Tagesarchiv: 13. Juni 2010

Rooz: Exklusivbericht über den Mord an Ramin Pourandarjani

Rooz Online am 10. Juni 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2010/june/10//rooz-exclusive-report-on-ramin-pourandarjanis-murder.html

von Fereshteh Ghazi

Während Justizoffizielle der Islamischen Republik nach diversen widersprüchlichen Äußerungen über den Tod Ramin Pourandarjanis verstummt sind, hat Rooz ermittelt, dass entgegen offizieller Aussagen der junge Arzt im Kahrizak-Gefängnis bei Teheran nicht Selbstmord beging, sondern durch etwas anderes als Gift starb. Diese Schlussfolgerung basiert auf Informationen einer Quelle aus dem nahen Umfeld des Falles sowie Dokumenten zu dem Vorgang.

Als Gefängnisarzt der Haftanstalt Kahrizak hatte Ramin Pourandarjani einige der dort ermordeten Häftlinge untersucht, danach wurde sein Tod bekannt gegeben. Zunächst führten Offizielle seinen Tod auf eine Herzattacke zurück, später ließen sie verlautbaren, er habe Selbstmord begangen. Schließlich hieß es seitens der Gerichtsmedizin, der junge Arzt sei an Vergiftung gestorben. Rooz zugegangene Dokumente enthüllen jedoch, dass der offizielle Bericht über Ramin Pourandarjanis Tod nicht der Wahrheit entspricht.

Diesen Dokumenten zufolge hatte der Polizeibeamte Sotvan Noorian von der Polizeistation 129 in seinem Bericht über die Leiche des Opfers geschrieben: „Im Nacken-/Halsbereich (des Opfers) sind Anzeichen von Blutergüssen und Prellungen zu erkennen“. Noorian war der erste Beamte, der am Tatort eintraf.

Aus irgendeinem Grund war dieser wichtige Beweis von der Gerichtsmedizin vollkommen ignoriert worden. Ohne die Blutergüsse und Prellungen zu erwähnen oder näher darauf einzugehen, schrieb die Gerichtsmedizin den Tod des jungen Arztes einer Vergiftung zu. Und selbst hier nannte sie keine Einzelheiten über die Art der angeblichen Vergiftung.

Auf der Grundlage der neuen Beweise hat sich Rezagholi Pourandarjani, Ramin Pourandarjanis Vater, in einem Brief an die Justiz und den verantwortlichen Staatsanwalt gewandt. Er schreibt: „Ramins Tod war nicht die Folge von Selbstmord und auch kein natürlicher Tod. Der erste Bericht vom Tatort in Ramins Büro weist darauf hin, dass Ramin durch Druck im Nacken-/Halsbereich stranguliert wurde.“

Ramins Vater fordert eine Untersuchung auf der Grundlage der neuen Beweise.

Nachdem die neuen Dokumente Rooz Online vorlagen, nahm die Redaktion Kontakt zu Ramin Pourandarjanis Vater auf. Er bestätigte die Existenz des Berichtes mit den Hinweisen auf eine Strangulation und sagte, der Bericht sei Bestandteil der Prozessdokumente in Ramins Fall.

Ramins Vater, der die Identifizierung und strafrechtliche Verfolgung der Mörder seines Sohnes fordert, sagte Rooz gegenüber: „Zuerst hieß es, er habe Selbstmord begangen. Sie haben uns sogar ein Testament gegeben. Dann sagten sie, er sei infolge einer Herzattacke gestorben. Dann wieder hieß es, er sei an einer Arzneimittelvergiftung gestorben. Wir glauben nicht einmal 1 Prozent ihrer Behauptungen. Wir haben offiziell bei den Behörden Beschwerde eingelegt. Bis heute haben wir keine Antwort bekommen.“

Die Nachforschungen von Rooz ergaben zudem, dass Ramins Familienangehörige und Verwandte in Tabriz seine Leiche nicht sehen durften.

Eine Person aus dem nahen Umfeld Ramins sagte Rooz gegenüber: „Die Gebete und Vorbereitungen für die Beerdigung fanden allesamt in Teheran und in Abwesenheit seiner Familie statt. Der Bitte seiner Familie, Ramins Grabtuch in Tabriz auszuwechseln, wurde von den Offiziellen nicht stattgegeben, auch die Bitte von Familienmitgliedern, die Leiche ihres Sohnes in Tabriz sehen zu dürfen, wurde abschlägig beschieden. All diese Details sprechen dafür, dass es Dinge gibt, die vor dem Gesetz und vor der Familie geheimgehalten werden sollten, vor allem die Tatsache, dass die Offiziellen Ramins Familie nicht gestatten wollten, seine Leiche zu sehen“ – die, wie im Polizeibericht festgehalten wurde, Anzeichen körperlicher Verletzungen aufwies.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Guten Morgen Deutschland: Nicht die iranische Opposition – die deutsche Medienwelt schläft!

Nachtrag 13. Juni 2010, 18:00 Uhr: Die deutschen Medien scheinen nachzuziehen – der Ton wird kritischer, es werden Augenzeugen zitiert, es ist von „Unterdrückung“ und „einzelnen Protesten“ und von den Verhaftungen die Rede.
Beispiele:
http://www.tagesschau.de/ausland/iran1122.html

http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-06/iran-jahrestag-demonstration

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/2747071_Irans-Regierung-erstickt-Proteste.html

Die deutschen Medien sind bekanntlich eher vorsichtig, was im Regelfall ja auch zu begrüßen ist. Wenn sie jetzt ordentlich nachziehen, bin ich versöhnt. Dennoch bleibe ich dabei, dass es nicht richtig ist, am Jahrestag der Wahlen, wenn die Öffentlichkeit angeregt durch die vielerorts stattfindenen Solidaritäts-Demonstrationen mal wieder in die Zeitung schaut, um zu sehen, was eigentlich im Iran los ist, den Eindruck vermittelt bekommt, dass sich nichts mehr tut. Man kann ja durchaus auf die unsichere Nachrichtenlage und die scheinbare Ruhe verweisen und gleichzeitig den äußeren Schein hinterfragen und auf Dinge wie Protestaktionen an den Universitäten, die verstärkten „Allah-o Akbar“-Rufe in der Nacht zum 12. Juni und die offene Frage hinweisen, ob die Menschen nicht trotz des offiziellen Rückziehers von Moussavi und Karroubi protestieren werden.

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Einen Tag nach dem 12. Juni 2010, dem Jahrestag der Präsidentschaftswahlen im Iran, schalte ich morgens den PC ein, noch voller positiver Eindrücke vom Vortag. Die Opposition im Iran hatte sich auf den Straßen gezeigt, weitaus präsenter und kraftvoller, als ich erwartet hatte. Es hat bisher noch keine Meldungen über Tote gegeben, die Zahl der Verhaftungen scheint allerdings extrem hoch zu sein, die letzte Zahl, die ich las, sprach von ca. 900 Verhaftungen, die NZZ (Schweiz) berichtet von 90 Verhaftungen.

Mein erster Klick gilt http://news.feed-reader.net/839-iran.html#4474884. Hier findet man meistens Pressereaktionen auf Großereignisse. Doch der Jahrestag der Wahlen im Iran ist offensichtlich kein Großereignis für die deutsche Presse – die aktuellste Meldung beschäftigt sich mit subversiven iranischen Comics und ist vom 12.6.2010 datiert. Alles, was davor kommt, kenne ich schon. Hier ein Auszug, ergänzt um Schlagzeilen und Zitate aus eigenen Recherchen, Stand 13. Juni 2010, mittags:

„Proteste im Iran abgesagt“
http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/gefahr-fuer-leib-und-leben/

„Ruhe und Angst im Iran“
http://www.tagesspiegel.de/politik/ruhe-und-angst-im-iran/1857552.html

„Jetzt hat die grüne Opposition am Jahrestag der umstrittenen Präsidentenwahl alle Proteste abgesagt. Die Bürger bleiben stumm […]“
http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-06/iran-ahmadineschad

„Irans Opposition zeigt sich nicht, aber sie hat Rückhalt“
http://www.tagesschau.de/ausland/iran1114.html

„Widerstand zwecklos?“ (Immerhin mit Fragezeichen). Zitat aus dem Artikel:
„Die Tatsache, dass Mussawi und andere Wortführer der Opposition die für heute geplanten landesweiten Proteste kurzfristig abgesagt haben, zeigt, dass die andauernden Repressionen Wirkung zeigen. Die Bewegung ist geschwächt, manche glauben, sie ist auch besiegt.“
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/5/0,3672,8078405,00.html

„Massenproteste unterdrückt – Ruhe am Jahrestag der Präsidentschaftswahl“
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/iran_festnahmen_1.6066385.html

„Teheran am Wahl-Jahrestag ruhig. Ein Jahr nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad sind im Iran Proteste von Regierungsgegnern ausgeblieben. Augenzeugen berichteten, es seien auch keine großen Polizeikräfte auf den Hauptstraßen Teherans zu sehen.“
http://www.focus.de/politik/ausland/konflikte-teheran-am-wahl-jahrestag-ruhig_aid_518716.html

„Zahlreiche Festnahmen am Jahrestag der Proteste“
„Im Juni 2009 endeten Massenproteste gegen das Regime in Teheran blutig. Zum Jahrestag fallen die großen Kundgebungen aus.“
http://www.welt.de/politik/ausland/article8025253/Zahlreiche-Festnahmen-am-Jahrestag-der-Proteste.html#reqRSS

Eine kleine Ausnahme macht die BILD-Zeitung, die ihrem Artikel immerhin ein Zitat von „Iran-Experte David Menashri“ hinzufügt: „Ahmadinedschad kann einzelne Proteste stoppen, aber nicht die Bewegung, nicht die tiefe Veränderung im iranischen Volk. Er kann das Feuer in Schach halten, aber er kann den Brand nicht löschen.“
http://www.bild.de/BILD/politik/2010/06/12/iran-ein-jahr-nach-der-gruenen-revolution/wieviel-hoffnung-bleibt.html

Ein kurzer Blick in den englischsprachigen Raum zeigt, dass man auch kurzfristig auf neue Entwicklungen reagieren kann, wenn man denn will:

CNN-Bericht vom 12. Juni 2010

BBC gibt immerhin zu, dass es Proteste gab:
http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/10299933.stm

Hier noch einmal BBC (etwa Minute 19)
http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/p00802cz/Newshour_12_06_2010/

„Clashes and Protests Reported in Iran“
http://www.nytimes.com/2010/06/13/world/middleeast/13iran.html?ref=world

„Protests, clashes break out in Iran on anniversary of disputed election“
http://www.latimes.com/news/nationworld/world/middleeast/la-fg-iran-protests-20100612,0,6484633.story

Und natürlich Enduring America, unter anderem hier:
http://enduringamerica.com/2010/06/12/iran-analysis-22-khordaad-what-happened-and-what-it-means-shahryar/

Woran liegt es, dass die deutschsprachige Presse die Opposition im Iran zwar nicht ignoriert, aber in entscheidenden Momenten wie diesem quasi im Stich lässt? Warum macht sie so wenig Druck in der Öffentlichkeit, warum unterstützt sie den Eindruck, dass im Iran „sich nichts mehr tut“? Warum gibt es keinen Druck auf die deutsche Politik, endlich Flüchtlinge aus der Türkei aufzunehmen, und zwar mehr als nur 50? Wie viele E-Mails und Briefe müssen wir noch schreiben, damit sich das ändert? Ist das Kalkül, oder reine Bequemlichkeit und Faulheit?

An dieser Stelle werde ich persönlich, wenn ich zugebe: Im Moment bin ich erschöpft, demoralisiert und enttäuscht. Und wütend. Und ich frage mich, ob der ganze Internet-„Aktivismus“ überhaupt etwas bringt, oder ob man sich vor seinem PC nicht wirklich nur einer großen Illusion hingibt. Dass man den Iran nicht vom PC aus befreien kann, wissen wir alle. Aber dass man in einer Parallelwelt haften bleibt, weil die Außenwelt nicht zur Kenntnis nehmen will, was geschieht, darf nicht die einzige Alternative sein.

Deutsche Medien, wacht auf und macht euren Job – mit ganzem, nicht mit halbem Herzen. Die Menschen im Iran haben Opfer gebracht, sie bringen sie jeden Tag aufs Neue – honoriert das endlich! Hört auf, euch auf das Atomgefasel zu beschränken, das ist nur ein Teil des Problems. Es passieren wichtige Dinge im Iran, also macht eure Arbeit und informiert die Öffentlichkeit! Macht Druck auf die Politik, damit sie den Flüchtlingen in der Türkei hilft und nicht nur 50 Alibi-Flüchtlinge aufnimmt und das als humanitäre Geste sondergleichen verkauft! Macht Druck auf die Politik, damit sie das Thema Menschenrechte auf höchster Ebene immer wieder anspricht und das iranische Regime unter diplomatischen und politischen Druck setzt, damit sie nach Wegen sucht, die starke Strömung im Iran zu unterstützen, die Freiheit, Menschenrechte, demokratische Wahlen, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit fordert – das ist eine Chance nicht nur für Iran, sondern für uns alle! Helft nicht dabei, dass diese Chance vertan wird.

Wer an die deutschen Medien schreiben möchte, kann die folgende Adressen und natürlich gern auch Auszüge aus dem obigen Posting verwenden.

Medien in Deutschland (unvollständig, bitte ggf. ergänzen):
zeitiminternet@zeit.de; zeit@zeit.de; patricia_dreyer@spiegel.de; doerte_trabert@spiegel.de; redaktion@spiegel.de; themendesk@zdf.de; info@zdf.de; redaktion@tagesschau.de; leser@welt.de; kompakt@welt.de, online@welt.de, leser@wams.de, blogwart@taz.de, chefred@taz.de, online.redaktion@tagesspiegel.de, redaktion@tagesspiegel.de; leserbriefe@tagesspiegel.de; redaktion@sueddeutsche.de; redaktion@focus.de; info@bild.de; redaktion@faz.de; info@faz.net; redaktion@morgenpost.de; frank.mares@abendblatt.de; briefe@abendblatt.de; oliver.schirg@abendblatt.de; zuschauerservice@prosieben.de; handelsblatt@vhb.de; redaktion@badische-zeitung.de; presse@dpa.com; pressestelle@ard.de; info@swr.de; news@rtl.de; chefredaktion@abendzeitung.de; redaktion@abendzeitung.de; redaktion@badische-zeitung.de; forum@badische-zeitung.de; news@rtl.de

(Danke an Iranian German für die Zusammenstellung der Adressen)

Verhaftet: Reza Shahabi, Mitglied der Bus-Gewerkschaft Vahed

Veröffentlicht bei Persian2English am 12. Juni 2010
Quelle (Englisch): http://persian2english.com/?p=11810

RAHANA: Reza Shahabi, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Vahed, ist am 12. Juni 2010 um 10 Uhr an seinem Arbeitsplatz verhaftet worden.

Berichten von Bamdad Khabar und glaubwürdigen Quellen aus Arbeiterkreisen zufolge wurde Reza Shahabi, der seit einigen Tagen wegen Krankheit zu Hause geblieben war, verhaftet und nach Hause gebracht. Nach einer Hausdurchsuchung wurde er an einen unbekannten Ort verbracht.

Die Behörden teilten Shahabis Familie mit, man denke darüber nach, den Ort der Inhaftierung Shahabis bekanntzugeben. Reza Shahabi ist das zweite Mitglied der Teheraner Busgewerkschaft Vahed, das in den letzten Tagen verhaftet wurde.

Am Mittwoch war Saeed Torabian, Vorstandsmitglied und Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit, in seiner Wohnung von Sicherheitsagenten verhaftet worden.

In den letzten Tagen hatten Agenten [mehrfach] die Wohnung von Habib Rezapoor, einem aktiven Mitglied er Busgewerkschaft aufgesucht, (jedes Mal) war Rezapoor gerade nicht zu Hause.

Gewerkschaftspräsident Mansoor Osanloo und Vizepräsident Ebrahim Maddadi sind nach wie vor in Haft.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Schweigedemonstration an der Universität von Sistan und Baluchistan

Veröffentlicht bei RAHANA am 13. Juni 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.in/en/?p=4397

Am 12. Juni, dem ersten Jahrestag der umstrittenen Präsidentschaftswahl, fand an der Universität von Sistan und Baluchistan eine Veranstaltung statt.

Archivbild

RAHANA- Am 12. Juni 2010 fand an der Universität von Sistan und Baluchistan eine Schweigedemonstration und ein Hungerstreik statt. Etwa 1000 Menschen mit verschiedenem ethnischem Hintergrund nahmen daran teil, u. a. Kurden, Luren und Baluchen.

RAHANA zufolge versuchten mehrere Mitarbeiter des Disziplinarkomitees der Universität während des Hungerstreiks, Konflikte und Auseinandersetzungen zu provozieren, was glücklicherweise infolge der Besonnenheit der Studenten verhindert wurde.

Am Ende der Versammlung bildeten die Studenten eine lange Menschenkette und erklärten, sie würden weitere Versammlungen abhalten, wenn es Disziplinarstrafen gegen sie geben würde.

Wenige Tage zuvor hatten Dr. Rezvani, der Vertreter für studentische Angelegenheiten, und Shams Najafi, Sekretär/in des Disziplinarkomitees, studentische Aktivisten einbestellt und ihnen gedroht, um die Studenten einzuschüchtern und mögliche studentische Versammlungen am Jahrestag der Wahlen vom Juni letzten Jahres zu verhindern.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben