Man muss auch uns ein bisschen die Schuld geben. Wir haben die Revolution geplant, aber der Begriff Islam oder Schiiten, das fiel einfach durch unser Analyse-Raster „, bemerkt Peter Schneider.«

    Quelle:
    WDR – 27.06.2006
    http://www.wdr.de/themen/panorama/personen/montalk/2006/nirumand.jhtml

    Nehmen Sie mir bitte meinen Zwischenruf nicht übel !

    Ihnen beiden beste Wünsche und freundlichste Grüße

  8. hehe
    der Korken stammte nicht von mir, den hatte ich als Buchzitat in Erinnerung
    http://de.wikipedia.org/wiki/Al%C4%AB_Akbar_H%C4%81schem%C4%AB_Rafsandsch%C4%81n%C4%AB#Fazit

    Ich glaub die wichtige Frage ist ja gar nicht wo Rafsanjani jetzt steckt – es geht darum, sich schon jetzt Gedanken über eine mögliche Zukunft zu machen und Fehler nicht zu wiederholen. Chomeini hat sich damals auch die Revolution unter den Nagel gerissen, die getragen wurde von unterschiedlichsten Gruppen (Kommunisten, Demokraten, Studenten, Bazaris, Gläubige, aufgebrachte Schahfeinde)

    Rafsanjani hat einfach keinen Platz in einem IRI freien Iran. Auch auf Mousavi, Karroubi usw. sollte meines Erachtens nach verzichtet werden in einer westlichorientierten Demokratie, die ja ganz offen(!) keiner der Reformpolitiker will!
    Khatami sagte einmal ganz euphorisch, eine Demokratie nach westlichem Verständnis ist im Iran nicht möglich. (auch wenn er angesichts der mangelnden Allgemeinbildung außerhalb der großen Städte damit vielleicht Recht hat)

    Egal ob Opposition oder Regime, alle „legalen“ Politiker sind de facto Kinder Chomeinis Lehre, trotz der Tatsache, dass darunter die wichtigsten Individuen der grünen Bewegung sein mögen. Andernfalls wären sie ja gar nicht als Politiker bzw. zu Wahlen zugelassen worden.

    Ich glaube, der Großteil der Protestierenden im In- und vor allem im Ausland ist strikt gegen die Theokratie, besonders gegen die Hardliner und gegen alles, was damit zu tun hat.

    Dies trifft auf die grünen Reformpolitiker leider nicht zu, die ja alle offen sagen, sie wollen das Prinzip des obersten Rechtgelehrten beibehalten und (immerhin) menschenachtende Reformen innerhalb dieses Systems, dessen Teil sie ja alle ihr Leben lang waren. In meinen Augen aber, kann so eine Demokratie nicht funktionieren – Einzelpersonen, die entscheiden, wer wen wählen darf – da fehlt ein gutes Stück der Demokratie, egal ob Wahlen oder nicht Wahlen.

    Rafsanjani hat sich außerdem bewiesen, als er 1999 seine „Anhänger“ wie eine heiße Kartoffel fallen lies, im genauen Wissen, was Tausenden Studenten damit drohte. Wo das Vertrauen einmal weg ist…

    Unglaublich spannend, was so derzeit vor sich geht und was noch alles passieren wird. Danke für den Asia Times Link.

  9. Deine Bilderwelt zwischen Metapherachterbahn, Korken im Ozean und den Farbtönen läßt mich nicht „unbeeindruckt“:), zumal Du in der Beschreibung des „Kaltblütigen mit Heiligenschein“ sicherlich ins Schwarze getroffen hast. Aber – auf meiner Farbpalette zwischen Hell und Dunkel liegen die „Grautöne“. Wir beide wissen wie schwer es ist, sich von einer „rabenschwarzen“ Vergangenheit zu emanzipieren. Kharoubi war 1988 (auf dem Höhepunkt der Massenmorde) Sprecher der Maljis und Mosauvi in “ Amt und Würden“ – wir wissen nicht, wo beide auf der Palette zwischen schwarz und weiß historisch einzuordnen sind – trotzdem sind Ihre Aussagen, Statements und Handlungen in den letzten Wochen und Monaten atemberaubende Zeugnisse im Kampf um Demokratie. Ich glaube nicht, das die „Reformisten“ – weder Khatami (Präsident bis 2005) noch Kharoubi oder Mousavi – ohne die Protektion durch Rafsanjani (Im Schatten der Säule?) erklärbar sind.

  10. Es ist schon richtig, dass Rafsanjani im Vergleich zu den Hardlinern Jahrhunderte weiter ist – dies aber eben nicht aus Menschlichkeit, sondern im Wissen darüber, dass eine mobilisierte Masse jedes Regime auf kurz oder lang entmachten kann.

    Durch den geschickten Schachzug, sich gleich einen halben Schritt zur grünen Bewegung zu stellen, hat er sich seinen Platz für die Zukunft gesichert. Äußerst genial, denn auch jetzt hat er durch seine taktische Zurückhaltung seinen Platz im Regime – wie ein Korken im Ozean, der bei jeder Wetterlage oben schwimmt.

    Es ist eben nicht alles schwarz oder weiß:
    der Schah war trotz Realitätsbewusstseinsverlust weit weniger schrecklich, als oft geschrieben wird, Chomeini war ein kaltblütiger Serienmörder mit Heiligenschein.
    Und auch Rafsanjani ist (aktuell…) (eher…) ein Reformer, der politisch als grandioser Taktiker viel erreicht, aber als erstes an sich denkt. Er ist aber eben auch so realistisch, den Frauen etwas mehr Freiraum zu geben und die Leute nicht übermäßig zu tyranisieren, im Wissen, dass all seine Taten auf ihn zurückfallen könnten.

    Es ist quasi bewiesen, dass Rafsanjani sehr viel Blut an den Händen kleben hat (Mykonos, Kurden- und Kettenmorde, Schahanhänger, Kommunisten, alle mit denen er teilen hätte müssen eben)

    Rafsanjani ist sicher das bessere Übel zur Zeit.
    Nicht Schwarz und schon gar nicht Weiß – ich würde sagen Rot.

  11. das er letztendlich für die “ Islamische Republik“ eintritt – allerdings in welcher Form und in welcher politischen Gestalt – bleibt unklar. Der Wert seines politischen Weges in den letzten Monaten “ zwischen den Fronten“ für die “ Grüne Bewegung“ ist das er – und soviel scheint sicher – die Kritik aus der Bevölkerung – wie auch immer – verarbeitet – und nicht – wie beim Rest des „Establishments“ – sie einfach dumpf mit „mittelalterlicher Foltergewalt“ abprallen läßt. An dieser Säule der “ Islamischen Republik“ ist das grüne Moos der Graswurzel – Bewegung klar sichtbar. Ob nun in der Argumentation zulässig oder nicht – zähle ich die Position seiner Tochter und seines Sohnes dazu ( er befindet sich in London, weil ihm bei Rückkehr in den Iran Gefängnis droht) komme ich zu dem Entschluß, das die faszienierende Übersetzung von Hana ( siehe Theran Bureau) zumindest logisch ist. Wie gesagt, ich mache mir keine Illusionen über Rafsanjanis Verstrickung in die dunklen Machenschaften der „Islamische Republik“ – allerdings habe ich auch keinen Hinweis darauf, das an dieser Säule das aufkeimende Grün der iranischen Bewegung „keinen“ Halt finden wird.
    Es ist eben kein Sprint – sondern ein Marathon…………..

  12. Das faszienierende an dieser schillernden Figur – einer der Säulen der sogenannten „Islamischen Republik“- das es so einfach nicht zu sein scheint, – that “ Rafsanjani ( only) supports Rafsanjani“. Seine Rede zum Freitagsgebet am 17. Juli war eindeutig (http://iranfacts.blogspot.com/2009/07/translated-transcript-of-part-6-of.html)- für die Freilassung der politischen Aktivisten und für demokratische – unfrisierte Wahlen usw. Ferner gibt es ein Statement von einer Rede in der Provinz Ende letzten Jahres in der er sagt “ das wenn es das Volk will, sollte (muß) das “ Establishment „zurücktreten “
    (Leider habe ich keinen Link für diese Rede) Seine politische Position wird letzlich markiert durch die sichtbare Konfrontation mit seinen Gegnern: den augenblicklichen „Inhabern“ der Regierungsverantwortung, den Milizen,
    Jafari ( IRGC), Yazdi, Yannati usw. – eben diesen “ dunklen“ Gestalten“, welche die Hardliner Positionen des sogenannten “ Coup de etat“ zur Zeit definieren. Sicherlich sollte man sich keine Illusionen darüber machen,
    das nicht letztendlich für die “ Islamische Rep

  13. Die Interpretation der eigentlichen Aussage ist etwas weit her geholt. Man kann nicht sagen „falsch“ – aber eben auch nicht „richtig“.
    Habe den orig. Text auf persisch gerade von einer seriösen und vertraulichen Quelle lesen lassen und selbst dieser, als erfahrener und gebildeter Perser, hat das zwischen den Zeilen gesagte völlig übersehen und war ein bisschen irritiert, nachdem ich ihm diesen Artikel auf deutsch (& das zugehörige übersetzte Englische) zeigte.
    Also kein Wunder, dass ein „Normalmensch“ nichts von dieser theologisch angehauchten Metapherachterbahn versteht.

    Aber:
    Rafsanjani ist ein Fuchs. Ein begnadeter Rhetoriker, der nur zu gut weiss, wie er sich ausdrücken muss.
    Ich persönlich glaube daher, dass es ein Planspiel ist und er das Ziel verfolgt, sich alle Wege offen zu halten. Und man muss ihm lassen, dies hat er geschafft. Momentan hätte er in jeder politischen Situtation seinen Platz sicher – beim einem Regimewechsel könnte Rafsanjani sich sogar zu einem vollbemächtigten Diktator entwickeln, dass dagegen die jetzige Regierung so demokratisch wirkt, wie die Schweiz.

    „if I hear once more how Rafsanjani supports the Greens I am going to scream. Rafsanjani supports Rafsanjani.“
    – aktuelles und sehr treffendes Zitat aus Twitter

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