Interview mit Koohyar Goodarzis Mutter

Veröffentlicht bei Committee of Human Rights Reporters am 7. April 2010
Artikel auf Persisch: http://chrr.us/spip.php?article9102
Übersetzung Persisch-Englisch: Siavosh J., Persian2English
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

Das Interview führte Lida Hosseininejad

Committee of Human Rights Reporters (CHRR) – Koohyar Goodarzi, Mitarbeiter beim CHRR, bleibt auch nach 100 Tagen Haft weiter im Gefängnis, seine (momentane) Situation ist ungewiss. Berichten zufolge wird Goodarzi von Vernehmungsbeamten ständig unter Druck gesetzt.

Aufgrund des Drucks, den Sicherheitsagenten auf die Leitung der Technischen Sharif-Universität ausübten, wurde Goodarzi der Universität verwiesen. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete als Journalist und Menschenrechtsaktivist für verschiedene „Organisationen“. Er ist Mitglied der Islamischen Studentenunion der Sharif-Universität, Sekretär des CHRR, Programmierer für Radio Zamaaneh, Mitglied der Alumni-Menschenrechtsorganisation Tahkim Vahdat und Mitglied der Tahkim Vahdat-Abteilung Allameh.

Lida: Frau Mokhtareh, Sie haben Koohyar durch eine Glasscheibe gesehen. Haben Sie um offene [persönliche] Besuche gebeten?

Mokhtareh: Ja, ich habe darum gebeten, ihn persönlich treffen zu dürfen.

Lida: Konnten Sie mit ihm Kontakt aufnehmen?

Mokhtareh: Ja, nach dem Antrag, den ich an den Richter gestellt hatte, durfte ich ihn im Gefängnis besuchen. Das war am Mittwoch, dem 2. April 2010

Lida: Wie ging es Koohyar?

Mokhtareh: Am Abend vor Neujahr (21. März 2010) und noch einige Zeit danach wurde Koohyar in Einzelhaft genommen. Natürlich bedeutete das nicht, dass man ihn dort lassen wollte. Vielleicht haben sie ihn in Einzelhaft verlegt, weil sein Zellengenosse kurz vorher freigelassen worden war. Jedenfalls war mein Sohn am Neujahrsabend allein. Das war das Neujahrsgeschenk des Regimes an Koohyar. Er durfte mich zum Jahreswechsel nicht einmal anrufen. Später wurde er in eine gemeinsame Zelle mit Jafar Panahi verlegt.

Koohyar ist in den letzten zwei Wochen unzählige Male von einer Zelle in die andere verlegt worden: Zwei Mal vor zwei Wochen, drei Mal letzte Woche und einmal in den letzten Tagen. Meiner Meinung nach ist das eine Form der Folter, und der Grund könnte mit Koohyars mangelnder Kooperation bei den Verhören zusammenhängen. Koohyar hatte gegen verschiedene andere Dinge protestiert, zum Beispiel gegen seine vorläufige Verhaftung. All die Verhaftungen und Verhöre verstoßen gegen die Gesetze der Islamischen Republik.

Lida: Der Befrager hat einmal die Verhörunterlagen zerrissen, weil Koohyar nicht kooperierte. Haben Sie Informationen über den aktuellen Stand von Koohyars Fall?

Mokhtareh: Ja, der Befrager zerriss sieben Seiten des Fragenkatalogs für das Verhör. Koohyar ist seit einger Zeit nicht mehr verhört worden. Er befindet sich im Moment in einer Art Schwebezustand. Er hat keinen der Vorwürfe und keine der Anklagen akzeptiert. Sie haben ihn nach seinem E-Mail-Passwort gefragt, aber er hat sich geweigert, es ihnen zu sagen. Er betrachtet seine E-Mail-Adresse als Teil seiner Privatsphäre. Das wird auch im Gesetz erwähnt. Sie haben ihn auch nach dem Passwort der Webseite des CHRR gefragt. Koohyar hat es nicht verraten. Darum wird er unter Druck gesetzt. In den letzten drei Wochen durfte er keinen Tag Pause [evtl. „Hafturlaub“]machen. Selbst wenn er Pausen machen durfte, musste er immer im Gefängnis bleiben. Er darf nicht zu Hause anrufen.

Seine Verhaftung liegt nun schon mehr als 100 Tage zurück, und er hat sich nur drei Mal zu Hause gemeldet. Ein Mal davon konnten wir nicht einmal miteinander sprechen. In diesem Gespräch hat er mich – nachdem er die Erlaubnis des Befragers erhalten hatte – gebeten, ihm Kleidung zu schicken. Er hatte zwei Monate lang dieselben Kleider getragen. Ich habe ihm eine neue Hose gekauft und einige Bücher.

Beim ersten Besuch haben sie das Paket nicht einmal angenommen. Beim zweiten Mal nahmen sie das Paket an, aber Koohyar hat es noch nicht bekommen. Mein Sohn darf keine täglichen Pausen [„daily breaks“] machen und niemanden anrufen. Ständig wird er von einer Zelle in eine kleinere verlegt. Er wird unter Druck gesetzt. Ist das ein Zeichen von Folter?

Jedes Mal, wenn ich die 1000 km aus Kerman komme, um ihn zu besuchen, rege ich mich auf, wenn ich sehe, in welcher Verfassung er ist.

Wenn die Gefangenen beginnen, sich an ihre Zellen zu gewöhnen und aufzuräumen, werden sie plötzlich verlegt. Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist, dass unsere Kinder keine Zeitungen lesen, keine Bücher und keine Kleidung erhalten dürfen, kein Fernsehen und kein Radio haben. Warum werden sie isoliert? Versuchen sie, unsere Kinder in den Wahnsinn zu treiben? Was bezwecken sie mit dieser Behandlung? Und trotzdem bleibt die Moral unserer Kinder positiv. Sie schützen sich. Der Druck macht sie lediglich stärker.

Lida: Wie ging es Koohyar körperlich und psychisch, als Sie ihn das letzte Mal besuchten?

Mokhtareh: Wir können uns einreden, dass es ihm psychisch gut geht, aber wie kann das möglich sein? Ich habe oft versucht, mich selbst für eine halbe Stunde in einem Zimmer einzusperren, und ich schaffe es nicht, obwohl ich weiß, dass ich Zeitungen, Bücher, Radio, frische Luft etc. habe.

Warum werden unsere Kinder in schmutzigen, dunklen, engen Zellen festgehalten? Was für einen psychologischen Zustand erwartet man bei ihnen? Ich kenne Koohyar, er ist mein Sohn, und er ist stark. Vor ein paar Jahren sagte jemand zu ihm „Meine Güte, wie erwachsen du geworden bist!“. Koohyar entgegnete: „Ich bin seit langer Zeit erwachsen.“

Unsere Kinder sind wirklich reif, nicht nur Koohyar, sondern alle, die auf die Straße gegangen sind und legal für ihre legitimen Rechte protestiert haben. Tatsächlich wollten sie am Anfang, dass die Verfassung der Islamischen Republik erhalten bleibt und befolgt wird (ein Hinweis darauf, dass die inhaftierten Aktivisten reif genug sind, um zu fordern, dass ihre verfassungsgemäßen Rechte respektiert werden, die Obrigkeit aber nicht einmal ihre eigene Verfassung einzuhalten in der Lage war). Jetzt sind unsere Kinder grundlos im Gefängnis. Ich habe zu einem meiner Freunde gesagt: „Mein Sohn ist im Gefängnis“. Die Antwort war: „Dein Sohn ist frei. Wir sind diejenigen, die im Gefängnis sind.“

Es ist wahr. Ein Mensch, der ein Ziel hat, der für die Erreichung dieses Ziels gekämpft hat und der seinen Prinzipien treu ist, ist nicht wirklich ein Gefangener.

Obwohl die Besuchszeit für Gefangene der Abteilung 209 immer Donnerstags ist, konnte ich Koohyar ausnahmsweise am letzten Mittwoch (2. April 2010) treffen. Nach dem Besuch bat ich den Agenten, mir das Besuchsformular zu geben. Ich sagte ihm, dass ich diese Formulare sammle. Er antwortete: „Glauben Sie, dass Ihr Sohn ein Symbol des nationalen Stolzes im Gefängnis ist und Sie diese Formulare sammeln müssen?“ Ich antwortete: „Ja, genau, ich glaube, dass mein Sohn ein Symbol des nationalen Stolzes ist.“

Lida: Seit Koohyars Verhaftung sind mehr als 100 Tage vergangen, und in wenigen Tagen wird die zweite Verlängerung seiner Haft auslaufen. Wissen Sie, was Koohyar danach erwartet?

Mokhtareh: Koohyar hat mir gesagt, dass seine Haft bis zum 29. April 2010 verlängert wurde, und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie nochmals verlängert werden wird. Koohyar hat schriftlich gegen diese Verlängerungen protestiert, aber er hat noch keine Antwort erhalten.

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