Tagesarchiv: 14. März 2010

Interview mit der Mutter von Mostafa Karim Beigi, getötet an Ashura 2009

Veröffentlicht auf Englisch bei Persian2English am 14. März 2010
Quelle (Persisch): Rooz Online
Übersetzung Persisch-Englisch: Siavosh J., Persian2English
Quelle (Englisch): http://persian2english.com/?p=8414
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben.
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

von Fereshteh Ghazi, Rooz Online

Mehr als zwei Monate nach den Unruhen von Ashura am 27. Dezember 2009 sind immer noch viele Namen und Identitäten der an diesem Tag getöteten Personen unbekannt. Viele Familien der Getöteten werden unter Druck gesetzt, damit sie nicht über den Tod und die Todesumstände ihrer Angehörigen sprechen.

Shahnaz Akmali jedoch, die Mutter von Mostafa Karim Beigi, bleibt dabei, dass diejenigen, die den Mord an ihrem Sohn und anderen Opfern von Ashura angeordnet und durchgeführt haben, identifiziert und vor Gericht gestellt werden müssen.

Der 26jährige Mostafa kam an Ashura durch einen Schuss in die Stirn ums Leben. Seine Leiche wurde von der College-Brücke in Teheran geworfen.

Es folgt ein Interview der Webseite Rooz mit Mostafas Mutter. Nach 14 Tagen ohne Nachricht über ihren Sohn wurde seine Leiche der Familie übergeben. Er wurde unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen beerdigt.

Frage: Frau Akmali, wie haben Sie von dem Märtyrertod Ihres Sohnes erfahren?

Antwort: Ich hatte 14 Tage lang nichts von meinem Sohn gehört. Unsere Familie fuhr jeden Tag zum Evin-Gefängnis, um nach ihm zu suchen, aber niemand hat unsere Fragen beantwortet. Wir beschwerten uns, und die Sicherheitsagenten reagierten auf abscheuliche und schreckliche Weise auf unsere Anfragen. Sie sagten zu mir: „Gehen Sie und suchen Sie Ihren Sohn in der Gosse, holen Sie ihn raus… Ihr Kind hat bestimmt Crack geraucht und ist irgendwo auf einer Müllkippe.“ Ich sagte ihnen, dass mein Sohn nicht einmal Zigaretten raucht und dass er aus dem Haus gegangen war, um gegen die Ermordung der Jugend unseres Landes zu protestieren.

Als wir zur Teheraner Polizeizentrale fuhren, sah ich Mostafas Foto, aber sie sagten mir, ich würde mich irren, und diese Person sei nicht mein Sohn, er sei bereits von jemand anderem identifiziert worden. Ich konnte es nicht glauben. Sie sagten mir, ich sollte bei der Gerichtsmedizin in Kahrizak¹ [Kahrizak ist nicht nur die berüchtigte Haftanstalt, sondern auch ein Dorf] nachfragen. Ich fuhr hin und identifizierte die Leiche meines Sohnes. Er trug noch immer seinen Schal. Meine Welt brach zusammen. Ich weiß nicht mehr, was dann passierte und wie ich aus Kahrizak weggebracht wurde.

Frage: Sie sagen, Ihr Sohn wollte an der Demonstration teilnehmen. Hat er so etwas öfter gemacht?

Antwort: Ja, seit den Studentenunruhen im Sommer 1999 ging er immer zu den Demonstrationen. Er war auch auf allen Demonstrationen nach der Wahl vom Juni 2009. Er sagte immer, wir würden unsere Stimmen zurückbekommen, wir würden nicht zulassen, dass man auf dem Blut der Jugend herumtrampelt, die ihr Leben gelassen hat. Er sagte immer, es sei nicht klar, wie viel Blut vergossen werden müsse, bis unsere Kinder eine freie Zukunft haben. Er erinnerte mich immer daran, dass ich nicht nach Evin gehen soll, wenn er verhaftet wird. Er sagte sogar: „Dein Weinen und Betteln vor den Beamten wäre die schlimmste Folter für mich. Geh nicht hin, nicht einmal, wenn sie mich umbringen. Weine nicht, bettle nicht. Halte deinen Kopf hoch…“ Glauben Sie mir, in diesen 14 Tagen bin ich nicht einmal nach Evin gefahren, sein Vater ist immer hingefahren. Obwohl mir mein Herz wehtat, bin ich nicht gefahren.

Frage: Wussten Sie, dass Mostafa an den Demonstrationen von Ashura teilgeommen hatte?

Antwort: Ja, ich wusste, dass er hingehen und sich den Menschen anschließen würde.

Frage Es gab mehrere Berichte darüber, dass Sie mit Anrufen vom Mobiltelefon Ihres Sohnes belästigt wurden. Stimmt das? Wurden Sie während dieser 14 Tage kontaktiert?

Antwort: Ja, jede Nacht zwischen halb drei und drei Uhr hat jemand angerufen, aber sie haben nie etwas gesagt. Manchmal konnten wir sie atmen hören. Mein Mann und ich dachten, es sei unser Sohn, und sie erlauben ihm nicht, mit uns zu sprechen. Wir haben vor Freude geweint, denn wir dachten, unser Sohn lebt noch.

Frage: Wie lange ging das mit den Telefonanrufen?

Antwort: Bis zu dem Tag, an dem wir die Leiche meines Sohnes identifizierten. Danach hörten sie auf.

Frage: Wann wurde Ihnen Mostafas Leiche übergeben? In welchem Zustand war sie?

Antwort: Mostafa wurde am 27. Dezember umgebracht, und am 9. Januar 2010 haben wir seine Leiche identifiziert. Wir haben ihn am 11. Januar nachts beerdigt. Auf der linken Seite der Stirn meines Sohnes gab es ein Einschussloch. Sie hatten ihn autopsiert, und es gab eine lange Naht von seinem Hals bis knapp unter den Nabel. Seine Niere, sein Herz und andere Organe waren ihm entnommen worden, aber damit hatten wir kein Problem, denn er hat genau wie meine Tochter und ich selbst immer gesagt, dass im Falle unseres Hirntodes unsere Organe an Bedürftige gespendet werden sollen.

Frage: Offenbar wurden für die Rückgabe der Leiche Ihres Sohnes Bedingungen gestellt. Können Sie uns erklären, welche Todesursache in seinem Totenschein angegeben ist?

Antwort: Von der Gerichtsmedizin wurde uns gesagt, dass er an Ashura getötet wurde, aber sie haben drei Totenscheine ausgestellt. In einem stand, dass er von einem scharfen Gegenstand am Kopf getroffen wurde. In dem zweiten hieß es, er sei gestorben, nachdem er von der Brücke gefallen war. Im dritten Totenschein steht, dass er an einem Kopfschuss starb. Sie händigten uns seine Leiche unter der Bedingung aus, dass wir die Todesursache akzeptieren, die im ersten Totenschein stand, nämlich, dass er von einem scharfen Gegenstand am Kopf getroffen worden war. Da wir seine Leiche haben wollten, haben wir uns darauf eingelassen.

Frage: Ihre Familie lebt in Teheran. Warum haben Sie Mostafa nicht in Behesht-e Zahra (dem Hauptfriedhof von Teheran) beisetzen lassen?

Antwort: Das war unsere eigene Entscheidung, denn einerseits sagten sie uns, dass sie uns ein zweiteiliges Grab umsonst geben würden. Bei dem Begräbnis sollten nur sein Vater, seine Mutter und seine Schwester anwesend sein. Sie verlangten von uns, dass wir sagen, Mostafa sei ein Basiji gewesen. Mostafas Vater sagte, wir wollten ihn neben seiner Großmutter beerdigen. Kaum hatte er das gesagt, hoben sie ein Grab im Dorf Jogheen bei Shahryar aus, und ein Auto vom Geheimdienstministerium brachte die Leiche nach Behesht-e Zahra, wo sie ohne unser Wissen gewaschen wurde. Dann brachten sie sie zur Beerdigung nach Shahryar. Sie haben alles gefilmt. Mein Sohn wurde um 20 Uhr beigesetzt. Ich wollte mich von ihm verabschieden und ihn ein letztes Mal umarmen. Das Grab, das sie ausgehoben hatten, war zu klein, er passte nicht hinein, also konnte ich meinen Sohn umarmen (während sie das Grab vergrößerten). Es gibt eine Frage, die ich Ärzten gern stellen würde: Als die Person, die den Koran rezitierte, ins Grab stieg und Mostafas Kopf berührte, waren seine Hände danach voller Blut. Er stieg aus dem Grab, weinend, und sie brachten jemand anders. Wie kann es sein, dass mein Sohn, der am 27. Dezember getötet wurde, am 9. Januar immer noch am Kopf blutete?

Frage: Durften Sie für Mostafa eine Gedenkfeier abhalten?

Antwort: Wir haben in einer Moschee in der Nachbarschaft eine Gedenkfeier abgehalten. Alles war voller Geheimdienstagenten, niemand traute sich, zu protestieren oder irgendetwas zu sagen. Sie kamen einige Tage später an unsere Tür und sagten, unser Sohn sei ein Basiji gewesen, und sie wollten einen Kranz zum Gedenken am 40. Tag nach seinem Tod abgeben. Ich antwortete, dass mein Sohn kein Basiji gewesen sei, und ich würde an diesem Tag auch keine Gedenkfeier abhalten. Das ist der Grund, warum wir keine Feier veranstaltet haben, sondern uns nur an seinem Grab versammelten.

Frage: Frau Akmali, war Ihr Sohn Student?

Antwort: Nein, er hatte die Oberschule abgeschlossen und arbeitete freiberuflich für einen seiner Freunde. Sie hatten sich mit einem Geschäft für Installation von zentralen Telefonnetzen zusammengetan. Sie hatten beispielsweise Aufträge vom Bildungsministerium.

Frage: Haben Sie Klage eingereicht und darum gebeten, dass die Verantwortlichen für den Tod Ihres Sohnes zur Verantwortung gezogen werden?

Antwort: Ja, der Fall ist im Strafgericht anhängig [? „the case is open“]. Der Mörder meines Sohnes ist identifiziert, und die Beamten wissen sehr gut, wer er ist. Ich möchte aber nicht, dass er hingerichtet wird. Ich möchte, dass die, die hinter diesen kriminellen Taten stehen, vorgeführt und bestraft werden. Die Person, die den Tod meines Sohnes angeordnet hat, muss idendifiziert werden. Es ist nicht so wichtig, dass sie jemanden bringen und sagen, er sei derjenige, der geschossen hat. Derjenige, der den Schuss angeordnet hat, ist wichtig. Er muss bestraft werden. Inzwischen habe ich den Fall vor das Höhere Gericht göttlicher Gerechtigkeit getragen. Ich habe Gott darum gebeten, die Verantwortlichen für diese Tragödien zu zerstören. Wir glauben an ein Leben nach dem Tod, und wir wissen, dass es Himmel und Hölle gibt. Ich habe es in Gottes Hände gelegt.

¹Die Haftanstalt Kahrizak war ein Gefängnis außerhalb Teherans, in dem nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom Juni 2009 viele Demonstranten inhaftiert wurden. Die grauenhaften Bedingungen in der Haftanstalt, die systematischen Folterungen und Vergewaltigungen einiger Häftlinge und der daraus resultierende Tod mehrere Gefangener führten zu einem großen Skandal, durch den Ayatollah Khamenei sich gezwungen sah, die Schließung der Haftanstalt anzuordnen.

² Die iranische und schiitische Tradition sieht Gedenk- und Trauerzeremonien am 7. und am 40. Tag nach dem Tod eines Menschen vor.