62jähriger politischer Gefangener Ali Saremi zum Tode verteilt

Veröffentlicht bei RAHANA am 15. Mai 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.biz/en/?p=3501

Zusatz von englishtogerman: Eine online-Petition für Ali Saremi kann man hier unterschreiben

Was ist aus einem Land geworden, in dem ein 62jähriger Mann, der mittlerweile seit zwei Jahrzehnten im Gefängnis sitzt, wegen einer rachsüchtigen Laune des Geheimdienstes und der Justiz zum Tode verurteilt wird und all seine Rechte verliert?

Am 2. September 2007 kehrte der damals 60jährige Ali Saremi heim von einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des 1988 begangenen Massakers an politischen Gefangenen im Iran. Bei seiner Rückkehr wurde Saremi von Agenten verhaftet, die schon in seinem Haus auf ihn warteten. Er wurde in sein altes Zuhause gebracht: das Evin-Gefängnis.
Alles, was Ali Saremi vor seiner Rückkehr nach Hause getan hatte, war, an einer Zeremonie teilzunehmen und dort auch zu sprechen, die auf dem Kharavan-Friedhof zur Erinnerung an die Menschen stattgefunden hatte, die auf unmenschlichste Art und Weise ums Leben gekommen waren. In den Augen der Geheimdienst- und Justizbehörden, die mit Bulldozern die Leichen politischer Gefangener schänden, wenn sie die Gelegenheit dazu haben, hat Saremi ein unverzeihliches Verbrechen begangen, indem er schlicht an der Zeremonie teilnahm – ein Verbrechen, für das er die nächsten 26 Monate im Gefängnis verbringen musste allein auf Grund eines vorübergehenden Haftbefehls, und war dabei jeder möglichen Misshandlung von Seiten des Gefängnispersonals ausgesetzt.
Saremi wurde zuerst in Abteilung 209 von Evin gebracht, wo er für 7 Monate gefangengehalten wurde, davon 4 Monate in Einzelhaft. Er wurde täglich gefoltert und langen, schmerzhaften Befragungen ausgesetzt. Was war einfacher für die Vernehmungsbeamten in Evin als Saremi, der an Schilddrüsenüberfunktion leidet, die notwendigen Medikamente zu verweigern? Sie stoppten seine Medikamentenversorgung zwei Mal, was verschiedene Komplikationen bei Saremi nach sich zog. Derzeit hat Saremi Sichtbeschwerden und die Gefängnisverwaltung verweigert ihm weiterhin medizinische Hilfe.
Wie auch bei anderen politischen Gefangenen hatte Ali Saremi nicht nur selbst die Qual der Haft zuu ertragen. Am 7. November 2007 wurde Saremi’s Frau Mahin auf Anordnung des Richters Haddad verhaftet und einige Wochen in Abteilung 209 des Evin-Gefängnisses in Einzelhaft festgehalten, nachdem sie darauf bestanden hatte, Informationen über ihren Mann zu bekommen. Nach ihrer Freilassung verlangten die Vernehmungsbeamten von der Familie, weitere Informationswünsche zu unterlassen und die Anweisungen des Geheimdienstes zu beachten.
Nach 7 Monaten Tortur in Abteilung 209 wurde Saremi schließlich in Abteilung 350 desselben Gefängnisses überstellt. Der Wärter Bozorgnia hatte spezielle Anweisungen für die Gefangenen. Siue mussten an allen Gebeten und allen religiösen Trauerfeierlichkeiten teilnehmen und außerdem wurden ihre Telefongespräche von den Wachen überwacht. Saremi, der zusammen mit anderen Gefangenen gegen diese Handlungsweise der Aufseher protestierte, wurde bestraft und am 24. Januar 2009 in eine Einzelzelle in Abteilung 240 verlegt, wo er die nächsten 2-3 Monate verbrachte.
Das Schicksal von Saremi, Misagh Yazdan-Nejad und Mohammad-Ali Mansouri, die zusammen mit ihm gefangen waren, nahm eine Wendung als ihre Fälle bei der 15. Spruchkammer des Revolutionsgerichts landeten: bei Richter Salavati. Salavati ist derselbe Mann, der Hamed Rouhinejad wegen seiner Rolle bei den Unruhen nach der Wahl zum Tode verurteilte. Rouhinejad war aber bereits vor der Wahl im Juni verhaftet worden.
Saremi’s Prozeß und seine gerichtlichen Anhörungen wurden mehrfach aus unbekannten Gründen verschoben. Außerdem wurde ihm jetzt nicht mehr allein die Beteiligung an der Gedächtniszeremonie vorgeworfen; die Anklage hatte sich geändert und die neuen Beschuldigungen beinhalteten Untersützung der Mojahdin Khalgh-Organisation (MEK), Feindschaft zum Regime und eine Reise in den Irak zum Besuch der MEK-Basis in Ashraf. Der Druck auf Saremi, der in Abteilung 350 von Evin saß, hielt an und schließlich wurde er am 17. Oktober 2009 aus unbekannten Gründen in eine Einzelzelle in Abteilung 2A verlegt. Saremi’s Drangsal endete am 29. Dezember 2009. Seine Tortur dauerte 26 Monate, davon 9-10 in Einzelhaft, und das auf Grund eines zeitweiligen Haftbefehls; Folter, endlose Verhöre, Beleidigungen, Todesdrohungen eines Vernehmungsbeamten namens Alavi, Verschiebungen von Gerichtshandlungen und ein übermäßig langer Ermittlungsprozess. Ein Justizbote übergab dem 62-jährigen politischen Gefangenen ein Todesurteil.
Nachdem er 20 der letzten 30 Jahre in Haft verbracht hatte, verstand Saremi, daß er den Strick zu erwarten hatte. Einen Tag nach der Übergabe des Briefs durch den Justizboten brach der alte politische Gefangene sein gewohntes Schweigen und schrieb einen Brief an seine iranischen Mitbürger, nachdem er Tausenden illegaler Akte und Verletzungen seiner Rechte ausgesetzt war, einen Brief, geschrieben von einem Mann, der zwanzig Jahre lang im Gefängnis saß und durchgehend unter Menschenrechtsverletzungen litt:
„Gleichzeitig mit der ständig wachsenden Woge der berechtigten Erhebung des iranischen Volkes für Freiheit und die Rettung unseres Landes aus den Klauen der Unterdrückung sucht das Regime, eine Reihe unschuldiger Menschen zu verhaften und sogar zu morden, um in den Herzen der menschen und der Jugend Angst und Schrecken zu verbreiten, in der Hoffnung, so ihre Wut und ihre Proteste abbiegen zu können. Aus diesem Grund gibt es Anzeichen, vielleicht schon beginnend mit dem Todesurteil gegen mich gestern, daß das Regime einen weiteren Plan für ein Massaker gefasst hat.
Dies während ich – selbst nach den Gesetzen dieses Regimes – keinerlei Verbrechen begangen habe, außer daß ich vor mehr als 2 Jahren meinen Respekt bezeugt und für die ermordeten politischen Gefangenen gebetet habe, die in den Massengräbern von Kharavan liegen.
Es ist deutlich, daß mein Todesurteil jeder rechtlichen Basis entbehrt und daß es das einzige Ziel meiner Hinrichtung ist, die Bürger und die Jugend dieses Landes zu erschrecken und sie davon abzuhalten, ihre Forderungen weiter zu verfolgen. Deshalb erachte ich es in diesen Tagen des Gedenkens an das Martyrium des Imams Hussein als angemessen, diese Worte zu wiederholen, die der Führer der freiheitsliebenden Menschen (Imam Hussein) begeistert gesprochen hat:
Wenn Mohammad’s Weg und jetzt das Schicksal unseres eigenen Landes keinen Frieden erwarten kann außer durch das Vergießen meines Blutes und des Blutes von Leuten wie mir, dann die Schlingen an den Galgen – hängt mich jetzt!
Mein Blut ist nicht anders als das Blut von Neda und der anderen jungen Menschen, deren Blut tagtäglich auf den Straßen vergossen wird. Dies wird die Berechtigung unseres Wegs nur verstärken und unsere Furchtlosigkeit und unseren Stolz, besonders in den Tagen von Moharram und ganz besonders weil unser Blut an den Händen der grausamsten aller Menschen klebt.
Am Ende möchte ich alle Menschen auf der Erde und alle Menschenfreunde darauf aufmerksam machen, daß das Regime mich, Leute wie mich, Jugendliche und Gefangene an den Galgen bringt, um das Volk mit unseren Leichen zu verängstigen und zu erschrecken, genau wie es Ibn Ziad getan hat.
Der Chefankläger von Teheran und Sprecher der Maljis, Larijani, und andere kriminelle Beamte haben diese Schamlosigkeit auch schon im Fernsehen wiederholt, um das Volk zu erschrecken. Dabei gibt es keinen Zweifel, daß solche Sätze und Drohungen auf meiner Seite und der meiner Mitkämpfer nicht das geringste Zurückweichen auf dem Weg zu einem freien Iran bewirken werden.
Und als Vater, der 23 Jahre seines Lebens in den Gefängnissen dieses Regimes und seiner Vorgänger verbracht hat, um die Freiheit seines Vaterlandes zu verteidigen, erkläre ich an die Adresse von Larijani und anderer Krimineller: Während eurer Existenz müsst ihr ein reines Leben führen. Wie verdorben wäre ich, würde ich verfehlen, meinen Glauben so fest und stark zu machen wie einen Fels. Ein höheres Vermächtnis, das den leblosen Dreck weit überragt.“

Was ist aus einem Land geworden, wenn ein 62-jähriger Mann, der 2 Jahrzehnte im Gefängnis gesessen hat, jetzt zum Tode verurteilt wird und alle Rechte verliert nur wegen einer rachsüchtigen Laune von Geheimdienst- und Justizbeamten?

Deutsche Übersetzung: Günter Haberland, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

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