Karroubis Interview mit Rah-e Sabz (Mai 2010)

Veröffentlicht bei Enduring America am 27. Mai 2010
Quelle (Englisch): http://enduringamerica.com/2010/05/27/iran-document-karroubi-aligning-the-green-movement-inside-and-outside-country/

Herr Karroubi, ein Jahr ist seit dem ereignisreichen Monat Khordaad 1388 (22. Mai – 21. Juni 2009) vergangen. Dieser Monat gilt bereits als historisch für Iran: Der epische Wahlsieg Mohammad Khatamis am 2. Khordaad 1376 (23. Mai 1997), der mutige Widerstand, der zur Befreiung der südiranischen Stadt Khoramshahr am 24. Mai 1982 führte, die Bewegung 15. Khordaad (5. Juni 1963), und die hochumstrittene und viel diskutierte Wahl vom 12. Juni, in deren Folge sich die Grüne Bewegung des Volkes formierte. Ist es möglich, eine erklärbare Verbindung zwischen diesen Ereignissen zu finden?

Die Wurzel und die Basis dieser (Islamischen) Revolution war der 15. Khordaad, den ihr Begründer (Imam Khomeini) als Beginn der (Islamischen) Revolution und als unvergesslich bezeichnet hat. Der Khordaad ist ein ereignisreicher Monat. Was für uns aber noch wichtiger ist, ist, dass diese Ereignisse untersucht werden müssen. Zum Beispiel muss auch die Präsidentschaftswahl von 2005 neu untersucht werden. Es war eine Wahl, bei der wir als Reformer an der Regierung waren, bei der wir aber aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, alles verloren haben. Das Resultat war, dass das Land diesen Leuten und dieser Gruppe in die Hände fiel, und jetzt tragen das Volk und das Land die Konsequenzen und die daraus erwachsenen Härten.

Sie sagen, dass es im Jahre 2005, als Ahmadinejad und Hashemi Rafsanjani die zweite Runde der Wahlen erreichten, gewisse Dinge passierten, die dazu führten, dass die Reformer alles verloren. Im letzten Jahr vor der Wahl, als ich Sie in einem Interview fragte, ob Sie sich gemäß der Hypothese, dass „Revolutionen ihre Kinder fressen“ als die Gefressenen oder die Fressenden bezeichnen würden, haben Sie lächelnd geantwortet: „Ich bin keiner derer, die gefressen werden, und ich würde nie mitansehen wollen, wie ein Kind dieser Revolution gefressen wird.“ Sind Sie immer noch dieser Meinung, oder glaubten Sie damals, dass man trotz der umstrittenen Wahl von 2005 darauf hoffen konnte, dass die radikalen Kräfte abtreten?

Nach dem Tode Imam Khomeinis haben wir erwartet, dass wir von gewissen Personen isoliert werden würden. Solche Umstände hingegen haben wir niemals kommen sehen. Die gegenwärtige Situation ist allerdings nicht nur für uns schwierig, sondern auch für den Rest des Landes. Auch wenn ich diese Situation erwartet habe, erleben wir gerade, dass der Fall (dass die Kinder der Revolution gefressen werden) für die Mehrheit der ersten Generation der (Islamischen) Revolution eingetreten ist, und zwar wegen eines Menschen, der derzeit die Exekutive des Landes leitet. Wäre dieser Mensch vom Volk ernannt worden, würde diese Situation sie nicht belasten, da sie sowohl legitim als auch legal wäre.

Die Grüne Bewegung geht in ihr zweites Jahr. Was sind Ihrer Meinung nach die Stärken und Schwächen der Grünen Bewegung?

Was meine eigenen Handlungen und Äußerungen betrifft, bin ich absolut zufrieden und glücklich. Wenn ich nach Meinung der Behörden radikal aufgetreten bin, so ist das ein Resultat ihres eigenen Verhaltens gewesen. Da ich mich niemals von meinen revolutionären Idealen distanziert habe, habe ich auch niemals radikal gehandelt. Im vergangenen Jahr habe ich immer entsprechend meiner Verantwortung gegenüber einem Volk gehandelt, dessen Rechte übergangen worden waren. In einer dieser Fernsehdebatten vom letzten Jahr hatte ich gesagt, dass ich auf den Jihad vorbereitet und bereit sei, auf diesem Weg jeden Preis zu zahlen. Schon in der Nacht, nachdem ich als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde, wusste ich, dass es ein steiniger Weg werden würde, aber es war notwendig und wichtig, dass ich mich zur Wahl stelle, um die Auflösung verschiedener Parteien zu verhindern.

Was ist mit den anderen? Sie, Moussavi und Khatami treten einzeln auf und geben Ihre Statements einzeln ab. Glauben Sie, dass wir im zweiten Jahr der Grünen Bewegung damit rechnen können, gemeinsame Statements von zwei oder drei Personen zu hören?

Ich glaube, dass jeder von uns seine eigene Rolle ausfüllen und seine eigenen Aktivitäten verfolgen muss. Wenn die Notwendigkeit für ein gemeinsames Statement besteht, so muss das natürlich erfolgen. In einer bestimmten Frage hatte ich einen Vorschlag gemacht, der auch begrüßt wurde. Er wurde dann aber nicht umgesetzt, weshalb ich allein aktiv geworden bin.

Sehen Sie einen Grund dafür, einen Führungskern für die Bewegung zu bilden? Was ist Ihre Strategie für die Führung der Bewegung?

Zunächst einmal ist dies eine Volksbewegung, und ihre Führer sind die Menschen. Die Bewegung nimmt die Richtung, die von den Menschen gewünscht wird. Die Menschen kontrollieren den Puls der Bewegung. Wenn diese Bewegung einen anderen Führer hätte als das Volk selbst, würde die Gegenseite diesen Führer sofort beseitigen. Wenn Herr Moussavi und ich ein vierköpfiges Komitee bilden würden – Herr Beheshti und Herr Moghaddam von Herrn Moussavi ernannt, Herr Alviri und Herr Amini von mir – das sich um die Belange der Opfer der Ereignisse nach der Wahl kümmern soll, dann wären sehr schnell drei dieser vier Männer verhaftet und im Gefängnis, ihre Aktivitäten wären gestoppt. Unter solchen Bedingungen kann nur das Volk die Bewegung führen.

Kritische Zeitungen und politische Parteien sind geschlossen worden. Wie sehen Sie als Vorsitzender einer politischen Partei die Zukunft der Bewegung? Welche Möglichkeiten hat die Grüne Bewegung unter der völligen Kontrolle und Dominanz des Militärs und der Sicherheitskräfte noch, um spürbar präsent zu sein und zu bleiben?

Der erste Teil der Frage hat etwas mit der vorigen Frage zu tun. Diese Herrschaften (die Behörden) haben noch nicht einmal ein einziges Parteibüro toleriert. Sie haben nicht einmal eine Parteizeitung toleriert. Sie haben nicht toleriert, dass Menschen in mein Büro kamen, um mich zu treffen. Sie haben die wenigen Zeitungen und Magazine, die sie als „Außenseiter“ bezeichnen, nicht toleriert. Die Behörden sind so absurd und ängstlich geworden, dass sie meine Besucher dazu zwingen, schriftlich zu versichern, dass sie mich nie wieder besuchen werden. Sie können nicht einmal ein Wochenmagazin tolerieren. Sie können unsere öffentliche Anwesenheit und unsere Anwesenheit bei offiziellen Anlässen nicht tolerieren, und sie schicken Menschen, die die Veranstaltungen stören oder uns angreifen sollen.

Zur Beantwortung des zweiten Teils Ihrer Frage muss ich sagen, dass allein die Tatsache, dass die Bewegung vor jeder Zeremonie oder Veranstaltung ihre Teilnahme bekannt gibt, ein Zeichen dafür ist, dass sie kämpft und ihren Weg weitergeht. Das Streben der Bewegung nach Veränderung ist ein Zeichen ihrer Lebendigkeit und Präsenz. Andererseits müssen wir standhaft zu unseren Äußerungen stehen und dementsprechend handeln, und wir müssen auch bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. Die Tatsache, dass die Behörden Pläne für den Jahrestag des Todes von Imam (Khomeini) macht, aber auch die hohen Sicherheitsvorkehrungen bei Zeremonien und Ausstellungen sind tatsächlich Anzeichen dafür, dass die Bewegung lebt. Ebenso wie die Tatsache, dass sie mich daran hinderten, an einer religiösen Zeremonie für den Märtyrertod von (der Tochter des Propheten Mohammad) Zahra – Friede sei mit ihr – teilzunehmen. Viele bewaffnete Kräfte waren mit Knüppeln, Dolchen, Steinen usw. ausgestattet, um mich an der Teilnahme zu hindern. All diese Dinge bedeuten, dass wir präsent sind und die Bewegung lebt und weiter leben wird.

Bis zu welchem Punkt werden Sie weiterhin Statements veröffentlichen und Planungen für bestimmte notwendige Maßnahmen vermeiden?

Unserer Bewegung ist eine zivile Bewegung. Sie ist nicht bewaffnet oder gewalttätig. In welchem Statement habe ich je etwas gesagt, an das ich mich nicht gehalten habe? Habe ich mich nicht unter die Menschen begeben, sooft ich die Möglichkeit hatte? Sie haben meinen Söhnen Ausreiseverbot erteilt. Sie haben zwei Mal mein Haus überfallen. Sie haben mein persönliches Büro geschlossen, meine Partei und meine Parteizeitung verboten. Sie haben die Publikation Irandokht verboten, die dem Institut meiner Frau angehörte. Sie wollten mich in Qazvin ermorden. Sie haben einen meiner Söhne überfallen und ihn in der Haft schwer verletzt. Bei mehreren Demonstrationen haben sie mich und meine Leibwächter angegriffen. Sind all dies Ihrer Meinung nach keine Aktionen? Sie haben viele mir nahestehende Menschen verhaftet. Die Machthaber müssen wissen, dass Mehdi Karroubi bereit ist, für dieses Anliegen jeden Preis zu zahlen.

Eine der Forderungen, die in diesen Statements immer erwähnt wird, ist die Forderung nach freien Wahlen. Besteht die Hoffnung, dass es eines Tages parteibasierte Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen geben wird? Glauben Sie, dass die Auffassung von „Parteien“ in der Zukunft des Iran einen Platz haben wird? Wenn wir von politischen Parteien sprechen, meinen wir dann eine Partei, die imstande ist, auf der Grundlage ihrer Wählerstimmen Einfluss auf den Staat zu nehmen?

Das sollten wir anstreben, aber wir stehen noch vor zwei schwierigen Hindernissen. Das erste ist das Regime, das etwas derartiges nicht will, und das zweite ist, dass die politischen Gruppen Arbeit in Organisationen nicht gewöhnt sind. Ich habe oft gesagt, dass diese Gruppen parteibasierte Aktivitäten entweder nicht wollen oder vermeiden. Parteibasierte Arbeit ist im Iran ziemlich schwierig, und wir brauchen Zeit, um zu lernen, wie man das macht.

Ihnen wird die Verwendung des Ausdrucks „Boot des Regimes“ in der Literatur der Grünen Bewegung zugeschrieben. Einige denken jedoch, dass Sie derjenige sind, der dieses Schiff verlassen hat. Wohin bewegt sich dieses Boot oder Schiff der Islamischen Republik?

Es ist tatsächlich ein Boot, und es hat die Kapazität eines Bootes und kann nicht 75 Millionen Menschen aufnehmen. Dieses Boot kann nicht einmal kleinen Stürmen oder Wolken standhalten. Ich hoffe, dass dieses Boot eines Tages zu einem Schiff wird, das das gesamte iranische Volk tragen und aufnehmen kann.

Sie waren unter dem Vorgänger-Regime inhaftiert. Hat sich die Situation der Gefängnisse und Gerichte im Iran seither verbesert oder verschlechtert?

Das Problem mit dem vorigen Regime bestand in der Korruption. Es gab eine Revolution, und neue revolutionäre Kräfte sind aufgestiegen. Trotzdem ist diese Revolution zu einem Boot geworden – exklusiv, und die Menschen in diesem Boot wollen es für sich allein und ihre eigenen Interessen haben. Sie sind gegen das Volk vorgegangen, um es aus dem Boot herauszuhalten. Eine kleine Gruppe kontrolliert das Management des Landes, und weil sie unfähig sind, das Land zu führen, versuchen sie, Druck auf das Volk auszuüben und steigern diesen Druck nun. Die Situation hat sich verschlechtert. Damals (in der Zeit vor der Revolution) gab es keine Versammlungen vor Häusern von Revolutionären, Gefangene wurden nicht so behandelt wir Herr Nourizad jetzt behandelt wird. Dies ist der Beginn weiterer Abschweifungen. Weil die Gruppe, die zur Zeit das Land regiert, keine Basis im Volk hat, versucht sie, durch Druck auf das Volk Legitimität zu erlangen. Die Kettenmorde (der 90er Jahre) haben mit der Zeit um sich gegriffen, so dass (wahre revlutionäre) Kämpfer wie Dariush Forouhar von denselben Leuten umgebracht wurden (die heute an der Macht sind). Viele andere hätten von ihren Händen sterben können, wäre man nicht dagegen vorgegangen. Diese radikalen Aktionen müssen aufhören. In der Schah-Ära gab es keine Republik. In der Islamischen Republik werden alle als gleich angesehen. Gemäß der iranischen Verfassung ist sogar der Führer mit dem Volk gleichzusetzen. Aber jetzt fangen bestimmte impulsive Handlungen an.

Sie sagen, dass gemäß der Verfassung selbst der Führer mit dem Rest des Volkes gleichzusetzen ist. Was tut der Expertenrat dann? Tut er irgendetwas für die Menschen, tut er außer reden sonst noch etwas für seine in der Verfassung ausgewiesenen Pflichten? Warum schwiegen die Expertenversammlung und ihr Chef, nachdem ein Teil der Versamlung sich dem Führer gegenüber kritisch geäußert hatte und Drohungen erhielt und sogar von Zivilmilizen angegriffen wurde?

Unter Imam (Khomeini) hatte die Expertenversammlung einen bestimmten Weg und einen bestimmten Mechanismus. In seiner ersten Amtszeit waren bekannte und qualifizierte geistliche Autoritäten in der Versammlung vertreten. Dieselbe Versammlung wählte Ayatollah Khamenei nach Imam Khomeinis Tod zum Führer. Im Jahr danach wurde aufgrund von Engstirnigkeit und im Versuch, die Wahl gewisser Personen in die Versammlung zu verhindern, die Verantwortung für die Prüfung von den Lehrern der religiösen Schulen auf den Wächterrat übertragen, dessen Mitglieder vom Führer selbst ernannt waren. Das Schicksal eines Wächterrats, dessen Beobachter die Filter von Personen wie Herrn Jannati durchlaufen müssen, ist klar. Wegen der Handlungen dieser Mitglieder (des Wächterrats) ist der stärkste Punkt in der Verfassung, Artikel 108, zu einem der schwächsten Punkte geworden. Es liegt nicht an einzelnen Personen oder an der Zeit, sondern daran, welche Bedeutung ein Gremium wirklich hat. Vor einiger Zeit habe ich wegen der Aufgaben des Wächterrats an Herrn Hashemi Rafsanjani geschrieben.

Bitte beschreiben Sie in einem Satz, wie Sie sich bei diesen wichtigen Demonstrationen gefühlt haben:

15. Juni: Ich war glücklich wegen der enormen Welle und der Präsenz der Menschen. Aber als ich nachts hörte, dass viele Menschen getötet worden waren, konnte ich nicht glauben, dass sich eine solche Misshandlung von Menschen in der Islamischen Republik ereignete, und ich war sehr traurig.

20. Juni: Ich war extrem traurig wegen der Morde, die an diesem Tag passierten.

Qods-Tag (18. September): Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Menschen an diesem Tag zu den Demonstrationen kamen.

4. November: An diesem Tag wollte ich an den Kundgebungen teilnehmen, aber sie schnitten uns den Weg ab und setzten Pfefferspray gegen uns ein. Einer meiner Leibwächter wurde dabei verletzt. Als wir nach Hause kamen, erfuhr ich, dass viele Menschen verhaftet und getötet worden waren. Ich konnte nicht glauben, dass dieses harte Vorgehen gegen die Menschen weiterging, und ich fragte mich, warum die Menschen in dieser Weise misshandelt werden.

Ashura (27. Dezember): Schon morgens habe ich mir Sorgen gemacht. Ich habe an diesem Tag an einer religiösen Zeremonie teilgenommen, aber noch als ich dort war, hörte ich, dass eine Person von einer Brücke geworfen worden war und dass mehrere Menschen von einem Polizeiauto überfahren worden waren. Das hat mich sehr traurig gemacht, und das Gefühl wurde immer stärker. Was mich besonders betrübt hat war, dass all dies an Ashura, einem religiösen Fest, passierte, dass sie an einem Tag der Trauer über den Märtyrertod von Imam Hussein (Friede sei mit ihm) Menschen töteteten – an einem Tag, dessen Heiligkeit immer respektiert werden muss.

22. Bahman (11. Februar): Ich war auf alles gefasst. Als ich mich der Menschenmenge anschloss, wurde sie brutal angegriffen. Sie setzten Pfefferspray gegen uns ein, ich konnte stundenlang meine Augen nicht mehr öffnen. Eine Woche lang hatte ich Augenschmerzen und Probleme mit den Atemwegen. Als wir nach Hause kamen, hörte ich, dass es Zusammenstöße gegeben hatte und dass viele Menschen verhaftet wurden. Und ich erfuhr, dass mein Sohn Ali inhaftiert wurde. Ich war sehr traurig über das, was passiert ist und konnte nicht glauben, dass an den Kindern des Landes eine solche Gewalt verübt wurde.

Herr Karroubi, Sie besuchen viele bekannte politische Gefangene und fühlen mit ihren Familien. Zum Beispiel haben sie die Familien von Jafar Panahi, Mohammad Nourizad und anderen Gefangenen getroffen, die in einen Streik getreten sind. Wie sehen Ihre Pläne bezüglich der vielen unbekannten Studenten und Gefangenen aus, wie z. B. Majid Tavakoli, der weder Politiker noch Künstler ist?

Leider ist die Situation der unbekannten Gefangenen sehr besorgniserregend. Wie ich schon sagte, hatten wir eine Kommission eingerichtet, um den Status der Gefangenen zu untersuchen, aber nicht einmal das wurde toleriert, und sie haben die Mitglieder dieser Kommission, die anderen Gefangenen helfen sollte, ins Gefängnis gebracht. Die Gefangenen, deren Familien großen Härten ausgesetzt sind, haben mir immer am Herzen gelegen. Ich habe mit der Familie von Majid Tavakoli gesprochen. Ein Student, der sich mit seiner Kritik innerhalb der Grenzen der Verfassung bewegt, verdient dafür keine Inhaftierung. Ich habe mit den Familien einiger Gefangener aus kleineren Städten telefoniert. Die Menschen verdienen eine solche Behandlung nicht. Aber ich bin sicher, dass die Schmerzen, die die Familien und Mütter dieser unbekannten Gefangenen ertragen müssen, sehr viel Anerkennung verdienen.
Sie haben sich in Ihren Statements auf Fotos und Videos bezogen, die infolge des Verantwortungsbewusstseins und Bürgersinns von Menschen aufgenommen wurden, die die Gewaltanwendung an normalen Bürgern dokumentieren wollten. Diese Bilder und tausende weitere Fotos und Filmen wurden im nationalen Fernsehen niemals gezeigt, sie entstanden nur, weil normale Bürger sie mit ihren Handy-Kameras aufnahmen und auf Webseiten, Weblogs und sozialen Internet-Netzwerken wie Facebook und Twitter verbreiteten. Haben Sie diese Videos selbst gesehen, und wissen Sie, dass es im Internet heftige Proteste gegen die Ihren Leibwächtern auferlegten Einschränkungen gibt? Die Jugend hat aus freien Stücken eine Kampagne gestartet und erklärt, sie sei bereit, als Leibwächter für Mehdi Karroubi oder Mir Hossein Moussavi zu fungieren. Ich würde gern ihre Meinung über die von Bürgerjournalisten gebildete Bewegung hören, die es sich zum Ziel gesetzt hat, über die Gewalt auf den Straßen zu informieren und ein Zeichen symbolischer Solidarität zu setzen.

Ja, ich war traurig und habe mich für die Gewaltanwendung in der Islamischen Republik geschämt, denn nicht einmal unter dem korrupten Schah-Regime wurden die Menschen so behandelt. Ich habe das in meinen Briefen unzählige Male erwähnt. Als wir Videos über die Gefolterten machten, haben wir sie vorher gebeten, niemals etwas zu sagen, nur weil es uns gefallen würde, sondern immer an Gott zu denken und zu wissen, dass nichts vor ihm verborgen bleibt und dass jeder Mensch verantwortlich ist und für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Beim Anblick ihrer blau-schwarzen Körper taten sie mir sehr leid, und ich war traurig darüber, dass die Menschen so behandelt wurden, nur weil sie gegen das Wahlergebnis protestiert hatten. Wir haben nicht versucht, Beweismaterial zu konstruieren oder es an irgendjemanden weiterzugeben. Wir haben von den Videos zwei Kopien gemacht und behielten eine Kopie bei uns für den Fall, dass der Gefolterte unter Druck gesetzt werden und seine früheren Aussagen widerruft. Und ihre Terrorisierungen waren auch effektiv, denn manche von ihnen wurden derart schlimm gefoltert, dass sie ihre eigenen Worte abstreiten mussten. Manche waren sogar gezwungen, aus dem Land zu fliehen, andere beschlossen, ihre Foltervorwürfe nicht weiter zu verfolgen, nachdem ihnen klar wurde, wie unsicher sie lebten.

Was meine Leibwächter angeht, so war ich sehr froh, als ich hörte, dass solche Vorschläge von der Jugend kamen. Aber es war nie mein Wunsch, andere zu behelligen, und ich wurde überall, wo ich hinging, von meinen Söhnen begleitet. Ich möchte mich bei der Jugend für ihre Anstrengungen bedanken, die sie dem Weg des Landes zu Größe widmen, und ich wünsche ihnen allen Wohlstand und gute Gesundheit.

Meine nächste Frage bezieht sich auf die Oppositionsbewegung, die von Iranern außerhalb des Landes gebildet wurde. Haben die Führer der Grünen Bewegung eine Agenda, um die Kräfte innerhalb und außerhalb des Landes zu organisieren? Warum nutzen Sie dieses große Kapital aller Iraner in diesem Kampf nicht?

Im Land hat sich eine Bewegung gebildet. Iraner außerhalb des Landes sind dazugestoßen und unterstützen diese Bewegung. Die Bemühungen und Aktionen der Iraner außerhalb des Landes sind lobenswert, aber wir müssen auch die Situation innerhalb des Landes berücksichtigen. Ich würde die Iraner im Ausland gern bitten, bei der Formulierung ihrer Forderungen, Erwartungen und Parolen bestimmte Fragen zu berücksichtigen. Leider haben gewisse radikale Aktionen außerhalb des Landes Auswirkungen im Iran selbst, und leider verwendet das Regime sie als Werkzeug, um die Kräfte im Iran zu unterdrücken. Die Iraner im Ausland übermitteln die Botschaft der Menschen im Iran an andere Länder und Nationen, und ich hoffe, dass die sowohl die Parolen, die aus dem Iran kommen, als auch die Parolen, die aus dem Ausland kommen, sich aneinander angleichen werden. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir von Menschen infiltriert werden, die radikale Parolen rufen und den Behörden damit einen Vorwand liefern, um hart gegen die Volksbewegung vorzugehen. Diese Bewegung wird bestehen, und die Menschen im Iran und im Ausland werden sich nach und nach aufeinander einspielen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dieser Sieg Zeit braucht.

Gewisse liberale Flügel der Grünen Bewegung stellen Fragen über die Islamische Revolution von 1979 und fragen offen danach, warum Totalitarismus und interessensbasierte Unterdrückung in den Worten des Revolutionsführers von Anbeginn der Revolution an wieder auftauchten.
Als Sie die Verbrechen, die nach der Wahl geschahen, enthüllten, sind Sie mutig vorgetreten und haben die Wahrheit nicht den Interessen geopfert. Sie hatten sich schon vorher gegen die Ungesetzlichkeit gewisser Restriktionen ausgesprochen, wie zum Beispiel gegen den Auswahlprozess des Wächterrats, aber das sind ja nicht alle Ungerechtigkeiten, die die Revolution im Iran unter dem Versprechen, einen Himmel auf Erden zu errichten, mit sich gebracht hat. Man wird Ihnen Fragen über die ersten zehn Jahre der Revolution und über Imam Khomeinis Führerschaft mit ihren verschiedenen Aspekten stellen. Wenn Sie offen und frei darauf antworten, werden gewisse Unterstützer der Bewegung unzufrieden sein (diejenigen, die in ihren Gedanken nicht weit genug gehen und noch nicht fähig sind, sich aus den Ketten des Personenkults zu befreien und selbstkritisch zu sein). Wenn Sie aber nicht fair reagieren und bestimmte Erwägungen und Versuche berücksichtigen, den Diskurs über Imam Khomeini und die Ereignisse in den ersten zehn Jahren der Revolution von allem Negativen zu befreien, werden Sie damit einen anderen Flügel der Grünen Bewegung verärgern (den Flügel, der aus mindestens zwei Gruppen besteht: Einer Gruppe, die der Vergangenheit noch immer zürnt und nur die Finsternis dieser Zeit sehen kann, die nicht einmal eine faire Erinnerung an die guten und schlechten Aspekte jener Tage zulassen kann; und einer Gruppe, die sich um Unvoreingenommenheit und Aufklärung bemüht, nach vorn schaut und sich von vorübergehenden Urteilen befreien will). Eine Moderation ist unter solchen Umständen ziemlich schwierig und kann nur von mutigen Führungspersonen geleistet werden. Vor diesem Hintergrund würde ich Sie gern nach Ihrer Bewertung der ersten Dekade der Revolution und der Führung Imam Khomeinis fragen und von Ihnen wissen, inwieweit Sie die gegenwärtigen Probleme Irans als verwurzelt in der damaligen politischen Handlungs- und Denkweise ansehen.

Wir müssen das Problem genau betrachten und herausfinden, welche Aspekte davon in der Vergangenheit verwurzelt sind und welche erst in jüngster Zeit geschaffen wurden. Die erste Dekade der Revolution war eine Dekade des Widerstands, der Opfer etc.
Ich denke, die ernsten Probleme, vor denen wir jetzt stehen, entstanden nach dem Tode Imam Khomeinis. Zum Beispiel fanden die Sitzungen des Expertenrates immer am selben Ort statt wie die des früheren Parlaments. Doch nach dem Tode Imam Khomeinis und allen früheren Regeln zum Trotz wurden diese Sitzungen in einer Moschee abgehalten. Ein weiteres Beispiel: Während der Wahlen zwischen den Präsidentschaftswahlen [? „mid-term elections“] disqualifizierte der Wächterrat viele politische und religiöse Persönlichkeiten im Namen der Überwachung der Wahl. Die von Imam Khomeini gegründete Revolution ist von wenigen Menschen von ihrem Weg abgebracht worden. Nach dem Tode Imam Khomeinis begannen die Verfälschungen.

Bei dieser letzten Präsidentschaftswahl – die eher eine Verabredung war als eine richtige Wahl – waren die Wählerstimmen vorher geschätzt worden, und die Stimmen waren auf eine ziemlich interessante Weise aufgeteilt worden. Das muss noch weiter untersucht werden.

Jedenfalls stehen viele Menschen Ihren Ansichten kritisch gegenüber. Was halten Sie für den wichtigsten gemeinsamen Nenner für Sie und die Generation, die einen anderen Geschmack, andere Überzeugungen und sogar ein anderes Erscheinungsbild hat als Sie, die sich aber unter dem Banner der Bewegung zusammengeschlossen hat und sich Ihnen – einem Geistlichen – sogar nahe fühlt?

Das Streben nach Gerechtigkeit, die Verwirklichung der Bürgerrechte, und Würde und Größe für Iran.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

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