Der Fall Kahrizak: “Erst vor Gericht ist uns klargeworden, was für Verbrechen sie begangen haben”

Veröffentlicht bei Daneshjoo News 26. Khordaad 1389 (16. Juni 2010)
Quelle (Persisch): http://www.daneshjoonews.com/news/humanrights/1550-1389-03-26-09-27-18.html
Anmerkungen in eckigen Klammern: @englishtogerman

Von Fereshteh Ghazi
Der Vater von Mohammad Kamrani, einem der Opfer, die in der Haftanstalt Kahrizak ermordet wurden, verlangte in einem Interview mit Rooz, dass die für diese Morde verantwortlichen Personen vor Gericht gestellt werden. Er musste immer wieder weinen, während er erzählte, das ganze Ausmaß der Geschehnisse sei ihm erst bewusst geworden, als der vor Gericht die Aussagen der Augenzeugen hörte. Gott solle sie niemals segnen. Er wolle die Auftraggeber dieser Morde vor Gericht sehen.

Mohammad Kamrani

Der 18jährige Mohammad Kamrani wurde im Juni letzten Jahres während der Proteste gegen die Wahlfälschungen verhaftet und später in der Haftanstalt Kahrizak ermordet. Davor hatte er sich auf die Aufnahmeprüfung für ein Universitätsstudium vorbereitet. Er wollte Medizin studieren.

Der juristische Vertreter des Gerichts der bewaffneten Kräfte hatte erklärt, das Gericht werde in den nächsten Tagen das Urteil öffentlich bekanntgeben.

Dieses Interview ist eines der schwersten, das ich jemals geführt habe. Herr Kamrani war während des Gesprächs sehr traurig und hat geweint.

Herr Kamrani, das Urteil im Fall Kahrizak wird in den nächsten Tagen veröffentlicht. Wie war der Prozess? Sind Sie zufrieden damit?

Soweit ich sehen kann, ist der Richter ein positiver Mensch, und Gott weiß, dass wir wollen, dass niemand mehr bestraft wird als er verdient. Jetzt müssen wir abwarten und sehen, wie das Urteil ausfällt.

Haben die Angeklagten ihre Schuld eingestanden?

Viele von ihnen haben die Anklage zurückgewiesen und gesagt, dass es ihnen damals nicht gut ging und ihnen nicht bewusst war, was sie tun, obwohl es sehr ausführlich dokumentiert ist und es Videoaufnahmen darüber gibt. Ich persönlich halte die Auftraggeber für verantwortlich, nicht die Ausführenden. Es wäre vernünftiger, die Auftraggeber vor Gericht zu stellen, nicht nur die, die die Anordnungen ausgeführt haben.

Meinen Sie mit den Auftraggebern die Richter, die die Verlegung der Verhafteten nach Kahrizak angeordnet haben?

Die juristischen Verantwortlichen, die die Verlegung angeordnet haben, sollen vor Gericht stehen. Zur Zeit laufen in einem anderen Gericht Untersuchungen gegen die für die Geschehnisse juristisch Verantwortlichen, und ich hoffe, dass der Prozess bald zustande kommt. Ich bin der Meinung, dass die Regierung für das verantwortlich ist, was geschehen ist. Den Aussagen der Angeklagten nach sind die Judikative und der Justizchef verantwortlich für das Geschehen. Ich wünsche mir, dass sie ebenfalls vor Gericht gestellt werden. Was wir von der Regierung verlangen, ist dass die Verfahren und Prozesse, die zu so eine Katastrophe geführt haben ein für alle Mal korrigiert werden. Warum wurde so ein Ort überhaupt gebaut? Wer ist verantwortlich für unsere Fragen? Niemand sagt etwas!

Soweit ich weiß, haben Ihre Familie und die Familien von [Amir] Javadifar und [Mohsen] Ruoholamini [zwei weitere junge Opfer von Kahrizak] gegen manche Teile der Anklage Einspruch eingelegt, weil die Namen mancher Verantwortlicher nicht in der Anklage genannt wurden. Deswegen hatte sich der Prozess verzögert. Könnten Sie uns sagen, ob die Einsprüche Wirkung hatte?

Manche wurden akzeptiert, manche nicht. Ich kann leider jetzt nichts darüber sagen, bis das Gericht sein Urteil bekanntgibt.

Herr Kamrani, könnten Sie uns sagen, wie Sie von der Ermordung Ihres Sohnes erfuhren?

Am 18. Tir [9. Juli 2009] letzten Jahres sind ich und meine Frau nach Ardestan bei Isfahan gefahren. Wir wollten die Gräber unserer Verwandten besuchen, was wir lange nicht gemacht hatten. Unsere beiden Söhne hatten Aufnahmeprüfungen und konnten uns deswegen nicht begleiten. Wir waren im Mausoleum der Masoumeh (in Qom), als Mohammad uns angerufen hat. Das war das letzte Mal, dass ich seine Stimme gehört habe. Am nächsten Tag auf dem Rückweg hat Mohammads Cousin uns angerufen und gesagt, dass Mohammad verhaftet wurde. Ich habe sofort angefangen, ihn zu suchen. Ich bin überall gewesen. Bei der Sicherheitspolizei habe ich seinen Namen auf der Liste gesehen, aber sie haben mir nicht gesagt, wo er ist.
Durch einen Freund konnte ich einen Befehl für die Freilassung von Mohammad bekommen. Sie haben uns gesagt, dass wir ihn in Evin finden können. Am 24. Tir [15. Juli] war ich in Evin, aber sie haben gesagt dass er nicht dort ist, und dass wir ins Loghman-Krankenhaus fahren sollen. Als ich ihn endlich im Krankenhaus gesehen habe, stand er kurz vor dem Tod. Er hatte sehr hohes Fieber, und die Ärzte konnten nichts tun.

Wurde Ihnen sein Leichnam ohne Probleme übergeben? Gab es keine Problem mit den Trauerfeierlichkeiten und bei der Beerdigung?

Sie haben uns nicht erlaubt, den Körper nach Hause zu bringen. Ansonsten gab es keine Probleme. Wir hatten eine Trauerzeremonie.

Herr Kamrani, Sie haben sofort Anklage erhoben und…

Ja, am zweiten oder dritten Tag nach [Mohammads] Tod habe ich ein Brief an Ayatollah Khamenei geschrieben, in dem ich verlangt habe, dass die Verantwortlichen bestraft werden. Dieser Brief ist in den Medien wie eine Bombe eingeschlagen. Deswegen haben die Behörden die Leichen von Mohsen Rouholamini und Amir Javadifar viel später herausgegeben.

Viele der Katastrophen und Verbrechen waren uns nicht bekannt, bevor wir sie vor Gericht gehört haben. Das fühlte sich an wie ein Albtraum.

Herr Kamrani ich weiß, dass es sehr schwer ist…

Mein geliebter Sohn, mein Herzstück, wurde so brutal von mir genommen. Ich werde für den Rest meines Lebens wie tot sein. Wenn meine anderen drei Kinder nicht wären, würde ich das Leben sofort verlassen. Wer hat ihnen erlaubt, meinen Sohn zu ermorden, nur weil er sich an einem zivilen Protest beteiligt hat? Die Akte des Falls Kahrizak wird eines Tages der Welt zeigen, was unseren Kindern widerfahren ist.
Ich finde keine Worte, um mich bei all unseren Mitmenschen – bekannt oder unbekannt – zu bedanken, die uns die ganze Zeit über beigestanden haben.

Übersetzung Persisch-Deutsch: Hadi, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

2 Antworten zu “Der Fall Kahrizak: “Erst vor Gericht ist uns klargeworden, was für Verbrechen sie begangen haben”

  1. Pingback: Kahrizak – Täter und Opfer eines unheilvollen Ortes | Julias Blog

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