Bahman! Warum ließ der Ermittler mich frei, Dich aber nicht?

Veröffentlicht auf RAHANA am 7. März 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.org/en/?p=1557
Deutsche Übersetzung: Günter Haberland, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Dieser Brief stammt von Zhila Baniyaghoub, einer bekannten iranischen Journalistin, gerichtet an ihren Mann Bahman Ahmadi Amooii, auch er ein bekannter Journalist, der jetzt im berühmt-berüchtigten Evin-Gefängnis sitzt. Zhila und Bahman wurden von iranischen Sicherheitsbeamten nach der umstrittenen Präsidentschaftwahl verhaftet.

Bahman! Warum ließ der Ermittler mich frei, Dich aber nicht?
Von Zhila Baniyaghoub

Ich habe immer gedacht, ich kenne Dich sehr gut bis ich vor kurzem erkannte, daß ich Dich vorher tatsächlich nie so gut gekannt habe wie jetzt. Wenn ich in Dein ruhiges, ernsthaftes und friedvolles Gesicht schaue, dann sehe und bewundere ich Deine wahre Hartnäckigkeit, Geduld und Beharrlichkeit. Jedes Mal, wenn ich durch die Glasscheibe im Besucherraum im Evin-Gefängnis in Deine Augen sehe, bin ich so beruhigt, ermutigt und gelöst nur durch die Art, wie Du mich anschaust: so tief, kraftvoll und beruhigend. Es ist, als ob Du durch mich hindurch sehen, als ob Du alle meine Sorgen vertreiben könntest; und auf einmal verschwindet all der Schmerz, den ich wegen Deiner Abwesenheit spüre.

Beim letzten treffen fragte ich Dich: „Mein lieber Bahman, bist Du nicht der Gefangenschaft müde?“ „Nein, wieso müde?“ war Deine Antwort.
Du sagtest das so fest, mit ehrlicher Stimme, daß ich Dir geglaubt und nicht weiter gefragt habe.
Ich erinnere mich, daß die Person, die mich verhört hat und die auch Dich verhört hat, zu uns sagte: „Ihr könnt gehen, aber erst, wenn Ihr Eure Lektion gelernt habt.“
Ich hatte diesen Satz vergessen bis unsere liebe Freundin Shiva NazarAhari aus dem Gefängnis entlassen wurde. Sie wurde freigelassen, während andere Freunde noch in Haft sind. Als ich ihr zu iherer Freilassung gratulierte, antwortete sie: „Zhila, ich wurde im Gefängnis wieder und wieder verhört in diesen Tagen. Jetzt frage ich mich, ob ich einen Fehler gemacht habe, daß ich freigelassen wurde. Was habe ich getan, daß ich früher freigelassen werde als die anderen?“

Und da kamen mir wieder die Worte unseres Vernehmungsbeamten in die Ohren: „Du und Bahman könnt gehen, aber erst, wenn Ihr Eure Lektion gelernt habt.“

Mein lieber Bahman! Dieser Satz klingt andauernd in meinen Ohren, er macht mich todmüde. Wie Shiva sagte, was habe ich getan, daß der Vernehmungsbeamte mich früher freigelassen hat als Dich? Ich bin jetzt neidisch auf Dich. Auf Dich, der widerstandsfähiger war als ich; auf Dich, der im Verhör wohl weniger Fehler gemacht hat, auf Dich, dessen Vernehmungsbeamter bei Dir keinerlei Reue oder Erschöpfung durch die Haft feststellen konnte. Tatsächlich ist es das, weshalb er Dich nicht freilässt.

Ich habe gemischte Gefühle. Positive und negative: positive, weil ich Dich heute, nach 10 Jahren Ehe, viel besser kennengelernt habe und viel stolzer auf Dich bin als je. Ich bin stolz auf Dich, weil Du, sooft ich Dich sehe, nie nach Deinem Verfahren fragst. Nie fragst Du, wann Du freigelassen wirst. Wann immer ich erklären will, wie ich Dein Verfahren bei Gericht verfolge, wechselst Du sofort das Thema.
Und wenn ich darauf bestehe, sagst Du: „Ich werde hier bleiben, so lange es dauert; kein Problem, keine Erschöpfung.“ Und das bringt mich zum Lachen: „Liebling! Es scheint, Du hast Deine Lektion nicht gelernt, wenn Du solche Dinge sagst. Sie könnten Dich hören! Bitte sage, daß Du dessen müde bist! Sag, Du hättest Deine Lektion gelernt und seiest jetzt reumütig! Und lache, lache einfach!“

Und ich habe ein schlechtes Gefühl. Was habe ich getan, daß ich frei bin und Du immer noch in Haft? Wieso denkt der Vernehmungsbeamte, ich hätte meine Vergangenheit bereut?
Du sagtest: „Meine Gefangenschaft könnte eine bessere Zukunft für meinen kleinen Amir und alle Kinder bringen als anererseits meine Freeilassung,“ und in diesem Moment wurde mir bewusst, daß ich etwas Ähnliches von einer inhaftierten Frau gehört hatte, ich meine Shabnam, die immer noch im Gefängnis sitzt und deren freigelassene Freunde sagen „sie (Shabnam) betet nie zu Gott für ihre Freilassung, statt dessen betet sie ‚Lieber Gott! Wenn meine Haft meinem Land hilft, Erfolg zu haben, dann laß mich in Haft bleiben, und wenn meine Freilassung hilft, dann laß mich frei!“

Jedes Mal sagst DU: „Im Gefängnis zu leben ist voll verschiedener Erfahrungen.“ und dann sprichst Du über Deine Erfahrungen, ich verstehe, Du bist immer Journalist, sogar dort.

Die läppischen zwei Monate der Gefangenschaft seien voll echter Momente. Du sagst, Du könntest nirgends sonst in der Welt die Einsamkeit einer Einzelhaft erleben. Du sagst, Du hättest Dich aller Momente Deines Lebens wieder und wieder in der Dunkelheit Deiner Zelle erinnert, was Dir das Gefühl gegeben habe, leicht wie eine Feder zu sein.

Du sagst, Du hättest nach der Vergegenwärtigung all Deiner Lebenserinnerungen begriffen, daß Du von jetzt an gütiger, geduldiger und toleranter zu anderen sein musst und daß die wichtigste Entscheidung nach Deiner Freilassung sein müssen, diejenigen aufzusuchen, die Du in der Vergangenheit belästigt hättest, wenn auch nur leicht. Daß Du Deine Gegner mehr lieben müsstest als zuvor. Solche Worte sagst Du, eine Person, die unter unseren Freunden Kollegen und in unserer Familie bekannt ist für ihre bewundernswerte Toleranz.

Mein lieber Bahman, jetzt danke ich dem Vernehmungsbeamten, daß er mir die Chance gegeben hat, Dich richtig kennenzulernen und stolzer auf Dich zu sein als jemals zuvor: Danke, Herr Vernehmungsbeamter!

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