Tagesarchiv: 20. März 2010

“Busted” – Ein Augenzeugenbericht über den 22. Bahman

Veröffentlicht auf Persianumpires Blog am 20. März 2010
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2010/03/20/busted/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Habt ihr euch jemals durch eine Armee von Wargen, Easterlings, Goblins, Trollen, Orks und ihren Verwandten, den Uruk-Hai, bewegt? Genau so haben wir den 22. Bahman erlebt. Ohne viel Aufhebens zu machen, passierten wir Legionen von regierungstreuen Schlägern, die knurrten, grunzten und geiferten, bis sie nach kurzer Zeit einen von uns verhafteten und wir uns aufteilen mussten. Es gab keinen Kampf, keine Demonstration, auch kein Anzeichen eines Festes – es war nur ein kurzer Ausflug ins Feld.

Als wir früh morgens nach draußen kamen, waren die Straßen so leer, dass es unheimlich war. So leer ist Teheran nicht einmal währed der Neujahrsferien – es war ein Zeichen, das uns sehr beunruhigte. Weil die Erwartungen an den 22. Bahman so hochgeschraubt worden waren, wussten wir, dass auf den Straßen Hochbetrieb herrschen müsste, wenn wirklich so viele Menschen auftauchen sollten wie erwartet. Es war nicht so.

Was uns wirklich beunruhigte war nicht nur die Tatsache, dass keine Autos fuhren. Es waren überhaupt keine Autos zu sehen, nicht einmal parkende. Offenbar hatten die Leute also nicht beschlossen, einfach im Bett zu bleiben und die Demonstration zu vergessen – sie schienen die Stadt verlassen zu haben. Teheran war eine Geisterstadt, aber wir dachten, wir wären vielleicht zu spät, und es hätte schon angefangen.

Wir fuhren Richtung Enghelab Avenue, und auch als wir näher kamen, waren auf den Straßen keine Menschen und Autos zu sehen. Dafür nahm die Dichte des Sicherheitsaufgebotes zu. Erst sahen wir sie nur auf den Plätzen, dann an jeder Kreuzung, und irgendwann waren sie in jeder Straße, in immer größerer Zahl. Egal. Wir würden nach Enghelab fahren und dort aussteigen und zu Fuß gehen.

Wir parkten in einer Straße irgendwo nördlich von Enghelab und etwas weiter östlich der Sharif-Universität, stiegen aus und gingen nach Süden. Als wir an der Hauptstraße ankamen, wurde uns klar, dass der Tag verloren war. Auf den Gehwegen – zum Teil sogar zu beiden Seiten der Gehwege – standen die Sicherheitskräfte in einer Reihe, die sich endlos in beide Richtungen erstreckte. Es waren alle möglichen Sicherheitskräfte vertreten – IRGC, Anti-Aufruhr-Einheiten, Polizei, Basijis, Zivilpolizisten, Kameraleute, Schläger, Begaser, Paintballer und fies dreinblickende Zuschauer. Und wir waren noch nicht einmal an der Enghelab-Avenue angekommen.

Unter normalen Umständen ist es die Bevölkerung, die an den Straßenrändern steht und der Parade der Bewaffneten ihres Landes zusieht. Am 22. Bahman war es umgekehrt. Wir schauten uns um und versuchten, irgendetwas Grünes in der Nähe auszumachen, und obwohl sich niemand traute, irgendwas zu zeigen, was auch nur annähernd grün war, wussten wir, dass sie da waren. In der Tat waren alle, mit Ausnahme von Saurons Armee und den wenigen flaggenschwenkenden, schlafwandelnden regierungstreuen Familien, grün. Wir trafen sogar einige Freunde und Bekannte auf dem Weg. Natürlich wagten wir es nicht, stehen zu bleiben und einander mit überschwänglichen Emotionen zu begrüßen, wie wir es in Iran normalerweise tun. Wir begnügten uns damit, im Weitergehen miteinander zu flüstern und einander zu fragen, was los war.

Die Versuchung, den Ort sofort wieder zu verlassen, war groß. Aber wir beschlossen, noch etwas weiterzugehen und vielleicht Richtung Süden nach Enghelab zu gelangen. Außerdem wäre Umkehren verdächtig und gefährlich gewesen und war daher keine Option. Wir mussten mindestens bis zur nächsten Kreuzung und dann um den Block gehen, wenn wir zurück zum Auto wollten.

Wir passierten eine Kreuzung und beschlossen, weiterzugehen und zu versuchen, zur Enghelab-Avenue durchzukommen. Wir gingen weiter und kamen an eine Stelle, wo eine Gruppe von etwa zwanzig Polizisten stand, neben ihnen zwei Transporter am Straßenrand. Als wir an ihnen vorbeigehen wollten, hielten sie uns an, einer befahl, uns zu durchsuchen.

Ein sehr naher Freund – eigentlich ein Bruder – war zuerst an der Reihe. Ich stand hinter ihm und wartete, bis ich dran war. Der Beamte tastete ihn ab und leerte dann seine Taschen aus. Erst kam sein Portemonnaie zum Vorschein, dann sein Handy und ein Schlüsselbund, und endlich, aus einer Seitentasche seiner Jacke, ein dünnes grünes Armband.

Der Beamte befahl sofort, meinen Freund festzunehmen. Ich erstarrte. Während sie meinen Freund in den Transporter brachten, konnte ich nur dabeistehen und zusehen, mit tausend Gedanken im Kopf. Sollte ich etwas tun? Vielleicht darum bitten, ihn laufen zu lassen. Nur dieses eine Mal, bitte. Er wird es nie wieder tun, ich schwöre. Konnte ich etwas tun? Wenn sie mich mit ihm in Verbindung bringen würden, würden sie mich sofort verhaften, ohne sich lange mit einer Durchsuchung aufzuhalten. Oh nein, die Durchsuchung…

Ich sah mich um. Die Polizisten waren mit meinem Freund beschäftigt, durchsuchten Leute oder hielten Ausschau nach anderen, die sie durchsuchen konnten. Sie schienen mich vergessen zu haben. Ich musste eine schnelle Entscheidung treffen. Ich ging los. Niemand rief, und ich ging weiter.
Etwas später fand ich die anderen wieder. Noch jemand fehlte. „Haben sie ihn auch verhaftet?“ fragte ich. „Nein, sie haben ihn nicht einmal durchsucht. Er hat sich irgendwo abgeseilt und ist verschwunden.“ Als wir ihn wiederfanden, erzählte er uns, er sei in eine Seitenstraße gegangen und habe seine Tasche mit Gesichtsmasken und seiner gesamten grünen Ausrüstung weggeworfen.

Es war Zeit, zu verschwinden und unseren Plan umzusetzen, den wir für den Fall einer Verhaftung gemacht hatten. Also gingen wir zurück zum Auto. Vor einer Demonstration müssen wir unser Leben von all den belastenden Beweisen reinigen, die uns im Fall einer Verhaftung an den Galgen bringen können, also jede Art von schädlicher Musik und schädlichen Filmen, Computer, gefährliche Bücher und jede Form von Kunst, die für das Begriffsvermögen von Neandertalern zu komplex ist. Wenn wir vor einer Demonstration nicht genug Zeit zum Aufräumen haben, was dieses Mal bei unserem Freund der Fall gewesen war, lassen wir unseren Schlüssel bei jemandem, der nicht mit zur Demonstration geht.

Wir funktionierten wie ein Uhrwerk. Wir teilten uns in zwei Gruppen, holten die Schlüssel, räumten seine Wohnung und sein Büro auf, brachten all sein schändliches Eigentum weg, riefen seinen Vater an, um ihn zu informieren, und nach drei Stunden waren wir fertig.

Wir hatten zu viel erwartet vom 22. Bahman, und wir hatten die Zahl der Sicherheitskräfte unterschätzt, die die Regierung in Teheran aufbieten würde. Die Strategie des Regimes bestand darin, jede Form der Demonstration durch eine riesige Machtdemonstration und nahezu wahllose Verhaftungen zu unterbinden. Ich kann nicht sagen, wie viele am 22. Bahman verhaftet wurden, aber wir sahen mehr Verhaftungen als bei anderen Demonstrationen.

Glücklicherweise gab es – mit Ausnahme von Sadeghiyeh – nicht die Gewaltausbrüche auf Teherans Straßen, die viele erwartet hatten. Die Grünen blieben friedlich, aber sie waren enttäuscht. Es waren sehr viele Grüne da. Vielleicht nicht die erwarteten 3 Millionen, aber es waren viele dort draußen. Die meisten kamen und gingen wieder, als sie das Sicherheitsaufgebot sahen, andere, so wie wir auch, mussten wieder gehen, nachdem Mitglieder ihrer Gruppe verhaftet wurden.

Die größte Überraschung für mich war, wie wenig Regierungsanhänger gekommen waren. Der 22. Bahman hätte ihr Tag werden können. Sie hatten die volle Unterstützung und den Schutz der Sicherheitskräfte, und die Regierung hatte Menschen aus den Provinzen nach Teheran bringen lassen, um mehr Unterstützer zu haben. Darum hatten wir damit gerechnet, dass es zu einer Konfrontation zwischen riesigen Armeen von Regierungstreuen und Oppositionellen kommen würde. Stattdessen sahen wir nur kleine, verstreute Gruppen von Regierungsanhängern inmitten der Grünen, die langsam in Richtung Enghelab Avenue tröpfelten, mit Bildern des obersten Führers oder Ahmadinejads in den Händen. Es waren nicht einmal so viele wie am Qods-Tag.

Als nächstes mussten wir herausfinden, wo unser Freund war. Darüber muss ich einen gesonderten Artikel schreiben, damit dieser nicht zu lang wird.

Fortsetzung: Die Stufen von Evin