Dr. Maleki spricht über die vergessenen Kinder der Grünen Bewegung

Veröffentlicht bei RAHANA am 15. April 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.info/en/?p=2614
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

„Ich bin sehr enttäuscht. Diese eingesperrten Kinder bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen – vor allem die unbekannten Studenten.“

RAHANA – Dr. Mohammad Maleki ist ein ehemaliger Kanzler der Teheran-Universität. Sowohl vor als auch nach der Islamischen Revolution von 1979 war er als politischer Gefangener inhaftiert. Nach der Islamischen Revolution war er 5 Jahre im Gefängnis, weil er gegen die Kulturrevolution war, die zur Schließung von Universitäten im gesamten Land führte. Im Jahre 2000 wurde Dr. Maleki in einem von den National-Religiösen Aktivisten organisierten Treffen erneut verhaftet (der Ausdruck „national-religiös“ wird für Anhänger der Iran National Front verwendet.)

Nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 wurde der an Krebs erkrankte [ehemalige] Kanzler wieder verhaftet. Direkt aus seinem Bett heraus wurde er ins Evin-Gefängnis gebracht, wo er bis zu seiner Freilassung am 1. März blieb. Ein Verfahren gegen ihn ist anhängig.

Es folgt die englische Übersetzung eines Interviews, das Radio Zamaaneh mit Dr. Maleki führte.

Maleki: Gestern wurde mir von meinen Anwälten mitgeteilt, dass sie sich mit dem Richter getroffen und sein Einverständnis bekommen haben. Sie hatten Dokumente über meinen Gesundheitszustand mitgebracht, die beweisen, dass ich weiter in Behandlung bleiben muss. Der Richter erklärte sich mit der Verschiebung meiner Verhandlung einverstanden und sagte, das neue Datum werde uns mitgeteilt.“

Radio Zamaaneh: Sie wollen damit sagen, dass Sie während Ihrer Inhaftierung nicht über die Anklagen informiert wurden, die gegen Sie erhoben wurden?

Maleki Nein, ich habe keine Anklagen zu Gesicht bekommen. Ich werde angeklagt, den Führer beleidigt und gegen die nationale Sicherheit gehandelt zu haben, aber ich habe weder die Anklageschrift noch ihren Inhalt gesehen. Die Anwälte und der Richter haben gesagt, das wären die Anklagepunkte.

Radio Zamaaneh: Herr Maleki, Sie haben gesagt, dass Sie an einer geschlossenen Verhandlung nicht teilnehmen werden. Machen Sie sich keine Sorgen, dass sich das negativ auf Ihren Fall auswirken und zu einem härteren Urteil führen könnte? Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Maleki: Es macht keinen Unterschied, ob ich anwesend bin oder nicht. Es wird ein Tag kommen, da dieses Land zumindest seine eigene Verfassung respektiert. Die Dinge können so nicht bleiben – 30 Jahre nach der Revolution wird einer der wichtigsten Teile der Verfassung noch immer nicht respektiert. Die Verfassung spricht explizit davon, dass politische Fälle von einer Jury in offenen Gerichtsprozessen und unter Anwesenheit der Medien behandelt werden müssen.

Damals, im Jahre 2000, als ich mit national-religiösen Aktivisten zusammen verhaftet wurde, habe ich gesagt, dass ich beim Prozess nicht anwesend sein würde, weil ich ihn für illegal hielt. Ich finde, diese Frage sollte ein für alle Mal geklärt werden. Entweder respektieren wir die Verfassung als Ganzes, oder wir halten uns nur an die Teile, die uns genehm sind und die Interessen des Regimes garantieren. Es gibt Regelungen in der Verfassung, die die Rechte der Menschen garantieren, und diese Regelungen müssen respektiert werden.

Ich brauche gar nicht zu erwähnen, dass diese Rechte bei Verhaftungen und Verhören verletzt werden unter dem üblichen Vorwand, dass politische Vergehen vom Gesetz nicht definiert sind. Warum ist das mein Problem als Angeklagter? Seit der Revolution bin ich drei Mal dafür verhaftet worden, dass ich antirevolutionär bin. Antirevolutionär sind diejenigen, die das Gesetz brechen, das sie selbst als ein Kind der Revolution bezeichnen. Wie kann ich da dem Prozess beiwohnen? Gestern sollte eine Anhörung stattfinden, aber ich kenne die Anklageschrift nicht und durfte nicht lesen, was gegen mich vorgebracht wird.

Radio Zamaaneh: Herr Maleki, Sie waren zum Zeitpunkt Ihrer Verhaftung in einer schlechten körperlichen Verfassung. Sie waren während Ihrer gesamten Haft krank und wurden zeitweilig in ein Krankenhaus eingeliefert. Wie geht es Ihnen jetzt?

Maleki: Körperlich geht es mir unverändert. In den sechs Monaten, die ich dort war, konnte ich die Spritzen, die ich brauche, nicht bekommen, und habe infolgedessen Schmerzen und Beschwerden gehabt. Seit meiner Freilassung habe ich zwei Spritzen bekommen, und es geht mir jetzt etwas besser. Allerdings habe ich das Gefühl, dass mein psychologischer Zustand sich seit meiner Freilassung im Vergleich zu vorher verschlechtert hat.

Radio Zamaaneh: Können Sie uns sagen, warum Sie sich emotional jetzt schlechter fühlen als im Gefängnis?

Maleki: Ich mache mir Sorgen um diese Kinder. Es gibt so viele unbekannte und anonyme Studenten im Gefängnis, und niemand denkt an sie. Niemand macht sich klar, dass sie die Kinder dieses Landes sind. Welches Verbrechen haben sie begangen? Irgendwann muss das angesprochen werden. Leider hat nicht nur das Regime daran keinerlei Interesse, sondern auch die Freunde der Grünen Bewegung habe ich selten entschlossen für ihre Verteidigung eintreten sehen. Man muss eine Entscheidung über sie treffen, sie haben ein Leben und ein Studium, zu dem sie zurückkehren müssen, ihre Familien warten jeden Tag vor dem Evin-Gefängnis auf sie. Das sind Dinge, die mir mehr Schmerzen bereiten als der Krebs.

Radio Zamaaneh: Herr Maleki, Sie waren während der Wahl nicht aktiv. Sie hatten gesagt, dass Sie nicht daran glauben und sich nicht daran beteiligen. Dennoch stand Ihre Verhaftung in Verbindung mit den Ereignissen nach der Wahl. Wie sehen Sie diese Wahl zur Zeit?

Maleki: Wie Sie sagen, war ich während der Wahl überhaupt nicht aktiv. Erstens war ich krank, und zweitens glaube ich nicht an eine Wahl, bei der man sich zwischen ein paar vom Wächterrat ausgesuchten Kandidaten entscheiden muss. Ich wurde am 22. August verhaftet, also war ich im Gefängnis, als die meisten dieser Ereignisse passierten. Ich war in den ersten drei Monaten in Einzelhaft, ohne Zeitung oder Fernsehen. Bis ich in die allgemeine Abteilung verlegt wurde, wusste ich nichts von dem, was sich außerhalb des Gefängnisses ereignete.

Als ich dorthin (in die allgemeine Abteilung) verlegt wurde, bekam ich einige Informationen, aber seit meiner Freilassung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass all die alten Probleme weiterhin existieren. Die Teilung in Insider und Outsider bleibt bestehen. Niemand denkt an diese Kinder. Was mir an den Anhängern der Grünen Bewegung oder der Reformbewegung aufgefallen ist, ist, dass sich ihr Verhalten anderen gegenüber nicht wesentlich geändert hat. Sie behalten ihre Outsider/Insider-Kultur bei. Die, die so sind wie sie, werden aufgenommen, die anderen bleiben draußen.

In den eineinhalb Monaten seit meiner Freilassung bin ich vielleicht zehn Mal draußen gewesen, meistens im Krankenhaus oder bei meinem Arzt. Ich habe versucht, nicht viel Kontakt mit anderen zu haben und habe mich nicht dafür interessiert, was geschieht. Die Menschen haben sich in dieser Zeit nicht viel verändert, sie sind so, wie sie vorher waren. Unsere Elite hat immer noch ihre egozentrische und selbstsüchtige Kultur.

Radio Zamaaneh: Sie scheinen enttäuscht zu sein von den Führern der Grünen Bewegung.

Maleki: Ich bin extrem enttäuscht. Diese eingesperrten Kinder bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, vor allem die unbekannten Studenten. Ich kenne viele von ihnen und habe sie im Gefängnis gesehen, aber auf den Webseiten werden sie nicht erwähnt. Sie sind seit Monaten im Gefängnis, manche von ihnen sind zu vier- bis fünfjährigen Haftstrafen verurteilt worden – ohne Grund.

Manchmal erwähnen sie (die Grüne Bewegung oder die Reformer) diese Studenten, aber sie treten niemals entschlossen für sie ein. Die Art, wie Herr Sahabi – Gott segne ihn – vor wenigen Tagen auftrat, habe ich wirklich genossen. Sein Brief erzählt die schmerzliche Geschichte in unser aller Namen. Wir haben einige Jahre auf dem Buckel und haben sowohl vor als auch nach der Revolution sehr gelitten. Wir haben die Gefängnisse des Schahs gesehen und die der Islamischen Republik. Diese Kinder sind unsere Kinder. Sie sind nicht aus irgendeinem anderen Land gekommen. Sie sind die Kinder dieses Landes, die etwas zu sagen hatten und es gesagt haben. Selbst wenn sie ihre Worte in den Universitäten oder außerhalb herausgeschrieen hätten, würde das nicht rechtfertigen, wie mit ihnen umgegangen wird.

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4 Antworten zu “Dr. Maleki spricht über die vergessenen Kinder der Grünen Bewegung

  1. vergaß die adresse meiner webseite eizutragenin deutschland wird man nicht verhaftet, wen man politische aussagen macht

  2. dr.med klaus nickel

    man erkennt hier wiederum dieschlimmsten politischen verhältnisse im iran
    es wundert mich nicht mehr, wenn dieser tapfere mann ungehört bleibtim iran ist die gerechtigket gestorbenalla wird die chergen dises systems das paradies verschließen

  3. Günter Haberland

    Danke Julia – ein wichtiger Beitrag, weil er auch einmal kritisch mit der Grünen Bewegung umgeht. Mir sind da manche zu euphorisch.

    • Die (symbolische) Führung der grünen Bewegung steht länger, aber immer häufiger unter Kritik. Mousavi und Karroubi sagen auch immer, die grüne Bewegung habe keine Führung. „Wir gehen zwei Schritte langsamer als das Volk“

      Deshalb vermuten Viele, dass die grüne Bewegung mit der Zeit eine Führungskraft finden wird, die diese Bewegung näher steht, als Mousavi oder Karroubi.

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