Video: Bericht eines Gefangenen in Rajai Shahr

Veröffentlicht bei http://persian2english.com/ am 29. Mai 2010
Quelle (Englisch): http://persian2english.com/?p=11226

Vorbemerkung: Dieses Video hat bei mir einen gemischten Eindruck hinterlassen. Insgesamt erscheint mir der Text an vielen Stellen nicht ganz schlüssig, er wirft viele Fragen auf: Wer ist dieser Gefangene, wie war es möglich, ein solches Video im Gefängnis aufzunehmen und herauszubringen, warum wird der Gefangene namentlich genannt, wo er doch noch immer im Gefängnis ist und den Reaktionen der Gefängnisverwaltung wehrlos ausgeliefert ist? Auch Sätze wie „schließlich konnte ich sie überzeugen, mich operieren zu lassen“ wirken auf den ersten Blick wenig schlüssig.

Wir kennen die Umstände nicht, unter denen dieses Video entstand und aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde, und wir können nicht beurteilen, ob das Video seriös ist oder nicht. Wir können nur vermuten, ob dieser Gefangene in politischer Gefangener ist oder nicht, ob alles, was er beschreibt, tatsächlich ihm selbst zugestoßen ist oder nicht, und was ihn dazu bewog, dieses Interview derart personalisiert an die Öffentlichkeit bringen zu lassen. Es sind brisante Enthüllungen, die uns ohne jeglichen Kontext präsentiert werden. Das kann verschiedene gute Gründe haben, bedeutet aber auch, dass wir nicht wissen, wie dieses Video insgesamt einzuschätzen ist.

Was Bahram Tasviri Khiabani beschreibt, ereignet sich in iranischen Gefängnissen tatsächlich. Und es ist nicht weniger schrecklich, wenn es einem Kriminellen oder Drogensüchtigen angetan wird, als wenn das Opfer ein politischer Gefangener ist. Darum habe ich mich nach längerem Überlegen entschlossen, den Text zu übersetzen, möchte aber meine Vorbehalte nicht verschweigen.

HRANA: Dokumentation/Videoaussage von Bahram Tasviri Khiabani, einem Gefangenen im Rajai-Shahr-Gefängnis in der Stadt Karaj, der gefoltert und vergewaltigt wurde.

HRANA News – Ein Gefangener im Gefängnis Rajai Shahr in der Stadt Karaj spricht über die von ihm erlittenen Misshandlungen und sexuellen Übergriffe. Er hofft, dass seine Geschichte und die von ihm erlittenen Ungerechtigkeiten verbreitet werden.

Dieses Video wurde Ende des Monats Ordibehesht (etwa 20. Mai 2010) im Gefängnis Rajai Shahr in Karaj aufgenommen. Aus Sicherheitsgründen können wir nichts darüber sagen, wie wir an das Video gelangt sind. Die Person, die im Video zu sehen ist, wird noch immer im Gefängnis Rajai Shahr festgehalten.

Dieses Video ist ein klarer Hinweis auf die unmenschliche Behandlung von Gefangenen. HRANA wird weitere Videos mit Interessensgruppen veröffentlichen.

Verzögerungen im Ton sind auf die Originalaufnahme zurückzuführen.

****

Im Namen Gottes, ich bin Bahram Girovani [sic], Sohn des Mohammad. Ich bin zum Sicherheitsbüro gegangen, um Beschwerde wegen eines Vorfalls einzureichen. An dem Tag, an dem ich dorthin ging, wurde Herr Akharian (der Leiter der Abteilung 1 von Rajai Shahr) ärgerlich und drohte mir. Er schlug mich sogar, obwohl ich in bat, es nicht zu tun.

Ich bat ihn, er möge mir bitte erlauben, mit meiner Familie in Kontakt zu treten. Er sagte, er würde das selbst erledigen und fragte nach der Telefonnummer. Er bekam die Nummer und rief meine Mutter an. Er sagte meiner Familie, Bahram sei tot, und sie sollten ins Krankenhaus kommen und die Leiche abholen.

Mir wurde gesagt, dass meine Mutter einen Herzinfarkt bekam, als sie diese Nachricht hörte, und dass sie sehr krank wurde. Meine Familie ging ins Krankenhaus, wo man ihnen sagte, dass ich nicht tot bin. Sie merkten, dass man sie belogen hatte.

Ich wurde gefragt, wem ich meine Telefonnummer gegeben hätte, und ich sagte, ich hätte sie Herrn Akharian gegeben. Sie sagten, sie würden mich fünf Tage dabehalten, und nach einer Woche bat ich sie, mich mit meiner Familie sprechen zu lassen und mir meine Medikamente zu geben. Ich war in ärztlicher Behandlung gewesen und musste ungefähr 15 Tabletten nehmen, aber sie haben mir die Tabletten weggenommen.

Ich fühlte mich nicht gut und bettelte, mit einem Verantwortlichen sprechen zu dürfen, aber sie erlaubten es nicht. Ich wurde körperlich und mental so krank, dass ich sterben wollte. Ich versuchte, mich selbst anzuzünden, aber sie hielten mich davon ab und sprühten Tränengas in meine Zelle. Dann öffneten sie die Tür und schlugen mir mit Schlagstöcken ins Gesicht. Sie hatten das Feuer mit einem Feuerlöscher gelöscht. Als sie das Tränengas auf das Gas aus dem Feuerlöscher sprühten, konnte ich nichts mehr sehen. Ich fühlte mich, als würde ich erblinden, und ich konnte kaum atmen.

Dann öffneten sie plötzlich die Tür und begannen, mich mit hölzernen Schlagstöcken ins Gesicht zu schlagen. Herr Mirzaghayi, Herr Zeynali, Herr Yousefi und Herr Moradi waren gekommen, sie waren es, die mich schlugen. Plötzlich sah ich, dass Herr Moradi ein Messer in der Hand hatte. Ich weiß nicht, ob er es gerade gefunden hatte, oder ob er es mitgebracht hatte, um mich zu erstechen. Ich weiß es nicht.

Ich schlug hart gegen seine Hand, und das Messer fiel zu Boden. Ich hob es auf, um mich zu verteidigen, aber ich hatte keine Chance.

Sie gingen noch heftiger auf mich los, dann brachten sie mich in einen sehr dunklen Raum ohne Kameras [? „with no cameras“]. Sie schlugen mich heftiger, banden mich fest, verbanden mir die Augen, folterten mich, hängten mich auf und führten Schlagstöcke in mich ein. Ich bettelte die ganze Zeit und fragte „Gibt es keinen Gott? Gibt es keinen Propheten?“ Sie antworteten „Wir sind Gott, wir sind der Prophet.“

Ich fragte sie, ob ein Verantwortlicher da sei. Sie sagten, sie hätten die Verantwortung. Herr Mirzaghayi sagte: „Ich habe Befehle. Ich habe Anordnungen von Herrn Akharian, er hat mir erlaubt, alles zu tun was ich möchte.“

Sie schlugen mich weiter mit ihren Schlagstöcken, bis sie meine Beine brachen. Dann wurde ich in einen Raum gebracht und die ganze Nacht dort liegengelassen, ich war immer noch nackt, und meine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden. Ich bekam keine Luft und hatte große Schmerzen wegen meiner gebrochenen Beine. Gegen Morgen bluteten meine Beine stark, und ich bat darum, in die Gefängnisklinik gebracht zu werden, aber sie sagten Nein.

Einen Monat später hatte sich die Wunde in einem meiner Beine bis auf den Knochen entzündet. Schließlich mussten sie mich in die Gefängnisklinik bringen. Der Arzt weigerte sich, mein Bein anzufassen, weil es so stark entzündet war. Ich bat den Arzt inständig, mir zu helfen. Der Arzt sagte, wenn man mich operieren würde, müsste ich dort bleiben, um mich zu erholen, und es sei ihnen verboten worden, mich zur Genesung dortzubehalten. Er wollte mich nicht behandeln, aber ich bettelte, ich küsste seine Hände und Füße.

Dann sagte ich, ich würde eine Beschwerde gegen sie einreichen. Ich fragte, ob Herr Akharian die Anordnung erteilt hätte, und er sagte ja. Akharian hatte angeordnet, dass er mich nicht operieren darf. Herr Gerami und Herr Ali Mohammadi kamen dazu. Sie alle sagten, sie hätten keinen Einfluss, weil sie strenge Anordnung von Herrn Akharian hätten. Also drohte ich ihnen weiter und sagte, ich würde Beschwerde gegen sie einreichen.

Schließlich konnte ich sie überzeugen, mich operieren zu lassen.

Bis zum Tag der Operation wurde ich wieder in Einzelhaft genommen. Ich war vier Tage lang in der Gefängnisklinik.

Herr Mirzaghai kam mich besuchen und sagte: „Die Wunde an der Stelle, wo sie die Schlagstöcke hineingesteckt haben, ist noch nicht verheilt. Zu dumm. Tut es weh? Wir werden es noch schlimmer machen. Warum musstest du dich beschweren? Warum hast du dich bei der Krankenstation beschwert?“

Am Abend vor der Operation gaben sie mir irgendeine Tablette, von der mein Mund vollkommen schief wurde. Ich konnte überhaupt nicht sprechen.

Die Ärzte sagten zu mir: „An dem Tag, an dem du mit diesen Typen Streit bekommen hast, hättest du es besser wissen müssen. Sie waren es, die uns gesagt haben, dass wir dir dieses Medikament geben und das mit dir machen sollen. Jetzt sieh dich an. Du darfst nicht telefonieren. Du darfst nicht reden. Du darfst keinen Besuch haben. Wir kümmern uns um dich, aber du verdienst es nicht mal. Wir sollten dich töten. Genau wie wir es mit Siamak Bandeloo und den anderen gemacht haben, die wir mit einer Injektion getötet haben. Dich sollten wir auch töten.“

Bei der Operation schabten sie einen großen Teil meines Knochens ab, schnitten das Fleisch und machten mir einen Gipsverband.

Als ich gestern herauskam, wurde ich wieder geschlagen. Sie sagten mir immer wieder, ich hätte mich nicht beschweren dürfen. Herr Mirzaghayi schlug mich am ganzen Körper mit einem Schlagstock. Ich flehte ihn an, er solle aufhören, und fragte ihn, warum er mich schon wieder schlägt. Er fluchte und bedachte mich mit sehr schlimmen Ausdrücken, was mich psychologisch fertig machte. Vor den Augen aller Gefangenen nahm er mir meine Würde.

Dann schleifte er mich zu Herrn Akharian. Er sagte mir, er würde mich weiter so behandeln, wenn ich nicht den Mund halte. Er sagte, er würde sogar meine ganze Familie hierher bringen und sie alle ins Gefängnis werden. „Wie kannst du es wagen, dich zu beschweren“, sagte er. Er sagte, sie würden mir helfen, rauszukommen, wenn ich tue was sie sagen. Aber ich weigerte mich. Sie würden mich vernichten, und dieses Mal würden sie mich töten.

Heute brachten sie mich zurück zu Herrn Akharian. Sie drohten mir wieder und sagten, ich solle ihre Forderungen erfüllen. Sie sagten: „Wenn du es nicht tust, erreichst du nichts, und wir werden dich töten und deine Leiche einfach rauswerfen. Es gibt nichts, was du hier tun kannst. Der Vollstrecker [„the law enforcer“] ist auf unserer Seite. Er wird nichts zugeben, was dir zustößt, weder deine gebrochenen Beine, noch den Schlagstock, den wir dir reingesteckt haben. Wir haben hier das sagen. Wir sagen ihnen, was sie sagen sollen.“

Meiner Familien hatten sie gesagt, dass Rajai Shahr unabhängig geführt wird. Es gibt keine Autorität über dem Gefängnis. Was ist wohl mit dem Landesoberhaupt, fragte ich mich. Aber im Gefängnis gibt es keine Regierung. Es gibt keinen Islam. Hier töten sie Menschen, so wie sie Wasser trinken. Sie haben Leute hier schon viel schlimmer gefoltert als mich. Sie schlagen einfach jeden zusammen. Sie haben so viele Leute gefoltert und dann gezwungen, das zu sagen, was sie wollten. Wenn jemand auch nur daran zu denken wagt, sich zu beschweren, werden sie ihn nur noch mehr foltern.

Gefangene werden in dunkle, kameralose [„camera-less“] Räume geworfen, von denen niemand etwas weiß, und sie werden geschlagen. Wenn jemand nach einem Gefangenen fragt, lügen sie und sagen, er sei im Krankenhaus oder sonstwo. In diesem Raum bekommt man kein Wasser, kein Brot, nichts. Es gibt keine Toilette.

Es gibt keine Logik in dem, was die Gefängnisbeamten tun. Dieser Ort ist schlimmer als Kahrizak. Es gibt keine Menschenrechte hier, niemand ist verantwortlich. Es gibt kein Gesetz.

Es gibt nichts hier. Nichts.

Sie töten Menschen, so wie sie Wasser trinken.

Ich weiß nicht. Aber bitte helfen Sie mir.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben.

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4 Antworten zu “Video: Bericht eines Gefangenen in Rajai Shahr

  1. salü Julia

    deine fragen sind für mich nicht zu beantworten. falls dieses Dok echt ist, dann verstehe ich es als eine art kamikaze-aktion. in diesem sinne schlüssig mit der aktion, den brüdern anzudrohen, sie anzuzeigen.

    schätze, der mann ist auch medizinisch direkt gefährdet. seine operationsnarbe wird sich unter dem gips entzünden.

    grüss dich liebes, G.

  2. Liebe Julia,
    in deiner Vormerkung stellst du sehr wichtige Fragen, die man sich auch bei vielen Briefen stellen konnte.

    i) Zu deiner ersten Frage, wie dieses Video zu einschätzen ist:
    1)Hrana gilt eher als vertrauenswürdig.
    2) Du erinnerst dich bestimmt an Kahrizak-Arzt. Darüber hast du vieles übersetzt. Solche Menschen gibt es auch zweifellos in Rajashahr. Eventuell Informanten, die Gefängniswächter, IRIG-Mitglied oder ähnliches sein konnten.
    Versteh mich nicht falsch: natürlich muss man solche Videos immer hinterfragen. Du erinnerst dich bestimmt auch an den Vergewaltigungsvideos die wir schnell als verdächtigt einstuften (ich habe dir ein paar Sätze von Babak-Dads Blog übersetzt). Ich versuche nur zu erklären, warum dieses Video (noch) nicht als verdächtigt gilt.

    ii) warum wird der Gefangene namentlich genannt, wo er doch noch immer im Gefängnis ist?

    Die Erfahrung zeigt, dass je publiker ein politischer Gefangene wird, desto weniger er gefoltert wird. Seine Chancen freigelassen zu werden erhöht sich ebefalls (es gibt natürlich viele Ausnahmen wie Zeidabadi, wobei auch er bestimmt in einer viel dramatischeren Zustand wäre, wenn er nicht so publik wäre). Deshalb war es auch den Menschenrechtlern so wichtig, unbekannte politische Gefangene bekannt zu machen. Es gilt die Regel, wenn Jemand von deiner Familie aus politischen Gründen verhaftet wird, lass dich nicht erpressen. Gib ausländische Medien so viele Interviews wie möglich.

    Es gibt Fälle, in denen die Familie der Personen denen die Todesstrafe drohte versprochen wurde, dass wenn sie keine Interviews gäben, ihr Kind nicht nur eine Verminderung kriegt, sondern auch möglichst bald freigelassen wird. Solche Personen wurden häufiger getötet, als diejenigen deren Familie die Interviews gaben.

    Es tut mir Leid, ich konnte keine kürzere Erklärung geben.

    Liebe Grüße

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